Neuromuskuläre Dysbalance: Definition, Ursachen und Therapie

Muskuläre Dysbalancen sind weit verbreitet und können vielfältige Beschwerden verursachen. Dieser Artikel beleuchtet die Definition, Ursachen und Therapiemöglichkeiten dieser Ungleichgewichte, um ein umfassendes Verständnis für Betroffene und Interessierte zu schaffen.

Einführung

Die neuromuskuläre Balance ist entscheidend für eine gesunde Körperfunktion. Sie ermöglicht flüssige, koordinierte Bewegungen und eine stabile Haltung. Wenn dieses Gleichgewicht gestört ist, spricht man von einer neuromuskulären Dysbalance. Diese kann sich in verschiedenen Formen manifestieren und unterschiedliche Ursachen haben.

Was ist Muskelaktivität?

Muskelaktivität bezieht sich auf die elektrische und mechanische Reaktion eines Muskels auf einen Impuls des Nervensystems. Dabei ziehen sich Muskelfasern zusammen, was Bewegungen ermöglicht und für Haltung, Stabilität sowie Körperfunktionen wie Atmung und Kreislauf entscheidend ist. Jede Bewegung, vom Augenblinzeln bis zum Sprint, beruht auf präziser Muskelaktivierung. Sie ist messbar durch Elektromyografie (EMG) und bildet die Grundlage für Muskelanalysen, funktionelles Training und therapeutische Maßnahmen.

Aktive Muskulatur unterstützt nicht nur die Bewegung, sondern auch die Stabilisierung von Gelenken, den Erhalt der Knochendichte sowie den Stoffwechsel. Durch eine gesunde, ökonomische und balancierte Muskelaktivierung - etwa über EMG Biofeedback Training - kann Verletzungen vorgebeugt werden. Zudem beeinflusst Muskelaktivität das Herz-Kreislauf-System positiv, reguliert den Blutzuckerspiegel und spielt eine bedeutende Rolle in der Schmerzregulation. Darüber hinaus fördert gezielte Muskelarbeit die Durchblutung, den Lymphfluss und die hormonelle Balance.

Was ist eine neuromuskuläre Dysbalance?

Eine muskuläre Dysbalance (auch Muskelungleichgewicht genannt) liegt vor, wenn ein Ungleichgewicht zwischen einem Muskel (Agonist) und seinem gegenüberliegenden Gegenspieler (Antagonist) besteht. Ein solches Ungleichgewicht, z.B. zwischen Bauch- und Rückenmuskulatur, entsteht immer dann, wenn eine der beiden Muskelpartien stark beansprucht wird, während die jeweils andere Muskelpartie kaum Beanspruchung erfährt. Dieses Ungleichgewicht kann sich auf verschiedene Körperregionen auswirken und zu vielfältigen Problemen führen.

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Das Zusammenspiel von Agonisten und Antagonisten

Um das Wesen der muskulären Dysbalance zu verstehen, ist es wichtig zu betrachten, wie Muskeln zusammenarbeiten. Muskeln arbeiten nicht allein, sondern gemeinsam mit einem gegensätzlich arbeitenden Muskel (Antagonist). Agonist und Antagonist sind über das Nervensystem motorisch miteinander verbunden und übernehmen jeweils gegensätzliche Bewegungen.

Ein Beispiel: Der Bizeps (zweiköpfiger Oberarmbeuger) ist für die Beugung (Flexion) des Ellenbogengelenks verantwortlich, während der Trizeps (dreiköpfiger Oberarmmuskel) für die Streckung zuständig ist. Befindet sich der Bizeps in der Beugung, ist der Trizeps gestreckt und umgekehrt.

Auswirkungen des Ungleichgewichts

Bei einer muskulären Dysbalance ist einer der beiden Muskeln stärker ausgeprägt als der andere. Dies resultiert in einem Spannungsunterschied, der abhängig von der Intensität des Ungleichgewichts größer oder kleiner ausfällt. Im stärkeren Muskel herrscht dabei ein zu hoher Grundtonus (auch Neutralspannung), den man früher auch als Muskelverkürzung bezeichnet hat. Der schwächere Gegenspieler hingegen wird gleichzeitig überdehnt.

Genau genommen ist ein Muskelungleichgewicht von Haus aus keine Erkrankung. Jeder Mensch hat auf natürliche Weise das eine oder andere Muskelungleichgewicht. In der Regel sind diese Ungleichgewichte jedoch so schwach ausgeprägt, dass sie sich nicht bemerkbar machen und keine negativen Einflüsse mit sich bringen. Sobald eine muskuläre Dysbalance eine bestimmte Stärke erreicht, kann sie jedoch zu einem Problem werden.

Verspannungen und ihre Entstehung

Verspannungen entstehen, wenn Muskeln über einen längeren Zeitraum ununterbrochen oder unkontrolliert aktiv sind - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen. Diese unwillkürliche Muskelaktivität ist häufig die Folge von Stress, Schonhaltungen oder ungünstigen Bewegungsgewohnheiten. Während sie strukturell meist nicht sichtbar ist, lässt sie sich funktionell mit EMG nachweisen. Bleibt ein Muskel auch in Ruhe aktiv, so ist dies ein typisches Zeichen für muskuläre Überlastung oder Dysregulation.

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Die Rolle des neuromuskulären Zusammenspiels

Die Qualität unserer Haltung und Bewegung wird wesentlich durch das neuromuskuläre Zusammenspiel bestimmt. Eine ausbalancierte Muskelaktivierung ermöglicht stabile, flüssige und schmerzfreie Bewegungsabläufe. Fehlbelastungen, Asymmetrien oder eingeschränkte Beweglichkeit lassen sich oft auf muskuläre Ungleichgewichte oder eine gestörte Ansteuerung zurückführen.

Neuromuskuläre Ansteuerung beschreibt die Fähigkeit unseres Nervensystems, einzelne Muskeln oder Muskelgruppen gezielt, effizient und im richtigen Moment zu aktivieren. Die Steuerung dieses Prozesses erfolgt über das zentrale Nervensystem, das Signale über Motoneuronen an die Muskulatur sendet. Eine gestörte Ansteuerung führt oft zu unkoordinierter Bewegung, Kompensationen und erhöhtem Verletzungsrisiko. Mit einem EMG-Gerät kann die Qualität dieser Ansteuerung sichtbar gemacht und durch Biofeedback trainiert werden.

Reduzierte Muskelaktivität und ihre Folgen

Eine dauerhaft reduzierte Muskelaktivität wirkt sich negativ auf nahezu alle körperlichen Systeme aus. Der Muskelabbau (Sarkopenie) führt zu Instabilität, Sturzrisiko und Abbau funktioneller Leistungsfähigkeit. Stoffwechselprozesse wie Insulinverwertung und Fettstoffwechsel verschlechtern sich und chronische Beschwerden wie Rückenschmerzen oder Gelenkprobleme nehmen zu. Im Alter erschwert eine zu geringe Muskelaktivität die Alltagsbewältigung und kann zur Pflegebedürftigkeit führen.

Nach Verletzungen ist die gezielte Reaktivierung der betroffenen Muskulatur essentiell für einen nachhaltigen Heilungsverlauf. Eine reduzierte oder fehlerhafte Muskelaktivierung kann den Reha-Verlauf erheblich verlangsamen. Ein wesentliches Ziel muss also sein, die neuromuskuläre Kontrolle wiederherzustellen, kompensatorische Muster zu vermeiden und die Muskelbalance wiederzuerlangen.

Eine balancierte und funktionelle Muskelaktivität ist ein Schlüsselelement moderner Prävention. Sie stabilisiert Gelenke, reduziert das Verletzungsrisiko und beugt chronischen Beschwerden vor.

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Ursachen muskulärer Dysbalancen

Muskuläre Dysbalancen entstehen, wenn bestimmte Muskeln überaktiv und andere unteraktiv sind. Ursachen können vielfältig sein:

  • Einseitige Belastung: Wiederholte, monotone Bewegungen oder Belastungen, die bestimmte Muskelgruppen stärker beanspruchen als andere.
  • Schonhaltungen: Unbewusste Körperhaltungen, die eingenommen werden, um Schmerzen zu vermeiden oder zu kompensieren.
  • Inaktivität: Mangelnde Bewegung und körperliche Aktivität führen zu einer Schwächung der Muskulatur.
  • Schmerzen: Schmerzen können dazu führen, dass bestimmte Muskeln vermieden werden, was zu einer Schwächung und Dysbalance führt.
  • Bewegungsmangel: Ein Mangel an vielfältigen Bewegungen, die unterschiedliche Muskelgruppen ansprechen, kann zu Ungleichgewichten führen.
  • Modernes Leben: Die Hauptursache für muskuläre Ungleichgewichte und die daraus resultierenden Folgen ist das moderne Leben, da der Körper nicht mehr ausgeglichen belastet wird. Vielmehr bestimmen einseitige Belastungen sowohl im Beruf als auch im Alltag das Leben.
  • Langes und fehlerhaftes Sitzen: Neben allgemeinem Bewegungsmangel ist es vor allem das lange und oft fehlerhafte Sitzen, das Ungleichgewichte begünstigt. Ein häufiges Beispiel ist der Hüftbeuger, der durch zu langes Sitzen „verkürzt“ ist. Infolge von Fehlhaltungen beim Sitzen kann auch eine ohnehin geschwächte Gesäßmuskulatur eine Dysbalance zwischen der linken und rechten Gesäßmuskulatur entwickeln. Das wiederum führt zu einem Beckenschiefstand und nicht selten zu Rückenschmerzen.
  • Unergonomische Bildschirmarbeit und exzessive Nutzung des Smartphones: Insbesondere durch unergonomische Bildschirmarbeit und die exzessive Nutzung des Smartphones ergibt sich mit der Zeit ein Ungleichgewicht zwischen Nacken-, Brust- und Schultermuskulatur - Verspannungen, Fehlhaltungen der HWS und BWS sowie Kopfschmerzen inklusive.
  • Ungleichgewicht zwischen vorderer und hinterer Schultermuskulatur: Auch zwischen der vorderen und hinteren Schultermuskulatur besteht bei den meisten Menschen eine Dysbalance, da häufiger Bewegungen „vor dem Körper“ ausgeführt werden als „hinter dem Körper“. Der Alltag besteht aus deutlich mehr Druck- als Zugbewegungen.
  • Sport und Leistungssport: Auch durch Sport und vor allem durch Leistungssport können muskuläre Dysbalancen entstehen. Hier entsteht das Ungleichgewicht durch die stetige Ausübung einer Sportart mit ihren spezifischen Bewegungsabläufen. Somit werden auch immer die gleichen Muskelgruppen stark belastet, während die anderen Muskelgruppen zurückbleiben. Die wohl bekannteste sportbedingte Dysbalance ist das Ungleichgewicht zwischen Adduktoren (Oberschenkelinnenseite) und Abduktoren (Oberschenkelaußenseite) bei Fußballern durch das vorrangige Spielen des Balles mit dem Innenspann. Das Ergebnis sind die charakteristischen O-Beine.
  • Trauma bzw. Verletzung oder schmerzbedingte Schonhaltung: In einigen Fällen sind muskuläre Dysbalancen auch die Folge eines Traumas bzw. einer Verletzung oder einer schmerzbedingten Schonhaltung.
  • Übergeordnete Erkrankungen: Zudem tritt das Ungleichgewicht auch als Symptom einiger übergeordneter Erkrankungen auf. Bei solchen Erkrankungen handelt es sich in der Regel um Krankheiten, die das zentrale Nervensystem (ZNS) betreffen (z.B. Multiple Sklerose). Bei solchen Erkrankungen wird das motorische Nervengewebe geschädigt.
  • Anatomische Ungleichheiten: Anatomische Ungleichheiten, z.B. anatom. Abweichungen einzelner Körpersegmente „aus der Mitte“ versucht der Mensch unbewußt mit Hilfe des myofaszialen Systems so zu kompensieren, dass der Körperschwerpunkt innerhalb seiner Stützfläche bleibt. Jede Abweichung von der „Idealhaltung“ führt deshalb zu muskulären Dysbalancen.

Weitere Faktoren, die Dysbalancen begünstigen können

  • Strukturelle Verkürzung oder Verlängerung: Strukturelle Verkürzung oder Verlängerung, z.B. Funktionelle Verkürzung als Folge eines erhöhten Muskeltonus. Triggerpunkt-bedingte Muskelverkürzung. Funktionelle Verlängerung, der Muskel befindet sich in einem Dehnzustand, z.B. als Folge der Verkürzung seines Antagonisten.
  • Schmerzzustände: Schmerzen bewirken im allgemeinen einen muskulären Hypertonus. Wichtig: Von der Muskellänge lässt sich nicht auf den Muskeltonus schließen, ein verkürzter Muskel z.B. kann hyperton oder auch normoton sein.
  • Triggerpunkte: Triggerpunkte als „Kontraktionsknoten“ weisen eine lokale Ischämie auf. Eine Reizung von Nozizeptoren im Gewebe (durch Verletzung, Druck oder Entzündung) führt zur Freisetzung von Substanz P und CGRF (Calcitonin Gene - Related Peptide). Jede Ischämie fürt zu einer Azidose im Gewebe, der ph-Wert sinkt, und weil Nozizeptoren von schwachen Säuren (pH-Wert 6 - 5) erregt werden, kommt es zu einer Sensibilisierung der Nozizeptoren und evtl. zu Schmerz. Ischämisch bedingter Sauerstoffmangel führt zu einer verminderten ATP- Produktion in den Mitochondrien der Muskelzellen. (ATP ist der Haupt-Energieträger des Körpers). ATP ist notwendig, damit sich Muskelkontraktionen wieder lösen können. ATP ist in den Mitochondrien der Zellen notwendig zur vollständigen Verstoffwechslung von Kohlenhydraten.
  • Traumen: Wichtig: Traumen, v.a Schleudertraumen führen über eine Reizung von Nozizeptoren mit Freisetzung von Substanz P und dadurch induzierter neurogener Entzündung zur massiven Freisetzung von Stickstoffmonoxid, das wiederum die ATP-Produktion in den Zellen durch Schädigung der Mitochondrien stört (sog. Mitochondropathien), was verschiedenste Krankheitsbilder im gesamten Körper nach sich zieht, die z.B. als „Rheuma“ oder „Fibromyalgie“, fehldiagnostiziert werden (siehe Bodo Kuklinski: Das HWS-Trauma, Aurum - Verlag).
  • Ernährung: Ernährungsberatung (v.a. Orthomolekulare Substanzen (z.B. Vit. Histologisch liegt dem TrP eine anhaltende Kontraktion einzelner Sarkomere in einer oder mehreren Muskelfaser/n zugrunde. Die verkürzten Sarkomere erscheinen dem palpierenden Finger als knotenförmige Verdickung, die betroffenen Muskelfasern als angespannte Stränge. .Entsprechende Gewebeuntersuchungen haben gezeigt, dass innerhalb der „Kontraktionsknoten“ eine lokale Ischämie mit Sauerstoffmangel vorliegt. Zudem finden sich erhöhte Mengen von neuroaktiven und entzündungsfördernden Substanzen. z.B. Substanz P. Ischämie und lokale Entzündungsprozesse führen im Laufe der Zeit zu bindegewebigen Umbauvorgängen im Bereich des TrP, Es resultiert daraus eine persistierende lokale Kontraktur. Triggerpunkt-bedingte Schmerzen treten v.a. in Form von „übertragenen“ Schmerzen (reffered pain) auf, dies bedeutet, dasss der Ort der Schmerzwahrnehmung sich entfernt vom Ort der TrP - Lokalisation befindet. TrP können aus akuten Muskelverletzungen hervorgehen, z.B. als Folge eines stumpfen Traumas oder einer plötzlichen Muskelüberdehnung. Latente TrP verursachen in Ruhe oder bei alltäglichen Belastungen keine Schmerzen. Alle übrigen Merkmale von TrP (Druckschmerzhaftigkeit, Muskelschwäche usw.) können vorhanden sein.Latente TrP können sich durch auslösende Faktoren (z.B. langdauernden Druck oder muskuläre Überlastung) jederzeit in aktive TrP umwandeln. Sehnenansätze evtl. Aktive Kontraktion evtl. Für den betreffenden TrP charakteristisches Schmerzmuster. Schleimhautabsonderungen (z.B. In hypertonen Muskeln werden Kapillargefäße komprimiert. Bei längerer Dauer entwickelt sich eine Ischämie mit Sauerstoffmangel, vermindertem Abtransport von Stoffwechselschlacken und Azidose. Ischämie und Azidose erregen Nozizeptoren, es kommt zu Muskelschmerz. Direkte myofasziale Nerven- Kompression: Z. B. kann der N. medianus durch den M. supinator eingeengt werden. Kleine Hautnerven (Nn. Clunei) im Bereich des unteren Rückens und des Gesäßes können durch die Faszia thorakolumbalis bzw. Indirekte myofasziale Nerven-Kompression im Foramen intervertebrale:Werden Bandscheiben durch hyperton verkürzte, paravertebrale Muskeln beständigem Druck ausgesetzt, können sie, v.a. bei bestehenden Vorschäden, ihre Integrität verlieren, sich verschmälern und dadurch die in den zugehörigen Foramina intervertebralia austretenden Nerven komprimieren. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass bereits minimale Axonschädigungen, die noch keine „Nervenschmerzen“ verursachen, zu einer Hypersensibilität und zum Hypertonus des versorgten Muskels führen. Verlaufen hyperton verkürzte Muskeln über Gelenke, werden diese komprimiert. Bewegungseinschränkungen sind die Folge, zudem wird der Bildung einer Arthrose Vorschub geleistet. Studien von Prof. N. Bogduk haben ergeben, dass ca. 30 % der Lumbalgien bandscheibenbedingt sind. Die BS-Pathologie beginnt im Normalfall mit kleinen Einrissen und endet mit Verschmälerung Protrusion und evtl. Prolaps. Hypertone und verkürzte paravertebrale Muskeln beschleunigen den Prozeß.

Symptome muskulärer Dysbalancen

Die Symptome muskulärer Dysbalancen sind eher unspezifisch und orientieren sich an der zugrundeliegenden Ursache und den betroffenen Muskelpartien. Oftmals zeigt sich ein solches Ungleichgewicht bereits optisch, z.B. durch einen Rundrücken, einen Beckenschiefstand, nach vorne gezogene Schultern oder ein optisches Missverhältnis zwischen agonistischer und antagonistischer Muskelpartie. Ärzte und erfahrene Physiotherapeuten können die meisten Dysbalancen sehr zuverlässig mit Hilfe einer Sichtdiagnose erkennen.

Häufig kommen unspezifische Begleitsymptome wie schmerzhafte Verspannungen, Muskelverhärtungen und eine eingeschränkte Beweglichkeit dazu. Sofern keine übergeordnete Grunderkrankung wie etwa Multiple Sklerose vorliegt, kann man das Muskelungleichgewicht mit gezieltem Training korrigieren. Andernfalls muss der Arzt zunächst eine umfassende Therapie für die Grunderkrankung einleiten. Oftmals besteht die Therapie in einem solchen Fall aus Physiotherapie mit einem neurologisch ausgebildeten Therapeuten.

Weitere mögliche Symptome

  • Stechende Schmerzen, vor allem im unteren Rückenbereich, die kurzfristig, dauerhaft oder wiederkehrend sein können und teilweise in angrenzende Körperregionen ausstrahlen.
  • Eingeschränkte Beweglichkeit.
  • Verspannte und verkürzte Muskelgruppen können außerdem zu einer Fehlhaltung führen.
  • Überbeanspruchte, verkürzte Muskeln verspannen sich und verursachen oft Schmerzen.
  • Durch die muskuläre Dysbalance kann es zu Bewegungseinschränkungen kommen.
  • Durch die Fehlbelastung drohen langfristig strukturelle Schäden wie z. B. degenerative Veränderungen von Gelenken, Bandscheiben und Bändern.

Diagnose muskulärer Dysbalancen

Die Diagnose für Muskeldysbalancen stellt ein Arzt oder Physiotherapeut. Dabei kommen verschiedene Methoden zum Einsatz, um die muskuläre Dysbalance zu erkennen. Laut der IKK classic sind das zum Beispiel Muskelfunktionstests oder Krafttests.

Rückenschmerzen sind in fast 90 Prozent der Fälle unspezifisch, das heißt, es kann keine konkrete Ursache gefunden werden. Bildgebende Verfahren wie Röntgen, Magnetresonanztomografie (MRT) oder Computertomografie (CT) führen dabei nicht zum Ziel, da sie vor allem bei spezifischen Ursachen wie Bandscheibenvorfällen oder Abnutzungserscheinungen Hinweise geben.

Die diagnostischen Mittel der Wahl sind daher ein eingehendes Arztgespräch (Anamnese) zur Abklärung der Lebens- und Bewegungsgewohnheiten sowie eine körperliche Untersuchung: Dabei kann der Arzt oder die Ärztin anhand der Bewegungseinschränkungen und Fehlhaltungen Dysbalancen auf die Spur kommen. Wichtig ist auch das sorgfältige Abtasten, um Verspannungen zu erkennen und den Schmerz genau zu lokalisieren. (Von welchen Punkten geht der Schmerz aus und welcher Muskel befindet sich hier?)

Therapie muskulärer Dysbalancen

Sofern keine übergeordnete Grunderkrankung vorliegt, kann man das Muskelungleichgewicht mit gezieltem Training korrigieren. Die Behandlung von muskulär bedingten Rückenschmerzen ist nicht nur wichtig, um akute Schmerzperioden zu lindern, sondern auch, um einem chronischen Verlauf vorzubeugen. Es besteht oft ein Teufelskreis aus Verspannung und Fehlhaltung: Die Verspannung führt dazu, dass Betroffene eine Schonhaltung einnehmen, die wiederum weitere Verspannungen begünstigt. Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen.

Das Training für die Beseitigung des Muskelungleichgewichts besteht einerseits aus der Dehnung der starken Muskelpartie und gezieltem Krafttraining für die schwächere Muskelpartie. Welche Dehn- und Kräftigungsübungen im Einzelfall zum Erfolg führen, hängt von den betroffenen Muskelgruppen ab.

Die Behandlung von muskulären Dysbalancen übernimmt häufig ein Physiotherapeut. Das Ziel ist es, Blockaden zu lösen und verspannte Muskelpartien zu dehnen. Häufig sind Übungen zur Selbstmobilisation ein Bestandteil der Behandlung von muskulären Dysbalancen. In der therapeutischen Behandlung stehen häufig gezieltes Kraft- und Ausdauertraining, Faszien- und Koordinationsübungen, Dehnungen sowie Entspannungstechniken im Fokus.

Körperliche Eigeninitiative ist nötig

Das gelingt durch körperliches Training, manchmal auch physiotherapeutisch angeleitet. Medikamente spielen nur eine Nebenrolle zur Bekämpfung chronischer Schmerzen. Empfohlen werden zum Beispiel isometrische Übungen: Kraftübungen, bei denen die Muskeln ohne Bewegung angespannt und dann wieder entspannt werden. Solche Übungen können Betroffene nach Anleitung auch selbst zu Hause durchführen. Außerdem sind Dehnübungen und ein Training zum Aufbau der leistungsschwachen Muskelpartien wichtig. Bei muskulär bedingten Rückenschmerzen lässt sich so die Ursache des Schmerzes, das Ungleichgewicht in den Muskeln, direkt angehen und im Idealfall beheben. Wichtig ist, dass die Betroffenen durch Sport und viel Bewegung im Alltag aktiv bleiben. Sport ist natürlich gut, aber es hilft schon, wenn Sie Bewegung gezielt in Ihren Alltag integrieren.

Weitere Therapieansätze

  • Dehnübungen: Gezielte Dehnübungen helfen, die verkürzte Sehne sanft zu verlängern und die Flexibilität der betroffenen Körperregion zu verbessern.
  • Wärmeanwendung vor der Mobilisation: Wärme durch Wärmekissen oder warme Handtücher erhöht die Durchblutung und entspannt die Muskulatur.
  • Physiotherapie: Ein individuell abgestimmter Therapieplan mit dem Ziel, muskuläre Dysbalancen auszugleichen und gezielt zu kräftigen, ist bei Sehnenverkürzungen zentral.
  • Massagen: Regelmäßige Massagen lockern das umliegende Gewebe, verbessern die Durchblutung und bereiten verkürzte Sehnen optimal auf Dehnübungen vor.
  • Bewegungsförderung im Alltag: Ob beim Waschen, Anziehen oder bei kleinen Spaziergängen: Jede Alltagsbewegung wirkt dem Muskelabbau entgegen.
  • EMG-Biofeedback: Mit einem EMG-Gerät kann die Qualität der neuromuskulären Ansteuerung sichtbar gemacht und durch Biofeedback trainiert werden.

Prävention muskulärer Dysbalancen

Da muskuläre Dysbalancen oftmals durch Bewegungsmangel entstehen, sollte man möglichst viel Bewegung in den Alltag einbauen. Lockere Deine Muskulatur und Dein Fasziengewebe mit Hilfe von Faszienrollen. Suche Dir eine passende Ausgleichssportart zu Deiner Hauptsportart, die jeweils die antagonistischen bzw. vernachlässigten Muskelgruppen trainiert. Ideal zum Laufen oder Fußballspielen sind z.B. Über komplexe Sportarten aus, bei denen möglichst viele Muskelgruppen gleichzeitig beansprucht werden.

Eine Prävention ist wichtig, um dem Verletzungsrisiko und langfristigen Folgen von muskulären Dysbalancen vorzubeugen. Um einer muskulären Dysbalance vorzubeugen, eignet sich zum Beispiel Yoga oder Pilates.

Tipps zur Vorbeugung

  • Reduzieren Sie die sitzenden Aktivitäten im Alltag und bewegen Sie sich häufiger.
  • Achten Sie darauf, beim Arbeiten am Schreibtisch regelmäßig die Sitzposition zu wechseln. Auch höhenverstellbare Schreibtische können zu einer aufrechteren Haltung verhelfen und einer muskulären Dysbalance vorbeugen.
  • Bauen Sie ein Ausgleichstraining ein, das den Fokus auf die Stärkung der schwächeren Muskeln legt.
  • Achten Sie beim Sport auf eine korrekte Ausführung der Übungen und vermeiden Sie einseitige Belastungen.
  • Integrieren Sie Dehnübungen in Ihr Trainingsprogramm.

Beispiel für ein Trainingsprogramm

  • Montag: Mobilisation und Rumpfstabilisation
  • Mittwoch: Mobilisation und Kräftigung von Beinen und Gesäß
  • Dauer pro Einheit: ca.

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