Die Lumbalpunktion, auch Liquorpunktion genannt, ist ein diagnostisches und therapeutisches Verfahren, bei dem Nervenwasser (Liquor cerebrospinalis) aus dem Rückenmarkskanal entnommen wird. Sie spielt eine wichtige Rolle bei der Abklärung verschiedener neurologischer Erkrankungen, einschließlich der Dysarthrie, einer Sprechstörung, die durch neurologische Schädigungen verursacht wird.
Einführung
Dysarthrie ist eine erworbene neurogene Sprechstörung, die auf einer Schädigung des Nervensystems beruht und zu einer Beeinträchtigung der Steuerung und Ausführung von Sprechbewegungen führt. Die Ursachen für Dysarthrie sind vielfältig und können von Schlaganfällen über neurodegenerative Erkrankungen bis hin zu entzündlichen Prozessen reichen. Die Lumbalpunktion kann in bestimmten Fällen helfen, die Ursache der Dysarthrie zu identifizieren und die entsprechende Therapie einzuleiten.
Ursachen der Dysarthrie und Indikation zur Lumbalpunktion
Die Indikation zur Lumbalpunktion bei Dysarthrie wird individuell entschieden und hängt von der klinischen Präsentation und den Verdachtsmomenten ab. Eine Lumbalpunktion kann in folgenden Fällen indiziert sein:
- Entzündliche Erkrankungen des Gehirns oder der Hirnhäute (Enzephalitis, Meningitis): Bei Verdacht auf eine Entzündung des zentralen Nervensystems kann die Lumbalpunktion helfen, den Erreger zu identifizieren und die Diagnose zu bestätigen. Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit und Bewusstseinsstörungen können auf eine solche Entzündung hinweisen.
- Infektionskrankheiten (Lyme-Borreliose, Neurosyphilis): Bestimmte Infektionen können das Nervensystem befallen und zu neurologischen Symptomen wie Dysarthrie führen. Die Lumbalpunktion ermöglicht den Nachweis von Antikörpern oder Erregern im Liquor.
- Multiple Sklerose (MS): Bei Verdacht auf MS kann die Lumbalpunktion oligoklonale Banden im Liquor nachweisen, die ein typisches Zeichen für diese Autoimmunerkrankung sind.
- Paraneoplastische Syndrome: In seltenen Fällen kann Dysarthrie durch paraneoplastische Syndrome verursacht werden, die im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung auftreten. Die Lumbalpunktion kann helfen, spezifische Antikörper nachzuweisen, die gegen das Nervensystem gerichtet sind.
- Verdacht auf erhöhten Hirndruck: Kopfschmerzen, Nackenschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Sehstörungen können auf einen erhöhten Hirndruck hindeuten. Die Lumbalpunktion ermöglicht die Messung des Liquordrucks und kann Hinweise auf die Ursache des erhöhten Drucks liefern, wie z.B. eine Raumforderung oder eine Störung der Liquorzirkulation (Hydrozephalus).
- Abklärung unklarer neurologischer Symptome: In manchen Fällen ist die Ursache der Dysarthrie nicht eindeutig erkennbar. Die Lumbalpunktion kann zusätzliche Informationen liefern und helfen, die Diagnose einzugrenzen.
Differenzialdiagnostisch relevante Ursachen für Dysarthrie:
Es ist wichtig, andere Ursachen für Dysarthrie auszuschließen, bevor eine Lumbalpunktion in Betracht gezogen wird. Hierzu gehören:
- Schlaganfall (Hirninfarkt, Hirnblutung): Plötzlicher Beginn der Dysarthrie, oft in Kombination mit anderen neurologischen Ausfällen wie Hemiparese, Sensibilitätsstörungen oder Gesichtsfeldausfällen.
- Tumoren im Gehirn oder Hirnstamm: Langsam fortschreitende Dysarthrie, begleitet von anderen neurologischen Symptomen wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder Hirnnervenausfällen.
- Neurodegenerative Erkrankungen (z.B. Parkinson-Syndrom, Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)): Progressive Dysarthrie, oft in Kombination mit anderen motorischen oder kognitiven Beeinträchtigungen.
- Medikamentenintoxikation: Dysarthrie als Nebenwirkung bestimmter Medikamente oder als Folge einer Überdosierung.
- Metabolische Störungen: Seltenere Ursachen wie z.B. ein akuter Thiaminmangel (Wernicke-Enzephalopathie).
Gegenanzeigen für eine Lumbalpunktion
In bestimmten Situationen darf eine Lumbalpunktion nicht durchgeführt werden. Zu den wichtigsten Gegenanzeigen gehören:
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- Erhöhter Hirndruck mit drohender Einklemmung: Bei Verdacht auf eine Raumforderung im Schädelinneren, die zu einer Einklemmung des Hirnstamms führen kann, ist eine Lumbalpunktion kontraindiziert, da sie die Einklemmung verstärken könnte.
- Entzündungen im Bereich der Einstichstelle: Hautinfektionen, Abszesse oder andere Entzündungen im Bereich der Lendenwirbelsäule stellen eine absolute Kontraindikation dar, da die Gefahr einer Keimverschleppung in den Rückenmarkskanal besteht.
- Gerinnungsstörungen: Eine erhöhte Blutungsneigung kann das Risiko von Blutungen im Bereich des Rückenmarkskanals erhöhen. Vor der Lumbalpunktion müssen blutverdünnende Medikamente abgesetzt und die Gerinnungswerte überprüft werden.
- Thrombozytopenie: Ein Mangel an Blutplättchen (Thrombozyten) erhöht ebenfalls das Blutungsrisiko. Bei stark erniedrigten Thrombozytenzahlen kann eine Transfusion von Thrombozyten erforderlich sein, bevor die Lumbalpunktion durchgeführt wird.
Durchführung der Lumbalpunktion
Die Lumbalpunktion wird in der Regel von einem Arzt durchgeführt, der Erfahrung mit diesem Verfahren hat. Der Patient wird entweder im Sitzen mit gekrümmtem Rücken oder in Seitenlage positioniert, um die Wirbelzwischenräume zu öffnen. Nach Desinfektion der Haut wird die Einstichstelle lokal betäubt. Der Arzt führt dann eine dünne Punktionsnadel zwischen den Lendenwirbeln in den Rückenmarkskanal ein. Sobald die Nadel richtig positioniert ist, tropft das Nervenwasser in ein Probengefäß. Nach Entnahme der erforderlichen Menge an Liquor wird die Nadel entfernt und die Einstichstelle mit einem Pflaster versorgt.
Analyse des Liquors
Das entnommene Nervenwasser wird im Labor auf verschiedene Parameter untersucht, um die Ursache der Dysarthrie zu ermitteln. Zu den wichtigsten Untersuchungen gehören:
- Zellzahl und Zelldifferenzierung: Bestimmung der Anzahl und Art der Zellen im Liquor (z.B. rote Blutkörperchen, weiße Blutkörperchen, Tumorzellen). Eine erhöhte Zellzahl kann auf eine Entzündung oder Infektion hindeuten.
- Proteingehalt: Erhöhte Proteinwerte können auf eine Entzündung, eine Blutung oder eine Störung der Blut-Hirn-Schranke hinweisen.
- Glukosegehalt: Erniedrigte Glukosewerte können auf eine bakterielle Meningitis hindeuten.
- Nachweis von Antikörpern: Der Nachweis spezifischer Antikörper im Liquor kann auf eine Infektion (z.B. Borreliose, Syphilis) oder eine Autoimmunerkrankung (z.B. Multiple Sklerose) hinweisen.
- Nachweis von oligoklonalen Banden: Oligoklonale Banden sind ein typisches Zeichen für Multiple Sklerose.
- Mikrobiologische Untersuchung: Anzüchtung von Bakterien oder Viren zur Identifizierung des Erregers bei Verdacht auf eine Meningitis oder Enzephalitis.
- Zytologische Untersuchung: Untersuchung des Liquors auf Tumorzellen bei Verdacht auf eine Krebserkrankung.
Risiken und Komplikationen der Lumbalpunktion
Die Lumbalpunktion ist ein relativ sicheres Verfahren, aber wie bei jedem medizinischen Eingriff können Komplikationen auftreten. Zu den häufigsten Komplikationen gehören:
- Postpunktioneller Kopfschmerz: Kopfschmerzen, die nach der Lumbalpunktion auftreten und sich im Stehen oder Sitzen verschlimmern. Sie werden durch den Verlust von Liquorflüssigkeit und den daraus resultierenden Unterdruck im Schädel verursacht. Die Kopfschmerzen können durch Bettruhe, ausreichende Flüssigkeitszufuhr und Schmerzmittel gelindert werden. In manchen Fällen ist eine epidurale Blutpflaster (Blood Patch) erforderlich, um das Liquorleck zu verschließen.
- Rückenschmerzen: Lokale Schmerzen im Bereich der Einstichstelle sind häufig und in der Regel harmlos.
- Blutungen: Blutungen im Bereich der Einstichstelle oder im Rückenmarkskanal sind selten, aber möglich.
- Infektionen: Infektionen des Rückenmarkskanals (Meningitis) sind sehr selten, aber potenziell schwerwiegend.
- Nervenschädigungen: Verletzungen von Nervenwurzeln sind selten, können aber zu vorübergehenden oder dauerhaften Sensibilitätsstörungen oder Lähmungen führen.
Therapie der Dysarthrie
Die Therapie der Dysarthrie richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Bei entzündlichen oder infektiösen Erkrankungen des Nervensystems erfolgt eine spezifische Behandlung mit Antibiotika, Virostatika oder Immunsuppressiva. Bei Schlaganfällen ist eine frühzeitige Rehabilitation wichtig, um die Sprechfunktion zu verbessern. Bei neurodegenerativen Erkrankungen können logopädische Maßnahmen helfen, die Verständlichkeit zu erhalten oder zu verbessern.
Kasuistik
Fall 1: Eine 70-jährige Patientin wurde durch langsam progrediente Gangstörungen, Übelkeit und intermittierende stechende bifrontale Kopfschmerzen auffällig geworden. Kurz vor der Aufnahme kam es zu einer akuten Verschlechterung mit akutem Psychosyndrom, Dysarthrie und einer Armparese links. Die bildgebende Diagnostik ergab eine unilaterale Erweiterung der rechten Seitenkammer, die durch eine kontrastmittelaufnehmende Läsion im Bereich des Foramen Monroi rechts verursacht wurde. Eine zweite kontrastmittelaufnehmende Läsion zeigte sich vor dem rechten Vorderhorn. Postoperativ hat sich die Hirndrucksymptomatik vollständig zurückgebildet. Die postoperativen MRT-Aufnahmen zeigen die weite Septostomie sowie eine deutliche Reduktion der Weite des rechten Seitenventrikels. Die histologische Diagnostik ergab ein Lymphom. Die weitere onkologische Behandlung wurde eingeleitet.
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Fall 2: Ein 48-jähriger Patient wurde durch Kopfschmerzen, Gangstörungen und mentalen Abbau auffällig. In der bildgebenden Diagnostik zeigt sich ein Verschlusshydrozephalus mit deutlicher Erweiterung der beiden Seitenventrikel und der 3. Hirnkammer. Als Ursache für den Hydrozephalus findet sich ein kontrastmittelaufnehmender Tumor im Bereich der Pinealisregion. Durch die deutliche Erweiterung der Hirnkammern ist der Hirnstamm nach kaudal verlagert. Der Boden der 3. Hirnkammer wölbt sich in die präpontine Zisterne vor. Die flussempfindliche Inversion-Recovery-Sequenz zeigt keinen Fluss im Bereich des Aquäduktes. Postoperativ hat sich die Symptomatik rasch zurückgebildet. Die MRT-Aufnahmen, die 4 Monate nach der Operation durchgeführt wurden, zeigen eine deutliche Reduktion der Ventrikelweite. Die Hirnstammposition hat sich normalisiert. Die flussempfindliche Inversion-Recovery-Sequenz zeigt ein starkes Flussphänomen im Bereich der Ventrikulostomie. Die histologische Diagnose ergab ein atypisches Plexuspapillom.
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