Warum uns manche Gesichter nerven: Eine umfassende Betrachtung

Kinder werden oft ermahnt, sich nicht ständig ins Gesicht zu fassen, doch auch Erwachsene tun dies häufiger als gedacht. Diese unbewusste Gewohnheit, das eigene Gesicht zu berühren, wirft Fragen auf: Welche Gründe stecken dahinter, was verrät sie über uns und warum fällt es so schwer, sie zu unterdrücken? Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Aspekte dieser alltäglichen Handlung und geht dabei auf psychologische, neurologische und gesundheitliche Aspekte ein.

Unbewusste Berührungen: Mehr als nur eine Gewohnheit

Haben Sie sich jemals gefragt, wie oft Sie sich täglich ins Gesicht fassen? Der Psychologe Julian Packheiser von der Ruhr-Universität Bochum, der unter anderem zu Gesundheitseffekten von Berührungen forscht, berichtet, dass Menschen dies durchschnittlich 50 Mal pro Stunde tun. Einige dieser Berührungen dienen praktischen Zwecken, wie dem Richten der Frisur oder dem Reiben müder Augen. Die meisten erfolgen jedoch ohne ersichtlichen Grund.

Packheiser erklärt, dass unbewusste Gesichtsberührungen eine wichtige Funktion erfüllen könnten: „Laut neueren Theorien dienen unbewusste Gesichtsberührungen zur Stressreduktion und helfen, den Gefühlshaushalt zu regulieren.“ Berührungen im Allgemeinen fördern bekanntermaßen die Gesundheit. Sie können Ängste lindern, Traurigkeit mindern, Schmerzen reduzieren und sogar den Blutdruck senken.

Die Rolle des Gesichts: Eine neurologische Perspektive

Warum wählen wir gerade das Gesicht für diese unbewussten Berührungen? Joe Navarro, ein ehemaliger FBI-Verhaltensanalyst, erklärt, dass die Gründe dafür in der Anatomie unseres Körpers liegen. Unsere Gesichter sind besonders reich an empfindlichen Nervenenden, die direkt mit dem Gehirn verbunden sind. Diese Nerven, insbesondere der fünfte (Trigeminusnerv) und der siebte Hirnnerv (Facialisnerv), ermöglichen es, dass Berührungen im Gesicht das Gehirn schneller und effektiver erreichen als an anderen Körperstellen.

Ein sanftes Streichen über die Wange oder das Berühren der Lippen sendet beruhigende Signale blitzschnell ins Gehirn. Diese Sofortwirkung ist entscheidend, weil wir gerade in stressigen Momenten schnell Erleichterung brauchen. Das Ins-Gesicht-Fassen beruhigt das Gehirn und hilft dabei, die innere Balance wiederherzustellen. So sei es für andere auch ein Hinweis darauf, wie es im Inneren aussieht, ob jemand gestresst ist und Unterstützung braucht, so Navarro.

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Stressabbau und Emotionsregulation

Selbstberührungen können ein Versuch des Organismus sein, nach oder während einer psychischen Irritation wieder einen Zustand der psychischen Balance herzustellen. Mit anderen Worten: Man berührt sich selbst, um eine Stresssituation psychisch auszubalancieren.

Forschende der Goethe-Universität Frankfurt fanden 2021 in einer randomisierten kontrollierten Studie heraus, dass sowohl Berührungen von anderen als auch von einem selbst vor einer Stresssituation einen Effekt auf das Stresslevel der Teilnehmer hatten. Zwar wählten die Teilnehmenden der Selbstberührungsgruppe nicht immer das Gesicht, manche strichen sich über den Arm oder legten die Hände auf die Brust. Dennoch deuten andere Forschungen darauf hin, dass Gesichtsberührungen in stressigen oder kognitiv anspruchsvollen Situationen besonders häufig vorkommen. Das zeigt etwa eine systematische Übersichtsarbeit eines Forscherteams des Paul-Flechsig-Instituts - Zentrum für Neuropathologie und Hirnforschung der Universitätsklinik Leipzig, die ebenfalls 2021 veröffentlicht wurde.

Die Schattenseite der Berührung: Hygiene und Hautprobleme

Sich nicht ins Gesicht zu fassen, wäre manchmal besser - Stichwort Krankheitserreger. Aus hygienischen Gründen sollte man diese Marotte besser sein lassen, da die menschlichen Griffel echte Keimschleudern sind. Auf den Händen tummeln sich Dutzende verschiedene Bakterien wie beispielsweise Darmkeime (Enterokokken) und Eiterkeime (wie Staphylococcus Aureus oder Acinetobacter, ein Keim, der bei immungeschwächten Menschen Infektionen verursachen kann).

Die aktive Vermeidung von Berührungen im Gesicht zur Verringerung von Infektionen erfordert geistige Anstrengung. Das müssen wir also ganz bewusst tun. Das ist jedoch leichter gesagt, als getan. Wer Unterstützung benötigt, um seine Hände vom Gesicht zu lassen, wird im Internet fündig. Die Webseite „donottochyourface“ gibt ein Warnsignal, sobald man sich im Gesicht berührt. So funktioniert’s: Man aktiviert die Kamera des Computers oder Handys und nimmt zunächst ein kurzes Video auf, bei dem man sein Gesicht nicht berührt - dann wird man aufgefordert, dasselbe mit Gesichtsberührung zu tun. Der Haken: Die Kontrolle über das sich „Ständig ins Gesicht fassen“, verursacht wiederum Stress. Und dann wandern die Finger mitunter verstärkt in Richtung Gesicht - ein Teufelskreis. Daher ein besserer Rat: Alles vermeiden, was Stress verursacht - und öfter die Hände waschen!

Wenn die Gewohnheit zur Störung wird: Skin Picking

An Haut, Haaren, Lippen, Nägeln und Zähnen herumzufingern kann bei Stress beruhigen. Doch immer, wenn etwas außer Kontrolle gerät, im Übermaß oder unbewusst geschieht, kann eine Marotte zum Tick und schlimmstenfalls zur psychischen Störung mutieren. In der Medizin wird dieses weitverbreitete Phänomen als „Skin Picking Disorder“ bezeichnet, was übersetzt so viel wie Haut-Aufkratzen-Störung bedeutet. Notorische Knibbler heißen Skin Picker.

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Skin Picking ist eine offizielle psychische Erkrankung und wird in der Psychiatrie in der Kategorie „Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“ eingeordnet. Die Skin-Picking-Störung gehört zu den sogenannten Impulskontrollstörungen. In der Medizin heißt der Fachbegriff hierfür Dermatillomanie - von griechisch „derma“ (Haut), „tillein“ (rupfen) und „mania“ (Begeisterung, Wahnsinn).

Ein bisschen drücken ist nicht schlimm, aber sehr viele quetschen und kratzen an der Haut bis sie blutet. Wenn das Skin Picking über mehrere Wochen oder Monate anhält Hautschäden sichtbar werden, ist das ein Alarmsignal. Auch wie sehr das Problem den Alltag beeinflusst, spielt dabei eine Rolle. Viele schämen sich für die Entzündungen oder die Narben und isolieren sich.

Skin Picking ist häufig ein Ventil und tritt auf, wenn man Stress hat, angespannt oder überfordert sowie heftigen Emotionen wie Wut oder Trauer ausgesetzt ist. Viele kratzen, drücken oder quetschen auch bei Langeweile. Um das Problem angehen zu können, müssen Betroffene den Auslöser und typische Knibbel-Situationen finden.

Zwar ist Skin Picking in erster Linie ein psychisches Problem. Dennoch kann der Hautarzt helfen, größere Schäden wie Narben oder Entzündungen zu verhindern. Narben sollten dann mit Kortison oder Cremes auf Silikon-Basis behandelt werden. Bewährt hat sich - vor allem bei schweren Verlaufsformen - eine Kombination aus Verhaltenstherapie und Medikation (spezielle Antidepressiva oder Neuroleptika). Bei erfolgreicher Therapie kommt es meist zur deutlichen Verbesserung der Symptomatik. Willensanstrengung alleine reichen oft nicht aus. Verhaltenstherapeuten raten bei exzessiven Nägelkauen (Fachbegriff: Onychophagie) oder beim Skin Picking zu einem sogenannten Reaktions-Umkehr-Training, einem verhaltenstherapeutisches Verfahren, um nervöse Verhaltensangewohnheiten zu behandeln.

Gesichtslähmung und Kribbeln im Gesicht: Medizinische Ursachen

Ein Mundwinkel hängt, ein Auge schließt nicht: Das sind typische Symptome für Fazialisparese. Schwillt der Nervus facialis an - etwa durch eine Infektion mit Bakterien oder Viren - kann es schnell zu einer Schädigung des Nervs und Funktionsstörungen kommen, die sich dann im Gesicht in Form einer Gesichtslähmung spiegeln. Der medizinische Begriff für diese Gesichtslähmung ist Fazialisparese.

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Die Faszialislähmung tritt meist im mittleren Lebensalter auf. Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen. Ein bekannter Risikofaktor für die Entwicklung der Gesichtslähmung ist Diabetes: Schlecht eingestellte Zuckerwerte schädigen generell die Nerven und können auch den Gesichtsnerv betreffen. Ein höheres Risiko für eine Fazialisparese haben auch Schwangere, wobei hier die Ursache unbekannt ist. Letztlich können auch psychische Faktoren wie extremer Stress oder banale Umgebungsfaktoren - wie Zugluft im Gesicht - eine Entzündung des Nervus facialis auslösen: Gesichtslähmungen treten statistisch häufiger nach Wetterumschwüngen auf.

Die Diagnose der Fazialisparese ist vor allem Ursachenforschung. In vielen Fällen ist aber keine direkte Ursache der Fazialisparese bekannt. Dann wird meist für einen Zeitraum von 14 Tagen mit Kortison behandelt, das generell Entzündungen im Körper bekämpft. Mittels Infusionen verabreichen Arzt oder Ärztin auch manchmal durchblutungsfördernde Medikamente.

Kribbeln im Gesicht ist meist unangenehm und eine störende subjektive Empfindung, die unterschiedliche Ursachen haben kann. Die häufigste Ursache für Kribbeln der Kopfhaut, Kribbeln im Nacken oder im Gesicht sowie für ein Taubheitsgefühl im Gesicht ist eine Schädigung der peripheren Nerven. Sie kann auch eine Spätfolge von Alkoholismus oder Diabetes sein.

Betroffene empfinden Kribbeln im Gesicht wie Ameisenläufe oder das Berühren einer Brennnessel. Kribbeln kann bei sanften Berührungsreizen oder auch spontan auftreten bis hin zu einem Taubheitsgefühl im Gesicht oder sogar Schmerzen im Gesicht. Manche Patient*innen beschreiben es auch als Prickeln, als Brennen, als pelziges Gefühl oder als elektrisierende Schmerzen.

Mögliche Ursachen für Kribbeln im Gesicht sind:

  • Schnupfen
  • Lippenherpes
  • Epilepsie
  • Kontaktallergie
  • Stress
  • Nährstoffmangel
  • Kaliumüberschuss
  • Unfall
  • Neurologische Erkrankungen
  • Tumore oder hormonelle Störungen

Einen Arzt sollten Sie auf jeden Fall aufsuchen, wenn das Kribbeln im Gesicht, auf der Kopfhaut oder im Nacken ohne erkennbaren Grund auftritt und mit Schmerzen im Gesicht verbunden ist. Halten diese Symptome an, kehren sie häufig wieder oder verschlimmern sich, ist das ebenfalls ein Grund, zeitnah zum Arzt zu gehen.

Das Gesicht als Spiegel der Seele: Mimik und Emotionen

Trauer, Wut, Freude - das Antlitz des Gegenübers verrät viel. Im Gesichtsausdruck treten Gefühle zu Tage - ohne dass sich das willentlich beeinflussen lässt. Die Basisemotionen Trauer, Wut, Ekel, Überraschung, Angst und Freude äußern sich quer durch alle Kulturen auf die im Wesentlichen gleiche Weise.

Die Sprache der Mimik zu verstehen, ist dem Menschen in die Wiege gelegt, weil diese Fähigkeit große Bedeutung für das soziale Zusammenleben hat. Studien zeigen, dass das Nachahmen der Mimik entscheidend dazu beiträgt, Gesichtsausdrücke anderer zu deuten und die dahinterstehenden Emotionen nachzuempfinden.

Gesichtsausdrücke sind oft gespielt, um die wahren Gefühle zu verbergen. Doch das lässt sich an verräterischen Zeichen wie den Lachfältchen um die Augen beim echten Lächeln erkennen. Die Augen sind das Spiegelbild der Seele, sagt ein Sprichwort.

Jeder Mensch zeigt seine Gefühle über die Mimik in seinem Gesicht, ob er will oder nicht. Wenn wir Freude, Angst oder Trauer empfinden, sorgen diese Gefühle für das Feuern von Neuronengruppen, die wiederum die Kontraktion bestimmter mimischer Muskeln auslösen - unsere Gesichtsausdrücke.

Die Basisemotionen, die sich in unseren Gesichtern spiegeln, werden von allen Kulturkreisen auf dieser Welt verstanden. Wut zeigt sich zum Beispiel an den zusammen gezogenen Augenbrauen und den schmaler werdenden Augen.

Der Gesichtsausdruck liefert aber nicht nur anderen wichtige Informationen. Er beeinflusst auch, wie man selbst die Umwelt wahrnimmt. Wer die Augen im Schreck weit aufreißt, nimmt möglicherweise Sinneseindrücke schneller wahr.

Wissenschaftler vermuten derzeit, dass wir die Mimik instinktiv nachahmen - und so die Gefühle, die damit verbunden sind, nachempfinden können. Hierfür spricht, dass bestimmte Gesichtsausdrücke beim Betrachter oft die entsprechenden Emotionen auslösen: Wer angelächelt wird, muss selbst lächeln, wer in ein ärgerliches Gesicht blickt, wird meist selbst wütend.

Stress und Faszien: Wie Emotionen das Gesicht beeinflussen

Stress dem Körper erheblich schadet, ist bekannt. Weniger präsent ist jedoch, wie stark sich die emotionale Verfassung im Gesicht abzeichnen kann. Nicht nur durch Unreinheiten, sondern vor allem durch den Einfluss von Stress auf die Faszien.

Faszien sind netzartige Bindegewebestrukturen, die den ganzen Körper durchziehen und Muskeln, Organe und Nerven, so auch im Gesicht, umhüllen. Sie sind mitverantwortlich für Mimik, Muskelspannung und Hautbild und reagieren hochsensibel auf emotionale Belastungen.

Wenn Faszien sich verhärten oder verkleben, etwa durch Bewegungsmangel, oder auch chronischen Stress und traumatische Erlebnisse, verliert die Haut an Elastizität, Muskeln verspannen, das Gesicht wirkt müde, starr, unausgeglichen.

Durch anhaltende emotionale Belastungen oder auch ein plötzlich eintretendes, schweres traumatisches Erlebnis, kommt es auch häufig zu starken Verspannungen in den Gesichtsmuskeln und -faszien, die sich in Mimik, aber sogar in der Körperhaltung, am Kopf, Hals, Schultern, Rücken widerspiegeln. Doch gerade im Gesicht sind bestimmte Zonen besonders stressanfällig: „Stirn und der Bereich zwischen den Augen spiegeln Sorgen, Konzentration oder Ärger, dort sitzen oft tiefe Falten", sagt Frericks. Auch die Augenmuskeln seien empfindlich: "Sie sind häufig die ersten Bereiche, in denen sich Stress zeigt”.

All diese Verspannungen können die natürliche Elastizität der Haut beeinträchtigen und zu einer verstärkten Faltenbildung, besonders im Stirn- und Augenbereich, aber auch rund um die Mundwinkel führen, da die Faszien ihre Flexibilität verlieren.

Es ist durchaus möglich, all die Blockaden zu lösen und die Harmonie im Gesicht und der Seele wiederherzustellen. Ein von Stress und Trauma gezeichnetes Gesicht kann dann wieder ein Stück der Härte verlieren. Dafür müsse man Treatments nutzen, die gezielt darauf achten, auf die tiefen Ebenen von Faszien, Muskulatur und emotionalen Blockaden einzuwirken, damit die natürliche Ausstrahlung und das innere Gleichgewicht gefördert werden, erklärt Frericks.

Spezielle Facial-Techniken, die sich ganz explizit auf das Lösen von faszialen Anspannungen konzentrieren, sind besonders wirkungsvoll. Besonders wirkungsvoll seien traditionelle Techniken wie die japanische Kobido-Massage. Auch die sogenannte Myofasziale Facialarbeit eignet sich hervorragend.

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