Myelinscheide Abbau, Allergie und Ursachen: Ein umfassender Überblick

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die durch den Abbau der Myelinscheide gekennzeichnet ist. Die Myelinscheide ist eine schützende Hülle um die Nervenfasern, die für die schnelle und effiziente Übertragung von Nervenimpulsen unerlässlich ist. Wenn die Myelinscheide beschädigt wird, können Nervenimpulse verlangsamt oder blockiert werden, was zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen führt.

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose (MS), auch Encephalomyelitis disseminata genannt, ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS). Das ZNS umfasst das Gehirn und das Rückenmark. Bei MS greift das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheide an, die die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark umgibt. Diese Schädigung der Myelinscheide (Demyelinisierung) führt zu einer Verhärtung (Sklerose) des Gewebes und beeinträchtigt die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen.

Ursachen und Risikofaktoren

Die genauen Ursachen der MS sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zur Entstehung der Krankheit beiträgt. Dazu gehören:

  • Genetische Veranlagung: Etwa 20 % der MS-Betroffenen haben Familienmitglieder, die ebenfalls an MS erkrankt sind. Das Erkrankungsrisiko für die Nachkommen von an MS erkrankten Eltern ist bei Söhnen unter einem Prozent, bei Töchtern jedoch bei rund fünf Prozent.
  • Umweltfaktoren: Verschiedene Umweltfaktoren werden als mögliche Auslöser oder Risikofaktoren für MS diskutiert, darunter Vitamin-D-Mangel, Rauchen, Infektionen mit bestimmten Viren (z. B. Epstein-Barr-Virus) oder Bakterien (z. B. Campylobacter, Chlamydia pneumoniae) und geografische Faktoren (höhere Inzidenz in gemäßigten Klimazonen).
  • Autoimmunreaktion: Eine zentrale Rolle bei der Entstehung der MS spielen Autoimmunreaktionen. Dabei greifen fehlgeleitete Immunzellen die Myelinscheide an und schädigen sie. Es wird vermutet, dass lange vor den ersten klinischen Zeichen der Erkrankung Immunzellen aus dem Blut in das ZNS einwandern. Im weiteren Verlauf kommt es wahrscheinlich durch die Mitwirkung weiterer Immunzellen zu Entzündungen und zu einem Abbau der Myelinschicht

Symptome der Multiplen Sklerose

Die Symptome der MS sind vielfältig und können von Person zu Person unterschiedlich sein. Sie hängen davon ab, welche Bereiche des ZNS von den Entzündungsherden betroffen sind. Häufige Symptome sind:

  • Sehstörungen: Entzündung des Sehnervs (Optikusneuritis) mit Symptomen wie Augenschmerzen, verschwommenes Sehen, Störungen des Farbsehens oder Doppelbilder.
  • Empfindungsstörungen: Taubheitsgefühle, Kribbeln oder Schmerzen in verschiedenen Körperteilen, insbesondere in den Beinen oder Armen.
  • Bewegungsstörungen: Muskelschwäche, Spastik (erhöhte Muskelspannung), Koordinationsprobleme, Gleichgewichtsstörungen oder Lähmungen.
  • Fatigue: Chronische Müdigkeit und Erschöpfung, die nicht durch Ruhe oder Schlaf behoben werden kann.
  • Blasen- und Darmstörungen: Harninkontinenz, Stuhlinkontinenz, Verstopfung oder häufiger Harndrang.
  • Kognitive Beeinträchtigungen: Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisprobleme oder Schwierigkeiten bei der Informationsverarbeitung.
  • Schmerzen: Neuropathische Schmerzen aufgrund von Schädigungen der Nervenfasern oder Muskelkrämpfe infolge von Spastik.
  • Sprech- und Schluckstörungen: Verwaschene Sprache, Nuscheln oder Schwierigkeiten beim Schlucken von Nahrung oder Flüssigkeiten.

Verlauf der Multiplen Sklerose

Der Verlauf der MS ist sehr variabel. Bei etwa 85 % der Betroffenen verläuft die Erkrankung schubförmig, d. h. es treten akute Schübe auf, die von Phasen derRemission (teilweise oder vollständige Rückbildung der Symptome) unterbrochen werden. Bei den übrigen 10-15 % der Patienten verläuft die MS von Beginn an chronisch-progredient, d. h. die Symptome verschlechtern sich kontinuierlich ohne deutliche Schübe.

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Es werden folgende Verlaufsformen unterschieden:

  • Schubförmig-remittierende MS (RRMS): Charakterisiert durch klar definierte Schübe, gefolgt von Phasen der teilweisen oder vollständigen Remission.
  • Sekundär-progrediente MS (SPMS): Entwickelt sich meist aus einer RRMS. Nach einer anfänglichen schubförmigen Phase geht die Erkrankung in einen kontinuierlich fortschreitenden Verlauf über.
  • Primär-progrediente MS (PPMS): Von Beginn an kontinuierliche Verschlechterung der Symptome ohne Schübe.
  • Klinisch isoliertes Syndrom (KIS): Erste Symptome, die auf eine MS hindeuten, aber noch nicht die Diagnosekriterien für MS erfüllen.

Diagnose der Multiplen Sklerose

Die Diagnose der MS basiert auf einer Kombination aus:

  • Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und der aktuellen Symptome.
  • Neurologische Untersuchung: Überprüfung der Nervenfunktionen, wie z. B. Reflexe, Muskelkraft, Koordination und Sensibilität.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Bildgebung des Gehirns und Rückenmarks, um Entzündungsherde (Läsionen) nachzuweisen. Für eine noch genauere Diagnostik, etwa zur Unterscheidung zwischen frischen und älteren Entzündungsherden, kann ein Kontrastmittel (Gadolinium) eingesetzt werden.
  • Liquoruntersuchung: Analyse des Nervenwassers (Liquor) auf Entzündungszellen und oligoklonale Banden (OKB), die auf eine chronische Entzündung im ZNS hinweisen.
  • Evozierte Potentiale: Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns als Reaktion auf bestimmte Reize, um die Funktion der Nervenbahnen zu überprüfen.
  • Optische Kohärenztomographie (OCT): Messung der Dicke der Netzhaut im Auge. Verschiedene Studien legen nahe, dass sich mithilfe der OCT Rückschlüsse auf die Schwere des Krankheitsverlaufs einer Multiplen Sklerose ziehen lassen. Denn es hat sich gezeigt: Je dünner die Netzhaut ist, desto wahrscheinlicher ist ein eher schwerer Krankheitsverlauf mit häufigen Schüben, ausgeprägteren Symptomen und zunehmenden Einschränkungen.

Die Diagnose MS wird anhand der McDonald-Kriterien gestellt, die auf dem Konzept der räumlichen und zeitlichen Dissemination beruhen. Das bedeutet, dass die Entzündungsherde im ZNS an verschiedenen Orten (räumliche Dissemination) und zu verschiedenen Zeitpunkten (zeitliche Dissemination) auftreten müssen.

Therapie der Multiplen Sklerose

Die MS ist bis heute nicht heilbar. Die Therapie zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Schubfrequenz zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Die Behandlung umfasst in der Regel:

  • Schubtherapie: Behandlung akuter Schübe mit hochdosierten Kortikosteroiden (z. B. Methylprednisolon), um die Entzündung zu reduzieren und die Symptome zu verbessern.
  • Verlaufsmodifizierende Therapie: Immuntherapie mit Medikamenten, die das Immunsystem beeinflussen, um die Schubfrequenz zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Zu diesen Medikamenten gehören Interferone, Glatirameracetat, Dimethylfumarat, Teriflunomid, Natalizumab, Fingolimod, Ocrelizumab und andere. Die aktuelle Patientenleitlinie empfiehlt allen Menschen mit einer diagnostizierten Multiple Sklerose eine Immuntherapie.
  • Symptomatische Therapie: Behandlung der verschiedenen Symptome der MS, wie z. B. Spastik, Schmerzen, Fatigue, Blasenstörungen oder Depressionen, mit entsprechenden Medikamenten und nicht-medikamentösen Maßnahmen. Begleitend zur medikamentösen Behandlung haben sich nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Physio- und Ergotherapie, Logopädie, Psychotherapie, Gruppentherapie, neuropsychologische Therapie und andere Behandlungsmöglichkeiten bewährt. Hinzu kommen Therapiestrategien, die gezielt zur Linderung der vorherrschenden Symptome eingesetzt werden, etwa Beckenbodengymnastik als Begleitbehandlung zur Linderung von Blasenstörungen oder kognitive Verhaltenstherapie bei Depression.
  • Rehabilitation: Maßnahmen zur Verbesserung der körperlichen, kognitiven und sozialen Funktionen, um die Lebensqualität der Patienten zu erhalten oder zu verbessern.

Zusätzlich zur schulmedizinischen Behandlung gibt es auch alternative und komplementäre Therapieansätze, die von einigen MS-Patienten genutzt werden. Dazu gehören z. B. Ernährungsumstellung, Nahrungsergänzungsmittel, Akupunktur oder Entspannungsverfahren. Es ist wichtig, solche Therapien mit dem behandelnden Arzt zu besprechen, um mögliche Risiken und Wechselwirkungen zu vermeiden. Schon länger gehen Mediziner:innen davon aus, dass die Einnahme der Fettsäure Alpha-Liponsäure den Verlauf einer Multiple Sklerose günstig beeinflussen, die Symptome lindern und womöglich auch einem krankheitsbedingten Verlust an Hirnvolumen (Hirnatrophie) bremsen kann.

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Allergien und Myelinscheide Abbau

Obwohl Allergien nicht direkt als Ursache für den Abbau der Myelinscheide bei MS gelten, gibt es Hinweise auf mögliche Zusammenhänge zwischen dem Immunsystem, Entzündungen und allergischen Reaktionen.

  • Immunmodulation: Allergische Reaktionen aktivieren das Immunsystem und können zu einer verstärkten Entzündungsbereitschaft im Körper führen. Bei MS ist das Immunsystem bereits fehlgeleitet und greift die Myelinscheide an. Es ist denkbar, dass allergische Reaktionen diese Autoimmunprozesse verstärken oder beeinflussen können.
  • Histamin: Bei allergischen Reaktionen wird Histamin freigesetzt, ein Botenstoff, der Entzündungen fördert und verschiedene Körperfunktionen beeinflusst. Histamin kann die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke erhöhen, was möglicherweise den Eintritt von Immunzellen in das ZNS erleichtert und somit Entzündungsprozesse verstärkt.
  • Kreuzreaktionen: Es gibt Hypothesen, dass bestimmte Allergene Ähnlichkeiten mit Bestandteilen der Myelinscheide aufweisen könnten. In diesem Fall könnte eine allergische Reaktion gegen ein Allergen fälschlicherweise auch eine Immunreaktion gegen die Myelinscheide auslösen (molekulares Mimikry).

Es ist wichtig zu betonen, dass diese Zusammenhänge noch nicht ausreichend erforscht sind und weitere Studien erforderlich sind, um die genaue Rolle von Allergien bei der Entstehung und dem Verlauf der MS zu klären.

Leben mit Multipler Sklerose

Das Leben mit MS kann eine Herausforderung sein, da die Erkrankung die körperlichen, psychischen und sozialen Funktionen beeinträchtigen kann. Es gibt jedoch viele Möglichkeiten, die Lebensqualität zu verbessern und mit den Auswirkungen der MS umzugehen.

  • Medizinische Betreuung: Regelmäßige Kontrollen und Behandlungen durch einen Neurologen sind wichtig, um den Krankheitsverlauf zu überwachen und die Therapie anzupassen.
  • Selbstmanagement: Patienten können aktiv an der Gestaltung ihrer Behandlung mitwirken, indem sie sich über die Erkrankung informieren, ihre Symptome dokumentieren und ihre Bedürfnisse und Wünsche gegenüber dem Behandlungsteam äußern.
  • Unterstützungsnetzwerk: Der Austausch mit anderen Betroffenen, Angehörigen oder Freunden kann helfen, mit den emotionalen und sozialen Belastungen der MS umzugehen. Es gibt zahlreiche Selbsthilfegruppen und Online-Foren, in denen sich MS-Patienten austauschen und gegenseitig unterstützen können.
  • Anpassung des Lebensstils: Bestimmte Veränderungen im Lebensstil können dazu beitragen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehören z. B. eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige körperliche Aktivität, Stressmanagement, ausreichend Schlaf und der Verzicht auf Rauchen.
  • Hilfsmittel und Technologien: Verschiedene Hilfsmittel und Technologien können den Alltag erleichtern und die Selbstständigkeit erhalten. Dazu gehören z. B. Gehhilfen, Rollstühle, Kommunikationshilfen oder Computerprogramme zur Unterstützung der kognitiven Funktionen.

Forschung und Zukunftsperspektiven

Die MS-Forschung ist sehr aktiv und es werden ständig neue Erkenntnisse über die Ursachen, den Verlauf und die Behandlung der Erkrankung gewonnen. Vielversprechende Forschungsansätze sind z. B.:

  • Entwicklung neuer Medikamente: Es werden kontinuierlich neue Medikamente entwickelt, die gezielter in das Immunsystem eingreifen und das Fortschreiten der MS noch effektiver verlangsamen können.
  • Immunologische Therapien: Es werden neue immunologische Therapien erforscht, die das Immunsystem gezielt modulieren oder fehlgeleitete Immunzellen ausschalten, um die Autoimmunreaktion gegen die Myelinscheide zu stoppen.
  • Regenerative Therapien: Es werden Therapien entwickelt, die die Reparatur der Myelinscheide fördern und somit die Nervenfunktionen wiederherstellen können (Remyelinisierung).
  • Personalisierte Medizin: Es wird versucht, die Therapie der MS individueller zu gestalten, indem man die genetischen und immunologischen Merkmale der Patienten berücksichtigt, um die am besten geeignete Behandlung auszuwählen.

Ein vielversprechender Ansatz ist die Entwicklung von Impfstoffen gegen Autoimmunerkrankungen. In einer Studie wurde gezeigt, dass eine mRNA-Impfung, die das Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein (MOG-Protein) der Myelinscheide codiert, bei Mäusen mit experimenteller autoimmuner Enzephalomyelitis (EAE), einem Tiermodell für MS, den Ausbruch der Krankheit verhindern oder das Fortschreiten stoppen und motorische Funktionen wiederherstellen konnte.

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