Einleitung
Epilepsie ist eine chronische neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Während viele Patienten mit Medikamenten gut behandelt werden können, gibt es eine Gruppe von Patienten, bei denen die medikamentöse Therapie nicht ausreichend wirkt (pharmakoresistente Epilepsie). Für diese Patienten kann eine operative Behandlung eine vielversprechende Option sein, um Anfallsfreiheit zu erreichen und möglicherweise langfristig auf Medikamente verzichten zu können. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen operativen Methoden zur Behandlung von Epilepsie, die diagnostischen Verfahren, die zur Vorbereitung auf die Operation eingesetzt werden, sowie die Erfolgsaussichten und Risiken der verschiedenen Eingriffe.
Wann kommt eine Operation bei Epilepsie in Frage?
Eine Operation bei Epilepsie kommt dann in Frage, wenn Patienten trotz der Einnahme von Medikamenten nicht anfallsfrei werden. Eine prächirurgische Abklärung ist in solchen Fällen sinnvoll, um festzustellen, ob ein epilepsiechirurgischer Eingriff in Frage kommt. Auch bei Kindern können epilepsiechirurgische Eingriffe erfolgreich durchgeführt werden.
Voraussetzung für eine epilepsiechirurgische Behandlung ist die genaue Lage und Ausdehnung der epileptogenen Zone im Gehirn. Das ist der Hirnbereich, von dem die typischen epileptischen Anfälle ausgehen können. Daneben ist eine hoch-auflösende Kernspin-(MRT-) Bildgebung erforderlich, um feinste, möglicherweise für die Epilepsie verantwortliche Strukturauffälligkeiten (Läsionen) zu identifizieren. Für die Einschätzung des OP-Risikos ist u.a. eine neuropsychologische Untersuchung erforderlich, z.B. um das Ausmaß von Gedächtnisstörungen festzustellen. Weitere Zusatzuntersuchungen sind gelegentlich notwendig, z.B. um die Lage von Motorik- und Sprachzentren im Gehirn zu bestimmen.
Fokale Epilepsien
Fokale Epilepsien, d. h. Epilepsien, die nur eine Lokalisation im Gehirn betreffen und die nicht auf die medikamentöse Therapie ansprechen, können chirurgisch behandelt werden.
Generalisierte und multifokale Epilepsien
Bei generalisierten und multifokalen Epilepsien, Formen die mehrere Bereiche oder das ganze Gehirn betreffen, ist dies hingegen nicht möglich.
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Überlappung mit wichtigen Gehirnarealen
Das epileptogene Areal darf nicht von wichtigen Gehirnarealen überlappt werden, da es andernfalls nicht komplett entfernt werden kann und die operative Therapie auf diese Weise keine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit mit sich bringt.
Prächirurgische Diagnostik: Die Grundlage für eine erfolgreiche Operation
Um den Ursprungsort der Anfälle genau zu lokalisieren und die bestmögliche Behandlungsstrategie festzulegen, ist eine umfassende prächirurgische Diagnostik unerlässlich. Diese umfasst in der Regel eine Kombination aus nicht-invasiven und invasiven Verfahren. Die ausführliche prächirurgische Diagnostik erfolgt auf der Epilepsiestation der hiesigen Klinik für Schlafmedizin und neuromuskuläre Erkrankungen. Anschließend werden die Befunde in einer interdisziplinären Fallkonferenz mit allen beteiligten Spezialist*innen der Neurochirurgie, Epileptologie, Radiologie und Psychologie besprochen und gemeinsam eine Therapieempfehlung erarbeitet.
Nicht-invasive Diagnostik
Die nicht-invasive Diagnostik umfasst verschiedene bildgebende und elektrophysiologische Verfahren, die ohne operative Eingriffe durchgeführt werden können.
- Video-EEG: Das EEG ist in der nichtinvasiven Epilepsiediagnostik obligatorisch. Dabei werden über einen längeren Zeitraum die Hirnströme von der Kopfhaut aufgezeichnet und die Patienten dabei videoüberwacht. Durch die genaue Überwachung können die Diagnosen eindeutiger gestellt werden. Ein EEG ist für die Patienten komplett schmerzfrei.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Es erfolgen die Anfertigungen von Bildern des Gehirns um mögliche Auslöser epileptischer Anfälle zu erkennen. Da diese Untersuchung im Vergleich zum Röntgen keine Röntgenstrahlung anwendet, ist dies eine sichere Methode der Wahl zur neuroradiologischen Bildgebung. Eine hoch-auflösende Kernspin-(MRT-) Bildgebung ist erforderlich, um feinste, möglicherweise für die Epilepsie verantwortliche Strukturauffälligkeiten (Läsionen) zu identifizieren.
- Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT): Diese bildgebende Methode wird zur Erkennung von Gehirnfunktionen angewendet, wie z.B. die Sprache oder die Bewegung.
- SPECT/PET: Die Stoffwechselaktivität, welche während eines Anfalles erhöht und zwischen den Anfällen erniedrigt ist, lässt sich durch die SPECT/PET mittels schwach radioaktiven Stoffen bildgebend nachweisen. Somit können die Stoffwechselaktivitäten in den verschiedenen Hirnbereichen dargestellt werden und somit zur Epilepsiediagnostik beitragen.
- SISCOM: Ein Verfahren zur Darstellung der mit einem beginnenden epileptischen Anfall assoziierten regionalen Stoffwechselzunahme.
- Neuropsychologische Testung: Für die Einschätzung des OP-Risikos ist u.a. eine neuropsychologische Untersuchung erforderlich, z.B. um das Ausmaß von Gedächtnisstörungen festzustellen.
Invasive Diagnostik
Wenn die nicht-invasiven Verfahren keine eindeutigen Ergebnisse liefern, kann eine invasive Diagnostik erforderlich sein, um die epileptogene Zone genauer zu lokalisieren.
- Tiefenelektroden/ Kortikale Elektrostimulation: Zur prächirurgischen Diagnostik bei Patienten mit persistierenden Anfällen trotz medikamentöser Therapie ohne konkordante Hinweise aus der bildgebenden Diagnostik.
- WADA-Test: Zur Prüfung der Seitendominanz von Sprachfunktion erfolgt über eine Darstellung der Blutgefäße mittels einer sogenannten Angiographie die Verabreichung eines Medikaments, welche die eine Gehirnhälfte betäubt. Somit kann festgestellt werden, welche Gehirnhälfte die dominante Seite ist. Dieser Test wird in seltenen Fällen vor epilepsiechirurgischen Eingriffen, zur Planung durchgeführt.
Operative Methoden zur Behandlung von Epilepsie
Abhängig von den Ergebnissen der prächirurgischen Epilepsiediagnostik kann eine speziell auf den betroffenen Patienten/Patientin ausgerichtete Behandlungsstrategie festgelegt werden. Folgende Eingriffsmethoden kommen je nach Einzelfall in Betracht:
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Resektive Verfahren: Entfernung des Ursprungsortes der Anfälle
Resektive Eingriffe streben die Heilung des Patienten mit anschließender Anfallsfreiheit an. Bedingung für solche Eingriffe ist die möglichst genaue Eingrenzung des epileptischen Herdes. Ziel des Eingriffs ist Anfallsfreiheit, d. h. die Heilung der Epilepsie. Bei den resektiven Verfahren wird das epilepsieauslösende Hirngewebe entfernt. Zu diesen Verfahren gehören:
- Gezielte Entfernung tiefer liegender Gehirnstrukturen (Seepferdchen und Mandelkern) im Schläfenlappen (selektive Amygdala-Hippokampektomie): Bei den häufigen mesialen Temporallappenepilepsien erfolgt eine selektive Amygdala-Hippokampektomie, das heißt, es wird über einen transtemporalen, transsylvischen oder subtemporalen Zugang der mesiale Temporallappen dargestellt, und der Ncl. amygdalae sowie der Hippokampuskopf und -körper und der zugeordnete Anteil des Gyrus parahippocampalis werden reseziert. Dieser selektive Eingriff hat vor allem bei Epilepsien in der sprachdominanten Hemisphäre den Vorteil, dass potenziell noch funktionstragende Areale des temporopolaren und weiter temporolateralen Neokortex geschont werden können.
- Entfernung des vorderen 2/3-Anteils des Schläfenlappens (2/3-Temporallappenresektion): Bei Temporallappenepilepsien ohne klare Zuordnung des epileptogenen Areals zum mesialen beziehungsweise extramesialen Kortex, aber auch ohne Hinweis auf eine speziell temporoposteriore Anfallsentstehung, wird eine anteriore Zweidrittelresektion des Temporallappens durchgeführt, das heißt, der Temporallappen wird über eine anteroposteriore Strecke von etwa 5 cm vom Temporalpol gemessen abgesetzt, inklusive Resektion der entsprechenden mesiotemporalen Strukturen. Die meisten Zentren wählen bei Operationen in der dominanten Hemisphäre eine etwas knappere Resektion (z. Bsp. 4,5 cm ab Pol, statt 5,5 cm ab Pol in der nicht dominanten Hemisphäre), um das temporoposterior/lateral gelegene Wernicke-Areal zu schonen. Entfernung der vorderen 2/3 des Schläfenlappens über einen seitlichen Zugang. Dieser Eingriff wird üblicherweise mit einer Amygdalo-Hippokampektomie verbunden.
- Entfernung einer Läsion (z.B. eines Tumors) einschließlich des direkt benachbarten Hirngewebes, aus dem Anfälle entspringen können (erweiterte Läsionektomie): Bei sämtlichen monofokalen, läsionellen, neokortikalen Epilepsien wird eine erweiterte Läsionektomie durchgeführt, das heißt, man entfernt die epileptogene Läsion plus einen mutmaßlich epileptogenen Randsaum makrostrukturell unauffällig erscheinenden Gewebes. Diese Vorgehensweise ist darin begründet, dass bei vielen Läsionen (z. Bsp. Kavernome, gutartige Missbildungstumoren) weniger das unmittelbar lädierte Gewebe als vielmehr der umgebende Randbereich Ausgangspunkt der Anfälle ist, zum Beispiel bei erhöhter Epileptogenizität durch abgelagerte Blutabbauprodukte im Randbereich eines Kavernoms. Die Grenzen der Resektionserweiterung sind in Abhängigkeit von der Art der epileptogenen Läsion individuell zu bestimmen. Bei Nachweis einer Strukturveränderung (Läsion) der Hirnrinde, von der nach den Befunden der prächirurgischen Diagnostik die Anfälle ausgehen, kann eine erweiterte Läsionektomie angeboten werden. Dabei wird die Läsion samt eines strukturell normal erscheinenden Randsaums entfernt. Dies kann im Schläfenlappen oder in anderen Bereichen des Gehirns (extratemporal) der Fall sein. Bei besonderer anatomischen Lage der Läsion, zum Beispiel in elementaren funktionstragenden (eloquenten) Hirnarealen, kann eine Operation unter Wachbedingungen und intraoperatives Neuromonitoring erforderlich sein.
- Maßgeschneiderte Entfernung einer bestimmten erkrankten Hirnregion, in der durch die EEG-Ableitung der Anfallsursprung nachgewiesen wurde (Topektomie oder tailored Läsionektomie): Bei monofokalen, nicht läsionellen Epilepsien erfolgt eine gezielte, umschriebene, individuell zugeschnittene Resektion des mutmaßlich epileptogenen Areals (Topektomie), welches dann vorwiegend nach elektrophysiologischen Kriterien (ictal onset area) invasiv einzugrenzen ist. Auch wenn sich im MRT keine Strukturveränderung (Läsion) nachweisen lässt, kann ein epilepsiechirurgischer Eingriff unter besonderen Umständen möglich sein, wenn sich mit anderen Methoden die genaue Lage und Ausdehnung der epileptogenen Zone mit hinreichender Genauigkeit bestimmen lässt. Der Eingriff besteht dann in der operativen Entfernung eines strukturell normal erscheinenden Hirnrindenbereichs.
- Funktionelle Abtrennung der anfallserzeugenden Hirnhälfte ("funktionelle Hemisphärektomie“ oder "Hemisphärotomie"): Seltener angewendete, aber bei gezieltem Einsatz sehr erfolgreiche Operationsverfahren sind die funktionelle Hemisphärektomie oder Hemisphärotomie (komplette Diskonnektion einer Großhirnhemisphäre mit selektiver, vor allem zum Zweck des besseren Zugangs vorgesehener temporaler Resektion bei streng monohemisphärischen Epilepsien mit Funktionsverlust der betroffenen Hemisphäre (z. Bsp. bei der Rasmussen-Enzephalitis).
- Entfernung eines Gehirnlappens bzw. eines Teils davon ("Lobektomie"): Ebenfalls selten, wenn auch nicht ausgeschlossen, ist die Entfernung eines ganzen Hirnlappens, wenn dieser mit dem epileptogenen Areal weitgehend zur Deckung kommt.
- Ausschließliche Entfernung der tiefen (mesialen) Strukturen des Schläfenlappens, nämlich des Hippokampus und des Mandelkerns (Amygdala) über einen transsylvischen Zugang: Diese Operation kann dann angeboten werden, wenn ausschließlich die tiefen (mesialen) Anteile des Schläfenlappens für Anfälle verantwortlich sind.
Diskonnektionsverfahren: Unterbrechung des Ausbreitungsweges der Anfälle
In Fällen, bei denen die anfallserzeugenden Gehirnregionen für wichtige Funktionen (Sprache, Bewegung) zuständig sind und nicht entfernt werden können, kommen auch folgende Diskonnektionsverfahren in Betracht. Hierdurch wird nur selten Anfallsfreiheit erzielt, jedoch kann eine Besserung der Anfallssituation bewirkt werden. Unterbrechung des Ausbreitungsweges der Anfälle (Diskonnektionsverfahren)In Fällen, bei denen die anfallserzeugenden Gehirnregionen wichtige Funktionen (Sprache, Bewegung) erfüllen müssen und nicht entfernt werden können, kommen diese Eingriffsmöglichkeiten in Betracht. Hierdurch wird nur selten Anfallsfreiheit erzielt, es kann aber eine Besserung der Anfallssituation bewirkt werden. Bei den diskonnektiven Verfahren werden die Verbindungen zwischen den Hirnarealen, die an der Anfallsentstehung beteiligt sind, unterbrochen. Zu diesen Verfahren gehören:
- Kallosotomie und subpiale Transektionen: Als palliative epilepsiechirurgische Eingriffe sind vor allem die Kallosotomie (nicht resektive, selektive Durchtrennung des Corpus callosum bei nicht lokalisierbarer bzw. nicht lateralisierbarer Epilepsie mit dominierenden Sturzanfällen) sowie die multiplen subpialen Transektionen (MST, nicht resektive flächenhafte, vertikale Kortexdurchtrennungen in Abständen von wenigen Millimetern) zu nennen. Die MST sollen die Anfallsausbreitung über die horizontalen kortikalen Fasern unterbinden und zugleich die funktionstragenden vertikalen Kolumnen weitgehend erhalten. Somit können MST auch in eloquenten Arealen durchgeführt werden, unter Umständen (und dann in kurativer Absicht) in Kombination mit Teilresektionen bei partieller Überschneidung von epileptogenen und eloquenten Arealen.
- Kallostomie: Der sog. Balken (= Corpus callosum) verbindet die beiden Gehirnhälften miteinander. Er wird bei dieser OP meistens teilweise, selten auch vollständig durchtrennt. Das kann Sturzanfälle verringern oder verhindern, weil sich ein Anfall mangels Verbindung nicht mehr aufs ganze Gehirn ausbreiten kann. Wegen der Nebenwirkungen ist das aber nur die letzte Möglichkeit, wenn alles andere gescheitert ist und der Leidensdruck bzw. das Risiko groß ist. Beispiele für Nebenwirkungen sind motorische Probleme, Wahrnehmungsstörungen beim Sehen und beim Tastsinn und fehlende Aufmerksamkeit für eine Körperhälfte oder Raumhälfte.
- Subpiale Transsektion: Dabei werden mehreren Nervenbahnen kurz unter der Hirnrinde durchtrennt. Das kann verhindern, dass sich Anfälle ausbreiten, und ist auch in wichtigen Gehirnbereichen möglich, weil deren Funktion erhalten bleiben kann. Dieses Verfahren wird nur bei gefährlichen Anfällen empfohlen, z.B.
Stimulationsverfahren: Neuromodulation zur Anfallskontrolle
Bei den verschiedenen Stimulationsverfahren soll durch die elektrische Reizung spezieller Hirnstrukturen die Erregbarkeit des Gehirns reduziert oder die Ausbreitung von Anfällen verhindert werden. Dieses Verfahren eignet sich für Patienten, denen sonst kein Operationsverfahren zur Verfügung steht. Aktuell sind in Deutschland zwei Stimulationsverfahren zur Epilepsiebehandlung zugelassen:Darüber hinaus gibt es für Patienten und Patientinnen, denen sonst kein Operationsverfahren zur Verfügung steht, noch die Möglichkeit der Hirnstimulation. Auch hierdurch wird nur selten Anfallsfreiheit erzielt, es kann aber eine Besserung der Anfallssituation bewirkt werden. Wenn bei Patient*innen keines der resektiven epilepsiechirurgischen Verfahren in Frage kommt, z.B. weil die epileptogene Zone zu ausgedehnt ist oder mit wichtigen funktionstragenden Hirngebieten überlappt, können palliative Verfahren erwogen werden. Diese führen zwar nicht zur Anfallsfreiheit, können aber zumindest eine Besserung der Anfallshäufigkeit bewirken. Dazu gehören vor allem die Behandlungsverfahren mit elektrischer Neurostimulation (Hirnschrittmacher). Zwei dieser Verfahren sind bisher in Europa zur Epilepsiebehandlung zugelassen worden: die Vagusnervstimulation (VNS) und die tiefe Hirnstimulation der Nucleus anterior thalami (ANT-DBS). Weitere Stimulationsverfahren (z.B. die responsive Neurostimulation RNS, NeuroPace®). werden voraussichtlich bald folgen. Zu den Stimulationsverfahren gehören:
- Die Vagusnerv-Stimulation (VNS): in batteriebetriebener Taktgeber wird - wie ein Herzschrittmacher - unterhalb des linken Schlüsselbeins unter die Haut operiert. Ein ebenfalls unter der Haut liegendes Kabel wird dann zum linken Vagus-Nerv am Hals geführt und über Kontakte mit diesem verbunden. Die Dauer der Operation beträgt etwa 1-2 Stunden, Komplikationen stellen in 3-6% der Fälle Infektionen dar. Die Batterie hält etwa 5 bis 10 Jahre und muss dann in einer kleinen Operation gegen eine neue ausgetauscht werden. Die Stimulation erfolgt nicht kontinuierlich, sondern in der Regel in Intervallen, z.B. alle 5 min für 30 sec. Während der Stimulation berichten manche Patienten über Heiserkeit, Hustenreiz und Missempfindungen („Summen im Körper“). Die VNS ist in Deutschland seit 1995 als Zusatztherapie zur Behandlung von Kindern und Erwachsenen mit fokalen und generalisierten medikamentenresistenten Epilepsien zugelassen. Bei der Vagusnervstimulation (VNS) wird der linke Nervus vagus im Halsbereich über einen implantierten Schrittmacher elektrisch stimuliert. Die Reizung erfolgt mit einem festen Schema, das vom Arzt oder von der Ärztin über ein Handheldgerät von außen programmiert werden kann. VNS führt bei etwa 30 bis 50 Prozent der behandelten Patientinnen (Responder) zu einer Verminderung der Anfallshäufigkeit um durchschnittlich 30 Prozent. Anfallsfreiheit wurde nur in wenigen Einzelfällen berichtet. Neben der antikonvulsiven Wirkung ist auch ein antidepressiver Effekt beschrieben. Mögliche Nebenwirkungen sind Heiserkeit, Reizhusten und Schluckstörungen. Über einen Magneten können die Patientinnen den Schrittmacher zusätzlich zum fest programmierten Stimulationszyklus aktivieren. Einige Patient*innen berichten, dass sie dadurch beginnende Anfälle teilweise unterbrechen können.
- Die tiefe Hirnstimulation (THS): Bei der THS werden in der Regel zwei (beidseitige Stimulation) Elektroden symmetrisch stereotaktisch in tiefe Bereiche des Gehirns platziert. Diese Bereiche werden elektrisch stimuliert und dadurch kann eine Verminderung der Anfallsaktivität erzielt werden. Die tiefe Hirnstimulation ist in Deutschland seit August 2010 als Zusatztherapie zur Behandlung von Erwachsenen mit fokalen medikamenten-resistenten Epilepsien mit oder ohne sekundäre Generalisierung zugelassen.
- Laser- und Radiofrequenz-Thermoablation: Dabei wird die anfallsauslösende Stelle im Gehirn mit einem Laser oder mit Radiowellen zerstört, was zu Anfallsfreiheit führen kann.
- Sterotaktische Radiotherapie: Das ist eine gezielte Strahlentherapie, die sonst zum Abtöten von Krebszellen verwendet wird.
Durchführung der Operation
Vor der Operation findet eine Aufklärung der Patienten über die Erfolgschancen, möglichen Risiken und Komplikationen des chirurgischen Eingriffs statt. Meist erfolgt die Operation in Vollnarkose und kann bis zu einigen Stunden dauern. Wenn es erforderlich ist, den Erhalt wichtiger geistiger Funktionen während der Operation zu überprüfen, kann die Operation auch im Wachzustand durchgeführt werden. Bei besonderer anatomischen Lage der Läsion, zum Beispiel in elementaren funktionstragenden (eloquenten) Hirnarealen, kann eine Operation unter Wachbedingungen und intraoperatives Neuromonitoring erforderlich sein.
Erfolgsaussichten und Risiken
Erfolgsaussichten
Erstes Ziel einer epilepsiechirurgischen Behandlung ist die Anfallsfreiheit. Chirurgische Verfahren zur Behandlung der Epilepsie bieten dann gute Erfolgschancen, wenn vorher eine genaue Lokalisation des Bereiches erfolgen konnte. Insgesamt liegen die Erfolgschancen anfallsfrei zu werden bei etwa sechzig Prozent. Je nach Lage der epileptogenen Zone und je nach Ausmaß des Bildbefunds im MRT kann die Chance auf Anfallsfreiheit im optimalen Fall bei 70 bis 80 Prozent liegen. Die besten Ergebnisse werden bei einseitigen Temporallappen-Epilepsien erzielt, hier kann eine Erfolgsrate von siebzig bis achtzig Prozent erreicht werden. Wenn keine Anfallsfreiheit erreicht wird, kann eine Linderung der Anfallshäufigkeit zumindest ein Teilerfolg sein. Auch wenn sich im MRT keine Strukturveränderung (Läsion) nachweisen lässt, kann ein epilepsiechirurgischer Eingriff unter besonderen Umständen möglich sein, wenn sich mit anderen Methoden die genaue Lage und Ausdehnung der epileptogenen Zone mit hinreichender Genauigkeit bestimmen lässt. Der Eingriff besteht dann in der operativen Entfernung eines strukturell normal erscheinenden Hirnrindenbereichs. Die Chance auf Anfallsfreiheit ist bei solchen non-läsionellen Epilepsien zwar geringer als bei Nachweis einer typischen Läsion, kann aber im optimalen Fall mit 40 bis 50 Prozent immer noch besser sein als weitere medikamentöse Behandlungsversuche, wenn zuvor schon viele andere Medikamente versagt haben.
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Risiken und Nebenwirkungen
Operationen am Gehirn bringen Risiken mit sich. Dazu gehören Verletzungen wichtiger Hirnstrukturen mit möglichem Funktionsverlust, die vorher mit dem Patienten besprochen werden sollten. Aber auch natürliche Operationsrisiken, wie Nachblutungen und Entzündungen können vorkommen. Außerdem kann es trotz des Eingriffes dazu kommen, dass der gewünschte Erfolg nicht eintritt und der Patient nach der Operation nicht beschwerdefrei ist. Ob und ggf. welche Schäden durch die OP drohen (z.B. Sprachprobleme, Bewegungsprobleme oder Sehprobleme), hängt davon ab, von welchen Stellen des Gehirns die Epilepsie ausgeht. Das Risiko ist hoch, wenn sie in der Nähe von Gehirnstellen mit einer wichtigen Funktion liegen oder wenn sie von solchen Stellen nicht klar abzugrenzen sind. Das lässt sich durch verschiedene Untersuchungen herausfinden, z.B. Außerdem sollte vor einer Entscheidung über eine OP die Gehirnfunktion getestet werden und der Mensch mit Epilepsie und ggf. dessen Angehörige sollten sich gut beraten lassen, wie sich die OP z.B. auf die Arbeitsfähigkeit (Epilepsie > Beruf), die Fahrerlaubnis (Epilepsie > Autofahren), auf Sport und Freizeit (Epilepsie > Urlaub und Sport) und auf das soziale Leben auswirken kann.
Medikamenteneinnahme nach der Operation
Eine epilepsiechirurgische Behandlung hat nicht das Ziel, Epilepsiemedikamente (Antikonvulsiva) abzusetzen. Diese sollten auch nach einem epilepsiechirurgischen Eingriff weiter eingenommen werden. Auch wenn die Operation erfolgreich verlaufen ist und Anfallsfreiheit erreicht wird, sollten die Anfalls-Medikamente nicht sofort abgesetzt werden. Bei Patienten, die mehrere Medikamente einnehmen, kann jedoch meist die Anzahl der Medikamente gleich nach der Operation reduziert werden. Bevor man versucht, die Medikamente ganz abzusetzen, sollte im Allgemeinen wenigstens ein Jahr Anfallsfreiheit bestehen.
Nachsorge und Prognose
Nach der Operation bleiben die Patienten noch etwa eine Woche im Krankenhaus, anschließend besteht bei größeren Eingriffen die Möglichkeit zu einem Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik. Nachuntersuchungen werden routinemäßig nach 3, 6, 12 und 24 Monaten ambulant durchgeführt. Die Untersuchungen dienen dazu, die postoperative Behandlung zu steuern, und auch dazu, den Erfolg der Operation zu bewerten und damit die Qualität zu sichern. Bei den Nachuntersuchungen werden wieder die Hirnströme gemessen (20-minütige EEG-Ableitung) und die Blutspiegel der Medikamente bestimmt. Nach 3 Monaten wird zusätzlich eine Kernspintomographie durchgeführt, zu den anderen Terminen neuropsychologische Tests, um die geistigen Funktionen (Gedächtnis, Sprache usw.) im Verlauf zu untersuchen und eventuelle Veränderungen wahrzunehmen. Im Anschluss an die Operation verbleibt der Patient etwa eine Woche im Krankenhaus, danach kann die Weiterbehandlung in einer Rehaklinik erfolgen. Direkt nach der Operation kann die vorbestehende Medikation in der Regel reduziert werden. Dennoch sollten die Medikamente erst nach ca. einem Jahr Anfallsfreiheit abgesetzt werden. Nachuntersuchungen mit entsprechender EEG Diagnostik erfolgen etwa alle drei, sechs und zwölf Monate nach der Operation.
Spezialisierte Zentren und interdisziplinäre Zusammenarbeit
Die chirurgische Behandlung von Patienten mit Epilepsie erfolgt durch Neurochirurgen in enger Zusammenarbeit mit den behandelnden Neurologen. Vor dem Eingriff wird eine interdisziplinäre Fallbesprechung mit Ärzten verschiedener Einrichtungen durchgeführt. Dazu gehören Neurochirurgen, Neurologen, Radiologen und Psychologen. Die Operation und der Aufenthalt werden von neurochirurgischen Einrichtungen realisiert, die Nachuntersuchungen in der Regel vom Neurologen. Häufig gibt es eigene Epilepsiestationen, die auf die Behandlung der Erkrankung spezialisiert sind. Eine Operation sollte prinzipiell nur von zertifizierten epilepsiechirurgischen Zentren durchgeführt werden.
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