Nervenschmerzen im ganzen Körper können eine erhebliche Belastung darstellen und die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Sie werden oft als stechend, brennend oder kribbelnd beschrieben und können von neurologischen Ausfällen wie Taubheitsgefühlen oder Muskelschwäche begleitet sein. Die Ursachen für diese Schmerzen sind vielfältig und reichen von harmlosen muskulären Überlastungen bis hin zu schweren neurologischen Erkrankungen. Eine frühzeitige und umfassende Abklärung ist daher entscheidend, um Chronifizierungen zu vermeiden und eine adäquate Therapie einzuleiten.
Vielschichtige Ursachen von Nervenschmerzen
Nervenschmerzen (neuropathische Schmerzen) entstehen durch eine Schädigung oder Erkrankung von Nervenstrukturen. Dies kann sowohl das periphere Nervensystem (Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark) als auch das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) betreffen. Experten vermuten häufig eine Fehlregulation der Schmerzverarbeitung als Ursache. Auch genetische Veranlagung, Stress und Traumata können ebenfalls eine Rolle spielen.
Mögliche Auslöser und Risikofaktoren
Es gibt eine Vielzahl von Einflüssen, die die Nerven schädigen und so Nervenschmerzen hervorrufen können:
- Stoffwechselstörungen: Ein schlecht eingestellter Diabetes mellitus kann beispielsweise durch Ablagerungen in kleinen Blutgefäßen die Durchblutung der Nerven beeinträchtigen und zu Nervenschäden führen (diabetische Polyneuropathie). Auch ein Mangel an Vitamin B kann die Nerven empfindlich schädigen und auf diese Weise Nervenschmerzen mit Kribbeln und Taubheitsgefühlen hervorrufen. Vitamin B12 ist zum Beispiel für den Schutz und die Regeneration der Nervenzellen wichtig und zudem auch am Aufbau der Myelinscheide beteiligt.
- Infektionen: Bestimmte Infektionen wie Gürtelrose (Herpes zoster) können Nervenschmerzen verursachen. Die auslösenden Viren (Varizella-zoster-Viren) verbleiben nach dem Abklingen der Windpocken in den Nerven und werden zu einem späteren Zeitpunkt reaktiviert. Dadurch entzündet sich der betroffene Nerv, was mit Schmerzen und Missempfindungen einhergeht. Auch eine Borrelieninfektion kann lange Zeit unbemerkt bleiben und zu Schmerzen im Bereich des Körpers führen.
- Verletzungen: Verletzungen von Nervengewebe, Reizung oder Schädigung von Nervenwurzeln (z. B. durch einen Bandscheibenvorfall) können Nervenschmerzen verursachen.
- Medikamente: Bestimmte Medikamente (z. B. Chemotherapeutika, Statine) können als Nebenwirkungen Nervenschmerzen auslösen.
- Gifte: Alkohol und andere Gifte können Nervenschäden verursachen.
- Weitere Ursachen: Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose, Tumore, Engpass-Syndrome (z. B. Karpaltunnelsyndrom), psychosomatische Faktoren, Eisenmangel, Stress, Bewegungsmangel, Rauchen und Übergewicht können ebenfalls Nervenschmerzen verursachen oder verstärken.
Fibromyalgie als mögliche Ursache
Eine weitere mögliche Ursache für Nervenschmerzen im ganzen Körper ist die Fibromyalgie, auch bekannt als Fibromyalgiesyndrom (FMS) oder Faser-Muskel-Schmerz. Es handelt sich um eine chronische Schmerzerkrankung, die sich durch umfassende Schmerzen in Muskeln, Sehnen und anderen Weichteilstrukturen äußern kann. Aufgrund der Vielzahl der unterschiedlichsten Symptome bezeichnen einige Mediziner die Krankheit auch als „Chamäleon“. Zudem gibt es bislang keine spezifische Untersuchungsmethode, die Fibromyalgie sicher nachweist. Daher versuchen Ärzte nach und nach andere Ursachen auszuschließen, um das Fibromyalgiesyndrom festzustellen. Ärzte vermuten derzeit, dass Fibromyalgie mit einer Fehlregulation der Schmerzverarbeitung im Nervensystem zusammenhängen könnte.
Fibromyalgie kann theoretisch Menschen in jedem Alter ereilen. Schätzungen zufolge leben 3 bis 6 % der Menschen in den Industriestaaten mit dieser Erkrankung, wobei etwa 80 % der Betroffenen Frauen sind. Untersuchungen zeigen, dass Fibromyalgie in einigen Familien gehäuft auftritt. Zusätzlich scheinen biographische Ereignisse wie physische oder emotionale Traumata sowie chronischer Stress eine Rolle zu spielen.
Lesen Sie auch: Hüft-TEP und Nervenschmerzen
Symptome von Nervenschmerzen
Nervenschmerzen können sich vielfältig äußern. Typische Symptome sind:
- Chronische Schmerzen: Anhaltende Schmerzen, die verschiedene Körperregionen wie Muskeln oder Sehnen betreffen oder in anderen Weichteilstrukturen auftreten. Die Schmerzen werden oft als brennend, stechend, einschießend oder bohrend beschrieben.
- Gefühlsstörungen: Missempfindungen (z. B. Kribbeln, Ameisenlaufen) oder Taubheitsgefühle.
- Allodynie: Schmerzen, die durch normalerweise nicht schmerzhafte Reize wie leichte Berührung, Wärme, Kälte oder Druck ausgelöst werden.
- Hyperalgesie: Verstärkte Schmerzempfindlichkeit nach schmerzauslösenden Reizen.
- Schlafstörungen und Erschöpfung (Fatigue): Schwierigkeiten beim Ein- oder Durchschlafen, was andere Symptome verstärken kann.
- Kognitive Probleme („Fibro-Nebel“): Konzentrationsprobleme oder Vergesslichkeit, die es erschweren, klare Gedanken zu fassen.
- Weitere Symptome: Je nach Ursache der Nervenschmerzen können weitere Symptome auftreten, wie z. B. Bewegungsbeeinträchtigungen, Muskelschwäche, Lähmungen oder Organfunktionsstörungen.
Bei Fibromyalgie können zusätzlich folgende Symptome auftreten:
- Morgenmüdigkeit
- Magenschmerzen oder -krämpfe
- Kopfschmerzen
- Depressionen
Diagnose von Nervenschmerzen
Die Diagnosestellung von Nervenschmerzen kann eine Herausforderung sein, da die Symptome vielfältig sind und sich von Tag zu Tag oder sogar innerhalb eines Tages in ihrer Intensität beziehungsweise Art ändern können. Eine sorgfältige Anamnese, körperliche Untersuchung und gegebenenfalls weitere diagnostische Maßnahmen sind daher erforderlich.
Anamnese und körperliche Untersuchung
Im Anamnesegespräch erfragt der Arzt die Art, Lokalisation, Intensität und den zeitlichen Verlauf der Schmerzen. Auch Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme, Risikofaktoren (z. B. Diabetes, Alkoholismus, Rauchen) und psychosoziale Faktoren werden erfasst.
Bei der körperlichen Untersuchung wird der Arzt die Sensibilität, Motorik und Reflexe des Patienten überprüfen. Auch standardisierte Fragebögen und Schmerzindizes wie der Widespread Pain Index (WPI) können eingesetzt werden, um die Verbreitung der Schmerzen im Körper einzuschätzen.
Lesen Sie auch: Nervenschaden nach Zahnbehandlung: Symptome und Therapie
Weitere diagnostische Maßnahmen
Je nach Verdacht können weitere diagnostische Maßnahmen erforderlich sein, um die Ursache der Nervenschmerzen zu identifizieren oder andere Erkrankungen auszuschließen. Dazu gehören:
- Blutuntersuchungen: Um Mangelzustände (z. B. Eisen-, Vitamin B12-Mangel), Entzündungen, Stoffwechselstörungen (z. B. Diabetes, Schilddrüsenfunktionsstörungen) oder Autoimmunerkrankungen auszuschließen.
- Bildgebende Verfahren: Röntgen, CT oder MRT können eingesetzt werden, um Nervenkompressionen (z. B. durch Bandscheibenvorfall, Karpaltunnelsyndrom) oder andere strukturelle Veränderungen darzustellen. Ein Ganzkörper-MRT wird in der Regel nicht durchgeführt, sondern einzelne, in Frage kommende Abschnitte der Wirbelsäule oder des Kopfes.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Elektroneurographie (ENG) und Elektromyographie (EMG) können die Funktion der Nerven und Muskeln überprüfen und Hinweise auf Nervenschädigungen liefern.
- Nervenbiopsie: In seltenen Fällen kann eine Nervenbiopsie erforderlich sein, um die Ursache der Nervenschmerzen zu klären.
- Quantitative sensorische Testung (QST): Zur Prüfung der Hautempfindlichkeit.
- Somatosensibel evozierte Potenziale (SEP): Zur Prüfung der gesamten Gefühlsbahn von der Haut über das Rückenmark bis ins Gehirn.
Bei Verdacht auf Fibromyalgie kann der Arzt den Fibromyalgie-Symptom-Fragebogen einsetzen und sogenannte „Tender Points“ (Druckschmerzpunkte) untersuchen. Allerdings ist die Diagnose Fibromyalgie oft eine Ausschlussdiagnose, nachdem andere mögliche Ursachen ausgeschlossen wurden.
Behandlung von Nervenschmerzen
Die Behandlung von Nervenschmerzen richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache und den individuellen Beschwerden des Patienten. Ziel ist es, die Schmerzen zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und dieFunktion der betroffenen Nerven wiederherzustellen.
Medikamentöse Therapie
Es gibt verschiedene Medikamente, die bei Nervenschmerzen eingesetzt werden können:
- Antidepressiva: Trizyklische Antidepressiva (z. B. Amitriptylin) und selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI, z. B. Duloxetin) können die Schmerzwahrnehmung beeinflussen und die Stimmung verbessern.
- Antikonvulsiva: Antiepileptika (z. B. Pregabalin, Gabapentin) können die Erregbarkeit der Nerven mindern und Schmerzen reduzieren.
- Opioide: In schweren Fällen können Opioide zur Schmerzlinderung eingesetzt werden, allerdings bergen sie ein hohes Suchtpotenzial und sollten nur unter strenger ärztlicher Kontrolle eingenommen werden.
- Lokalanästhetika: Lokalanästhetika können den Teufelskreis der Schmerzen vorübergehend unterbrechen.
- Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR): NSAR wie Aspirin oder Ibuprofen sind bei Fibromyalgie laut aktueller Leitlinien nicht zur Therapie empfohlen, können aber bei anderen Schmerzursachen eine Schmerzlinderung bewirken.
Nicht-medikamentöse Therapie
Ergänzend zur medikamentösen Therapie können verschiedene nicht-medikamentöse Verfahren eingesetzt werden:
Lesen Sie auch: Medikamentenfreie Schmerzlinderung bei Nervenschmerzen
- Physiotherapie: Bewegung und physikalische Therapie können helfen, Muskelverspannungen zu lösen, die Beweglichkeit zu verbessern und die Schmerzen zu lindern. Regelmäßige, maßvolle Bewegung wie Ausdauertraining (z. B. leichtes Joggen, Schwimmen oder Radfahren) wird empfohlen.
- Psychotherapie: Die kognitive Verhaltenstherapie (CBT) kann helfen, mit den psychischen Belastungen der Erkrankung umzugehen und Denk- sowie Verhaltensmuster zu verändern, die einen Einfluss auf die Schmerzempfindung haben.
- Entspannungstechniken: Praktiken wie Meditation, Achtsamkeit oder tiefe Atemübungen können helfen, Stress abzubauen und das Wohlbefinden zu verbessern.
- Akupunktur: Studien zeigen, dass Akupunktur an individuell gewählten Punkten die Beschwerden von Fibromyalgie-Betroffenen verringern kann.
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Dabei werden Schmerzen mit elektrischen Impulsen behandelt.
- Osteopathie: Durch gezielte und sanfte Zug- und Drucktechnik werden verklebte Faszien wieder gelockert und es kommt schon nach wenigen Behandlungen zu einer deutlichen Besserung der Beschwerden.
- Ergotherapie: Kann im Einzelfall sinnvoll sein, je nach Ausprägung der Beschwerden.
Selbsthilfe und Eigenübungen
Selbsthilfe und Eigenübungen können Betroffene bei ihrem Ziel unterstützen, die FMS-Symptome zu reduzieren. Viele Menschen mit FMS vermeiden zunächst schmerzhafte Bewegungen - dabei sind die richtige Bewegung und Muskelentspannung essentiell. Körperliche Übungen gelten als einzige Therapievariante mit dem Prädikat „stark empfohlen“ in den Leitlinien der Europäischen Rheumatologen (European League Against Rheumatism, EULAR).
Es gibt unterschiedliche Übungen von Kopf bis Fuß, sodass Betroffene selbst die passende Übung für sich auswählen können. Es ist wichtig, langsam anzufangen, sich nicht zu übernehmen und regelmäßig zu üben. Eine Erstverschlimmerung kann gerade beim Fibromyalgiesyndrom eine normale Reaktion des Körpers sein. Geht es einem nach den Übungen aber dauerhaft schlechter statt besser, signalisiert der Körper, dass man es womöglich übertreibt.
Hausmittel
Auch gibt es einige Hausmittel, die bei Nervenschmerzen zum Einsatz kommen können. Zu den lokalen Anwendungen gehört die Auflage von Quark zum Beispiel, die in Form von Quarkwickeldurchgeführt werden können. Aber auch Retterspitzumschläge können eine deutliche Besserung der Beschwerden bringen. Ob Kälte oder doch Wärme besser tut, muss man im Einzelfall ausprobieren, da die Schmerzempfindung bei neuropathischen Schmerzen individuell ist.
Ernährung
Eine ausgewogene Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren (z. B. in Fisch, Leinöl, Chiasamen) ist, kann entzündungshemmend wirken und das Wohlbefinden verbessern. Auch eine ausreichende Zufuhr von Vitaminen und Mineralstoffen, insbesondere Vitamin B12 und Eisen, ist wichtig für die Nervenfunktion.
Spezielle Therapieansätze bei Fibromyalgie
Bei Fibromyalgie können zusätzlich folgende Therapieansätze in Betracht gezogen werden:
- Multimodale Schmerztherapie: Dabei werden Bewegung, Entspannung und Methoden zur Schmerzbewältigung aus der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) miteinander kombiniert.
- Thermalbäder: Werden von vielen Menschen mit Fibromyalgie als angenehm empfunden.
- Saunagänge oder sanfte Massagen: Manche beschreiben diese als erleichternd.
Prognose von Nervenschmerzen
Die Prognose von Nervenschmerzen ist sehr unterschiedlich und hängt von der zugrunde liegenden Ursache ab. Manche Nervenschädigungen können irreversibel sein, während andere sich mit der richtigen Behandlung wieder erholen können. Auch die Fibromyalgie ist eine chronische Erkrankung, die nicht heilbar ist, aber deren Symptome durch verschiedene Maßnahmen gelindert werden können.
Wichtige Aspekte für Betroffene
- Suchen Sie frühzeitig einen Arzt auf: Je früher die Ursache der Nervenschmerzen erkannt und behandelt wird, desto besser sind die Chancen auf eine erfolgreiche Therapie.
- Nehmen Sie Ihre Beschwerden ernst: Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn die Diagnosefindung schwierig ist oder Ihnen gesagt wird, dass Ihre Beschwerden eingebildet sind.
- Informieren Sie sich umfassend: Je besser Sie über Ihre Erkrankung informiert sind, desto besser können Sie mit ihr umgehen und Ihre Behandlung aktiv mitgestalten.
- Suchen Sie Unterstützung: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, Ihrer Familie, Freunden oder einer Selbsthilfegruppe über Ihre Beschwerden.
- Entwickeln Sie eigene Strategien: Finden Sie heraus, was Ihnen guttut und wie Sie mit Ihren Schmerzen am besten umgehen können.
- Bleiben Sie aktiv: Bewegung und Sport können helfen, die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.
- Achten Sie auf eine gesunde Lebensweise: Eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und Stressbewältigung können sich positiv auf Ihre Beschwerden auswirken.
tags: #nervenschmerzen #ganzer #korper