Medikamente in der Alzheimer-Therapie: Ein Überblick

Die Alzheimer-Krankheit ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die durch Gedächtnisverlust, kognitive Beeinträchtigungen und Verhaltensänderungen gekennzeichnet ist. Die Suche nach wirksamen Therapien zur Behandlung dieser verheerenden Krankheit ist seit Jahrzehnten ein zentrales Anliegen der medizinischen Forschung. In den letzten Jahren gab es bedeutende Fortschritte, insbesondere mit der Entwicklung und Zulassung von krankheitsmodifizierenden Medikamenten, die auf die zugrunde liegenden Mechanismen der Alzheimer-Krankheit abzielen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die medikamentösen Therapieansätze für Alzheimer, wobei der Schwerpunkt auf den neuesten Entwicklungen und den Herausforderungen bei der Umsetzung dieser Therapien in die klinische Praxis liegt.

Aktuelle medikamentöse Therapieansätze

Cholinesterasehemmer und Memantin

In Deutschland sind seit Langem Cholinesterasehemmer (Donepezil, Rivastigmin, Galantamin) und Memantin zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit zugelassen. Diese Medikamente wirken jedoch lediglich symptomatisch und beeinflussen nicht den Krankheitsverlauf selbst. Cholinesterasehemmer verbessern die Signalübertragung im Gehirn, indem sie den Abbau des Botenstoffs Acetylcholin hemmen. Memantin schützt Nervenzellen vor einer Überstimulation durch Glutamat, einem wichtigen Botenstoff im Gehirn.

Antikörper-basierte Therapien: Ein neuer Ansatz

Das derzeit am weitesten entwickelte Therapieprinzip im Rahmen der Amyloid-Hypothese sind monoklonale Antikörper gegen Amyloid-Beta (Aß) im Sinne einer passiven Immunisierung. Diese Antikörper sollen das Immunsystem unterstützen, das Aß abzubauen und die Aggregationstendenz von Amyloid beeinflussen.

Lecanemab (Leqembi): Lecanemab ist ein Antikörper-Wirkstoff, der gezielt eine Vorstufe der für Alzheimer typischen Amyloid-beta-Protein-Plaques im Gehirn bindet. Dadurch wird das körpereigene Immunsystem, die Mikrogliazellen, aktiviert, die die Ablagerungen abbauen oder deren Neubildung hemmen. Am 15. April 2025 wurde Lecanemab von der EU-Kommission für eine genau umrissene Gruppe von Patientinnen und Patienten mit Alzheimer im Frühstadium zugelassen.

Donanemab (Kisunla): Seit dem 25. September 2025 ist auch ein zweites Antikörper-basiertes Alzheimermedikament in der EU zugelassen, das den Antikörper Donanemab enthält. Auch dieses Medikament kann Studien zufolge bei einer Anwendung im Frühstadium der Erkrankung das Fortschreiten verlangsamen.

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Funktionsweise und Studienergebnisse von Lecanemab

Der Wirkstoff Lecanemab wurde in den vergangenen zehn Jahren mit mehreren hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern in verschiedenen klinischen Studien untersucht. Ausschlaggebend für die Zulassung waren die Ergebnisse der Phase-3-Studie CLARITY AD, die im November 2022 auf der Alzheimer-Konferenz Clinical Trial on Alzheimer´s Disease (CTAD) vorgestellt wurden.

An der CLARITY AD-Studie hatten insgesamt 1.795 Personen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung oder leichter Alzheimer-Demenz teilgenommen. Während des 18-monatigen Untersuchungszeitraums wurden in regelmäßigen Abständen kognitive Fähigkeiten, wie das Gedächtnis, die Orientierung oder die Fähigkeit, Probleme zu lösen, von Fachleuten überprüft.

Ergebnis der Studie war, dass die Krankheit bei denjenigen, die Lecanemab erhielten, um 27 Prozent langsamer voranschritt als bei der Kontrollgruppe. Trotz der messbaren Wirksamkeit wird die Wirkung von Leqembi von vielen Expertinnen und Experten eher als moderat eingeschätzt. Es ist fraglich, inwieweit die Wirkung für an Alzheimer erkrankte Menschen spürbar ist und im Alltag einen Unterschied macht. Die Studie hat jedoch gezeigt, dass sich der verzögernde Effekt mit der Dauer der Einnahme zunimmt. Das könnte bedeuten, dass eine Einnahme über den Zeitraum der bisher untersuchten 18 Monate hinaus die Wirksamkeit von Lecanemab noch erhöht.

Auswahlkriterien und Anwendung von Lecanemab

Leqembi ist für Menschen ist nur für Menschen mit einer Alzheimer-Diagnose zugelassen, die sich im Stadium eines Mild Cognitive Impairment (MCI, leichte kognitive Beeinträchtigung) oder einer frühen Alzheimer-Demenz befinden.

Voraussetzungen für die Behandlung mit Lecanemab:

  • Nachweis von Amyloid-beta-Ablagerungen: Die Amyloid-beta-Ablagerungen müssen nachgewiesen werden - entweder durch eine Lumbalpunktion oder ein Amyloid-PET.
  • Gentest: Erkrankte dürfen höchstens eine Kopie des sogenannten ApoE4-Gens tragen. Personen mit zwei Kopien sind wegen des erhöhten Risikos für Hirnblutungen von der Behandlung ausgeschlossen.
  • Ausschluss von Kontraindikationen: Leqembi eignet sich außerdem nicht für Menschen, die Gerinnungshemmer einnehmen. In Kombination mit dem Medikament steigt das Risiko für eine Hirnblutung deutlich.
  • Teilnahme an einem EU-weiten Register: Neben den medizinischen Voraussetzungen ist die Teilnahme an einem EU-weiten Register verpflichtend.

Verabreichung und Überwachung:

Leqembi wird als Infusion (Tropf) alle zwei Wochen direkt in die Vene verabreicht. Die Behandlung dauert jeweils etwa eine Stunde. Vor und während der Behandlung sind MRT-Untersuchungen notwendig, um mögliche Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen oder kleine Blutungen frühzeitig zu erkennen. Diese Kontrollen erfolgen vor der 5., 7. und 14. Infusion. Werden sie nicht durchgeführt, muss die Behandlung beendet werden.

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Mögliche Nebenwirkungen von Lecanemab

In Studien wurden bei einem Teil der Teilnehmenden Hirnschwellungen (ARIA-E) und Hirnblutungen (ARIA-H) beobachtet. Diese traten meist ohne erkennbare Symptome auf, wurden aber engmaschig kontrolliert. Das Risiko für solche Nebenwirkungen hängt stark vom ApoE4-Gen ab: Menschen mit zwei Kopien dieses Gens sind besonders gefährdet und daher von der Behandlung ausgeschlossen.

Bei den für die EU-Zulassung relevanten Patientengruppen - also bei Menschen mit höchstens einer Kopie des ApoE4-Gens - kam es in rund 13 % der Fälle zu Hirnblutungen und in 9 % zu Hirnschwellungen. Weitere mögliche Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen (11 %) und Infusionsreaktionen (26 %). In der Studie wurden drei Todesfälle gemeldet, von denen zwei mit der gleichzeitigen Einnahme von Gerinnungshemmern in Verbindung gebracht wurden.

Herausforderungen und Perspektiven

Die Einführung von Lecanemab und Donanemab in die klinische Praxis stellt das Gesundheitssystem vor erhebliche Herausforderungen. Dazu gehören:

  • Frühzeitige Diagnose: Eine frühe Diagnose der Alzheimer-Krankheit ist entscheidend, um Patientinnen und Patienten im Frühstadium der Erkrankung zu identifizieren, für die eine Behandlung mit Lecanemab oder Donanemab in Frage kommt.
  • Diagnostische Infrastruktur: Es bedarf einer flächendeckenden Verfügbarkeit von Biomarker-Tests (Lumbalpunktion, Amyloid-PET) und Gentests, um die geeigneten Patientinnen und Patienten zu identifizieren.
  • Spezialisierte Zentren: Die Behandlung mit Lecanemab und Donanemab erfordert spezialisierte Einrichtungen mit ausreichender personeller und technischer Ausstattung.
  • Kosten und Erstattung: Die hohen Kosten der Antikörper-basierten Therapien werfen Fragen der Erstattung durch die Krankenkassen auf.

Die Rolle der Hausärzte

Hausärztinnen und Hausärzte spielen eine wichtige Rolle bei der Früherkennung von Alzheimer. Sie sollten aufmerksam auf Anzeichen einer kognitiven Beeinträchtigung achten und bei Verdacht weitere Untersuchungen veranlassen. Es gibt viel, was die tun könnten. Grimmer verweist auf die lange Liste von Faktoren, die in Sachen Demenz präventiv wirken, wie Bewegung, Normalgewicht oder eingestellter Blutdruck. „Wenn Sie einen Diabetes haben, dann erhöht sich ihr persönliches Risiko um 50 Prozent.“ In einer perfekten Welt könnten so 40 Prozent aller dementiellen Syndrome verhindert werden - eine Zahl, die in der Realität natürlich nie erreichbar sein wird, aber das Potenzial von Prävention zeigt. Die Realität beschreibt er so: „Es diagnostiziert kein Hausarzt eine leichte kognitive Störung.“

Weitere Forschungsansätze

Neben den Antikörper-basierten Therapien werden zahlreiche weitere Forschungsansätze zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit verfolgt. Dazu gehören:

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  • Medikamente, die die Tau-Protein-Ablagerungen reduzieren: Tau-Protein-Ablagerungen sind ein weiteres Kennzeichen der Alzheimer-Krankheit.
  • Medikamente, die die Entzündung im Gehirn reduzieren: Entzündungsprozesse spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung und dem Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit.
  • Medikamente, die die Funktion der Mitochondrien verbessern: Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zellen und spielen eine wichtige Rolle für die Energieversorgung des Gehirns.

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