David Eagleman: Eine Reise in die Tiefen unseres Gehirns

David Eagleman, ein renommierter Neurowissenschaftler, nimmt uns in seinem Buch mit auf eine faszinierende Reise in die Tiefen unseres Gehirns. Er beleuchtet die komplexen Mechanismen, die unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmen, und wirft dabei grundlegende Fragen nach unserer Identität, unserer Wahrnehmung und unserer Entscheidungsfreiheit auf. Dabei schafft er eine Verbindung zu unserem eigenen Leben, zu uns selbst.

Die verborgenen Kräfte unseres Gehirns

Eagleman widerlegt die Vorstellung, dass unser Verstand unsere Entscheidungen bewusst und rational trifft. Stattdessen argumentiert er, dass das Bewusstsein lediglich eine Art "Zeitung" ist, die uns hilft, die wichtigsten Informationen aus der Flut an täglichen Eindrücken zu filtern. Das Gehirn hingegen arbeitet im Verborgenen, sammelt und verarbeitet Daten auf allen Prozessebenen und steuert uns so "inkognito".

"Über die meisten unserer Handlungen, Gedanken und Empfindungen haben wir keinerlei bewusste Kontrolle", schreibt Eagleman in seinem Buch "Inkognito".

Das Gehirn verbraucht etwa 20 % unserer täglichen Kalorienaufnahme. Es ist ein komplexes Netzwerk, in dem jeder Teil mit jedem anderen verbunden ist. "Unsere Gedanken und Träume, Erinnerungen und Erfahrungen stammen alle aus diesem sonderbaren Hirnmaterial."

Die Entwicklung unseres Gehirns

Eagleman beschreibt, wie sich das Gehirn von der Kindheit an physisch entwickelt. Kinder im Alter von zwei Jahren haben die meisten Synapsenverbindungen, die danach wieder abnehmen, da nur die notwendigen gestärkt werden und die anderen sich zurückbilden.

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Das Gehirn ist formbar und passt sich an neue Erfahrungen an. So wächst bei Taxifahrern der Bereich des Gehirns, der für das räumliche Gedächtnis zuständig ist, mit zunehmender Berufserfahrung.

Die Illusion der Realität

Unsere Wahrnehmung der Realität ist verzerrt. Das Gehirn erzeugt für uns eine zurechtgestutzte Version der Wirklichkeit. Die reale Welt ist farblos, stumm und geruchlos. Es ist unser Gehirn, das die Welt mit seiner eigenen Sinnlichkeit auflädt.

"Was wir erleben, hat also mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Wir sehen eine Illusion!"

Eagleman erklärt am Beispiel optischer Täuschungen, wie leicht unser Gehirn in die Irre geführt werden kann.

Wer steuert uns?

Viele unserer Handlungen laufen automatisch ab, ohne dass wir bewusst darüber nachdenken. Erst wenn etwas Unerwartetes oder eine Konfliktsituation eintritt, schaltet sich das Bewusstsein dazu.

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Ob wir über einen freien Willen verfügen und selbst entscheiden, ist fraglich. Experimente zeigen, dass Entscheidungen, bei denen das Gehirn manipuliert wurde, dennoch als freie Entscheidungen empfunden werden.

"Unser Gehirn ist wie ein Parlament, in dem rivalisierende Parteien um die Vormacht kämpfen. Mal entscheiden wir egoistisch, mal großzügig, mal impulsiv, mal langfristig."

Eagleman kratzt an der festen Überzeugung, dass jeder Mensch einen eigenen Charakter, ein Gewissen und auch so etwas wie eine Seele habe. Laut seinen Forschungen wird das menschliche Verhalten in jedem Moment neu berechnet und gleicht einem fotografischen Schnappschuss, der auf Basis des gerade kurz Gegenwärtigen ein Bild erzeugt, dass als Basis für eine Handlung dient. Die Summe dieser unglaublich vielen einzelnen Entscheidungen ist dann der Eindruck, den Außenstehende von dem betreffenden Menschen haben. Und er sagt ausdrücklich: Fehler sind vorprogrammiert.

Die Bedeutung des sozialen Umfelds

Die Komplexität des Gehirns entsteht vor allem aus der Interaktion mit anderen Menschen. Wir beobachten genau und versuchen, andere Menschen anhand der Signale, die sie aussenden, einzuschätzen. Unbewusst spiegeln wir deren Verhalten.

Eagleman erklärt, wie es dazu kommen kann, dass wir andere entmenschlichen und durch Propaganda sogar zu Völkermord fähig sind. Hier helfe nur Bildung, das Bewusstmachen dieser Mechanismen.

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Die Zukunft der Hirnforschung

Eagleman beschreibt die Chancen des medizinischen Fortschritts und der Biotechnologie. Er malt eine rosige Zukunft, in der wir körperliche und geistige Mängel besser reparieren und sogar unsere Sinne erweitern können.

Das Gehirn kann den Ausfall bestimmter Hirnareale oder auch einzelner Sinne problemlos kompensieren. Es kann Prothesen oder Implantate durch die Bildung neuer Schaltkreise in unser Körperbild integrieren.

Zum Beispiel können Blinde lernen, durch Stromstöße auf ihrer Zunge ihre Umgebung zu "sehen". Eine Eigenentwicklung des Autors namens VEST hilft Gehörlosen, durch Vibrationen wieder zu "hören". Ob die Signale künstlich sind oder nicht, spielt für das Gehirn keine Rolle.

Sobald es technisch möglich ist, könnten wir unsere Sinne erweitern: zum Beispiel elektrische Felder wahrnehmen oder ultraviolettes Licht sehen, Muster in Datenbergen interpretieren. Vielleicht könnten wir sogar unser Bewusstsein auslagern.

"Unser Körper ist im Grunde nur der Anfang. In einer fernen Zukunft werden wir nicht nur unseren Körper erweitern, sondern auch unser Selbstgefühl. … Wenn wir die Grenzen unserer angeborenen Sinnesorgane und Gliedmaßen hinter uns lassen, werden wir andere Menschen sein."

Implikationen für das Rechtssystem

Eagleman will mithilfe der Hirnforschung das Rechtssystem reformieren. Statt Verbrecher einzusperren, möchte er sie mit der Kraft ihrer eigenen Gedanken heilen.

Er argumentiert, dass die westlichen Justizsysteme auf der Annahme beruhen, dass Menschen gleichermaßen rationale und überlegte Entscheidungen fällen. Er hält diese Rechtsidee für krude, da jeder Teil des Gehirns in einem komplexen Netzwerk mit einem anderen Teil verbunden ist. Ein Mörder ist nicht ein Mensch wie jeder andere, der nur mal eine schlechte Entscheidung getroffen hat.

Brainprov: Gehirnhack für flexibleres Leben

Das Gehirn schafft sich eine Realität, die nicht genau der Realität eines anderen Gehirns entspricht. Rückmeldungen unseres Körpers sind essentiell für unsere Entfaltung und Entscheidungen sind ein Kampf zwischen Gehirnregionen.

Eagleman überträgt dies auf die Kunstform Improvisationstheater. Durch Improvisation lernen wir, alte Geschichten loszulassen und neue zu akzeptieren. Wir hinterfragen dadurch öfter unsere Glaubenssätze und unsere Realität und werden gleichzeitig gnädiger bei Fehlern unserer Mitmenschen. Wir machen uns hier also die Formbarkeit des Gehirns zu nutze. Zusätzlich überwinden wir die Angst davor, etwas nicht zu verstehen. Wir wandeln die Angst in Neugier um, gehen durch sie hindurch und erfahren, dass Veränderung zwar nicht einfach, aber möglich ist.

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