Lumbalpunktion bei Verdacht auf Multiple Sklerose: Ein umfassender Überblick

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die Gehirn, Rückenmark und Sehnerven beeinträchtigen kann. Weltweit sind etwa 2,5 Millionen Menschen von MS betroffen, wobei das typische Erkrankungsalter zwischen 20 und 40 Jahren liegt. Die Diagnose von MS ist komplex, da die Symptome variieren und viele andere Erkrankungen ähnliche Symptome aufweisen können. Eine frühzeitige und präzise Diagnose ist jedoch entscheidend, um den Krankheitsverlauf durch eine geeignete Therapie und angepasstes Alltagsverhalten positiv zu beeinflussen.

Die Lumbalpunktion, auch Spinalpunktion genannt, ist ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik bei Verdacht auf MS. Sie dient der Entnahme und Analyse des Liquors, auch Nervenwasser genannt, der das Gehirn und Rückenmark umgibt.

Was ist eine Lumbalpunktion?

Bei einer Lumbalpunktion wird eine kleine Menge der sogenannten Liquor cerebrospinalis (ugs. Nervenwasser) aus dem Wirbelkanal entnommen. Diese klare Flüssigkeit, die das Gehirn und das Rückenmark umgibt, spielt eine wichtige Rolle beim Schutz des zentralen Nervensystems (ZNS). Sie wirkt wie ein Polster, das mechanische Erschütterungen abfedert, und hilft zugleich, das Nervensystem vor Infektionen zu schützen. Für diagnostische Zwecke kann sie der Neurologe im Rahmen einer Standardprozedur mit Hilfe einer speziellen Nadel durch Einstich von hinten zwischen zwei Dornfortsätzen der Wirbelkörper im Bereich unter der Lendenwirbelsäule gewinnen. In diesem Bereich befindet sich im Wirbelkanal kein Rückenmark mehr, sondern nur noch die Wurzelfäden, die die Nerven der unteren Extremitäten bilden. Diese weichen aus, wenn mit der Liquorpunktionsnadel der Gehirnwasserraum eröffnet wird. Die Lumbalpunktion bei Multiple-Sklerose-Betroffenen wird mit örtlicher Betäubung und nach Desinfektion der Einstichstelle im Sitzen oder im Liegen durchgeführt. Dabei wird eine spezielle Hohlnadel etwa in Höhe des zweiten/dritten oder dritten/vierten Lendenwirbels zwischen den Wirbelkörpern bis in den Wirbelkanal, den Hohlraum, der das Nervenwasser enthält, vorgeschoben.

Warum wird eine Lumbalpunktion bei Verdacht auf MS durchgeführt?

Die Lumbalpunktion wird bei MS eingesetzt, um entscheidende Einblicke in den Zustand des zentralen Nervensystems durch die Untersuchung der Rückenmarksflüssigkeit zu erhalten. Liquorergebnisse können bei der Diagnose helfen, MS von anderen Erkrankungen abzugrenzen. Aber auch danach kann der Liquor wertvolle Einblicke in das Krankheitsgeschehen der MS liefern.

  • Unterstützung der Diagnose: Veränderungen in der Zusammensetzung und bestimmte Marker (wie z. B. Proteine oder körpereigene Substanzen) im Liquor. Bei MS verändern sich die Zusammensetzung und bestimmte Marker (wie z. B. Proteine oder körpereigene Substanzen) im Liquor. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Analyse von oligoklonalen Banden, Neurofilament-Leichtketten und weiteren Entzündungsmarkern im Liquor wesentliche Hinweise auf entzündliche Prozesse liefert, die bei MS ablaufen. Der Nachweis von sogenannten „oligoklonalen Banden“ (einer Gruppe von Antikörpern) im Liquor ist für die Diagnose von MS besonders bedeutsam. Bei 90% aller Patienten mit Multipler Sklerose wird ein hoher Immunglobulinspiegel in der Cerebrospinalflüssigkeit sowie das Vorhandensein oligoklonaler Banden beobachtet.

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  • Ausschluss anderer Erkrankungen: Die Untersuchung des Gehirnwassers ist wichtiger Bestandteil der MS- Diagnose und differenziert die MS von anderen z.B. erregerbedingten Erkrankungen wie Borreliose oder Syphilis.

  • Beurteilung des Krankheitsverlaufs: Veränderungen in der Zusammensetzung des Liquors können Hinweise darauf geben, ob sich der Krankheitsverlauf verändert. Die Messung von NfL und anderen Biomarkern unterstützt somit eine präzisere Einschätzung der individuellen Wirksamkeit von Behandlungen.

  • Erkennung von Komplikationen unter der MS-Therapie: Komplikationen unter der MS Therapie wie Virusinfektionen (z.B. die progressive multifokale Enzephalopathie) können mittels Gehirnwasseruntersuchung zeitnah erkannt werden.

Ablauf einer Lumbalpunktion

Auch wenn es für den Neurologen eine häufig durchgeführte Prozedur ist, muss natürlich mit dem Patienten genau besprochen werden, wie eine Lumbalpunktion durchgeführt wird und welche Nebenwirkungen auftreten können. Die gesamte Punktion wird unter sterilen Bedingungen durchgeführt, so dass eine Infektion selten ist. Vor der Untersuchung prüft die Ärztin oder der Arzt, ob die Blutgerinnung normal ist. Teile ihm unbedingt mit, wenn du Medikamente einnimmst, die die Blutgerinnung fördern oder hemmen. Nur so ist es möglich, Blutungen vorzubeugen, die die Nerven im Bereich der Einstichstelle schädigen könnten. Hattest du bereits eine Lumbalpunktion? Informiere deine Ärztin oder deinen Arzt, falls es bei der vorangegangenen Nervenwasserentnahme Besonderheiten gegeben hat. Teile deiner Ärztin oder deinem Arzt mit, wenn du eine Wirbelsäulenverletzung oder -operation hattest oder Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule vorliegen. Denn Verwachsungen und Vernarbungen können das Einführen der Nadel erschweren oder sogar unmöglich machen. Liegt ein Hirntumor vor? Hattest du bereits früher eine Erkrankung des Gehirns? Informiere Deinen Neurologen auch über vorliegende Erkrankungen, die mit einem erhöhten Hirndruck einhergehen. Die Lumbalpunktion wird im Sitzen oder Liegen durchgeführt. Zunächst findet eine örtliche Betäubung statt, und die Einstichstelle wird desinfiziert. Anschließend sucht die Ärztin oder der Arzt eine Stelle zwischen zwei Wirbelkörpern der Lendenwirbelsäule. In Höhe des zweiten/dritten oder des dritten/vierten Lendenwirbels schiebt er eine spezielle Hohlnadel bis in den Wirbelkanal vor. Dann entnimmt er eine kleine Menge Nervenwasser aus dem Rückenmarkskanal. Mit dem Nervenwasser wird auch eine aktuelle Blutprobe ins Labor geschickt, da die Liquor-Werte nur in Zusammenhang mit den Blutwerten richtig beurteilt werden können. Die Lumbalpunktion dauert nur wenige Minuten und ist oft nicht unangenehmer als eine Blutabnahme. Vereinzelt kommt es zu einem kurzen Schmerz, wenn die Nadel Nervenfasern streift. Entgegen häufigen Ängsten kann es bei einer fachgerechten Durchführung nicht zu einer Verletzung des Rückenmarks kommen. Der Grund: Das Rückenmark endet bei Erwachsenen bereits in Höhe des ersten Lendenwirbelkörpers - also oberhalb der Stelle, an der die Nadel in den Wirbelkanal eingeführt wird.

Vorbereitung auf die Lumbalpunktion

  • Aufklärung: Der Arzt wird den Patienten über den Ablauf der Untersuchung, die möglichen Risiken und Nebenwirkungen aufklären.
  • Blutgerinnung: Vor der Untersuchung wird die Blutgerinnung des Patienten überprüft, um Blutungen vorzubeugen.
  • Medikamente: Der Patient sollte den Arzt über die Einnahme von Medikamenten informieren, insbesondere von blutverdünnenden Mitteln.
  • Vorerkrankungen: Der Patient sollte den Arzt über Vorerkrankungen informieren, insbesondere über Wirbelsäulenprobleme oder Erkrankungen des Gehirns.

Durchführung der Lumbalpunktion

Die Lumbalpunktion wird in der Regel ambulant durchgeführt und dauert etwa 15-30 Minuten.

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  • Lagerung: Der Patient sitzt oder liegt auf der Seite mit angezogenen Knien, um den Rücken zu krümmen und den Zugang zum Wirbelkanal zu erleichtern. Die Ärztin/der Arzt wird Sie dazu auffordern, den Rücken so rund wie möglich zu machen: „Jetzt machen Sie bitte mal einen Katzenbuckel.". Durch eine Polsterung, ein Kissen vor dem Bauch und die Hilfe von KrankenpflegerInnen werden Sie bei der Einnahme der gewünschten Position unterstützt. Anschließend kann die Ärztin/der Arzt die Lumbalpunktion durchführen.
  • Desinfektion und Lokalanästhesie: Die Einstichstelle im Bereich der Lendenwirbelsäule wird desinfiziert und örtlich betäubt.
  • Punktion: Der Arzt führt eine dünne Nadel zwischen zwei Lendenwirbelkörpern in den Wirbelkanal ein.
  • Liquorentnahme: Eine kleine Menge Liquor (ca. 5-10 ml) wird entnommen.
  • Druckmessung: Gegebenenfalls wird der Liquordruck gemessen.
  • Entfernung der Nadel und Wundversorgung: Die Nadel wird entfernt und die Einstichstelle mit einem Pflaster versorgt.

Nach der Lumbalpunktion

  • Ruhe: Nach der Punktion sollte der Patient für einige Stunden flach auf dem Rücken liegen, um Kopfschmerzen vorzubeugen. Du kannst das Risiko von Nebenwirkungen senken, indem du nach der Punktion für einige Stunden ruhig und möglichst flach auf dem Rücken liegen bleibst und ausreichend trinkst.
  • Flüssigkeitszufuhr: Es wird empfohlen, ausreichend Flüssigkeit zu trinken, um den Liquorverlust auszugleichen.
  • Beobachtung: Der Patient sollte auf mögliche Komplikationen wie Kopfschmerzen, Übelkeit oder Schwindel achten.

Mögliche Risiken und Nebenwirkungen

Wie bei jedem medizinischen Eingriff sind auch bei der Lumbalpunktion gewisse Risiken möglich, die jedoch insgesamt als selten und meist gut kontrollierbar gelten.

  • Postpunktionelle Kopfschmerzen: Die häufigste Nebenwirkung sind sogenannte postpunktionelle Kopfschmerzen, die durch den vorübergehenden Verlust von Liquor entstehen. Diese Kopfschmerzen zeigen sich typischerweise als dumpfes Ziehen, das sich beim Aufrichten verschlimmern kann und durch Ruhe und viel Flüssigkeit meist nach wenigen Tagen zurückgeht. Dieser Liquorunterdruck-Kopfschmerz spricht therapeutisch auf Koffein an. Dies ist also der seltene Fall, in dem der behandelnde Arzt den Konsum von viel Kaffee von medizinischer Seite aus empfiehlt.
  • Lokale Schmerzen: Während der Durchführung kann es kurzzeitig zu elektrisierenden Schmerzen im Bein kommen, wenn die Nadelspitze eine Nervenwurzel berührt.
  • Infektionen: In seltenen Fällen kann es zu Infektionen an der Einstichstelle kommen, weshalb vor dem Eingriff eine sorgfältige Desinfektion erfolgt.
  • Blutungen: Blutungen im Bereich der Einstichstelle treten sehr selten auf.
  • Hirndrucksenkung: Bei Patienten mit erhöhtem Hirndruck kann die Lumbalpunktion zu einer Hirndrucksenkung führen, die gefährlich sein kann. Daher ist es wichtig, den Arzt über Vorerkrankungen zu informieren.

Alternative Untersuchungsmethoden

Neben der Lumbalpunktion gibt es weitere Untersuchungsmethoden, die bei Verdacht auf MS eingesetzt werden:

  • Magnetresonanztomographie (MRT): Die MRT ist eine bildgebende Technik, die detaillierte Bilder des Gehirns und des Rückenmarks erstellt. Eine MRT-Aufnahme macht neben den entzündlichen Veränderungen auch abgestorbene Nervenzellen bzw. Um die entzündlichen Herde sichtbar zu machen, kann es notwendig sein, ein Kontrastmittel (Gadolinium) zu verabreichen. Dieses reichert sich dann in den aktiven MS-Herden an. Die Diagnose Multiple Sklerose kann gestellt werden, wenn im MRT an mindestens zwei typischen Stellen MS-Herde vorliegen.
  • Evozierte Potentiale: Dies sind Tests, die die elektrische Aktivität des Gehirns in Reaktion auf sensorische Stimulation (wie Sehen, Hören und Berühren) messen. Bei den evozierten Potenzialen, die man visuell (VEP, somatosensibel (SEP oder SSEP) und motorisch (MEP) messen kann, werden ganz vereinfacht Reize an einer Stelle ausgesandt und über Elektroden gemessen, wie schnell sie den Weg zurücklegen und ob es Unterschiede gibt. Also ganz konkrete bei den visuell evozierten Potenzialen schaut man auf einen Bildschirm mit einem Schachbrettmuster, dessen Anordnung sich immer wieder ändert. Und die Elektroden auf dem Kopf messen, wann die Information ankommt und ob es Unterschiede zwischen dem linken und rechten Auge gibt. Denn bei einer Sehnerventzündung bei MS ist in aller Regel nur ein Auge betroffen. Durch diesen Test und die beiden anderen, SP und MEP, kann man, sofern vorhanden, eine Auswirkung der Läsion nachweisen. Dazu muss es aber auch eine passende Läsion im MRT-Befund geben.
  • Blutuntersuchungen: Bei Verdacht auf Multiple Sklerose ist der Nachweis bestimmter Blutwerte notwendig, um andere Krankheiten mit den gleichen Symptomen auszuschließen (Differenzialdiagnose). Bis heute steht Ärzten kein Bluttest zur Verfügung, der eine MS nachweisen kann. Forscher arbeiten jedoch an einem Bluttest, der die Diagnose schneller und einfacher macht. Sie haben im Blut von Betroffenen, die gerade einen MS-Schub erleiden, einen Biomarker für MS gefunden - sogenannte Autoantikörper. Dies sind Antikörper, die körpereigenes Gewebe angreifen. Nach einem MS-Schub verschwinden allerdings diese spezifischen Autoantikörper meistens aus dem Blut, so dass die Erkrankung mit diesem Test nur während eines Schubes sicher diagnostiziert werden kann. Der Test befindet sich derzeit noch in der Entwicklung.

Diagnose von MS

Um eine Krankheit sicher diagnostizieren zu können, bedarf es also einer spezifischen Definition. Da Multiple Sklerose sehr komplex und vielschichtig ist, gibt es nicht den einen Test oder das eine Kriterium, sondern es geht viel mehr um eine Summe aus Ergebnissen, die dann zur Diagnose führt. Über die Jahrzehnte und die dabei immer größer gewordene Menge an Wissen rund um die MS konnten diese Kriterien immer mehr verfeinert werden. Heutzutage werden meist die McDonald-Kriterien genutzt, um eine MS zu diagnostizieren. Diese Kriterien werden kontinuierlich verfeinert, was zu einer immer früheren Diagnosestellung führt, aber auch die Gefahr erhöht versehentlich eine MS diagnostiziert zu bekommen, obwohl man eine andere Erkrankung hat. Deshalb bleibt der Gesamteindruck wichtig, zu dem der klinische Befund, die MRT-Auswertung, der Liquorbefund und paraklinische Ergebnisse, die mithilfe von Apparaturen oder technischen Geräten erhoben werden, gehören. Normalerweise erhältst Du eine MS-Diagnose, wenn Du MS-typische neurologische Beschwerden und klinische Befunde hast, Dein MRT passende Läsionen zeigt und andere Erkrankungen ausgeschlossen wurden. Veränderungen im Nervenwasser treten bei bis zu 95% der Betroffenen auf und unterstützen die Diagnose, sind aber nicht notwendig.

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