Einführung
Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind weit verbreitet und können sich auf verschiedene Organsysteme auswirken. Während gastroenterologische Symptome im Vordergrund stehen, können sich Unverträglichkeiten, insbesondere Glutenunverträglichkeiten, auch neurologisch manifestieren. Dieser Artikel beleuchtet die neurologischen Aspekte von Glutenunverträglichkeiten, insbesondere die Rolle der Transglutaminase 6 (TG6) bei der Diagnose und potenziellen Pathogenese dieser Erkrankungen.
Glutenunverträglichkeit: Ein Überblick
Der Begriff Glutenunverträglichkeit umfasst verschiedene Erkrankungen, die mit dem Verzehr von Gluten in Verbindung stehen. Dazu gehören:
- Zöliakie (Glutensensitive Enteropathie): Eine Autoimmunerkrankung, die durch eine Entzündung des Dünndarms als Reaktion auf Gluten gekennzeichnet ist.
- Weizenallergie: Eine allergische Reaktion auf Weizenbestandteile, die von IgE-vermittelten Reaktionen bis hin zu anderen Immunmechanismen reichen kann.
- Glutensensitivität (Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie): Eine Erkrankung, die durch intestinale und extraintestinale Symptome nach dem Verzehr von Gluten gekennzeichnet ist, aber weder die Kriterien für Zöliakie noch für Weizenallergie erfüllt.
Neurologische Manifestationen der Glutenunverträglichkeit
Obwohl Glutenunverträglichkeiten primär mit gastroenterologischen Symptomen assoziiert werden, können sie sich auch in anderen Organen manifestieren, einschließlich der Haut (Dermatitis herpetiformis Duhring) und des Gehirns (z. B. Gluten-Ataxie).
Transglutaminase 6 (TG6): Ein Schlüsselautoantigen
Transglutaminase 6 (TG6) ist ein Enzym, das zur Familie der Transglutaminasen gehört und eine wichtige Rolle bei der Vernetzung von Proteinen spielt. Es wird angenommen, dass TG6 als Autoantigen bei glutenbedingten neurologischen Erkrankungen fungiert. Ablagerungen von IgA-Antikörpern, die gegen TG6 gerichtet sind, wurden in Blutgefäßen von Kleinhirngewebe von Patienten mit Gluten-Ataxie beobachtet.
TG6 wird im zerebellären Kortex (in Purkinje-Zellen) und im Thalamus (einem motorischen Kontrollzentrum) exprimiert. Bei Patienten mit Gluten-bedingten neurologischen Erkrankungen wurden signifikante Thalamusatrophie und eine Tendenz zur zerebellären Atrophie beobachtet, was mit dem Verlust von TG6-Neuronen zusammenhängen könnte, was möglicherweise zu einer Beeinträchtigung der GABAergen inhibitorischen Bahnen führt.
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TG6 in der Diagnostik Gluten-assoziierter Erkrankungen
Die serologische Testung auf Antikörper gegen humane neuronale Transglutaminase 6 (TG6) eröffnet die Möglichkeit, Patienten mit einem erhöhten Risiko für neurologische Manifestationen einer Glutenunverträglichkeit zu identifizieren.
TG6-Autoantikörper bei Zöliakie
Etwa ein Viertel der erwachsenen Zöliakiepatienten weisen neurologische Symptome auf. Anti-TG6-Antikörper können bei bis zu 85 % der Zöliakiepatienten mit neurologischer Beteiligung nachgewiesen werden. Dies kann einerseits durch eine Kreuzreaktivität der TG2-Autoantikörper mit TG6 erklärt werden, andererseits können auch direkt Autoantikörper gegen andere Mitglieder der Transglutaminase-Familie, insbesondere gegen TG6, entstehen.
Patienten, die sich nicht strikt glutenfrei ernähren, entwickeln vermehrt Antikörper gegen TG6. Die Nichteinhaltung einer glutenfreien Diät (GFD) erhöht das Risiko für neurologische Manifestationen der Glutenunverträglichkeit, wobei das Risiko mit der Dauer der Glutenexposition steigt. Die Untersuchung auf TG6-Autoantikörper kann helfen, Zöliakiepatienten mit einem Risiko für neurologische Erkrankungen zu identifizieren und sie zu einer strikten GFD zu motivieren, um möglichen neurologischen Begleiterkrankungen vorzubeugen.
TG6-Autoantikörper bei Glutensensitivität (NCGS)
Die Leitlinien empfehlen bei Verdacht auf Zöliakie primär die Testung auf Autoantikörper gegen TG2. Etwa ein Drittel der symptomatischen Patienten, die negativ auf TG2 getestet wurden, haben jedoch isoliert Autoantikörper gegen andere Transglutaminasen gebildet. Die Prävalenz positiver TG6-Autoantikörper ist bei Patienten mit diagnostizierter Zöliakie oder NCGS vergleichbar. Auch ähneln sich in diesem Fall die dokumentierten neurologischen Symptome, die auch mit vergleichbarer Häufigkeit auftreten. Die Bestimmung von Autoantikörpern gegen TG6 liefert NCGS-Patienten eine klare Diagnose, die Möglichkeit einer gezielten Behandlung durch eine strikt glutenfreie Diät und verringert das Risiko für neurologische Erkrankungen.
Gluten-Ataxie (GA)
Die Gluten-Ataxie (GA) macht 15 % aller Ataxien aus, betrifft insbesondere Patienten über 50 Jahre und ist gekennzeichnet durch ein allmähliches Auftreten von Gangataxie, verbunden mit peripherer Neuropathie. Gelegentlich kann sie schnell fortschreitend sein, ähnlich wie bei der paraneoplastischen zerebellären Degeneration. Bei entsprechendem Verdacht ist der Nachweis von Auto-Antikörpern gegen TG6 spezifisch für eine GA. Entsprechend wird diese Untersuchung auch von der Leitlinie für die Diagnostik und Behandlung progressiver Ataxien als sensitiver Marker für eine Gluten-induzierte Ataxie empfohlen. Bei positivem Testergebnis sollte auch bei fehlender Enteropathie eine strikt glutenfreie Diät erfolgen.
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TG6-Autoantikörper zur Diagnose der Gluten-Neuropathie
Neben der Gluten-Ataxie kann auch eine Gluten-Neuropathie auftreten. Sie äußert sich in einer Schwäche der Extremitäten, Taubheitsgefühl oder Kribbeln bis hin zu neuropathischen Schmerzen in Händen und Füßen. Auto-Antikörper gegen TG6 dienen in diesem Fall der Diagnose der Gluteninduzierten Neuropathie. Auch in diesem Fall ist eine strikt glutenfreie Diät indiziert.
Prävalenz von TG6-Autoantikörpern bei ausgewählten Erkrankungen
Die Prävalenz von TG6-Autoantikörpern variiert je nach Erkrankung:
- Gluten-Ataxie: 73 %
- Zöliakie-Patienten: 40 %
- Zöliakie-Patienten mit nachgewiesener neurologischer Beteiligung: 85 %
- NCGS-Patienten mit neurologischen Symptomen: 60 %
- Zerebralparesen: 15 %
- Schizophrenie (Zöliakie-AAk negativ): 13 %
- Gesunde: < 4 %
Differentialdiagnose behandelbarer Ataxien
Neben der Gluten-Ataxie gibt es weitere Ataxien, die behandelbar sind. Daher ist die Diagnose dieser Erkrankungen ebenfalls wichtig und sollte differentialdiagnostisch berücksichtigt werden.
| Ataxie-Auslöser | Diagnostik |
|---|---|
| Gluten | Transglutaminase 6-AAk im Serum |
| Vitamin B12-Mangel/ Autoimmungastritis | Gesamt-Vitamin B12, HoloTC, MMA, Parietalzell-/IntrinsicFaktor-AAk im Serum, Homocystein im Citrat-Plasma |
| Vitamin B1 Mangel/ Alkoholismus | B-Vitaminstatus bioaktiv |
| Vitamin E-Mangel/ Abetalipoproteinämie | Vitamin E im Serum (24H) LDL und VLDL im Serum |
| Zerebrotendinöse Xanthomatose | Cholestanol im Serum, CYP27A1-Mutation |
| Morbus Niemann-Pick Typ C (Lipidspeicherkrankheit) | Untersuchung des Cholesterol-Stoffwechsels, Neurogenetische Diagnostik auf NPC1 und NPC2 Gen |
| Vergiftung durch Alkohol, Medikamente, toxische Metalle | Medikamentenspiegel, B-Vitaminstatus bioaktiv, Toxische Metalle im EDTA-Blut |
| Infektionen | Syphilis, Herpes Zoster, Eppstein-Barr-Virus, HIV, Borreliose |
| Paraneoplatische Syndrome | Internistische Diagnostik |
Nahrungsmittelunverträglichkeiten allgemein
Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind weit verbreitet. Schätzungen zufolge sind 20 % der erwachsenen Bevölkerung in Industrieländern davon betroffen. Sie umfassen Beschwerden unterschiedlicher Genese:
- Nahrungsmittelallergie: Eine immunologisch bedingte Reaktion, bei der der Körper spezifische Antikörper produziert.
- Nahrungsmittelintoleranz: Eine nicht-immunologische Reaktion, die meist auf einem Enzymmangel beruht.
Die Symptome von Nahrungsmittelunverträglichkeiten können vielfältig sein und ähneln sich oft, was die Diagnosestellung erschwert.
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Symptome von Nahrungsmittelunverträglichkeiten
Menschen mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten erleben nach dem Verzehr des unverträglichen Nahrungsmittels meist gastrointestinale Symptome wie Blähungen, Bauchschmerzen, Diarrhö, Völlegefühl und Übelkeit. Aber auch weniger spezifische Symptome sind möglich, wie Atemnot, Kopfschmerzen, Depression, Unruhe und Zittern.
| Häufige Symptome | Weniger häufige Symptome | Seltene Symptome | Sehr seltene Symptome |
|---|---|---|---|
| Blähungen | Krampfartige Bauchschmerzen | Orales Kribbeln | Urtikaria |
| Diarrhö | Flush | Ekzeme | Erbrechen |
| Völlegefühl | Übelkeit | Apathie | Gedeihstörung |
Diagnose von Nahrungsmittelunverträglichkeiten
Die Diagnose von Nahrungsmittelunverträglichkeiten kann eine Herausforderung darstellen, da die Symptome oft unspezifisch sind und sich mit anderen Erkrankungen überschneiden können. Eine differenzierte Diagnostik ist entscheidend, um zwischen Intoleranz und Allergie zu unterscheiden. Hierzu gehören:
- Detaillierte Anamnese: Erhebung der Krankheitsgeschichte und aktueller Beschwerden.
- Symptom- und Ernährungstagebuch: Dokumentation der Symptome im Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme.
- Klinische und labordiagnostische Untersuchungen: Tests zur Bestimmung von Antikörpern, Enzymmangel oder anderen relevanten Markern.
Die Rolle der Neurogastroenterologie
Die Neurogastroenterologie ist ein medizinischer Fachbereich, der sich mit der Erforschung und Behandlung von Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts befasst, die durch Störungen des enterischen Nervensystems verursacht werden. Das enterische Nervensystem, auch "Bauchhirn" genannt, steuert die Verdauungsprozesse im Magen-Darm-Trakt.
Reizdarmsyndrom (RDS)
Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist eine häufige neurogastroenterologische Erkrankung, die durch unkoordinierte Verdauung, Durchfall oder Verstopfung, Schmerzen und Blähungen gekennzeichnet ist. Die Forschung hat gezeigt, dass beim RDS eine Mikroentzündung im Bereich des enterischen Nervensystems besteht, die zu einer Störung der Nervenfunktion im Magen-Darm-Trakt führt.
Hirn-Bauch-Achse
Die Hirn-Bauch-Achse beschreibt die bidirektionale Kommunikation zwischen dem Gehirn und dem Magen-Darm-Trakt. Stress und chronischer Stress können diese Achse beeinflussen und zu neurogastroenterologischen Erkrankungen beitragen. Umgekehrt können chronische Beschwerden im Bauchraum psychische und psychosomatische Erkrankungen auslösen.
Selbsthilfestrategien
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, neurogastroenterologischen Erkrankungen oder Störungen vorzubeugen oder zu lindern:
- Entspannungs- und Atemübungen: Autogenes Training oder Yoga können positiv auf Bauchbeschwerden einwirken.
- Stressmanagement: Techniken zur Stressbewältigung können helfen, die Hirn-Bauch-Achse zu stabilisieren.
- Ernährungsumstellung: Eine ausgewogene Ernährung und der Verzicht auf unverträgliche Nahrungsmittel können die Symptome lindern.
Neurologische Untersuchung
Die Neurologie ist der medizinische Fachbereich, der sich mit dem Nervensystem und seinen Erkrankungen befasst. Eine neurologische Untersuchung kann helfen, Beeinträchtigungen des Nervensystems zu erkennen. Zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen zählen Kopfschmerzen und Migräne.
Migräne
Eine Migräne ist eine chronische Erkrankung, die nicht heilbar ist, aber mit einer gezielten Therapie können die Symptome deutlich reduziert und die Häufigkeit der Anfälle vermindert werden.
Funktionelle neurologische Störungen
Funktionelle neurologische Störungen sind neurologische Symptome, die nicht auf eine Schädigung von Organen zurückgehen.
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