Die Milieugestaltung bei Demenz ist ein wichtiger Aspekt, um den Alltag von Menschen mit Demenz zu erleichtern und ihre Lebensqualität zu verbessern. Es geht darum, die Umgebung so anzupassen, dass sie Sicherheit bietet, Orientierung erleichtert und das Wohlbefinden fördert. Dabei spielen sowohl die physische als auch die soziale Umgebung eine zentrale Rolle.
Einführung in die Milieugestaltung
Milieugestaltung bezeichnet die bewusste Anpassung und Gestaltung der Umgebung, um den individuellen Bedürfnissen von Menschen mit Demenz gerecht zu werden. Im Kontext der Altenhilfe zielt sie darauf ab, Räume so zu gestalten, dass sie Sicherheit bieten, Orientierung erleichtern und das allgemeine Wohlbefinden fördern. Es ist wichtig zu verstehen, dass Menschen mit Demenz eine veränderte Wahrnehmung haben und auf bestimmte Umweltreize sensibler reagieren können.
Grundregeln der Raumgestaltung
Einfachheit und Übersichtlichkeit
Die oberste Grundregel bei der Raumgestaltung für Demenzerkrankte ist die übersichtliche und einfache Einrichtung des Wohnraums. Zu viele Sinneseindrücke überfordern Betroffene und erschweren eine Orientierung im Raum. Es gilt, Überflüssiges zu vermeiden und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Vermeidung von Barrieren
Türen können die räumliche Orientierung von demenzerkrankten Menschen beeinflussen und somit eine Barriere darstellen. Offene Türen sind hingegen klar als Durchgänge erkennbar. An einigen Stellen muss natürlich eine Tür bleiben, wie zum Beispiel beim Badezimmer. Für eine leichte Orientierung sollten Sie solche Türen mit Schildern kennzeichnen.
Natürliche Orientierungspunkte
Fenster bieten ebenfalls die Möglichkeit zur groben räumlichen Orientierung, wenn draußen markante Gebäude oder Landschaftsmerkmale zu sehen sind. Auch Fenster, die einen Blick in die Natur bieten, können einen ähnlichen Effekt haben, wie Kalender und Uhren.
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Akustische Aspekte
Geräusche, die von außerhalb eines Raumes kommen, sind für Demenzerkrankte oftmals schwer zuzuordnen und können zu Verwirrung führen. Daher ist es wichtig, eine ruhige und reizarme Umgebung zu schaffen.
Optimale Beleuchtung
Ältere Menschen, insbesondere ältere Menschen mit Demenz, benötigen viel mehr Licht im Wohnbereich als jüngere und gesunde Menschen. Kaltweißes Licht ist für ältere Menschen besser zu sehen als warmweißes. Beim nächtlichen Toilettengang helfen LED-Nachtlichter mit Bewegungsmelder, sich in der Dunkelheit zu orientieren und Stürze zu vermeiden. Eine andere Möglichkeit sind Lichtbänder mit integrierten Bewegungs- und Helligkeitssensoren. Spiegelndes Licht, zum Beispiel auf einem Boden mit glatter Oberfläche, sollten Sie vermeiden. Solche Lichtreflektionen können unter Umständen von den Betroffenen ganz anders wahrgenommen werden und führen dann zu einem verwirrenden Eindruck von der Umwelt.
Zeitliche Orientierung
Auch die zeitliche Orientierung des Betroffenen können Sie mit einfachen Hilfsmitteln für eine demenzgerechte Raumgestaltung stärken. Ein Kalender mit extra großen Zahlen und ausgeschriebenem Monat und Jahr sowie einem Symbol für die jeweilige Jahreszeit erleichtert Demenzerkrankten, sich zeitlich zu orientieren.
Farbgestaltung und Kontraste
Sensibler Einsatz von Farben
Dementiell erkrankte Personen reagieren sehr sensibel auf Farben. Setzen Sie deshalb Farbakzente behutsam und gezielt ein. Helle und freundliche Farben sind angenehm für Demenzerkrankte. Dunkle Töne sollten Sie eher vermeiden, da sie negative Gefühle auslösen können. Eine dunkle Fußmatte oder ein dunkler Teppich zum Beispiel können im fortgeschrittenen Stadium der Demenz als nicht überwindbares Loch im Boden gedeutet werden.
Vermeidung von Mustern
Nein, starke Muster an Wänden, Böden oder Möbeln wirken verwirrend oder sogar beängstigend auf Menschen mit Demenz. Großflächige Muster sind sehr problematisch für Menschen mit Demenz, weil sie bei der Betrachtung sehr anstrengend wirken.
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Bedeutung von Kontrasten
Kontraste hingegen sind sehr wichtig, denn sie helfen Demenzerkrankten, Details schnell wahrzunehmen. Ein Tisch ist zum Beispiel besser erkennbar, wenn der Rand eine kontrastierende Farbe zur Tischfläche hat.
Tiefenwahrnehmung
Manchmal haben Menschen mit Demenz Probleme bei der Tiefenwahrnehmung. Runde oder abgerundete Tische sind für diese Personen leichter optisch zu erfassen als eckige Möbel.
Dunkle Farben zur Ablenkung
Die „Angst“ vor dunklen Farben können Sie gezielt bei der Wohnraumgestaltung von Demenzkranken verwenden. Wenn Sie „verbotene“ oder verschlossene Türen mit einem dunklen Vorhang verhängen, verlieren sie für Personen mit Demenz ihren Aufforderungscharakter und damit mindert sich das Interesse, durch die Tür gehen zu wollen.
Sicherheit im Alltag
Beseitigung von Gefahrenquellen
Zunehmende Desorientierung und Vergesslichkeit bei einer Demenzerkrankung bringen viele Risiken im Alltag mit sich. Alltägliche Dinge wie ein Herd oder Putzmittel werden mit einem Mal zu potenziellen Gefahren. Menschen mit Demenz können Dinge verwechseln und so kann es passieren, dass auf einmal Spülmittel in der Kaffeetasse landet.
Sturzprophylaxe
Für die Sturzprophylaxe sollten Sie Stolperfallen wie lose Kabel und Teppiche entfernen. Auch eine gute Beleuchtung ist dabei wichtig. Wenn der Betroffene gestürzt ist, kann es notwendig sein, dass Sie eine verschlossene Tür von außen öffnen. Hilfreich sind dann Schlösser mit einer Not- und Gefahrenfunktion. Das Badezimmer ist ein typischer Ort zum Ausrutschen - auch für Menschen, die nicht an Demenz leiden. Hilfreich sind dagegen oft Anti-Rutsch-Matten oder Haltegriffe.
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Umgang mit Unruhe und Bewegungsdrang
Innere Unruhe kommt bei den meisten Menschen mit Demenz vor. Oft äußert sie sich durch einen akuten Bewegungsdrang. Der akute Drang, Dinge von einem Ort zum anderen zu räumen ist eine bekannte Form. Denn das Herumräumen ist eher harmlos, solange dabei keine wichtigen Gegenstände verloren gehen. Oft hilft deshalb einfach ein offenes Regal mit Dingen, die nach Belieben hin- und hergeräumt werden können. Umgekehrt können Sie Schubladen mit wichtigen Sachen mit einem Schubladenschutz versehen.
Umgang mit Hinlauftendenz
Das Hinlaufen (früher auch „Weglaufen“) ist nicht harmlos, wenn die betroffene Person dabei in den öffentlichen Raum hinausgeht und dort umherwandert oder gar Auto fährt. Eine Möglichkeit, dem Vorzubeugen, ist das bereits erwähnte Ablenken des Interesses von der Haustür durch dunkle Farben oder schwache Kontraste. Wenn möglich, können Sie Rundwege innerhalb der Wohnung, des Gebäudes oder des Grundstücks schaffen, auf denen die Person gefahrlos herumlaufen kann. Oder Sie versehen die Ausgänge mit Klingeln, die einen Ton erzeugen, wenn eine Person hinausgeht.
Schutz vor Gefahren im Haushalt
Eine große Gefahr im Haushalt stellen auch elektronische Geräte für Personen mit Demenz dar. Daher können am Herd sogenannte Herdschutzknöpfe oder auch Schutzknöpfe installiert werden, die das Einschalten des Herds erschweren. Als weitere Sicherheitsmaßnahme sollten Sie in Wohnungen von Personen mit Demenz in allen Räumen Rauchmelder installieren, damit ein Brand sofort bemerkt wird.
Persönliche Gegenstände und Erinnerungen
Wertschätzung von Erinnerungsstücken
Oft sind es Bilder, aber auch ganz andere Dinge können wertvolle Anker für lebendige Erinnerungen sein. Versuchen Sie, solche Gegenstände zu identifizieren und zu bewahren. Gerne wählen Sie als Aufbewahrungsort eine besonders ruhige Ecke aus, in der die Person mit Demenz ohne Ablenkung und Störung in Erinnerungen schwelgen kann.
Behutsame Veränderungen
Gewisse Veränderungen am Wohnraum sind nach der Diagnose notwendig, doch jede Veränderung kann eine Person mit Demenz stören und verwirren. Gehen Sie deshalb bei der Umgestaltung behutsam vor und lassen Sie die betroffene Person an den Veränderungsprozessen teilhaben. Denn Sie dürfen nie vergessen, dass die Person mit Demenz ein Individuum mit speziellen Vorlieben und Abneigungen ist.
Soziale Milieugestaltung
Förderung sozialer Kontakte
Neben der physischen Umgebung spielt die soziale Umgebung eine zentrale Rolle. Soziale Milieugestaltung bezieht sich auf die bewusste Gestaltung der sozialen Interaktionen und Beziehungen im Umfeld von Menschen mit Demenz. Soziale Kontakte fördert: Gerade bei älteren Menschen ist soziale Teilhabe ein wichtiger Schutzfaktor gegen Einsamkeit und Depression.
Einbeziehung von Angehörigen
Angehörige sollten in die Pflege und Betreuung sowie das Alltagsleben in Pflegeeinrichtungen eingebunden werden. Initiativen wie Nachbarschaftsnetzwerke oder Besuchsdienste können soziale Kontakte aufrechterhalten und Isolation vorbeugen.
Bedeutung der Biografiearbeit
Die Biografie des Menschen zu kennen und diese Kenntnisse in die Betreuung und die Gestaltung des Milieus mit einfließen zu lassen, ist bei der Milieutherapie eine wichtige Aufgabe der Betreuenden. Die jeweilige Umgebung soll dabei individuell auf den Menschen mit Demenz zugeschnitten sein und sich an seinen Bedürfnissen orientieren. Informationen zur Lebensgeschichte, wie z.B. Gewohnheiten, Rituale, Vorlieben und Abneigungen der BewohnerInnen erleichtern das Kennen lernen und spätere Miteinander und tragen zum Wohlbefinden und zur Zufriedenheit aller bei.
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