Nervenschmerzen als Spätfolgen von Morbus Scheuermann: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Morbus Scheuermann, auch bekannt als Adoleszentenkyphose oder juvenile Kyphose, ist eine Wachstumsstörung der Wirbelsäule, die sich typischerweise bei Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 18 Jahren entwickelt. Oft wird die Erkrankung zufällig im Rahmen einer Röntgenuntersuchung aufgrund von Rückenschmerzen entdeckt. Was genau Morbus Scheuermann verursacht, ist noch nicht vollständig geklärt, jedoch werden sowohl genetische Veranlagung als auch hormonelle Einflüsse und Stoffwechselstörungen als mögliche Ursachen diskutiert.

Was ist Morbus Scheuermann?

Morbus Scheuermann ist die häufigste Wirbelsäulenerkrankung bei Jugendlichen. Schätzungsweise sind 1 bis 8 Prozent der Gesamtbevölkerung betroffen, wobei Jungen etwa doppelt so häufig betroffen sind wie Mädchen. Die Erkrankung manifestiert sich als Wachstumsstörung an den Grund- und Deckplatten der Wirbelkörper, vorwiegend in der Brustwirbelsäule oder der oberen Lendenwirbelsäule. Dies führt zur Bildung von Keilwirbeln - Wirbelkörper, die nach vorne hin abgeflacht sind. Charakteristisch für Morbus Scheuermann ist, dass mindestens drei aufeinanderfolgende Wirbel keilförmig verändert sind, mit einem Winkel von mindestens 5 Grad.

Formen von Morbus Scheuermann

Man unterscheidet hauptsächlich zwei Typen von Morbus Scheuermann:

  • Typ 1 (klassische oder thorakale Form): Dies ist die häufigste Form, bei der die Brustwirbelsäule betroffen ist und sich ein Rundrücken (Hyperkyphose) bildet. Bei Morbus Scheuermann weist die Brustwirbelsäule eine verstärkte Kyphose auf. Der Patient hat einen Rundrücken oder sogar einen Buckel.

  • Typ 2 (atypische oder lumbale Form): Bei dieser selteneren Form sind die Lendenwirbelsäule oder der Übergang zwischen Brust- und Lendenwirbelsäule betroffen. Dies kann zu einer Abflachung der natürlichen Lordose der Lendenwirbelsäule führen, was als Flachrücken bezeichnet wird.

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Zusätzlich kann die Wirbelsäulenverkrümmung bei Morbus Scheuermann auch eine seitliche Komponente aufweisen, was zu einer Skoliose führen kann.

Ursachen und Entstehung

Die genaue Ursache von Morbus Scheuermann ist unbekannt. Wissenschaftler nehmen eine familiäre genetische Veranlagung an. Es gibt aber Faktoren, die die Entstehung eines Morbus Scheuermann beeinflussen. Während des Wachstums, typischerweise ab dem 10. Lebensjahr, wachsen die Wirbelkörper vorne langsamer als hinten, was zur Keilform führt. Die Deck- und Bodenplatten der Wirbelkörper verändern sich, und es kann zum Einbruch von Bandscheibengewebe in die Wirbelkörper kommen, wodurch sich die sogenannten Schmorl-Knorpelknötchen bilden, die typisch für Morbus Scheuermann sind. Eine Körperhaltung mit Rundrücken übt vermehrten Druck auf die vordere Seite der Wirbelkörper aus und fördert so das keilförmige Wachstum der Wirbel. Schnelles Wachstum, eine hohe Körpergröße und erbliche Einflüsse spielen ebenfalls eine Rolle. Aber auch Leistungssport oder körperliche Arbeit können bei Jugendlichen die Wirbelkörper verformen, früher wurde der Rundrücken daher auch als Lehrlingssrücken bezeichnet. Heute führt eher schlaffe Muskulatur und viel Sitzen bei schlechter Haltung, zum Beispiel vor dem Computer, zu einem Rundrücken bei Jugendlichen.

Symptome und Diagnose

In vielen Fällen verursacht Morbus Scheuermann in der Entstehungsphase kaum Beschwerden, insbesondere bei leichten bis mittelschweren Formen. Die Diagnose wird oft erst später im Leben gestellt, wenn anhaltende Rückenschmerzen auftreten.

Mögliche Symptome sind:

  • Eine verstärkte Krümmung der Brustwirbelsäule (Hyperkyphose), die zu einem Rundrücken oder Buckel führt.
  • Eingeschränkte Beweglichkeit des Oberkörpers, insbesondere Schwierigkeiten beim Drehen.
  • Rückenschmerzen, die in Arme und Beine ausstrahlen können oder zu Muskelverspannungen im Nacken- und Schulterbereich führen.
  • In schweren Fällen kann die Atmung beeinträchtigt sein.
  • Psychische Belastung durch das veränderte Erscheinungsbild.

Diagnosestellung:

  • Körperliche Untersuchung: Der Arzt beurteilt die Wirbelsäule im Stehen und im Vierfüßlerstand, um die Krümmung zu beurteilen. Im Vierfüßlerstand gleicht sich eine schlechte Haltung aus, bei Morbus Scheuermann bleibt die Wölbung der Wirbelsäule jedoch deutlich sichtbar, da die Wirbel in dem Rundrücken fixiert sind. Der Arzt prüft auch, ob der Patient durch aktives Aufrichten die Rückenfehlstellung komplett korrigieren kann.
  • Schober-Test: Dieser Test dient zur Prüfung der Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule. Der Arzt setzt zwei Hautmarkierungen beim Patienten in aufrechter Position mit einem Abstand von 10 cm. Der Patient beugt sich dann so weit wie möglich nach vorne. Beim Gesunden vergrößert sich der Abstand zwischen den Markierungen um 5 cm. Bei Morbus Scheuermann ist der Abstand verkürzt.
  • Ott-Test: Der Ott-Test dient zur Prüfung der Restbeweglichkeit der Brustwirbelsäule. Der Arzt legt zwei Hautmarkierungen beim Patienten fest und misst jeweils nach maximalem Vorbeugen und Zurückbeugen ihren Abstand. Bei Morbus Scheuermann ist der Abstand der Markierungen, der normalerweise 32 cm bzw. 29 cm beträgt, verkürzt.
  • Röntgenaufnahmen: Röntgenaufnahmen der Wirbelsäule sind entscheidend, um die Diagnose zu sichern. Auf dem Röntgenbild sind die typischen Keilwirbel, Veränderungen an den Grund- und Deckplatten der Wirbelkörper sowie Schmorl-Knötchen erkennbar. Anhand des Röntgenbefundes bestimmt der orthopädische Spezialist den Cobb-Winkel der Wirbelsäule des Patienten. Der Cobb-Winkel der normalen Kyphose der Brustwirbelsäule (BWS) liegt zwischen 20 und 40 Grad. Zeigen sich im Röntgen mindestens drei benachbarte, keilförmig veränderte Wirbel, gilt die Diagnose Morbus Scheuermann als gesichert.

Therapie

Ziel der Behandlung von Morbus Scheuermann ist es, die Wirbelsäule zu entlasten, Schmerzen zu lindern und die weitere Verkrümmung der Wirbelsäule zu verhindern. Die Therapie richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung und dem Alter des Patienten.

Konservative Behandlung:

  • Krankengymnastik und Physiotherapie: Gezielte Übungen helfen, die Muskulatur zu stärken, die Wirbelsäule zu stabilisieren und die Haltung zu verbessern. Ein starker Rücken sorgt für eine aufrechte Haltung. Typische Übungen sind Dehnübungen für die Brustmuskulatur und Kräftigungsübungen für die Rückenmuskulatur. Eine sehr wirksame physiotherapeutische Methode zur Selbstaufrichtung der Brustwirbelsäule ist die atemtherapeutische Krankengymnastik nach Katharina Schroth.
  • Kyphosekorsett: Bei einer stärkeren Krümmung (ab etwa 45 Grad) und wenn das Wachstum noch nicht abgeschlossen ist, kann das Tragen eines Korsetts sinnvoll sein. Das Korsett soll die Wirbelsäule aufrichten und eine weitere Verformung verhindern. Es wird dabei eine sogenannte reklinierende Orthese eingesetzt, die durch aktive Mithilfe des Patienten den Rücken wieder aufrichtet. Das Kyphosekorsett dient somit einer dauerhaften Korrektur, indem es den Träger immer wieder zur aufrechten Haltung animiert.
  • Schmerzlinderung: Bei Bedarf können Schmerzmittel und muskelentspannende Medikamente eingesetzt werden.
  • Gewichtsreduktion: Übergewicht belastet die Wirbelsäule zusätzlich.

Operative Behandlung:

Eine Operation kommt nur in seltenen Fällen in Frage, beispielsweise bei einer sehr starken Krümmung (ab etwa 60 Grad bei Erwachsenen) oder wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichend helfen. Bei der Operation werden die Wirbel aufgerichtet und versteift (Spondylodese). Die Operationsmethode ist eine kombinierte Technik (Aufrichtungsspondylodese und dorsale Kompression): Die Wirbel werden aufgerichtet und an der Rückseite stabilisiert. Durch die Aufrichtung der Wirbel vergrößert sich der Raum zwischen den Keilwirbeln auf der Innenseite. Der Zwischenraum wird mit Knochenmaterial des Patienten aufgefüllt. Bei alleiniger Stabilisierung der Rückseite der Wirbel kommt es häufiger zu Komplikationen, bespielweise können die Stäbe, die die Rückseite der Wirbel stabilisieren, eher brechen.

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Spätfolgen und Nervenschmerzen

Auch bei Erwachsenen kommt es häufiger zu Beschwerden bei einer Erkrankung der Lendenwirbelsäule. Eine Krümmung in der Brustwirbelsäule kann auch bei Erwachsen schmerzfrei bleiben. Eine gut trainierte Rückenmuskulatur ist dabei hilfreich. Der Rundrücken der Brustwirbelsäule wird durch eine verstärke Verbiegung (Hohlkreuz) in der Lendenwirbelsäule ausgeglichen. Auch dadurch können Schmerzen und Verschleißerscheinungen in der Lendenwirbelsäule auftreten.

Mit Abschluss des Wachstums schreitet die Erkrankung in der Regel nicht weiter fort. Die Wölbung der Wirbelsäule bleibt stabil. Unter Rückenschmerzen leiden die Betroffenen meist erst als Erwachsene. Eine überdehnte Rückenmuskulatur und Verschleißerscheinungen an Wirbeln und Bandscheiben können Probleme bereiten.

Sehr starke Verkrümmungen ab 65 Grad haben eine schlechtere Prognose, sie können auch nach Abschluss des Wachstums noch weiter fortschreiten. Eine Krümmung der Brustwirbelsäule von mehr als 100 Grad kann die Lungenfunktion einschränken.

Mögliche Spätfolgen von Morbus Scheuermann sind:

  • Chronische Rückenschmerzen
  • Bandscheibenschäden und Bandscheibenvorfälle
  • Verschleiß der Wirbelgelenke (Spondylarthrose)
  • Muskelverspannungen
  • Einschränkung der Lungenfunktion (bei starker Krümmung)
  • Neurologische Ausfälle durch Druck auf Nervenbahnen (selten)

Die durch Morbus Scheuermann verursachten Veränderungen der Wirbelsäule können im Laufe der Zeit zu Nervenreizungen und Nervenschmerzen führen. Dies kann durch die veränderte Belastung der Bandscheiben, die Entstehung von Arthrose in den Wirbelgelenken oder durch direkten Druck auf Nervenwurzeln entstehen. Die Schmerzen können lokal im Rücken auftreten oder in andere Körperregionen ausstrahlen, beispielsweise in Arme oder Beine.

Vorbeugung und Selbsthilfe

Obwohl Morbus Scheuermann vermutlich eine erbliche Komponente hat, gibt es Möglichkeiten, das Risiko einer Wirbelsäulenverkrümmung zu verringern:

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  • Frühzeitige Förderung einer guten Körperhaltung: Eltern sollten darauf achten, dass Kinder eine aufrechte Sitzhaltung einnehmen und nicht krumm am Schreibtisch sitzen.
  • Regelmäßige Bewegung: Sportarten, die die Rückenmuskulatur stärken und die Wirbelsäule mobilisieren, sind ideal. Dazu gehören Schwimmen, Gymnastik, Yoga und Pilates.
  • Vermeidung von Fehlbelastungen: Langes Sitzen in ungünstiger Haltung sollte vermieden werden.
  • Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung: Bei sitzenden Tätigkeiten sollte auf einen ergonomischen Arbeitsplatz geachtet werden.

Spezialisten für Morbus Scheuermann

Bei Verdacht auf Morbus Scheuermann sollte ein Arzt aufgesucht werden. In der Regel wird der Hausarzt oder Kinderarzt den Patienten an einen Orthopäden überweisen. Es gibt auch Ärzte, die sich auf Kinderorthopädie spezialisiert haben. Diese sind oft gute Ansprechpartner bei Kindern und Jugendlichen mit Morbus Scheuermann.

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