Nervendurchtrennung bei OP: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Ein Nervenschaden nach einer Operation kann das Leben der Betroffenen dramatisch verändern. Plötzliche Taubheitsgefühle, Lähmungen oder unerklärliche Schmerzen in Körperregionen, die vor dem Eingriff unauffällig waren, können auf eine Nervenverletzung hinweisen. Ein solcher Schaden entsteht, wenn während der Operation Nerven verletzt oder durchtrennt werden. Es ist wichtig zu verstehen, dass nicht jeder Nervenschaden auf einen Behandlungsfehler zurückzuführen ist; in manchen Fällen handelt es sich um unvermeidbare Komplikationen. Dennoch ist eine frühzeitige Diagnose und adäquate Behandlung entscheidend, um die Auswirkungen zu minimieren und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

Ursachen von Nervenverletzungen während Operationen

Nerven sind anfällig für verschiedene Arten von Verletzungen. Während einer Operation können Nerven auf unterschiedliche Weise geschädigt werden:

  • Direkte Schädigung: Nerven können im Operationsgebiet direkt durchtrennt, gequetscht oder durchbohrt werden, beispielsweise durch chirurgische Instrumente, Cerclagen oder Schrauben. Auch die Entfernung von Osteosynthesematerial kann zu Nervenläsionen führen.
  • Indirekte Schädigung: Nerven können durch Druck, Zug oder Dehnung geschädigt werden, beispielsweise durch Retraktoren, Lagerung des Patienten oder aushärtenden Knochenzement. Auch thermische Schäden durch Koagulation sind möglich.
  • Fehlidentifikation: Nerven können irrtümlich für andere Strukturen gehalten und durchtrennt werden, beispielsweise für Sehnen oder Gefäße. Dies kann insbesondere bei Nervenscheidentumoren oder Lymphknotenentfernungen vorkommen.
  • Iatrogene Ursachen: Etwa 20 % aller operativ versorgten Nervenverletzungen haben eine iatrogene Ursache, wobei die Tendenz steigt. Studien zeigen, dass ein erheblicher Anteil der Ischiadikus- und Femoralisläsionen sowie Verletzungen des N. accessorius auf ärztliche Maßnahmen zurückzuführen ist.

Bestimmte Operationen bergen ein höheres Risiko für Nervenverletzungen, darunter:

  • Osteosynthese und Osteotomie
  • Arthrodesen
  • Lymphknotenbiopsie im hinteren Halsdreieck
  • Karpaltunneloperation
  • Varizenentfernung
  • Entfernung einer Bakerzyste
  • Leistenhernien-Operation
  • Hüftendoprothetik

Besonders gefährdet sind Regionen, in denen Nerven oberflächlich verlaufen oder sich in der Nähe der Zielstruktur befinden, wie der Karpalkanal, das Handgelenk, das hintere Halsdreieck und der Bereich des Knies.

Symptome und Diagnose von Nervenverletzungen

Typische Anzeichen für einen Nervenschaden nach einer Operation sind:

Lesen Sie auch: Finger Nervendurchtrennung: Symptome und Behandlung

  • Taubheitsgefühle
  • Kribbeln
  • Schmerzen
  • Lähmungserscheinungen in bestimmten Körperregionen, die vor der Operation nicht vorhanden waren.

Die Diagnose einer iatrogenen Nervenläsion ist oft unkompliziert. Wenn bei einem Patienten nach einer ärztlichen Maßnahme, insbesondere einer Operation, ein neurologisches Defizit auftritt, besteht in den meisten Fällen ein Zusammenhang.

Zur genauen Diagnose und Lokalisation der Nervenverletzung werden verschiedene Untersuchungsmethoden eingesetzt:

  • Klinische Untersuchung: Ein erfahrener Arzt führt eine gründliche klinisch-neurologische Untersuchung durch, um die Art und das Ausmaß der Schädigung zu beurteilen. Dabei wird auch auf spezifische Zeichen wie das Hoffmann-Tinel-Zeichen geachtet.
  • Neurophysiologische Untersuchungen: Diese Untersuchungen messen die Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) und können feststellen, welche Muskulatur betroffen ist. Ein EMG (Elektromyographie) kann Aufschluss darüber geben, welche Muskeln in Mitleidenschaft gezogen sind.
  • Bildgebende Verfahren: Röntgenaufnahmen können knöcherne Druckursachen ausschließen. MRT (Magnetresonanztomographie) und MR-Neurographie können den Nervenverlauf darstellen und Schädigungen visualisieren. Die Neurosonographie kann ebenfalls zur Beurteilung der Nervenstrukturen eingesetzt werden.
  • Nicht-invasive Nervenmessung (PSSD): Diese Untersuchung kann Veränderungen der Gefühlsempfindung nachweisen und postoperative Verbesserungen dokumentieren. Sie ist jedoch keine Leistung der gesetzlichen Krankenkasse.
  • Testinfiltration mit Lokalanästhetikum: Eine Testinfiltration mit Lokalanästhetikum kann zur Diagnostik und Therapie sehr hilfreich sein. Eine präoperative Nervenblockade kann die Erfolgsaussichten für eine Operation einschätzen, indem man ein lokales Betäubungsmittel injiziert. Lassen die Schmerzen darunter erheblich nach, kann man von einer durch den komprimierten Nerv bedingten Symptomatik ausgehen.

Therapie von Nervenverletzungen

Die Therapie von Nervenverletzungen hängt von der Art und dem Ausmaß der Schädigung ab. Eine frühzeitige Therapie, insbesondere der auslösenden Ursachen, ist in jedem Fall sinnvoll, da auf diese Weise Operationen häufig vermieden werden können.

Konservative Therapie:

  • Medikamentöse Therapie: Bei neuropathischen Schmerzen können Antikonvulsiva, trizyklische Antidepressiva, selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer oder Opioide eingesetzt werden. Auch eine lokale Therapie mit Lidocain-Pflastern ist möglich.
  • Nicht-medikamentöse Therapie: Hierzu gehören warme Fußbäder, transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS), Akupunktur, milde Infrarotstrahlung, Applikation von Kälte, Physio- und Ergotherapie sowie Psychotherapie zur Verbesserung der Schmerzakzeptanz.
  • Frühzeitige Therapie: Eine frühzeitige Therapie, insbesondere auch der auslösenden Ursachen, ist in jedem Fall sinnvoll, da auf diese Weise Operationen häufig vermieden werden können.

Operative Therapie:

  • Nervendekompression: Bei Nerveneinklemmungen, wie beispielsweise beim Karpaltunnelsyndrom, wird der Nerv operativ entlastet.
  • Nervenrekonstruktion: Bei einer kompletten Durchtrennung des Nervs ist eine operative Rekonstruktion erforderlich. Sind die Nervenenden zu weit voneinander entfernt, kann eine Nerventransplantation notwendig sein. Hierbei wird ein Spendernerv zur Überbrückung des fehlenden Stücks eingenäht. Häufig wird der Nervus suralis vom Unterschenkel als Spendernerv verwendet.
  • Neurolyse: Hierbei wird der Nerv freigelegt und von Verwachsungen oder Narbengewebe befreit.
  • Nervenrekonstruktion mit Nerventransplantat: Gerade nach Unfällen ist gelegentlich auch die operative Nervenrekonstruktion (siehe Nervenrekonstruktion) evtl. sogar mit einem Nerventransplantat sinnvoll, um die Beschwerden zu beseitigen.

Wichtig: Die operative Behandlung von Nervenverletzungen sollte möglichst frühzeitig erfolgen, idealerweise innerhalb von 3-6 Monaten nach der Schädigung.

Rechtliche Aspekte bei Nervenschäden nach Operationen

Die Beweisführung bei Nervenschäden nach Operationen ist oft komplex. Grundsätzlich muss der Patient beweisen, dass ein Behandlungsfehler vorliegt und dieser ursächlich für den Schaden ist.

Lesen Sie auch: Nervenverletzung im Finger: Behandlungsoptionen und Genesungsperspektiven

  • Verjährungsfristen: Die reguläre Verjährungsfrist beträgt drei Jahre ab Kenntnis des Schadens und der Person des Schädigers. Die absolute Verjährungsfrist liegt bei 30 Jahren nach der schädigenden Handlung.
  • Gutachten: In den meisten Fällen ist ein medizinisches Gutachten unerlässlich, um den Schaden und seine Ursachen nachzuweisen.
  • Aufklärung: Eine sorgfältige Aufklärung des Patienten über mögliche Risiken und Komplikationen der Operation ist entscheidend.

Es ist ratsam, frühzeitig rechtlichen Rat einzuholen, um keine Fristen zu versäumen und wichtige Beweise zu sichern.

Lesen Sie auch: Alles über Nervendurchtrennungen

tags: #nerv #durchtrennt #bei #op