Gleichmäßige Verteilung von Neuronen im Kortex: Eine Untersuchung der VIP-exprimierenden Interneurone

Einführung

Der Neokortex, die äußere Schicht des Gehirns, spielt eine entscheidende Rolle bei höheren kognitiven Funktionen. Traditionell wurde angenommen, dass seine sechsschichtige Struktur für seine Funktion unerlässlich ist. Diese Annahme wird jedoch durch Beobachtungen an der Reeler-Maus in Frage gestellt, die trotz des Fehlens dieser Schichtung keine schwerwiegenden Verhaltensauffälligkeiten aufweist. Um die funktionelle Bedeutung der kortikalen Schichtung besser zu verstehen, konzentriert sich dieser Artikel auf die Verteilung einer bestimmten Art von inhibitorischen Neuronen, die Vasoactive Intestinal Polypeptide (VIP) exprimieren, im Neokortex der Reeler-Maus.

Hintergrund: GABAerge Interneurone und VIP-Expression

Im Neokortex von Mäusen sind inhibitorische GABAerge Interneurone zahlenmäßig deutlich unterlegen, sie machen etwa 15-20 % der gesamten neuronalen Population aus. Innerhalb dieser Population exprimieren nur 12-17 % das VIP. Bei Wildtyp-Mäusen (WT) befinden sich etwa 60 % dieser VIP-exprimierenden Neurone hauptsächlich in der Schicht 2/3 des Barrel-Kortex.

Die Reeler-Maus: Ein Modell für kortikale Dysorganisation

Die Reeler-Maus stellt ein einzigartiges Modell dar, um die Bedeutung der kortikalen Schichtung zu untersuchen. Trotz des Fehlens der typischen sechsschichtigen Struktur des Neokortex zeigen Reeler-Mäuse keine schwerwiegenden Verhaltensauffälligkeiten, abgesehen von einigen motorischen Defiziten. Dies deutet darauf hin, dass die traditionelle Vorstellung von der Notwendigkeit einer strengen Schichtung für die kortikale Funktion möglicherweise überdacht werden muss.

Untersuchung der Verteilung von VIP-Neuronen in der Reeler-Maus

Um die Rolle GABAerger Interneurone besser zu verstehen, wurde eine detaillierte Analyse der Verteilung von VIP-exprimierenden Neuronen im Neokortex der Reeler-Maus durchgeführt. Dabei wurden die kortikalen Regionen primärer motorischer Kortex (M1), Barrel-Kortex (S1BF, als Teil des primären somatosensorischen Kortex) sowie der primäre visuelle Kortex (V1) von VIPcre/RosaTomato/Reeler-Mäusen und zum Vergleich von VIPcre/RosaTomato/WT-Mäusen untersucht.

Spezifität des Mausmodells

Die Ergebnisse zeigten, dass die tdTomato-positiven Zellen in allen drei untersuchten kortikalen Arealen (M1, S1BF, V1) VIP-exprimierende Neurone sind. Dies wurde durch außerordentlich gute Kolokalisationsraten mit der Vip-Sonde von stets über 98 % im WT und von über 99 % in der Reeler-Maus bestätigt. Des Weiteren wurde überwiegend eine Kolokalisation der tdTomato-Zellen mit der Gad1-Sonde und niemals eine Überlagerung mit der Vglut1-Sonde beobachtet. Demzufolge stellt die VIPcre/RosaTomato/WT- sowie die VIPcre/RosaTomato/Reeler-Linie ein hochspezifisches und hochsensitives Mausmodell zur Untersuchung von kortikalen inhibitorischen VIP-exprimierenden Interneuronen dar.

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Vergleich der Verteilung in Wildtyp- und Reeler-Mäusen

Weiterhin konnte gezeigt werden, dass es hinsichtlich der Verteilung der VIP-Zellen in der Wildtyp-Maus zwischen M1, S1BF und V1 keine Unterschiede gibt. In allen primären Arealen kommen die VIP-Zellen mit mehr als 60 % im oberen Drittel des Kortex vor. Im Gegensatz dazu besitzen die VIP-Zellen im desorganisierten Reeler-Kortex keine präferierte Lage und sind nahezu gleichmäßig über die kortikale Dicke von M1, S1BF und V1 verteilt. Ebenso wie für den Wildtyp lassen sich keine Unterschiede hinsichtlich der Verteilung der VIP-Zellen zwischen M1, S1BF und V1 nachweisen.

Interaktion mit exzitatorischen Neuronen

In einem weiteren Teilprojekt wurde untersucht, inwiefern tangential wandernde inhibitorische VIP-Neurone den radial aufsteigenden exzitatorischen Pyramidenzellen der Schicht 2/3 (Rgs8-positiv) in der Endphase ihrer Entwicklung folgen. Dabei scheinen sich die inhibitorischen VIP-Zellen weitestgehend, aber nicht ausschließlich, an exzitatorischen RGS8-Zellen zu orientieren. Denn obwohl die Verteilung der Rgs8-positiven Zellen in V1 der Reeler-Maus eher dem beschriebenen Outside in-Modell ähnelt, kommt es nicht zu einer Invertierung der VIP-Zellen.

Der Visuelle Kortex: Eine detailliertere Betrachtung

Der visuelle Kortex ist ein wesentlicher Bestandteil des Gehirns, der für die Verarbeitung visueller Informationen zuständig ist. Er spielt eine entscheidende Rolle dabei, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen, interpretieren und darauf reagieren.

Aufbau des visuellen Kortex

Der visuelle Kortex befindet sich im Okzipitallappen des Gehirns und ist in verschiedene Bereiche unterteilt, die miteinander interagieren, um visuelle Informationen zu verarbeiten. Einige wichtige Regionen sind:

  • Primärer visueller Kortex (V1): Hier werden grundlegende Merkmale wie Kanten, Linien und Orientierung erkannt.
  • Sekundärer visueller Kortex (V2): Dieser Bereich verarbeitet komplexere Merkmale und Kombinationen von Informationen.
  • V3, V4 und V5: Diese Bereiche sind auf die Verarbeitung von Bewegungen, Farben und räumlichen Details spezialisiert.

Gemeinsam sorgen diese Regionen dafür, dass wir ein klares und kohärentes Bild unserer Umgebung wahrnehmen.

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Funktion des visuellen Kortex

Die Hauptfunktion des visuellen Kortex besteht darin, visuelle Eingangsdaten aus den Augen zu empfangen und zu interpretieren. Diese Daten werden durch den Sehnerv zu V1 geleitet, wo sie in grundlegende Elemente zerlegt werden. Anschließend werden sie durch die verschiedenen Stufen hindurch verfeinert und analysiert, um letztendlich das vollständige visuelle Bild zu erzeugen, das wir wahrnehmen.

Der visuelle Kortex arbeitet mit anderen sensorischen Bereichen zusammen, um eine integrierte Wahrnehmung der Umwelt zu schaffen. Dies geschieht über Netzwerke von Neuronen, die sowohl intra- als auch interkortikale Verbindungen enthalten.

Bedeutung im Alltag

Der visuelle Kortex ist entscheidend für alltägliche Aufgaben wie das Erkennen von Gesichtern, Lesen, das Navigieren in unserer Umgebung und das Reagieren auf visuelle Reize. Ohne diese Fähigkeiten würde es schwerfallen, effektiv mit der Umgebung zu interagieren. Ein gut funktionierender visueller Kortex erlaubt es uns, schnell und angemessen auf viele visuelle Herausforderungen zu reagieren.

Primärer visueller Kortex (V1) im Detail

Der primäre visuelle Kortex, auch als V1 bekannt, ist das entscheidende Zentrum in unserem Gehirn zur Verarbeitung erster visueller Eindrücke. Er ist der erste Schritt in der Entschlüsselung der visuellen Informationen, die unsere Augen aufnehmen.

Funktion und Aufgaben:

Der primäre visuelle Kortex ist dafür verantwortlich, grundlegende visuelle Informationen zu analysieren und zu verarbeiten. Dazu zählen:

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  • Erkennung von Kanten und Linien
  • Unterscheidung von Orientierung und Form
  • Verarbeitung von Helligkeit und Kontrast

Diese elementaren Merkmale werden von V1 interpretiert und später in höheren visuellen Zentren zu komplexeren Bildern zusammengesetzt.

Anatomie:

Der primäre visuelle Kortex befindet sich im hinteren Teil des Gehirns im Okzipitallappen. Er ist in sechs Schichten aufgebaut, die miteinander interagieren, um Informationen zu verarbeiten und zu leiten.

  • Schicht 4: Empfängt die meisten der direkten sensorischen Eingaben von den Augen.
  • Schicht 5 und 6: Verarbeiten Informationen weiter und senden sie an höhere visuelle Areale.
  • Schicht 1, 2 und 3: Entwickeln wesentliche visuelle Merkmale und starten deren Integration.

Extrastriärer visueller Kortex

Der extrastriäre visuelle Kortex ist ein wichtiger Teil der visuellen Wahrnehmungsverarbeitung im Gehirn und umfasst mehrere visuelle Regionen außerhalb des primären visuellen Kortex. Diese Bereiche sind verantwortlich für die weiterführende Verarbeitung von visuellen Informationen.

Der extrastriäre Kortex nimmt die vom primären Kortex verarbeiteten Daten auf und interpretiert sie weiter, um komplexere visuelle Szenarien zu erzeugen. Hier werden visuelle Eindrücke in Bezug auf Bewegung, Tiefe, Farbe und Objektform detaillierter analysiert.

Rolle in der visuellen Verarbeitung:

Der extrastriäre visuelle Kortex spielt eine entscheidende Rolle in der differenzierten visuellen Verarbeitung. Dieser Kortexabschnitt ist dafür verantwortlich für:

  • Erkennung von Bewegungsmustern
  • Wahrnehmung von Farben
  • Verarbeitung von Tiefengenauigkeit

In diesen Regionen, wie V2, V3, V4 und V5, werden die elementaren Informationen aus V1 weiter verfeinert. Diese Bereiche ermöglichen es uns, Objekte in ihrer dreidimensionalen Form und Bewegung wahrzunehmen, was von wesentlicher Bedeutung ist für das Navigieren in und Interagieren mit unserer Umwelt.

Unterschiede zwischen primärem und extrastriärem visuellen Kortex:

Während sowohl der primäre als auch der extrastriäre visuelle Kortex an der Verarbeitung visueller Informationen beteiligt sind, unterscheiden sie sich in ihrer Funktionalität:

  • Primärer visueller Kortex (V1): Fokus auf grundlegende visuelle Merkmale wie Linien und Kanten.
  • Extrastriärer visueller Kortex: Komplexere Verarbeitung wie Bewegung, Farbe und Tiefenwahrnehmung.

Neuroplastizität des visuellen Kortex

Neuroplastizität beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, sich an neue Erfahrungen und Umgebungen anzupassen. Diese Eigenschaft ist besonders im visuellen Kortex ausgeprägt. Der visuelle Kortex kann seine Struktur und Funktion verändern, um auf Veränderungen im visuellen Input zu reagieren.

Beispiele für Neuroplastizität:

  • Sehverlust in einem Auge: Der Kortex kann die Kapazitäten des beeinträchtigten Auges umformen, um das andere Auge zu unterstützen.
  • Wiederherstellung des Sehvermögens: Bei einem blinden Auge, das sein Sehvermögen wiedererlangt, beginnt der Kortex schnell, sich neu zu organisieren, um das wiederhergestellte Sehen zu unterstützen.
  • Lernen von neuen visuellen Aufgaben: Beim Erlernen neuer visueller Fertigkeiten werden bestimmte Bereiche des visuellen Kortex aktiv neu vernetzt.

Funktionale Organisation des visuellen Kortex

Die funktionale Organisation des visuellen Kortex ist entscheidend für die umfassende Verarbeitung visueller Informationen. Der visuelle Kortex ist in funktionelle Regionen gegliedert, die koordiniert arbeiten, um komplexe visuelle Aufgaben zu bewältigen. Diese Organisation ermöglicht eine spezialisierte und effiziente Verarbeitung von Eingabesignalen aus der Retina.

Hypersäulen im visuellen Kortex:

Hypersäulen sind vertikale Anordnungen von Neuronen im visuellen Kortex, die für die Analyse bestimmter visueller Eigenschaften zuständig sind. Jede Hypersäule verarbeitet einzigartige Aspekte des sehbaren Bildes, wie Linienorientierung, Farbe oder Bewegungswahrnehmung.

Die Hypersäulen bestehen aus mehreren Submodulen, die eng miteinander interagieren. Dieser Aufbau ermöglicht es dem Gehirn, gleichzeitig verschiedene Informationen zu verarbeiten und ein vollständiges Bild zu erzeugen.

Visuelle Verarbeitung im Kortex und ihre Hierarchie

Die visuelle Verarbeitung im Kortex folgt einer hierarchischen Struktur, die sowohl komplex als auch effizient ist. Ausgangspunkt sind die retinalen Signale, die über den Sehnerv zuerst den primären visuellen Kortex (V1) erreichen. Hier werden Grundmerkmale identifiziert. Weiter geht es in höhere visuelle Areale wie V2 bis V5, die zunehmend spezialisierte Aufgaben wahrnehmen.

In der V2-Region erfolgt die Verarbeitung komplexerer Muster durch Integration von V1-Informationen.

Neuronale Karten und Selbstorganisation

Die neuronale Karte realisiert eine Abbildung von einem Eingangsraum (der Menge der wahrnehmbaren Reize) in einen Ausgangsraum. Diese Abbildung ist im Idealfall umkehrbar: Aus der Erregung eines Punktes im Ausgangsraum kann man eindeutig auf den erregenden Reiz (einen Punkt im Eingangsraum) rückschließen. Daß dieses Ideal in Lebewesen nur ungenau realisiert ist, spielt für unsere Betrachtungen keine Rolle.

Aus einer Vielzahl neurobiologischer Experimente, besonders am visuellen und somatosensorischen System, geht hervor, daß viele neuronale Karten erst unter dem Einfluß externer Reize ihre Struktur oder zumindest ihre Feinstruktur selbst organisieren. Die dafür erforderlichen Anweisungen im Erbgut sind nicht nur viel kürzer als eine explizite Strukturfestlegung; es ist sogar anzunehmen, daß die zahlreichen verschiedenen neuronalen Karten im Hirn dieselbe Selbstorganisationsregel, vielleicht mit kleinen Modifikationen, verwenden. Dazu paßt, daß die Anatomie der Großhirnrinde in großen Bereichen einheitlich ist.

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