Nach einer Hirntumor-Operation können verschiedene Komplikationen auftreten. Eine mögliche, wenn auch seltene, Komplikation ist der Austritt von Hirnwasser (Liquor) aus dem Nasenloch, auch bekannt als Liquorfistel oder Rhinoliquorrhö. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und Behandlung dieser Komplikation, basierend auf den Erfahrungen von Betroffenen und medizinischen Informationen.
Ursachen für Liquoraustritt nach Hirntumor-OP
Ein Liquoraustritt kann verschiedene Ursachen haben:
- Unvollständige Abdichtung der Schädelbasis: Während der Operation kann es zu einer Verletzung der Dura (Hirnhaut) kommen, die normalerweise das Gehirn und das Rückenmark umgibt. Wenn diese Verletzung nicht vollständig verschlossen wird, kann Liquor austreten.
- Schädelbasisdefekte: Nach Traumen, durch chronisch erhöhten Hirndruck, angeboren oder nach Operationen, können sich Defekte der Schädelbasis finden. Das kann nur ein Knochendefekt sein, es kann sich aber auch Hirnhaut mit Hirngewebe nach unten in die Nebenhöhlen durchgedrückt haben.
- Nicht richtig ausgehärtete Schädeldecke: In einigen Fällen kann die Schädeldecke nach der Operation noch nicht richtig ausgehärtet sein, was zu einem Liquoraustritt führen kann.
- Infektionen: Eitrige Entzündungen der Nebenhöhlen können zu Komplikationen wie Hirnhautentzündung oder Hirnabszess führen, weswegen bei einer Hirnhautentzündung nach so einer Schwachstelle bzw. Keimeintrittsstelle gefahndet werden und diese operativ abgedichtet werden muss.
- Prolaktinome: Nach einem Trauma oder einer medikamentösen Therapie eines Prolaktinoms, aufgrund eines Tumors oder angeborener Schädelbasisdefekte sowie in seltenen Fällen auch spontan kann eine Liquorleckage mit Liquorverlust über die Nase oder das Ohr entstehen und muss immer dringlich behandelt werden.
Symptome und Diagnose
Das Hauptsymptom eines Liquoraustritts ist der Austritt von klarer, wässriger Flüssigkeit aus der Nase, typischerweise beim Vorbeugen, meist einseitig. Einige Betroffene berichten von einem unkontrollierbaren Tröpfchenaustritt, besonders bei Bewegung. Es kann auch zu häufigem Niesen am Morgen kommen.
Die Diagnose eines Liquoraustritts umfasst in der Regel folgende Schritte:
- Anamnese und körperliche Untersuchung: Der Arzt wird nach den Symptomen fragen und eine körperliche Untersuchung durchführen, um andere mögliche Ursachen für den Nasenausfluss auszuschließen.
- Untersuchung der Nasenflüssigkeit: Die aus der Nase austretende Flüssigkeit wird auf spezifische Marker untersucht, die im Liquor vorkommen. Dazu gehören:
- β-Trace-Protein: Ein Hirnprotein, das über den Liquorfluss ins venöse Blut gelangt. Die β-Trace-Protein-Konzentration im Liquor ist etwa 34-mal größer als im Blut.
- β2-Transferrin: Ein weiteres Protein, das spezifisch für Liquor ist.
- Glukose-Test: Ein einfacher Test mit einem Blutzucker-Teststreifen kann durchgeführt werden, um Glukose in der Nasenflüssigkeit nachzuweisen. Ein positives Ergebnis deutet auf Liquor hin, ist aber nicht 100% aussagekräftig.
- Bildgebende Verfahren: Um die genaue Lokalisation des Defekts zu finden, werden bildgebende Verfahren eingesetzt:
- Dünnschichtige Computertomographie (CT): Ermöglicht eine detaillierte Darstellung der knöchernen Strukturen der Schädelbasis.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Bietet eine bessere Darstellung der Weichteile, einschließlich des Gehirns und der Hirnhäute.
- Myelographie mit CT: Bei unklaren Befunden kann Kontrastmittel in den Liquorraum injiziert werden, gefolgt von einer CT-Aufnahme, um den Austrittsort des Liquors zu visualisieren.
- Liquor-Szintigramm: Dabei wird radioaktives Material in den Rückenmarkskanal eingebracht, um eine undichte Stelle zu finden.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Behandlung eines Liquoraustritts hängt von der Ursache und der Größe des Defekts ab. Es gibt verschiedene Optionen:
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- Konservative Therapie: In manchen Fällen, insbesondere bei kleinen Defekten, kann der Liquoraustritt von selbst heilen. Unterstützende Maßnahmen können sein:
- Bettruhe: Um den Druck auf die Schädelbasis zu reduzieren.
- Vermeidung von Drucksteigerung im Kopf: Husten, Niesen und Pressen sollten vermieden werden.
- Lumbalpunktion: Um Hirnwasser abzuziehen, damit die Schädeldecke aushärten konnte.
- Operative Therapie: Wenn der Liquoraustritt nicht von selbst heilt oder das Risiko einer Infektion besteht, ist eine Operation erforderlich. Es gibt verschiedene operative Techniken:
- Transnasale endoskopische Operation: In den meisten Fällen kann über einen transnasalen Weg ein sicherer Verschluss erzielt werden. Dabei wird ein Endoskop durch die Nase eingeführt, um den Defekt zu lokalisieren und zu verschließen.
- Augenbrauenschnitt: Je nach Lokalisation des Defekts kann in Einzelfällen ebenfalls ein Augenbrauenschnitt den Zugang zur vorderen Schädelbasis ermöglichen.
- Schädeleröffnung (transkranielle Operation): Bei komplexerem Frakturmuster (z.B. nach Traumata oder bei Defekten im Bereich des Felsenbeins) ist eine Schädeleröffnung notwendig.
- Duraplastik: Der operative Eingriff wird als Duraplastik bezeichnet.
- Verschluss mit Eigengewebe: Zur Abdichtung des Defekts können verschiedene Materialien verwendet werden, darunter:
- Fascia lata: Ein Streifen aus der Oberschenkelmuskulatur.
- Bauchfett: Fettgewebe aus dem Bauchraum.
- Vaskularisierter nasoseptaler Flap: Ein Schleimhautlappen aus der Nasenscheidewand mit erhaltener Durchblutung durch die Arteria sphenopalatina. Dieser Lappen kann fest an den Schädelbasisdefekt anwachsen.
Erfahrungen von Betroffenen
Die Erfahrungen von Betroffenen zeigen, dass ein Liquoraustritt nach einer Hirntumor-OP eine beängstigende Situation sein kann. Viele berichten von Unsicherheit und Angst vor einer erneuten Operation. Es ist wichtig, sich von erfahrenen Ärzten beraten zu lassen und alle diagnostischen Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Ursache des Liquoraustritts zu finden und die bestmögliche Behandlung zu erhalten.
Einige Betroffene haben positive Erfahrungen mit der operativen Behandlung gemacht und konnten durch den Verschluss des Defekts ihre Lebensqualität deutlich verbessern. Andere berichten von Komplikationen und langwierigen Heilungsprozessen. Es ist wichtig, sich bewusst zu sein, dass jede Behandlung individuell ist und der Erfolg nicht garantiert werden kann.
Hypophysentumor-OP
Da im Ausgangstext auch die Hypophysentumor-OP erwähnt wird, werden im Folgenden Informationen dazu gegeben.
Eine Hypophysenoperation kann prinzipiell wegen der besonderen Lage der Hypophyse auf zwei verschiedenen Zugangswegen erfolgen. Die transsphenoidale Operation, also der Zugang zur Hirnanhangsdrüse durch die Keilbeinhöhle, ist um 1907-1910 entwickelt worden. Ihr Prinzip beruht darauf, dass die Nasengänge als Korridor zu der unter der mittleren Schädelbasis befindlichen Keilbeinhöhle benutzt wird, von wo aus auf den Hypophysentumor zugegangen wird. Heutzutage kann eine transsphenoidale Operation mit zwei unterschiedlichen optischen Hilfen durchgeführt, die mikrochirurgische und endoskopische Technik. Sie ist dann notwendig, wenn ein Hypophysentumor auf transsphenoidalem Wege nicht erreicht oder entfernt werden kann. Bei der transkraniellen Operation wird nach einem bogenförmigen Hautschnitt, der üblicherweise unter dem Haaransatz oder der Augenbraue verläuft, über ein oder mehrere Bohrlöcher im Schädeldach ein kleiner Knochendeckel herausgesägt, der etwa die Größe einer Streichholzschachtel hat.
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