Multiple Sklerose: Ein umfassendes Update für Patienten und Interessierte

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), von der in Deutschland etwa 250.000 Menschen betroffen sind. Früher bedeutete MS für Betroffene oft eine anhaltende und deutliche Beeinträchtigung. Heute ist die Krankheit durch Forschung und Therapie besser beherrschbar geworden. Die Erkrankung ist durch vielfältige Symptome und Verläufe gekennzeichnet, was sowohl die Diagnose als auch die Behandlung komplex macht. Dieser Artikel fasst wichtige Aspekte der MS zusammen, basierend auf den Erkenntnissen von Expertenvorträgen und aktuellen Forschungsergebnissen. Ziel ist es, Patienten, Angehörige und Interessierte über neue Entwicklungen in der MS-Therapie, Diagnose und Krankheitsverständnis zu informieren.

Grundlagen der Multiplen Sklerose

Die Multiple Sklerose ist eine neurologische Erkrankung, bei der die Myelinschicht der Axone im Gehirn und Rückenmark angegriffen wird. Die Myelinschicht ist für die schnelle und effiziente Weiterleitung von Nervenimpulsen verantwortlich. Wird diese Schicht beschädigt (Entmarkung), verlangsamt oder stört dies die Kommunikation zwischen den Nervenzellen. Die Effekte sind vielfältig und hängen vom Ort der Entmarkung ab, was die MS schwer zu diagnostizieren macht, denn kein Patient gleicht dem anderen.

PD Dr. Buttmann erklärt, dass die MS unterschiedliche Symptome hervorrufen kann. Kribbelnde Haut, Taubheitsgefühle, Sehstörungen und Lähmungen können erste Anzeichen sein. Die Forschung arbeitet mit Hochdruck, auch wenn über die Ursachen noch nicht viel bekannt ist.

Das Nervensystem besteht hauptsächlich aus grauer und weißer Masse. In der grauen Masse sitzen die Neurone, wo Impulse gesammelt und verarbeitet werden. Die weiße Masse, bestehend aus Axonen und der Myelinhülle, leitet die Informationen weiter. Schäden an der weißen Masse, wie sie bei MS auftreten, stören die komplexen Netzwerke der Nervenzellen.

Schubförmige vs. Progrediente MS: Ein Bedeutsamer Unterschied

Ein wichtiger Aspekt im Verständnis der MS ist die Unterscheidung zwischen schubförmiger und progredienter MS.

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  • Schubförmige MS (Relapsing-Remitting MS, RRMS): Gekennzeichnet durch klar definierte Schübe, in denen neue Symptome auftreten oder sich bestehende Symptome verschlimmern. Diese Schübe werden von Phasen der Remission gefolgt, in denen sich die Symptome teilweise oder vollständig zurückbilden.
  • Progrediente MS (Progressive MS): Diese Form der MS ist durch eine kontinuierliche Verschlechterung der neurologischen Funktionen gekennzeichnet, unabhängig von Schüben. Es gibt zwei Haupttypen von progredienter MS:
    • Primär progrediente MS (PPMS): Die Verschlechterung beginnt schleichend von Anfang an, ohne vorherige Schübe.
    • Sekundär progrediente MS (SPMS): Entwickelt sich aus einer schubförmigen MS, bei der die Schübe allmählich weniger werden und die neurologischen Funktionen sich kontinuierlich verschlechtern.

Fatigue bei MS: Mehr als nur Müdigkeit

Viele MS-Patienten leiden unter Fatigue, einem Zustand extremer Müdigkeit und Erschöpfung, der sich von normaler Müdigkeit unterscheidet. Fatigue kann sowohl körperliche als auch geistige Aspekte umfassen und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Es ist wichtig zu erkennen, dass Fatigue ein häufiges Symptom der MS ist und nicht einfach nur auf mangelnde Motivation oder Anstrengung zurückzuführen ist.

MS Therapie im Wandel

Die Therapie der MS hat sich in den letzten Jahren erheblich weiterentwickelt. Früher bedeutete MS für Betroffene oft eine anhaltende und deutliche Beeinträchtigung. Heute ist die Krankheit durch Forschung und Therapie besser beherrschbar geworden. Es stehen heute verschiedene Medikamente zur Verfügung, die den Verlauf der Erkrankung beeinflussen und die Symptome lindern können.

PD Dr. Jan Dörr erklärt, dass eine frühzeitige, hocheffektive Therapie der MS hinsichtlich der Behinderungszunahme wesentliche Vorteile gegenüber einem späteren Einsatz bringt. Hintergrund hierfür ist das sogenannte therapeutische Fenster, das in der Pathologie der MS begründet liegt: In den frühen Phasen der MS spielen sich die Entzündungsprozesse vor allem in der Peripherie, also außerhalb des zentralen Nervensystems (ZNS) ab. Im weiteren Verlauf verlagert sich die Entzündung ins ZNS und damit hinter die Blut-Hirn-Schranke. Während viele MS-Medikamente die frühe Peripherie-getriebene Entzündung wirkungsvoll behandeln, können sie die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren und sind daher in der späteren Phase der MS weniger wirksam.

Therapeutische Strategien

  • Immunmodulatorische Therapien: Diese Medikamente zielen darauf ab, das Immunsystem zu modulieren und die Entzündung im ZNS zu reduzieren. Sie werden häufig bei schubförmiger MS eingesetzt, um die Häufigkeit und Schwere der Schübe zu verringern und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.
  • Immunsuppressive Therapien: Diese Medikamente unterdrücken das Immunsystem, um die Entzündung im ZNS zu reduzieren. Sie werden oft bei aggressiveren Formen der MS oder bei Patienten eingesetzt, die auf immunmodulatorische Therapien nicht ansprechen.
  • Symptomatische Therapien: Diese Medikamente zielen darauf ab, die Symptome der MS zu lindern, wie z.B. Fatigue, Spastik, Schmerzen und Blasenfunktionsstörungen.

Fortschritte in der Forschung und Behandlung

Prof. Dr. Matthias Grothe vom Universitätsklinikum Greifswald spricht über Neues zu Forschung und Behandlung der Multiplen Sklerose. Die Forschung konzentriert sich darauf, die Ursachen der MS besser zu verstehen und neue Therapien zu entwickeln, die gezielter auf die Krankheitsmechanismen wirken.

Monitoring der Progression bei MS

Die Beobachtung und Bewertung des Krankheitsfortschritts ist entscheidend für die Anpassung der Therapie und die Optimierung der Behandlungsergebnisse. Laut Dr. Dörr bemerkt man subtile Veränderungen nur, wenn man bewusst auf sie achtet.

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Methoden zur Beobachtung der Progression

  • Expanded Disability Status Scale (EDSS): Eine standardisierte Skala, die von Ärzten verwendet wird, um den Grad der Behinderung bei MS-Patienten zu beurteilen.
  • Multiple Sclerosis Functional Composite (MSFC): Eine Reihe von Tests, die verschiedene Aspekte der neurologischen Funktion bewerten, darunter Gehfähigkeit (Timed 25-Foot Walk), Armfunktion (9-Hole Peg Test) und kognitive Leistungsfähigkeit (Paced Auditory Serial Addition Test). Die Tests des sogenannten Multiple Sclerosis Functional Composite (MSFC) - Timed 25-Foot Walk (T25FW), 9-Hole Peg Test (9HPT) und Paced Auditory Serial Addition Test (PASAT3) - führt dagegen meist das medizinische Fachpersonal durch. Der Vorteil dieser Tests ist, dass sie neben der Gehstrecke auch die Armfunktion sowie die kognitive Leistungsfähigkeit beurteilen.
  • Bildgebung (MRT): Magnetresonanztomographie (MRT) wird eingesetzt, um Entzündungsherde (Läsionen) im Gehirn und Rückenmark zu visualisieren und Veränderungen im Laufe der Zeit zu verfolgen.

Schubabhängige vs. schubunabhängige Progression

Die Zunahme der Behinderung bei MS kann über zwei Wege erfolgen. Zum einen über die schubabhängige Progression (relapse-associated progression, RAW). Hierbei entwickelt sich ein sogenanntes kumulatives Defizit, wenn sich die Schübe nicht vollständig zurückbilden, so Dr. Dörr. Davon abzugrenzen ist die schubunabhängige Progression (progression independent of relapse activity, PIRA), also eine Behinderungszunahme ohne das Auftreten von Schüben. Heute ist bekannt, dass der Beitrag dieser schubunabhängigen Progression an der Behinderungszunahme wesentlich größer ist - auch bei der schubförmigen MS und bereits in der Frühphase vorhanden ist.

Die Rolle des medizinischen Fachpersonals

Das medizinische Fachpersonal spielt eine entscheidende Rolle bei der Betreuung von MS-Patienten. Das medizinische Fachpersonal ist sehr eng in die Betreuung der Patient:innen eingebunden und verbringt in der Regel mehr Zeit mit ihnen als die Ärzt:innen. Als so wichtiges Bindeglied können Sie wesentlich dazu beitragen, Warnhinweise für eine Progression zu erkennen und damit aktiv den adäquaten Einsatz einer Therapie zu unterstützen. Voraussetzung hierfür ist es, die Progression bei MS zu verstehen, so Dr.

Digitale Angebote und Veranstaltungen für Patienten

Die ISST (wahrscheinlich eine Organisation, deren Name nicht vollständig angegeben wurde) bietet digitale Workshops speziell für die Bedürfnisse von MS-Patienten an. Diese Workshops bieten die Möglichkeit, Fragen zu stellen und mit Experten über wichtige Themenbereiche rund um die Erkrankung zu diskutieren. Die Teilnahme ist in der Regel kostenlos und erfordert keine Anmeldung.

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