Einführung
Cannabidiol (CBD), ein nicht-psychoaktiver Bestandteil der Cannabispflanze, hat in den letzten Jahren aufgrund seines potenziellen therapeutischen Nutzens, insbesondere bei der Behandlung von Epilepsie, zunehmend an Aufmerksamkeit gewonnen. Dieser Artikel untersucht die aktuelle Studienlage zu CBD bei fokaler Epilepsie, beleuchtet die Wirkungsweise, Anwendung, Wirksamkeit, Nebenwirkungen und rechtlichen Aspekte.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet ist, die durch plötzliche und übermäßige elektrische Entladungen im Gehirn verursacht werden. Diese Anfälle können sich unterschiedlich äußern, von kurzen Bewusstseinsverlusten bis hin zu tonisch-klonischen Krämpfen. Epilepsie ist keine einheitliche Erkrankung, sondern eine Mischung vielfältigster Störungen der Funktion des Gehirns unterschiedlichster Ursache mit der Gemeinsamkeit, epileptische Anfälle auszulösen. Genetische Defekte, Aufbaustörungen des Gehirns, Folgen von Unfällen, Hirntumoren, Schlaganfällen, Blutungen, Entzündungen und vieles mehr kommen ursächlich in Betracht. Die Anfälle können nur Teile der Hirnrinde (fokale Anfälle) oder die ganze Hirnrinde (generalisierte Anfälle) betreffen. Die Häufigkeit und die Ausprägung variieren von Patient zu Patient stark.
Fokale Epilepsie: Eine spezielle Form
Fokale Anfälle, auch partielle Anfälle genannt, entstehen in einem begrenzten Bereich des Gehirns. Die Symptome hängen davon ab, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist. Sie können sich als motorische, sensorische, psychische oder vegetative Symptome äußern. Im Gegensatz zu generalisierten Anfällen, die das gesamte Gehirn betreffen, sind fokale Anfälle oft leichter zu kontrollieren, können aber dennoch erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen haben.
Cannabidiol (CBD): Ein Überblick
Cannabidiol (CBD) ist einer von über 100 Cannabinoiden, die in der Cannabispflanze vorkommen. Im Gegensatz zu Tetrahydrocannabinol (THC) hat CBD keine psychoaktiven Effekte und verursacht kein "High". CBD interagiert mit dem Endocannabinoid-System (ECS) des Körpers, einem komplexen Netzwerk von Rezeptoren, Neurotransmittern und Enzymen, das eine wichtige Rolle bei der Regulierung verschiedener physiologischer Prozesse spielt, darunter Schmerz, Stimmung, Schlaf und Immunfunktion.
CBD bei Epilepsie: Der aktuelle Stand der Forschung
Die Forschung zu CBD bei Epilepsie hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Insbesondere bei bestimmten schweren Epilepsieformen im Kindesalter, wie dem Dravet-Syndrom und dem Lennox-Gastaut-Syndrom, hat CBD vielversprechende Ergebnisse gezeigt.
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Dravet-Syndrom
Das Dravet-Syndrom ist eine seltene und schwere Epilepsieform, die im frühen Kindesalter beginnt. Sie ist oft schwer zu behandeln und geht mit einer hohen Morbiditäts- und Mortalitätsrate einher. Studien haben gezeigt, dass CBD die Anfallshäufigkeit bei Kindern mit Dravet-Syndrom signifikant reduzieren kann. Eine Studie mit 120 Kindern und Jugendlichen im Alter von 2 bis 18 Jahren mit therapieresistenten Anfällen zeigte, dass CBD die Anfallsfrequenz von 12,4 auf 5,9 pro Monat reduzierte. Bei 43 Prozent der Studienteilnehmer, die CBD erhielten, reduzierte sich die Anfallsfrequenz um mindestens 50 Prozent.
Lennox-Gastaut-Syndrom
Das Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS) ist eine weitere schwere Epilepsieform, die im Kindesalter beginnt. Sie ist durch verschiedene Anfallstypen, kognitive Beeinträchtigungen und Verhaltensprobleme gekennzeichnet. Eine randomisierte, doppelblinde Phase-III-Studie mit 171 Patienten im Alter von 2 bis 55 Jahren mit therapieresistentem LGS zeigte, dass CBD die Rate der Anfälle mit Sturzfolge signifikant reduzierte.
Fokale Epilepsie
Obwohl die Forschung zu CBD bei fokaler Epilepsie weniger umfangreich ist als bei Dravet- und Lennox-Gastaut-Syndrom, gibt es Hinweise darauf, dass CBD auch bei dieser Epilepsieform von Nutzen sein kann. Eine Studie mit 162 therapierefraktären Epilepsiepatienten, darunter auch Patienten mit fokalen Anfällen, zeigte, dass CBD die Anfallsfrequenz um 37 Prozent reduzierte. Allerdings sind weitere Studien erforderlich, um die Wirksamkeit von CBD bei fokaler Epilepsie genauer zu untersuchen.
Wie wirkt Cannabidiol?
Der genaue Wirkmechanismus von CBD bei Epilepsie ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass CBD auf verschiedene Weise wirkt, darunter:
- Modulation von neuronaler Hyperaktivität: CBD reduziert offenbar die neuronale Hyperaktivität zum einen durch Modulation von intrazellulärem Calcium über GPR55 (G-Protein-gekoppelter Rezeptor 55) und über TRPV1 (transient receptor potential cation channel subfamily V1), zum anderen durch Modulation von Adenosin-vermittelten Signalen durch Hemmung der zellulären Adenosinaufnahme über ENT-1 (equilibrativer Nukleosidtransporter 1).
- Interaktion mit dem Endocannabinoid-System: CBD interagiert mit den Cannabinoidrezeptoren CB1 und CB2 im Gehirn und im Immunsystem.
- Entzündungshemmende Wirkung: CBD hat entzündungshemmende Eigenschaften, die dazu beitragen können, die neuronale Erregbarkeit zu reduzieren.
Anwendung und Dosierung von CBD
CBD ist in verschiedenen Formen erhältlich, darunter Öle, Kapseln, Tinkturen und Cremes. Für die Behandlung von Epilepsie wird in der Regel eine orale Lösung bevorzugt.
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Epidyolex
Epidyolex ist ein von der FDA zugelassenes CBD-Medikament zur Behandlung von Anfällen im Zusammenhang mit dem Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS) oder dem Dravet-Syndrom (DS) bei Patienten ab 2 Jahren. Es ist als 100 mg/ml Lösung zum Einnehmen auf dem deutschen Markt verfügbar. Die Einnahme soll konsequent entweder mit oder ohne Nahrungsaufnahme erfolgen, da Nahrung zu einer Erhöhung des CBD-Spiegels führt.
Dosierungsempfehlungen
Die empfohlene Anfangsdosis von CBD beträgt zweimal täglich 2,5 mg/kg (5 mg/kg/Tag) über eine Woche. Nach einer Woche sollte die Dosis auf eine Erhaltungsdosis von zweimal täglich 5 mg/kg (10 mg/kg/Tag) erhöht werden. Je nach individuellem klinischen Ansprechen und Verträglichkeit kann die Dosis in wöchentlichen Schritten von 2,5 mg/kg zweimal täglich (5 mg/kg/Tag) erhöht werden bis zu einer empfohlenen Höchstdosis von zweimal täglich 10 mg/kg (20 mg/kg/Tag). Die Dosierung sollte immer in Absprache mit einem Arzt erfolgen, da sie von verschiedenen Faktoren abhängt, darunter die Art der Epilepsie, das Alter des Patienten, das Körpergewicht und die Verträglichkeit.
Nebenwirkungen und Wechselwirkungen
Wie alle Medikamente kann auch CBD Nebenwirkungen verursachen. Die häufigsten Nebenwirkungen sind:
- Somnolenz (Schläfrigkeit)
- Verminderter Appetit
- Diarrhoe (Durchfall)
- Fieber
- Müdigkeit
- Erbrechen
In klinischen Studien war die Erhöhung von Transaminasen die häufigste Ursache für Behandlungsabbrüche.
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
CBD kann Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten eingehen, insbesondere mit Antiepileptika. Es ist wichtig, dass Patienten, die CBD einnehmen, ihren Arzt über alle anderen Medikamente informieren, die sie einnehmen.
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Einige wichtige Wechselwirkungen sind:
- CYP3A4-Induktoren: Starke CYP3A4-Induktoren wie Carbamazepin, Enzalutamid, Mitotan, Johanniskraut und/oder starke CYP2C19-Induktoren wie Rifampicin können die Plasmakonzentrationen von CBD und dessen Wirksamkeit verringern.
- UGT-Inhibitoren: CBD ist ein Substrat für UGT1A7, UGT1A9 und UGT2B7. Bei gleichzeitiger Anwendung mit UGT-Inhibitoren ist Vorsicht geboten.
- Clobazam: Wenn Clobazam zusammen mit CBD angewendet wird, sollte bei Auftreten von Somnolenz oder Sedierung eine Verringerung der Clobazam-Dosis in Erwägung gezogen werden.
- Valproat: Die gleichzeitige Anwendung von CBD mit Valproat erhöht das Auftreten erhöhter Transaminasewerte.
- Phenytoin: Die Exposition von Phenytoin kann bei gleichzeitiger Anwendung mit CBD erhöht sein, da Phenytoin weitgehend über CYP2C9 metabolisiert wird, das in vitro durch CBD gehemmt wird.
- Lamotrigin: Bei gleichzeitiger Anwendung von CBD mit Lamotrigin, kann der Lamotriginspiegel erhöht sein, da Lamotrigin ein Substrat für UGT-Enzyme ist, einschließlich UGT2B7, das in vitro durch CBD gehemmt wird.
Rechtliche Aspekte und Kosten
Die rechtliche Situation von CBD ist von Land zu Land unterschiedlich. In Deutschland ist CBD legal, solange es einen THC-Gehalt von weniger als 0,2 Prozent aufweist. Allerdings unterliegen Cannabisderivate dem Betäubungsmittelgesetz, was den Zugang zu CBD-Produkten für medizinische Zwecke erschweren kann. Seit April 2024 kann medizinisches Cannabis jedoch auf ein einfaches Rezept von qualifizierten Ärzten verschrieben werden, ohne die bisher erforderliche Betäubungsmittelrezeptierung.
Kostenübernahme
Die Kosten für CBD-Medikamente wie Epidyolex können erheblich sein und monatlich 2000 bis 3000 Euro betragen. Es ist daher ratsam, einen Antrag auf Kostenübernahme bei der Krankenkasse zu stellen. Die Kostenübernahme von CBD-Produkten durch die Krankenkassen variiert je nach spezifischer Krankenkasse. Die Kosten für CBD Öl werden nur übernommen, wenn der behandelnde Arzt es ausdrücklich empfiehlt und andere Therapieoptionen ausgeschöpft hat.
Risiken der Selbstmedikation
Die Selbstmedikation mit frei verkäuflichem CBD-Öl oder Hanföl bei Epilepsie ist gefährlich. Diese Produkte sind nicht standardisiert, nicht medizinisch geprüft und können unwirksam oder schädlich sein. Ungeprüfte Produkte können Verunreinigungen wie Pestizide oder Schwermetalle enthalten und unklare Wirkstoffgehalte aufweisen, was die Anfallskontrolle gefährden kann.
Fazit
Cannabidiol (CBD) hat sich als vielversprechendes Mittel zur Behandlung von Epilepsie erwiesen, insbesondere bei schweren Formen wie dem Dravet-Syndrom und dem Lennox-Gastaut-Syndrom. Obwohl die Forschung zu CBD bei fokaler Epilepsie noch begrenzt ist, gibt es Hinweise darauf, dass CBD auch bei dieser Epilepsieform von Nutzen sein kann. CBD ist jedoch kein Wundermittel und sollte nicht als Ersatz für eine herkömmliche Therapie angesehen werden. Es ist wichtig, dass Patienten, die CBD in Betracht ziehen, dies mit ihrem Arzt besprechen, um die richtige Dosierung und mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zu berücksichtigen. Die Selbstmedikation mit frei verkäuflichen CBD-Produkten ist riskant und sollte vermieden werden.