Kinder aus psychisch und/oder suchtkranken Familien stehen aufgrund der Erkrankung ihrer Eltern in der Entwicklung vor zahlreichen Herausforderungen, wodurch ein höheres Risiko entsteht, selbst im Erwachsenenalter eine psychische Erkrankung oder andere soziale oder gesundheitliche Beeinträchtigungen zu entwickeln. In Deutschland sind geeignete niedrigschwellige und multiprofessionelle Informations-, Beratungs- und Unterstützungsangebote für Eltern mit psychischen Beeinträchtigungen und ihre Kinder noch unzureichend vorhanden.
Die Rollen von Psychiatern und Neurologen
Um den Unterschied zwischen einem Psychiater und einem Neurologen zu verstehen, ist es wichtig, die jeweiligen Fachgebiete zu definieren. Beide Fachrichtungen befassen sich mit Erkrankungen des Nervensystems, jedoch mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
Neurologen sind Spezialisten für Erkrankungen des Nervensystems, einschließlich des Gehirns, des Rückenmarks und der peripheren Nerven. Sie diagnostizieren und behandeln neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Multiple Sklerose, Parkinson-Krankheit, Epilepsie, Kopfschmerzen und neuropathische Schmerzen. Neurologen setzen bildgebende Verfahren wie MRT und CT sowie elektrophysiologische Untersuchungen wie EEG und EMG ein, um neurologische Erkrankungen zu diagnostizieren.
Psychiater sind Ärzte, die sich auf die Diagnose, Behandlung und Prävention von psychischen Erkrankungen spezialisiert haben. Sie behandeln eine breite Palette von psychischen Störungen, darunter Depressionen, Angststörungen, Schizophrenie, bipolare Störung, Essstörungen und Suchterkrankungen. Psychiater verwenden verschiedene Behandlungsmethoden, darunter Psychotherapie, Medikamente und andere biologische Therapien wie Elektrokrampftherapie (EKT).
Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Obwohl sich die Fachgebiete von Psychiatern und Neurologen unterscheiden, gibt es auch einige Überschneidungen und Gemeinsamkeiten. Beide Fachrichtungen benötigen ein abgeschlossenes Medizinstudium und eine anschließende Facharztausbildung. Sowohl Psychiater als auch Neurologen können in Krankenhäusern, Kliniken, Praxen oder Forschungseinrichtungen tätig sein.
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Der Hauptunterschied zwischen Psychiatern und Neurologen liegt im Fokus ihrer Arbeit. Neurologen konzentrieren sich auf die Diagnose und Behandlung von organischen Erkrankungen des Nervensystems, während Psychiater sich auf die Behandlung von psychischen Erkrankungen konzentrieren, die oft keine eindeutige organische Ursache haben.
Ein weiterer Unterschied besteht in den verwendeten diagnostischen und therapeutischen Methoden. Neurologen setzen hauptsächlich bildgebende Verfahren und elektrophysiologische Untersuchungen ein, während Psychiater sich stärker auf klinische Interviews, psychologische Tests und Psychotherapie verlassen.
Die Entwicklung der Neurologie in Deutschland
Die Entwicklung der Neurologie in Deutschland verlief nach 1945 unterschiedlich. In der Bundesrepublik Deutschland (BRD) zeigten sich ab den 1960er-Jahren klare Autonomiebestrebungen und eine zunehmende Abgrenzung gegenüber der Psychiatrie. In der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) blieben beide Fächer, nicht zuletzt aus ideologischen Gründen, eng miteinander verbunden. Erst Anfang der 1980er-Jahre führte die zunehmende Profilierung und Spezialisierung der Neurologie zur Sektionsbildung in der Fachgesellschaft für Psychiatrie und Neurologie und zur Emanzipation des Fachs. Eigenständige Kliniken etablierten sich zumeist erst nach 1990.
Schnittstellen und interdisziplinäre Zusammenarbeit
Trotz der Unterschiede gibt es viele Bereiche, in denen Neurologen und Psychiater zusammenarbeiten. Einige neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose und Parkinson-Krankheit können psychische Symptome verursachen, die eine psychiatrische Behandlung erfordern. Umgekehrt können einige psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen neurologische Symptome verursachen, die eine neurologische Untersuchung erfordern.
In Rostock gibt es verschiedene Einrichtungen, in denen Neurologen und Psychiater zusammenarbeiten, um eineComprehensive Versorgung von Patienten mit neurologischen und psychischen Erkrankungen zu gewährleisten.
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Die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit für Kinder aus psychisch belasteten Familien
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Neurologen, Psychiatern und anderen Fachkräften ist besonders wichtig für Kinder aus psychisch und/oder suchtkranken Familien. Diese Kinder haben ein höheres Risiko, selbst psychische Erkrankungen oder andere soziale oder gesundheitliche Beeinträchtigungen zu entwickeln.
In Mecklenburg-Vorpommern wurde die aktuelle Situation von Kindern mit psychisch erkrankten Eltern im Rahmen der Landeskoordination Kinder aus psychisch und/oder suchtbelasteten Familien (LaKo KipsFam) 2020 als versorgungsrelevantes Thema aufgenommen. Die LaKo KipsFam fördert die Entwicklung eines koordinierten und vernetzten Unterstützungssystems für psychisch und/oder suchtbelastete Familien in Mecklenburg-Vorpommern.
Am 02. März 2022 stellte die LaKo KipsFam im Rahmen eines digitalen Projektforums ihre Aktivitäten vor. Neben fachlichen Inputs von Prof. Dr. Michael Kölch (Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter an der Universitätsmedizin Rostock) und Juliane Tausch (A:aufklaren | Expertise & Netzwerk für Kinder psychisch erkrankter Eltern) sowie Worldcafés zur Thematik wurden eine Vielfalt von Projekten und Arbeitsansätzen zur Unterstützung von Kindern aus psychisch und/oder suchtbelasteten Familien vorgestellt.
Der Weg zur richtigen Diagnose und Behandlung in Rostock
Wenn Sie in Rostock leben und an einer neurologischen oder psychischen Erkrankung leiden, ist es wichtig, den richtigen Facharzt zu finden. Wenn Sie unsicher sind, ob Sie einen Neurologen oder einen Psychiater aufsuchen sollten, können Sie sich zunächst an Ihren Hausarzt wenden. Dieser kann Sie untersuchen und gegebenenfalls an den geeigneten Facharzt überweisen.
In Rostock gibt es zahlreiche niedergelassene Neurologen und Psychiater sowie Kliniken und Krankenhäuser mit neurologischen und psychiatrischen Abteilungen. Es ist ratsam, sich vorab über die verschiedenen Angebote zu informieren und einen Arzt zu wählen, der auf Ihre spezifische Erkrankung spezialisiert ist.
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Aktuelle Entwicklungen in der Psychiatrie
Seit Jahren wird eine stärkere menschenrechtsorientierte und personenzentrierte Ausrichtung der psychiatrischen Versorgung und Behandlung in Deutschland diskutiert. Vor allem im Zusammenhang mit der immer noch weit verbreiteten Praxis von Zwangsmaßnahmen und -behandlungen im Kontext der psychiatrischen Versorgung wird hierzulande der Handlungsbedarf deutlich. Um die Akteurinnen der psychiatrischen Gesundheitsversorgung besser mit Informationen und Best-Practice-Beispielen dabei zu unterstützen, ihre psychiatrischen und psychosozialen Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen an den internationalen Menschenrechtsstandards und den Prinzipien der UN-Behindertenrechtskonvention weiterzuentwickeln, veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Mai 2021 im Rahmen ihrer QualityRights-Initiative eine Reihe von Leitlinien und Trainingsmanualen zur Förderung von personenzentrierten und menschenrechtsbasierten Ansätzen im Bereich der psychiatrischen Versorgung. Die Leitlinien, Materialien und Empfehlungen richten sich an alle Akteurinnen der psychiatrischen und psychosozialen Gesundheitsversorgung. Dabei bildet der Leitfaden für gemeindenahe psychosoziale Dienste “Guidance on community mental health services” die wichtigste Referenzquelle. In diesem Dokument werden verschiedene personenzentrierte und menschenrechtsbasierte Ansätze, Modellprojekte und bewährte Dienste auf der ganzen Welt im Bereich der psychischen Gesundheit vorgestellt und detailliert beschrieben sowie Empfehlungen für deren Implementierung in den nationalen Gesundheits- und Sozialsystemen gegeben.
Die Rolle der Sozialpsychiatrie
Auch in Mecklenburg-Vorpommern deckte das Institut für Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V. 2019 im Rahmen einer Studie zur Bestandsaufnahme der bestehenden Versorgungsangebote für Kinder aus psychisch und/oder suchtbelasteten Familien einen Bedarf an nachhaltigen regionalen Unterstützungsangeboten sowie verbindlichen Kooperations- und Koordinationsstrukturen auf. Ausgehend von diesen Erkenntnissen wurde das von den Landesministerien für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit und für Soziales, Integration und Gleichstellung initiierte Modellprojekt „Landeskoordination: Kinder aus psychisch und/oder suchtbelasteten Familien“ (LaKo KipsFam) 2020 auf den Weg gebracht. Die LaKo KipsFam fördert die Entwicklung von koordinierten und vernetzten Unterstützungsangeboten für psychisch und/oder suchtbelasteten Familien in Mecklenburg-Vorpommern.
Suizidprävention
In Deutschland verstarben 2020 insgesamt 9 206 Personen durch Suizid. Dies entspricht etwa 25 Personen pro Tag. Rund 75 % der Selbsttötungen wurden von Männern begangen. Das durchschnittliche Alter von Männern lag zum Zeitpunkt des Suizides bei 58,5 Jahren. Bei Frauen liegt der Altersdurchschnitt bei 59,3 Jahren. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist die Zahl der Suizide in Deutschland in den letzten Jahren zurückgegangen (Statistisches Bundesamt 2022). Im Zusammenhang mit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Frage der Selbstbestimmung und dem selbstbestimmten Sterben von 2020 sowie den daraus folgenden Diskussionen veröffentlichte das Bundesgesundheitsblatt im Januar 2022 ein Themenheft zu Suizid und Suizidprävention. Das Heft gibt einen Überblick zum aktuellen Forschungsstand zur Suizidforschung, zur Suizidprävention und zu den Unterstützungsmöglichkeiten in Deutschland.
Der Umgang mit "Hard-to-reach"-Klienten in der Psychiatrie
In der psychiatrischen Versorgung treffen wir immer wieder auf Klientinnen mit schweren psychischen Erkrankungen, die die professionellen Mitarbeiterinnen vor erheblichen Herausforderungen stellen. Viele dieser Klientinnen zeichnen sich durch komplexe Problemlagen, durch schwierige Verhaltensweisen oder abweichende Lebensentwürfe aus, welche oftmals niedrigschwellige personenzentrierte und multiprofessionelle Unterstützungsformen benötigen. In der Literatur werden diese Klientinnen unter anderem mit dem Begriff “hard to reach” (dt. schwer erreichbar) assoziiert.
Die Bedeutung der qualifizierten Assistenz
Das Bundesteilhabegesetz fordert die qualifizierte Assistenz, die fachlich fundierte Begleitung, Beratung und Unterstützung von Menschen mit Behinderungen für deren Umsetzung in der Unterstützung von Menschen mit psychischen Erkrankungen es noch keine Standards gibt, wohl aber hilfreiche Methoden. Die beiden Herausgeber Karsten Giertz (Landesverband Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V.) und Dieter Röh (HAW Hamburg) sowie die Herausgeberin Lisa Große (Alice Salomon Hochschule Berlin) stellen mit der Unterstützung von zahlreichen Expert*innen diese Methoden und Konzepte im Fachbuch „Soziale Teilhabe professionell fördern“ vor dem Hintergrund von Rahmenbedingungen und gesetzlichen Grundlagen einzeln und praxisbezogen vor. Es handelt sich dabei um das erste Buch zur qualifizierten Assistenz im Bereich der psychosozialen Unterstützung von Menschen mit psychischen Erkrankungen nach SGB IX.
Die Situation junger Erwachsener mit psychischen Erkrankungen
Die Jugendphase geht allgemein für viele junge Menschen mit zahlreichen altersbedingten Herausforderungen und Veränderungen einher. Neben den körperlichen, psychischen und sozialen Entwicklungsschritten steigen vor allem die gesellschaftlichen Anforderungen an die jungen Erwachsenen. Gleichzeitig erhöht sich mit den psychosozialen Belastungen auch das Risiko an einer psychischen Störung zu erkranken. Vor allem während der COVID-19-Pandemie wurden viele Kinder und Jugendliche mit erheblichen psychosozialen Belastungen konfrontiert, die sich nachteilig auf die psychische Gesundheit auswirken.
Um auf die schwierige Lebens- und Versorgungssituation von jungen Erwachsenen mit psychischen Erkrankungen in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen, entwickelte der Landesverband Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V. Die Motive für die Werbemittel wurden gemeinsam mit jungen Erwachsenen und einer Grafikerin entwickelt.
Die Geschichte der Neurologie in der DDR
Die systematische Literaturrecherche für den 30-jährigen Zeitraum ergab mit 44 Beiträgen eine geringe Zahl von Veröffentlichungen zur Neurologie in der DDR, die sich inhaltlich zudem teilweise stark überschneiden. Damit wurde die Vorannahme bestätigt, dass ein nationaler sowie vergleichend internationaler medizinhistorischer Forschungsbedarf besteht. Die 17 Arbeiten zu Institutionen weisen abgesehen von zwei Übersichtsarbeiten zu verschiedenen Einrichtungen [30, 51] die regionalen Schwerpunkte Rostock (5) [4, 27, 31‐33], Greifswald (4) [2‐4, 42] sowie Leipzig (6 Kapitel [52‐57] in einer Buchpublikation [58]) auf. In Rostock finden sich mit der Schaffung des ersten separaten neurologischen Lehrstuhls (1958; [32]) und in Leipzig mit der Einrichtung der DDR-weit einzigen rein neurologischen Universitätsklinik (1965; [53, 57]) Hinweise für eine beginnende frühe Eigenständigkeit, die auch zu einer schärferen fachlichen Abgrenzung gegenüber der Psychiatrie führte. In Greifswald hingegen bestand durchgängig eine verbundene Klinik [2].
Politische Einflüsse auf die Neurologie in der DDR
In 17 Arbeiten spielen politische Aspekte eine wichtige Rolle. Mit der zunehmenden politisch-ideologischen Einflussnahme der SED-Verantwortlichen (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) wurden die gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und legislativen Rahmenbedingungen für zentralistisch organisierte Strukturen im Gesundheits- [4, 24‐26, 29] und Hochschulwesen mit der entsprechenden Kaderpolitik [2, 4, 25, 27, 30‐32] geschaffen. Als Mittel der Beeinflussung finden sich Zensur sowie das ideologiegeleitete Präferieren wissenschaftlicher Inhalte [37, 46‐48]. Ein wichtiger Aspekt der ideologischen Einflussnahme zeigt sich in dem auch spezifisch auf die Neurologie zielenden [16] Versuch der Etablierung des „Pawlowismus“, der in der DDR vor allem in den 1950er-Jahren propagiert wurde und als Versuch zu verstehen ist, die Forschung stärker am Vorbild der sowjetischen Wissenschaften zu orientieren [15].
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