Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen und geht mit komplexen Bewältigungsanforderungen einher. Es stellen sich Fragen nach dem Umgang mit den Symptomen, der Medikation, der Alltagsgestaltung sowie nach familialen, sozialen und beruflichen Konsequenzen. Entsprechend vielfältig zeigt sich das klinische und beratende Aufgabenspektrum Pflegender. Um den spezifischen Fragen und pflegerischen Anforderungen nachzugehen, gibt das Buch einen Einblick in die Pflege bestimmter Zielgruppen, wie Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Menschen mit komplexer Behinderung, aber auch in unterschiedliche Pflegesettings wie der Psychosomatik, der Epilepsiechirurgie und der Rehabilitation.
Was ist Epilepsie? Definition und Grundlagen
Epilepsien umfassen eine Vielzahl von chronischen Erkrankungen des zentralen Nervensystems, die aufgrund einer Überaktivität der Nervenzellen im Gehirn auftreten. Wenn Nervenzellen übermäßig aktiv sind, können sie anfallsartige Funktionsstörungen auslösen. Diese reichen von kaum merklichen geistigen Abwesenheiten (z. B. Absencen bei Kindern oder kognitive Anfälle bei Erwachsenen) über Wahrnehmungsstörungen bis hin zu schweren Krampfanfällen mit Bewusstseinsverlust. Bei einem epileptischen Anfall ist die Funktion des Gehirns kurzzeitig gestört.
Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die im Pflegealltag häufiger vorkommt, als viele vermuten. Für Pflegefachkräfte bedeutet der Umgang mit betroffenen Menschen weit mehr als medizinisches Wissen: Er erfordert vorausschauendes Handeln, empathische Begleitung und ein strukturiertes Risikomanagement.
Formen von Anfällen
Es gibt generalisierte Anfälle (Grand Mal), bei denen das gesamte Gehirn beteiligt ist, und fokale Anfälle (Petit Mal), die nur in einem Teil des Gehirns entstehen. Epileptische Anfälle sind in der Regel sehr kurz. Meistens dauern sie nicht länger als 2 Minuten. Wenn ein Anfall länger als 5 Minuten anhält, handelt es sich um einem Status epilepticus. Auch wenn sich 2 oder mehr Anfälle kurz hintereinander ereignen, ohne dass sich der*die Betroffene dazwischen erholen konnte, spricht man von einem Status epilepticus. Einzelne epileptische Anfälle können auch bei Menschen ohne Epilepsie auftreten. Auslöser dieser Gelegenheitsanfälle sind dann zum Beispiel akute Erkrankungen, Verletzungen oder Fieberkrämpfe bei Kindern.
Um eine Epilepsie handelt es sich nur, wenn man ohne ersichtlichen Grund mindestens zwei epileptische Anfälle hatte, die im Abstand von mehr als 24 Stunden auftraten oder nach einem ersten Anfall ohne bekannten Auslöser eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass innerhalb der nächsten 10 Jahre weitere Anfälle auftreten. Letzteres kann z. B. angenommen werden, wenn die Krankheit in der Familie bereits häufiger diagnostiziert wurde.
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Ursachen und Risikofaktoren
Die Ursachen der Epilepsie sind noch nicht vollständig geklärt. In vielen Fällen ist eine Form der Epilepsie schon früher in der Familie aufgetreten, was für eine erbliche Veranlagung spricht. In einigen Fällen kann man Veränderungen im Erbmaterial (Genmutation) erkennen. Manche Anfälle können sich in Folge von Unfällen (posttraumatisch) oder als Reflexantwort ereignen. Bei anderen Anfällen können Veränderungen in der Gehirnstruktur (z. B. eine fokale kortikale Dysplasie) ursächlich sein.
Pflegerische Maßnahmen im Akutfall: Verhalten bei einem epileptischen Anfall
Wenn man Zeug*in eines epileptischen Anfalls bei einer anderen Person wird, ist es sehr wichtig, ruhig und besonnen zu bleiben. Vor allem sollte man überlegen, wie man die Person vor Verletzungen schützt. Alles andere hängt von der Stärke und der Art der Anfälle ab.
Leichte epileptische Anfälle mit wenigen Symptomen
Bei kurzen Absencen oder Muskelzuckungen besteht keine unmittelbare Gefahr. Danach können sich die Betroffenen unsicher fühlen und Unterstützung benötigen.
Anfälle mit eingeschränktem Bewusstsein oder Verhaltensänderungen
Wenn Menschen mit einem epileptischen Anfall verwirrt wirken, ist es wichtig, sie vor Gefahren zu schützen (z. B. im Straßenverkehr). Gehen Sie dabei mit der Person ruhig um und fassen Sie sie nicht hart an. Hektik, Zwang oder Gewalt können zu starken Gegenreaktionen führen. Versuchen Sie dem oder der Betroffenen Halt und Nähe zu vermitteln.
Große generalisierte epileptische Anfälle
Bei einem großen generalisierten Anfall verkrampft der ganze Körper und die Person verliert das Bewusstsein. In diesen Fällen sollten Sie Folgendes tun: Ein epileptischer Anfall kann verschiedene Ursachen haben und das Symptom eines lebensbedrohlichen Notfalls sein. Wählen Sie daher immer den Notruf 112 und rufen Sie professionelle Hilfe. Sorgen Sie für Sicherheit, indem Sie z. B. gefährliche Gegenstände beiseite räumen. Polstern Sie den Kopf desr Betroffenen ab. Nehmen Sie seine/ihre Brille ab. Lockern Sie enge Kleidung am Hals, um die Atmung zu erleichtern. Bitten Sie Menschen, die in der Situation nicht helfen können, weiterzugehen. Viele Epileptikerinnen haben eine „Notfalltablette“ dabei, die einen längeren Anfall beenden kann. Diese Tablette sollte dem*r Betroffenen jedoch von geschulten Hilfspersonen verabreicht werden. Wenn Sie selbst nicht darin geschult sind, warten Sie bis professionelle Hilfe angekommen ist. Bleiben Sie nach dem Anfall bei der Person und bieten Sie Ihre Unterstützung an. Wenn die Person nach dem Anfall erschöpft ist und einschläft, bringen Sie sie in die stabile Seitenlage.
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Was Sie in keinem Fall tun sollten:
- Dieden Betroffenen festhalten oder zu Boden drücken
- der betroffenen Person etwas in den Mund schieben - auch wenn sie sich in die Zunge beißt
Klassifikation epileptischer Anfälle
Es gibt verschiedene Formen epileptischer Anfälle. Um diese zu ordnen, hat die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) im Jahr 2017 ein System entwickelt, bei dem die Anfallsformen nach ihren Merkmalen klassifiziert werden. Im ersten Schritt der Anfallsklassifikation unterscheidet man nach dem Beginn eines Anfalls:
- Ein fokaler Beginn, findet in einer Hirnhälfte statt.
- Ein generalisierter Beginn, geht von beiden Hirnhälften aus.
- Bei einem unbekannten Beginn ist nicht bekannt, wie der Anfall angefangen hat.
Klassifikation von Anfällen mit fokalem Beginn
Anfälle mit fokalem Beginn werden darin unterschieden, ob der*die Betroffene sie bewusst oder nicht bewusst erlebt. Sie werden anschließend nach ihrem anfänglichen Erscheinungsbild klassifiziert. Hierbei unterscheidet man einen motorischen Beginn von einem nicht-motorischen Beginn.
Motorischer Beginn
Unter dem Begriff „motorisch“ fasst man Muskelaktivitäten, wie beispielsweise Muskelzuckungen oder -krämpfe aber auch eine Muskelerschlaffung (Atonie, atonisch) zusammen. Die verschiedenen motorischen Symptome bei einem epileptischen Anfall werden mit spezifischen Fachbegriffen beschrieben. Beispiele hierfür sind:
- klonisch: symmetrische oder asymmetrische Zuckungen, die rhythmisch sind und identische Muskelgruppen betreffen
- myoklonisch: plötzliche, sehr kurze, einzelne oder mehrfache unrhythmische Muskelzuckungen, die weniger regelmäßig sind und kürzer andauern als klonische Zuckungen
- tonisch: eine zunehmende Muskelanspannung (Kontraktion), die einige Sekunden bis Minuten anhält
- epileptische Spasmen: plötzliche Muskelaktivität, die anfallsweise häufig wiederholt werden kann (Cluster); beispielsweise Beugen oder Strecken der Arme, Beugen der Rumpfmuskulatur, Grimassen, Nicken oder subtile Augenbewegungen
- Automatismus: Bewegungen, die aussehen wie alltägliche koordinierte Handlungen, die die Betroffenen jedoch nicht willentlich steuern, beispielsweise Laufbewegungen oder Nicken. In manchen Fällen setzen die Betroffenen eine Handlung fort, die sie vor Beginn des Anfalls ausführten.
- Hyperkinetisch: die Betroffenen bewegen sich sehr stark, sie strampeln beispielsweise.
Nicht-motorischer Beginn
Hierunter fallen beispielsweise Symptome während eines Anfalls wie
- Innehalten: Aktivitätspause, Erstarren, Bewegungslosigkeit
- kognitive Einschränkungen: z. B. Sprach- und Sprechstörungen (Aphasie, Apraxie), Wahrnehmungsstörungen oder Halluzinationen
- emotionales Verhalten: z. B. Angst, Furcht, Wut sowie Lachanfälle oder Weinen
- autonome Reaktionen: z. B. Erröten, Blässe, Gänsehaut, Erektion, Veränderungen des Herzschlags oder der Atmung, Übelkeit
- sensible/sensorische Störungen (Sinnesstörungen): z. B. Störungen des Hör-, Geschmacks- oder Geruchssinns, Gleichgewichtsstörungen oder Sehstörungen
Anfälle mit fokalem Beginn können auf eine Hirnhälfte begrenzt bleiben, sie können aber auch auf die andere Hirnhälfte übergreifen und dann beidseitig (bilateral) eine tonisch-klonische Aktivität hervorrufen.
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Klassifikation von Anfällen mit generalisiertem Beginn
Ein generalisierter Anfallsbeginn wird von den Betroffenen niemals bewusst erlebt. Man beschreibt diese Anfälle nach ihren motorischen und nicht-motorischen Symptomen.
Motorische Symptome bei generalisiertem Beginn
Neben den tonischen, klonischen und myoklonischen Muskelaktivitäten, der Atonie und den epileptischen Spasmen, die man auch bei fokalen Anfällen beobachten kann, können bei einem Anfall mit generalisiertem Beginn Kombinationen dieser Symptome auftreten:
- tonisch-klonisch
- myoklonisch-tonisch-klonisch
- myoklonisch-atonisch
Nicht-motorische Symptome bei generalisiertem Beginn
Anfälle mit generalisiertem Beginn und nicht-motorischen Symptomen können auch als Absencen bezeichnet werden. Absencen treten typischerweise eher bei Kindern auf als bei Erwachsenen. Man unterscheidet:
- typische Absence-Anfälle
- atypische Absence-Anfälle (mit langsamem Beginn oder Ende oder bei signifikanter Veränderung der Muskelspannung)
- myoklonische Krampfanfälle (kurze, vereinzelte und plötzlich auftretende Muskelzuckungen, hauptsächlich in Schultern und Armen)
- Augenlid-Myoklonie (Lidzuckungen, Drehen der Augäpfel)
Anfälle mit unbekanntem Beginn
Der Beginn eines Anfalls ist unbekannt, wenn derdie Betroffene ihn nicht bewusst erlebt hat und es auch keine Zeuginnen gibt, die den Anfallsbeginn genau beschreiben können.
Auslöser (Trigger) von epileptischen Anfällen
Epileptische Anfälle können aus heiterem Himmel auftreten. In vielen Fällen sind aber auch bestimmte Trigger eines Anfalls bekannt. Die Auslöser können sich im individuellen Fall unterscheiden. Zu den häufigsten Triggern von epileptischen Anfällen gehören unter anderem:
- Schlafmangel
- unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus
- starke körperliche oder seelische Belastung (Stress)
- hohes Fieber
- Alkohol und Alkoholentzug
- Drogen oder Schlafmittelentzug
- eher selten flackerndes Licht (Computerspiele, Stroboskopbeleuchtung in Clubs)
Verlauf und Prognose
Epilepsien können unterschiedlich verlaufen. Es gibt Menschen, die nur wenige Anfälle in ihrem Leben erleiden. Die Krankheit hat in diesen Fällen kaum Einfluss auf die Lebensplanung und -qualität der Betroffenen. Unter Umständen können diese Personen nach einigen Jahren Anfallsfreiheit ihre Epilepsie-Medikamente unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle sehr langsam ausschleichen. Wenn die Medikamente dazu führen, dass die Betroffenen anfallsfrei sind oder deutlich weniger Anfälle erleiden, können diese ein weitgehend normales Leben führen. Solange das Risiko von Anfällen besteht, dürfen die Betroffenen jedoch kein Kraftfahrzeug fahren. Etwa 30-40 Prozent der Patient*innen werden durch die medikamentöse Therapie nicht vollständig anfallsfrei.
Wenn zwei sorgfältig ausgewählte Medikamente in ausreichender Dosierung versagen, gilt eine Epilepsie als pharmakoresistent, d.h. sie spricht nicht ausreichend gut auf medikamentöse Therapien an. Wenn eine Stelle im Gehirn (Fokus) zu erkennen ist, von der die Anfälle ausgehen, kann eine Operation Patient*innen mit einer pharmakoresistenten Epilepsie unter Umständen helfen. Um festzustellen, ob solch ein Fokus vorliegt und auch operiert werden kann, müssen verschiedene Untersuchungen, darunter spezielle EEG- und Bildgebungsverfahren, durchgeführt werden.
Folgen einer Epilepsie
Die gute Nachricht ist: Epileptische Anfälle führen in der Regel nicht zu bleibenden Schäden im Gehirn und auch nicht zu geistigen Behinderungen. Bei einem Status epilepticus kann es jedoch zu bleibenden Schäden kommen. Die unmittelbaren Folgen nach einem epileptischen Anfall sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich und hängen von der Stärke des Anfalls ab. Es gibt Menschen, die sich schnell von einem Anfall erholen und die Tätigkeit gleich wiederaufnehmen können. Verletzungen infolge eines epileptischen Anfalls kommen immer wieder vor. Besonders hoch ist das Verletzungsrisiko bei einem generalisierten Anfall. Neben Sturzverletzungen und Prellungen kann es vorkommen, dass sich die Betroffenen in die Zunge beißen. Nach schweren Anfällen können die Betroffenen verwirrt sein. Sie brauchen Zeit, um wieder zu sich zu kommen. In den Stunden danach können vorübergehend auch Niedergeschlagenheit, Vergesslichkeit, Sprachstörungen oder Lähmungen auftreten. Einige Menschen sind nach einem Anfall völlig erschöpft und schlafen viel. Die Angst vor einem Anfall kann Betroffene psychisch belasten. Darüber hinaus ist das Risiko für eine Depression bei Menschen mit Epilepsie erhöht. Ein schwerer Anfall, der mehr als 5 Minuten dauert (Status epilepticus) ist eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung und sollte umgehend intensivmedizinisch/neurologisch behandelt werden. Menschen mit einer idiopathischen Epilepsie haben eine ähnlich hohe Lebenserwartung wie Menschen ohne die Erkrankung.
Erste Hilfe bei epileptischen Anfällen
Kommt es zu einem epileptischen Anfall, ist ruhiges, sicheres Handeln gefragt. Pflegekräfte müssen in der Lage sein, schnell zu reagieren und Komplikationen zu vermeiden.
Zu den Sofortmaßnahmen bei generalisierten (tonisch-klonischen) Anfällen gehören: Ruhe bewahren und gefährliche Gegenstände aus dem Umfeld entfernen. Wichtig ist, die betroffene Person nicht zu fixieren - die Zuckungen sollten nicht unterdrückt werden. Die Atmung muss beobachtet und ggf. beengende Kleidung gelockert werden. Um Verletzungen zu vermeiden, sollte der Kopf geschützt werden, etwa mit einem Kissen oder einem Handtuch. Die Dauer des Anfalls sollte beobachtet und dokumentiert werden. Es ist unbedingt zu vermeiden, Gegenstände in den Mund zu geben - dies birgt eine erhebliche Erstickungsgefahr. Nach dem Anfall ist die stabile Seitenlage einzunehmen und eine engmaschige Überwachung erforderlich.
Ein Notruf sollte abgesetzt werden, wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert (Status epilepticus), mehrere Anfälle ohne volles Erwachen dazwischen auftreten, Atemstillstand, schwere Zyanose oder Verletzungen bestehen oder es sich um den ersten beobachteten Anfall handelt.
In der außerklinischen Intensivpflege gelten besondere Anforderungen: Es müssen Notfallkonzepte vorhanden und das Personal regelmäßig im Team geschult sein. Individuelle Anfallsprotokolle sowie ärztlich verordnete Notfallmedikationen (z. B. Midazolam) müssen bekannt und verfügbar sein. Pflegekräfte sollten sicher in der Anwendung und in der Nachsorge solcher Medikamente sein - inklusive Beobachtung von Wirkung und Nebenwirkungen.
Sicherheit und Prävention in der außerklinischen Versorgung
Ziel der pflegerischen Umgebungsgestaltung ist es, das Risiko von Verletzungen zu minimieren und Sicherheit im Alltag zu gewährleisten.
Praktische Anpassungen im Wohnumfeld:
- Sturzprophylaxe: gepolsterte Möbel, rutschfeste Böden, niedriges Bett
- Gesicherte Elektrogeräte (z. B. Herdabschaltung bei Alleinversorgung)
- Vermeidung scharfer Kanten und zerbrechlicher Objekte
- Bewegungsabhängige Beleuchtung zur Orientierung bei nächtlichen Anfällen
Die Umgebung sollte regelmäßig evaluiert und individuell angepasst werden.
Technische Hilfsmittel und Assistenzsysteme:
- Anfallsmelder (z. B. in Matratzen oder tragbaren Geräten)
- Notrufsysteme mit direkter Verbindung zur Pflegeperson
- Videoüberwachung in Absprache mit Betroffenen und Betreuern
- Apps für Anfallstagebücher und Medikamentendokumentation
Diese Systeme ergänzen, aber ersetzen nicht die pflegerische Beobachtung - insbesondere bei nächtlicher Versorgung oder Alleinbetreuung.
Schulung als präventives Instrument:
- Regelmäßige Fortbildungen zu Epilepsie, Notfallmanagement und technischer Ausstattung
- Einbeziehung und Schulung von Angehörigen
Ziel ist es, nicht nur auf Anfälle zu reagieren, sondern Risiken frühzeitig zu erkennen und den Alltag planbar und sicher zu gestalten.
Psychosoziale Aspekte: Begleiten mit Empathie
Epilepsie betrifft nicht nur den Körper - sie beeinflusst auch das Leben, die Psyche und das soziale Umfeld der Betroffenen. Pflegekräfte übernehmen dabei eine zentrale Rolle als medizinische und psychosoziale Begleitung.
Zu den häufigen psychosozialen Belastungen gehören die Angst vor Anfällen in der Öffentlichkeit, Gefühle von Scham und Kontrollverlust sowie der Rückzug aus sozialen Kontakten. Auch Stigmatisierung im beruflichen oder familiaren Umfeld ist keine Seltenheit. Diese Erfahrungen können zu Depressionen, Selbstzweifeln oder einer emotionalen Abhängigkeit führen.
Eine empathische Gesprächsführung ist daher zentral. Pflegekräfte sollten aktiv zuhören, ohne vorschnelle Lösungen anzubieten, und eine wertschätzende Sprache verwenden - etwa mit der Frage „Was brauchen Sie?“ statt „Was fehlt Ihnen?“. Es gilt, Raum für Ängste zu lassen - sei es vor Ohnmacht, Nebenwirkungen oder sogar dem Tod. Angehörige sollten einbezogen, aber nicht bevormundet werden. Ein offener, respektvoller Dialog stärkt das Vertrauen und unterstützt die Therapietreue.
Darüber hinaus sollten Pflegekräfte gezielt die Teilhabe und Selbstständigkeit der Betroffenen fördern - etwa durch Unterstützung bei der Freizeitgestaltung und sozialen Integration, Beratung zur beruflichen Wiedereingliederung oder Hinweise auf Assistenzsysteme und Selbsthilfegruppen. Gerade in der außerklinischen Intensivpflege ist es wichtig, den Menschen nicht auf seine Erkrankung zu reduzieren, sondern ihn als Persönlichkeit mit Ressourcen wahrzunehmen.
Langfristige Betreuung: Aufgaben der Pflegekräfte
Die Versorgung endet nicht mit dem einzelnen Anfall - gerade in der Langzeitbetreuung übernehmen Pflegekräfte zentrale Rollen: in der Beobachtung, im Medikamentenmanagement und in der interdisziplinären Zusammenarbeit.
Zusammenarbeit im Team
Für eine effektive Versorgung ist die enge Abstimmung mit folgenden Akteuren unerlässlich:
- Neurologen und Hausärzt*innen (z. B. für Therapieanpassungen)
- Therapeutische Fachkräfte wie Ergo- oder Logopäd*innen
- Angehörige und gesetzliche Betreuende
- Apotheken und Hilfsmittelversorger
Pflegekräfte sind häufig die zentrale Schnittstelle, erkennen Veränderungen früh und sichern den Informationsfluss.
Medikamentenmanagement
Viele Betroffene erhalten Antikonvulsiva - hier übernehmen Pflegekräfte unter anderem:
- Überwachung der regelmäßigen Einnahme
- Beobachtung von Nebenwirkungen und Wechselwirkungen
- Dokumentation von Wirkung und Anfallsgeschehen
- Gabe von Notfallmedikamenten (z. B. Midazolam nasal oder rektal)
Ein strukturierter Medikamentenplan ist vor allem bei wechselnden Pflegepersonen unverzichtbar.
Beobachtung und Verlaufseinschätzung
Langfristige Betreuung heißt auch: Entwicklungen beobachten, dokumentieren und weitergeben, etwa bei:
- Veränderung der Anfallshäufigkeit oder -intensität
- Auffälligkeiten im Verhalten, in Orientierung oder Mobilität
- Reaktionen auf neue Medikamente oder veränderte Dosierungen
Pflegekräfte leisten so einen wichtigen Beitrag zur Therapiesicherheit und Lebensqualität.
Karrierechancen und Weiterbildung in der neurologischen Pflege
Die Pflege von Menschen mit neurologischen Erkrankungen erfordert spezialisiertes Wissen - und bietet gleichzeitig spannende berufliche Entwicklungsmöglichkeiten.
Pflegefachkräfte wie Gesundheits- und Krankenpflegerinnen oder Altenpflegerinnen können sich über zertifizierte Fortbildungen in der außerklinischen Intensivpflege spezialisieren. Inhalte solcher Weiterbildungen sind unter anderem das Notfallmanagement bei neurologischen Krankheitsbildern, der Umgang mit Beatmungs- und Überwachungstechnik, interdisziplinäre Kommunikation und die Arbeit mit Angehörigen sowie rechtliche und ethische Grundlagen. Diese Qualifikationen verbessern die beruflichen Chancen erheblich - insbesondere in spezialisierten Einrichtungen.
Darüber hinaus sind auch Spezialisierungen im neurologischen Bereich möglich: etwa durch Basiskurse in der Epilepsie-Fachpflege, Fortbildungen zu Antiepileptika und deren Nebenwirkungen oder Schulungen zur psychosozialen Begleitung chronisch erkrankter Menschen. Diese Kompetenzen sind besonders bei langzeitbetroffenen Personen von großer Bedeutung - sowohl fachlich als auch menschlich.
Spezialisierte Pflegekräfte finden vielfältige berufliche Einsatzfelder: in der Fachpflege für außerklinische Intensivversorgung, als Teamleitungen in neurologisch ausgerichteten Diensten, in der Pflegeberatung oder Schulung von Angehörigen sowie in der Mitarbeit an Projekten oder Studien zur neurologischen Versorgung. Mit Fachwissen, Empathie und Engagement wird man so zur gefragten Spezialist*in in einem wachsenden Gesundheitsfeld.
Epilepsie und Arbeitswelt: Rechte und Integration
Epilepsie betrifft auch das Berufsleben. Pflegekräfte können zur Inklusion beitragen, indem sie rechtliche Grundlagen kennen und Menschen mit Epilepsie unterstützend begleiten.
Rechtlich gilt Epilepsie als chronische Erkrankung und kann im Einzelfall auch als Schwerbehinderung anerkannt werden. Betroffene haben Anspruch auf Nachteilsausgleiche - etwa in Form von Zusatzurlaub oder steuerlichen Vorteilen. Sie sind durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) vor Diskriminierung geschützt und können Unterstützung durch Reha-Träger sowie Integrationsämter erhalten. Pflegekräfte sollten in der Lage sein, Betroffene über ihre Rechte zu informieren und sie bei Gesprächen mit Arbeitgebern oder Behörden zu unterstützen.
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