Die Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der weltweit etwa eine von sieben Personen betroffen ist. Sie zeichnet sich durch wiederkehrende Kopfschmerzen von mittlerer bis schwerer Stärke aus, die oft von Begleitsymptomen wie Übelkeit, Erbrechen und Licht- oder Geräuschempfindlichkeit begleitet werden. Bei einigen Patient:innen treten vor oder während der Kopfschmerzen neurologische Störungen auf, die als Aura bezeichnet werden. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und neue Therapieformen der Migräne mit Aura.
Was ist Migräne mit Aura?
Die Migräne ist eine Erkrankung des Gehirns, bei der es zu einer spontanen Aktivierung von Nervenzellen kommt, die von den Patient:innen als Schmerzen mit mittlerer bis schwerer Stärke wahrgenommen werden. Typisch sind pulsierende, klopfende, hämmernde seitenbetonte Schmerzen des Kopfes, die durch körperliche Bewegung verstärkt werden und ohne Behandlung 4 - 72 Stunden anhalten. Dazu bestehen Zusatzsymptome wie eine Überempfindlichkeit gegenüber Licht und/oder Geräuschen, seltener eine abnormale Geruchsempfindlichkeit sowie Übelkeit bis zu Erbrechen.
Die Aura ist ein neurologisches Phänomen, das bei etwa einem Drittel der Migränepatienten auftritt. Sie äußert sich in vorübergehenden neurologischen Störungen, die in der Regel 5 bis 60 Minuten andauern. Die häufigsten Aurasymptome sind visueller Natur, wie z.B. einseitige wandernde Lichtblitze oder sich bewegende farbige Bilder vor den Augen. Es können aber auch Sprachstörungen, Taubheitsgefühle im Gesicht oder anderen Körperteilen auftreten.
Prof. Dr. Kollewe erklärt, dass es sich bei einer Aura um neurologische Störungen handelt, die über Minuten an- und abklingen. Die häufigsten Auren sind visueller Art, dabei sehen die Patient:innen beispielsweise Lichtblitze, Zickzack-Linien oder Doppelbilder. Auch Gefühlsstörungen oder Sprachstörungen können auftreten.
Ursachen der Migräne mit Aura
Die Ursachen von Migräne mit Aura sind vielschichtig und werden durch eine Kombination von genetischen, persönlichen und umweltbedingten Faktoren beeinflusst.
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Genetische Faktoren
Genetische Faktoren spielen eine bedeutende Rolle bei der Entstehung von Migräne. Studien haben gezeigt, dass das Risiko, an Migräne zu erkranken, bei Personen mit Familienangehörigen, die ebenfalls an Migräne leiden, deutlich erhöht ist. Bestimmte Genvarianten wurden hierbei mit einem erhöhten Risiko für Migräne mit Aura in Verbindung gebracht.
Neurologische und biochemische Mechanismen
Es wird davon ausgegangen, dass eine komplexe Wechselwirkung zwischen neurochemischen Prozessen im Gehirn, der Dysregulation von Neurotransmittern und einer gesteigerten neuronalen Erregbarkeit eine Rolle spielt. Die Wissenschaft hat die genauen Ursachen der kurzzeitigen Veränderung in der Gehirnaktivität bislang nicht vollständig verstanden, wobei sich unser Erkenntnisstand in den letzten Jahren insbesondere durch moderne bildgebende Untersuchungsmöglichkeiten deutlich erweitert hat. Konkret erfolgt eine Aktivierung des sogenannten trigeminovaskulären Systems im Gehirn, sodass schmerzvermittelnde Botenstoffe (Neurotransmitter oder Hormone) ausgeschüttet werden. Die übermäßig ausgeschütteten Botenstoffe wirken auf unterschiedliche Strukturen im Gehirn.
Triggerfaktoren
Für viele Betroffene, die an Migräne mit Aura leiden, können bestimmte Triggerfaktoren Anfälle auslösen. Zu den häufigsten Triggern gehören Stress, hormonelle Veränderungen, Schlafmangel, bestimmte Lebensmittel und Getränke, intensive Gerüche, grelles Licht und starke körperliche Anstrengung, manchmal sogar Entlastung („Wochenendmigräne“). Um Migräneattacken effektiv zu vermeiden, ist es wichtig, seinen Kopfschmerz gut kennenzulernen, mögliche auslösende Faktoren ausfindig zu machen und diese zu vermeiden. Hierzu können Nahrungsmittel wie Alkohol, Weglassen von regelmäßigem Koffeinkonsum oder bestimmte Medikamente gehören. Diese Auslöser dürfen aber nicht überinterpretiert werden. Wichtig ist hier nicht nur die Menge, sondern auch der Zeitpunkt der Einnahme.
Diagnose
Bei wiederkehrenden Kopf- und Gesichtsschmerzen, die den Alltag beeinträchtigen, sollte zuerst eine fachärztliche Vorstellung in einer neurologischen Praxis erfolgen. Die Diagnose einer Migräne kann hauptsächlich über die Anamnese gestellt werden. Häufig werden aber apparative und laborchemische Verfahren eingesetzt, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen zu erfassen bzw. auszuschließen. Theoretisch kann der oder die Hausärzt:in eine Migräne diagnostizieren. Wenn man häufig Kopfschmerzen hat, sollte man diese auf jeden Fall ärztlich abklären lassen, so Prof. Dr. Kollewe. Sollte es gehäuft zu Migräneattacken kommen, ist es unbedingt notwendig, sich von einem Neurologen beraten und behandeln zu lassen. Diesem hilft es ungemein, wenn sie einen Kopfschmerzkalender führen, in dem Sie eintragen, wie oft, in welcher Qualität und in welcher Situation die Beschwerden auftreten.
Im Kopfschmerzzentrum der Charité werden jährlich über 2.000 Patient:innen mit Kopf- und Gesichtsschmerzen versorgt. Zu den behandelnden Ärztinnen und Ärzte gehören: Dr. med. Mira Pauline Fitzek, Dr. med. Carolin Höhne, Dr. med. Kristin Sophie Lange, PD Dr. Bianca Raffaelli, Prof. Dr. Uwe Reuter, Yones Salim und Dr. med. Gastwissenschaftler PD Dr. Das.
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Behandlung der Migräne mit Aura
Die Behandlung der Migräne mit Aura zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Sie umfasst sowohl Akutmedikation zur Behandlung der akuten Schmerzen als auch prophylaktische Maßnahmen zur Vorbeugung von Anfällen.
Akutmedikation
Es gibt Akut-Medikamente wie bestimmte nicht-steroidale Antiphlogistika, zum Beispiel ASS, Ibuprofen oder Metamizol, die bei leichten bis mittelschweren Attacken eingenommen werden können. Bei mittelschweren und schweren Attacken gibt es spezifische Migräne-Medikamente, zum Beispiel die Triptane. Diese sollen sogar möglichst frühzeitig eingenommen werden, um die Migräne-Attacke in den Griff zu bekommen. Wenn sich die Attacken häufen, muss man darauf achten, nicht zu viel von diesen Medikamenten einzunehmen, da sie wiederum selber Kopfschmerzen auslösen können.
Prophylaktische Behandlung
Eine Prophylaxe kann die Migräne nicht heilen und muss mindestens über drei Monate erfolgen, um die Wirksamkeit beurteilen zu können. Eine Prophylaxe ist dann wirksam, wenn sie die Häufigkeit der Kopfschmerzen halbieren kann. Zur Prophylaxe werden Medikamente wie beta-Blocker oder Calciumantagonisten verschrieben, also Medikamente, die sonst bei der Behandlung des Bluthochdruckes zum Einsatz kommen. Oft ist die Einnahme über sechs bis zwölf Monate notwendig, bevor man wieder über ein Absetzen dieser Prophylaxe nachdenken kann. Individuell muss das richtige Medikament ausgetestet werden. In schwierigen Fällen kann eine Prophylaxe mit Antikonvulsiva in geringer Dosierung helfen.
Neben Medikamenten können auch nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Prophylaxe beitragen. Dazu gehören Ausdauersportarten wie Schwimmen oder Joggen sowie Entspannungsverfahren, wie zum Beispiel die progressive Muskelentspannung nach Jakobson.
Neue Therapieformen
Lange Zeit mussten Patient:innen auf prophylaktische Medikamente zurückgreifen, die eigentlich zur Therapie anderer Erkrankungen entwickelt wurden, beispielsweise gegen Depression, Epilepsie oder Bluthochdruck, da es keine spezifischen Migränemittel gab. Dann kamen Triptane auf den Markt, eine Akutmedikation, die vielen gut hilft.
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Prof. Dr. Kollewe informiert über neuere Therapieformen:
- Botox®: Zur Prophylaxe ist seit dem Jahr 2011 Botox® bei chronischer Migräne zugelassen. Botox® ist ausschließlich für die Behandlung der chronischen Migräne zugelassen, also wenn die Migräne länger als 3 Monate besteht und mehr als 15 Tage im Monat Kopfschmerzen auftreten, wovon die Hälfte migräneartig sind. Botox® wird dabei circa alle 3 Monate in die Stirn-, Schläfen- und Nackenmuskulatur gespritzt. Botox® ist eine elegante, nebenwirkungsarme Therapieform, die sich in vielen Studien als wirksam erwiesen hat und einen positiven Effekt auf die Lebensqualität hat.
- CGRP-Antikörper: Seit Ende 2018 sind die Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP)-Antikörper auf dem Markt, diese sind gut verträglich und die Patient:innen injizieren sich das Medikament einmal im Monat selbst. Die CGRP-Antikörper sind für Patient:innen, die mehr als vier Mal im Monat Migräne haben. Die CGRP-Antikörper sind spezifisch für die Migräne entwickelt und der größte Vorteil ist die gute Verträglichkeit. Auch hier zeigen viele verschiedene Studien die Wirksamkeit gegenüber einem Placebo und den guten Effekt auf die Lebensqualität.
- Lasmiditan: Seit März dieses Jahres ist ein weiteres spezifisches Akut-Medikament, Lasmiditan, verfügbar (Anm. Red.: eignet sich beispielsweise für Patient:innen, die Triptaen nicht nehmen dürfen oder nicht vertragen).
Multimodale Therapie
Für Patient:innen mit chronischer Migräne und anderen chronischen Kopfschmerzen (z. B. chronischer Spannungskopfschmerzen) bietet das Kopfschmerzzentrum der Charité ein intensives ambulantes Behandlungsprogramm an (IV Kopfschmerz Spezial). Hierbei werden die Patient:innen von Neurolog:innen gemeinsam mit Psycholog:innen, Krankengymnast:innen, Sportwissenschaftler:innen und in Kopfschmerz geschultem Pflegepersonal behandelt. Diese als multimodal und multiprofessionell bezeichnete Behandlungsform wird nur an wenigen Einrichtungen mit Schwerpunkt Kopfschmerzen in Deutschland angeboten. Im Rahmen dieser besonderen Behandlung lernen Sie einen hilfreichen Umgang mit Kopfschmerztriggern, sowie vorbeugende medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlungsstrategien (z.B. Entspannungsverfahren) kennen. Psycholog:innen betreuen sie im Rahmen dieses Programms sowohl in der Einzel- als auch Gruppentherapie. Physiotherapeut:innen beurteilen ihren Bewegungsapparat - im Besonderen die Hals- und Nackenbeweglichkeit - und zeigen Ihnen auf, wie Ausdauersport zur Vorbeugung der Kopfschmerzen erlernt werden kann.
Forschung
Als universitäres Kopfschmerzzentrum ist die Forschung ein zentrales Anliegen. Zur Evaluation innovativer prophylaktischer und akut-medikamentöser Behandlungsmethoden führen wir klinische Studien zu neuen Substanzklassen durch. Hierbei wird das Prüfpräparat mit einem Placebo (Phase II und Phase III Studien) oder einer bestehenden Regelversorgung (Phase IV Studien) verglichen und hinsichtlich Effektivität sowie Sicherheit beurteilt. Neben den klassischen Medikamentenstudien beschäftigen wir uns in mehreren klinischen Studien mit der Untersuchung von klinischen (z.B. Kopfschmerztage, Begleitsymptome, erfolgte Therapien) und paraklinischen Parametern (z.B. Laborparameter und bildgebende Untersuchungen) unterschiedlicher primärer sowie sekundärer Kopfschmerzerkrankungen. Das Studiendesign ist dabei variabel und kann von einer einmaligen Untersuchung/Befragung hin zu einer längeren Beobachtungsperiode mit mehreren Studienvisiten reichen.
Risikofaktoren
Prof. Dr. Kollewe weist darauf hin, dass das Risiko einen Schlaganfall zu erleiden bei Migränepatient:innen erhöht ist. Das stimmt nur für eine bestimmte Gruppe: Bei Frauen unter 55 Jahren ist die Migräne mit Aura ein unabhängiger Risikofaktor für einen Schlaganfall, wenn eine langjährige Krankheitsdauer und eine hohe Attackenanzahl vorliegt.