Multiple Sklerose: Rhythmusstörungen, Ursachen und Behandlungsansätze

Multiple Sklerose (MS), auch Encephalomyelitis disseminata genannt, ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), d.h. des Gehirns und des Rückenmarks. Die Ursache der MS ist bis heute nicht vollständig geklärt. Diese Erkrankung zeichnet sich durch im Nervensystem verstreute Entzündungsherde aus. Die Symptome und Beschwerden einer MS sind sehr vielfältig und individuell unterschiedlich. Häufige erste Anzeichen sind Lähmungen der Gliedmaßen, Gefühlsstörungen am Rumpf oder den Extremitäten sowie Sehstörungen wie Verschwommensehen oder Doppelbilder.

Bedeutung der Früherkennung und Therapie

Die Früherkennung der MS ist von großer Bedeutung, da eine frühzeitige Diagnose und Therapie einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben können. Moderne Diagnosemethoden und -kriterien ermöglichen es, eine MS früher zu diagnostizieren und eine geeignete Therapie einzuleiten.

Dr. Kalyani Bondre-Kempen betont: "Man weiß inzwischen, dass eine frühzeitige Diagnosestellung und dementsprechend frühe Therapieeinleitung einen sehr positiven Einfluss auf den gesamten weiteren Krankheitsverlauf haben können."

Ursachen und Prävention

Da die Ursachen der MS multifaktoriell und noch nicht ausreichend erforscht sind, ist eine generelle Aussage zur Krankheitsprävention schwierig. Nikotinkonsum und massives Übergewicht können jedoch begünstigende Faktoren darstellen.

Dr. Kalyani Bondre-Kempen erklärt: "Studien haben gezeigt, dass Bewegung (Kraft- und Ausdauertraining, aber zum Beispiel auch Yoga und Pilates), normales Gewicht und Nikotinverzicht einen positiven Effekt auf den Verlauf der MS, die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten und auch den Umgang mit Begleitsymptomen wie Schmerzen haben können."

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Eine entzündungsfördernde Darmflora scheint ebenfalls Einfluss auf die Entzündungsaktivität der MS zu haben. Eine Beeinflussung ist über die Ernährung möglich, z.B. durch ballaststoffreiche Kost, Vollkornprodukte, viel Gemüse, Nüsse und Reduktion von "leeren" Kohlenhydraten.

Individuelle Therapieentscheidung

Die Therapieentscheidung sollte individuell auf die Patientinnen und Patienten abgestimmt sein, je nach Krankheitsverlauf und Bedürfnissen. Auch die Familienplanung kann eine wichtige Frage sein. Ein vertrauensvoller Kontakt zur Neurologin oder zum Neurologen ist dabei von großer Bedeutung.

Dr. Kalyani Bondre-Kempen rät: "Besser ist es dann, über einen Therapiewechsel zu sprechen. Ergänzend rate ich allen Patientinnen und Patienten, ihre individuellen Ressourcen zu entdecken, zu nutzen, aber sich auch immer wieder Pausen zu gönnen."

Angehörige können durch Zuhören und "zur Seite stehen" unterstützen. Verständnis für "unsichtbare" Symptome wie die Fatigue kann entlastend sein. Auf der anderen Seite ist es auch wichtig, die Patientinnen und Patienten in ihrer Selbstständigkeit zu fördern.

Paroxysmale Symptome

Paroxysmale Symptome sind Beschwerden, die überfallartig, kurz (maximal wenige Minuten), aber wiederkehrend auftreten. Es kann sich um einschießende Schmerzen, plötzliche Gefühls-, Sprech- oder Bewegungsstörungen handeln. Das häufigste paroxysmale Symptom ist die MS-bedingte Trigeminusneuralgie, die oft beidseitig auftritt. Auch das Lhermitte-Zeichen und das Uhthoff-Phänomen werden zu den paroxysmalen Symptomen gerechnet.

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Auslöser und Therapieziele

Paroxysmale Symptome werden durch verschiedene Reize ausgelöst: plötzliche Bewegungs- oder Haltungsänderungen, Sprechen, Lachen, Schlucken, heißes oder kaltes Essen. Sie können aber auch spontan entstehen. Ziel der Therapie ist die Vermeidung der Symptome ohne Beeinträchtigung des Patienten durch die Therapie und damit Steigerung der Lebensqualität.

Nicht-medikamentöse Therapie

Es kann hilfreich sein, ein Tagebuch zu führen, um zu erkennen, in welchen Situationen paroxysmale Symptome auftreten. Beim Uhthoff-Phänomen sollten Patienten Wärme meiden und kalte Duschen, kalte Getränke oder kühlende Kleidung einsetzen.

Medikamentöse Therapie

Die meisten paroxsymalen Symptome lassen sich gut mit Medikamenten behandeln. Eingesetzt werden Antiepileptika wie Carbamazepin, Gabapentin, Lamotrigin, bei ausgeprägter Wärmeempfindlichkeit (Uhthoff-Phänomen) auch 4-Aminopyridin.

Invasive Therapie

Schwere Fälle von Trigeminusneuralgie können mittels spezieller Operationen gebessert werden. Dabei wird der Trigeminus-Nerv entweder thermisch (Thermokoagulation des Ganglion Gasseri) oder chemisch (Glycerol-Injektion) teilweise ausgeschaltet.

Wissenswertes

Bei der Diagnose paroxsysmaler Symptome ist der Neurologe ausschließlich auf die Angaben des Patienten angewiesen. Es ist daher sinnvoll, diese Angaben präzise in einem Tagebuch zu notieren und dem Arzt vorzulegen.

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MS-bedingte Ataxie

Die MS-bedingte Ataxie - auch ataktische Bewegungsstörung genannt - bezeichnet Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen. Das Zusammenspiel verschiedener Muskeln ist beeinträchtigt. Feinmotorische, zielgerichtete Bewegungen sind eingeschränkt. Betrifft die Ataxie die Beine, wird der Gang unsicher und breitbeinig. Tremor bezeichnet das gleichmäßige Zittern eines Körperteils oder des gesamten Körpers.

Therapieziele

Ziel der Therapie ist die Verbesserung der Feinmotorik mit dem Ziel, die Selbstständigkeit im Alltag und die Berufsfähigkeit zu erhalten sowie der Erhalt der Gehfähigkeit.

Nicht-medikamentöse Therapie

Basis der Behandlung ist eine intensive Physiotherapie auf neurophysiologischer Grundlage, kombiniert mit Ergotherapie. Sinnvoll ist darüber hinaus, Entspannungstechniken zu erlernen und anzuwenden. Hilfsmittel - Gehstöcke, Rollatoren, spezielle Bestecke - erleichtern den Alltag. Eisanwendungen können die Ataxie der Arme kurzfristig bessern.

Medikamentöse Therapie

Medikamente sind wenig hilfreich und mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden. Deshalb werden Clonazepam, Propranolol, Primidon oder Ondansetron erst versucht, wenn nicht-medikamentöse Therapien bei Tremor versagen. Neueste Ergebnisse zeigen sehr gute Erfolge von Topiramat.

Invasive Therapie

Bei erheblichem Tremor bleibt als letzte Möglichkeit die stereotaktische Operation mit Stimulation der Stammganglien an spezialisierten Zentren.

Wissenswertes

Eine längere Behandlung mit Clonazepam und Primidon kann zur Abhängigkeit führen.

Neurogene Blasenstörungen

Neurogene Blasenstörungen gehören zu den häufigsten Begleiterscheinungen der MS. Zur langfristigen Vermeidung von Folgeschäden ist die frühzeitige Erkennung und symptomorientierte Behandlung von zentraler Bedeutung.

Arten von Blasenfunktionsstörungen

Bei MS auftretende Blasenfunktionsstörungen lassen sich in 3 Gruppen unterteilen: Detrusor-Hyperreflexie ("überaktive Blase"), Blasen-Hyporeflexie und Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie.

Therapieziele

Ziel der Therapie ist die Verbesserung der Speicherfunktion der Blase, ihre möglichst vollständige Entleerung und Normalisierung des Harndrangs, Vermeidung von Komplikationen und Verbesserung der Lebensqualität.

Nicht-medikamentöse Therapie

Durch das eigene richtige Verhalten können Blasenfunktionsstörungen vor allem im Frühstadium günstig beeinflusst werden. Wichtig ist: regelmäßig ausreichend trinken, regelmäßige Toilettengänge, Kontrolle von Trink- und Urinmenge durch ein Tagebuch, Harndrang nicht über längere Zeit unterdrücken, Beckenbodengymnastik.

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Behandlung umfasst - je nach Art der Funktionsstörung - verschiedene Substanzen: Anticholinergika, Alphablocker, Antispastika und Desmopressin. Bei häufigem Harndrang mit kleinen Urinmengen und Inkontinenz kann Botulinumtoxin direkt in den Detrusormuskel gespritzt werden. Akute Harnwegsinfekte werden mit Antibiotika behandelt.

Vorbeugung von Blasenentzündungen

Wiederholte Blaseninfekte können zur Verschlechterung der MS beitragen. Ihnen wird am besten durch eine restharnfreie Entleerung der Blase vorgebeugt. Wichtig ist darüber hinaus eine ausreichende Trinkmenge. Zusätzlich kann es hilfreich sein, den Urin anzusäuern.

Formen der Multiplen Sklerose

Man unterscheidet drei Formen der Multiplen Sklerose:

  • Schubförmig remittierende Multiple Sklerose (RRMS): Verschlechterung der Krankheit in Schüben, gefolgt von einer Symptomrückbildung (Remission).
  • Sekundär fortschreitende (progrediente) Multiple Sklerose (SPMS): Fortschreitende Krankheitsverschlechterung, eventuell mit einzelnen Schüben.
  • Primär fortschreitende (progrediente) Multiple Sklerose (PPMS): Langsam schleichender Verlauf von Beginn an.

Diagnose der Multiplen Sklerose

Da die Symptome von MS auf sehr viele Krankheiten hinweisen können, ist die Diagnose gerade im Anfangsstadium sehr schwierig. Es gibt keinen Test, der die MS-Krankheit eindeutig beweist.

Diagnoseverfahren

  • Anamnese und neurologische Untersuchung: Erhebung der Vorgeschichte und körperlich-neurologische Untersuchung.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Erkennen von Entzündungsherden (Läsionen) im Gehirn und Rückenmark.
  • Untersuchung des Nervenwassers (Liquor): Nachweis von Entzündungszellen und oligoklonalen Banden (OKB).
  • Blutuntersuchungen: Ausschluss anderer Krankheiten.
  • Evozierte Potentiale: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit.

McDonald-Kriterien

Expert*innen haben Kriterien erstellt, die die schwierige Diagnose der Multiplen Sklerose sicherer machen sollen. Die aktuell geltenden Diagnosekriterien heißen McDonald-Kriterien.

Rehabilitation bei Multipler Sklerose

Eine stationäre Rehabilitation hat sich als besonders wirkungsvoll herausgestellt. Sie bietet MS-Patienten eine intensive und ganzheitliche Betreuung. Durch gezielte Therapien können die Symptome gelindert und die Lebensqualität verbessert werden.

Therapieangebote

  • Ärztliche Betreuung
  • Aktivierende Pflege
  • Physiotherapie
  • Ergotherapie
  • Neuropsychologie
  • Logopädie
  • Sozialarbeit
  • Ernährungstherapie

Ziele der Rehabilitation

  • Erhalt oder Verbesserung der funktionellen Leistungsfähigkeit
  • Förderung der Selbstständigkeit und persönlichen Bewegungsfreiheit
  • Erhalt oder Verbesserung der Einbindung in Familie, soziales Umfeld und Beruf
  • Vorbeugung oder Behandlung möglicher Folgeschäden von bestehenden Symptomen
  • Verringerung von Pflegebedürftigkeit und Umfang der erforderlichen Betreuung

Herzprobleme bei Multipler Sklerose

Neuere Studien deuten darauf hin, dass die Multiple Sklerose auch das Herz beeinträchtigen kann. MS-Patienten leiden verstärkt unter Herzproblemen, vermutlich wegen eines erkrankten Herzmuskels.

Diagnose und Behandlung

Frühere Studien hatten nachgewiesen, dass die multiple Sklerose mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzversagen in den ersten Jahren nach der Diagnose MS verbunden ist. Neuere Diagnosetechniken mittels Ultraschall können Störungen der Herz-Kreislauf-Funktion bei MS-Patienten schneller aufdecken und ein lebensbedrohliches Herzversagen verhindern. Ein Team, das sich aus Ärzten verschiedener Disziplinen zusammensetzt, sollte immer einen Kardiologen mit einschließen.

Empfehlungen für MS-Patienten

  • Versuchen Sie, so viel Bewegung wie möglich in Ihren Alltag zu integrieren.
  • Stress kann auch dem Herzen zusetzen.

Multiple Sklerose und Herzrhythmusstörungen

Einige MS-Patienten berichten über Herzrhythmusstörungen im Zusammenhang mit ihrer Erkrankung oder deren Behandlung. Es gibt Berichte von Patienten, die nach Beginn der Therapie mit Copaxone oder Rebif Herzrhythmusstörungen entwickelten. Es ist wichtig, diese Symptome mit dem behandelnden Arzt zu besprechen, um die Ursache abzuklären und gegebenenfalls die Therapie anzupassen.

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