Querschnittslähmung bei Katzen: Ursachen, Symptome und Behandlung

Die Querschnittslähmung, auch bekannt als Paraplegie, ist ein Zustand, bei dem eine Katze die Fähigkeit verliert, ihre Hinterbeine zu bewegen. Dies kann eine Vielzahl von Ursachen haben, von denen einige behandelt werden können, während andere dauerhafte Schäden verursachen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung von Querschnittslähmung bei Katzen.

Ursachen von Lähmungserscheinungen bei Katzen

Lähmungen bei Katzen können vielfältige Ursachen haben, die von neurologischen Problemen bis hin zu physischen Verletzungen reichen. Einige der häufigsten Ursachen sind:

  • Trauma: Verletzungen wie Autounfälle, Stürze oder Bisse können zu Schäden an der Wirbelsäule oder den Nerven führen, die die Hinterbeine versorgen. Eine Quetschung oder Prellung des Rückenmarks oder einzelner Nerven kann ebenfalls eine Lähmung verursachen.
  • Bandscheibenvorfälle: Ein Bandscheibenvorfall kann auf das Rückenmark drücken und Nervenschäden verursachen, die zu Lähmungen führen. Lateral gelegene Bandscheibenvorfälle können ebenfalls Nerven auf Höhe des Neuroforamens komprimieren.
  • Tumore: Tumore in der Nähe der Wirbelsäule oder an peripheren Nerven können auf das Rückenmark oder die Nerven drücken und Lähmungen verursachen. Eine generalisierte Funktionsstörung peripherer Nerven kann im Rahmen eines paraneoplastischen Syndroms auftreten.
  • Infektionen und Entzündungen: Infektionen wie die Feline Infektiöse Peritonitis (FIP) oder Entzündungen des Rückenmarks können zu neurologischen Schäden und Lähmungen führen. Eine generalisierte Nervenwurzelentzündung (Polyradikuloneuritis) kann ebenfalls Lähmungen verursachen.
  • Vaskuläre Ereignisse: Eine Unterbrechung der Blutzufuhr zu den Extremitäten, z.B. durch einen Thrombus (ischämische Myopathie) oder als Symptom des Kippfenstersyndroms, kann zu Lähmungen führen. Die feline arterielle Thromboembolie (ATE) ist eine dramatische Erkrankung, die zur Ischämie in dem betroffenen Versorgungsgebiet führt.
  • Metabolische Störungen: Diabetes oder Hypokalzämie können die Nerven- und Muskelaktivität stören und zu Lähmungen führen.
  • Nervenverletzungen: Ein "Schwanzabriss" kann zu Lähmungserscheinungen führen. Schädigungen peripherer Nerven infolge eines Traumas treten häufiger an den Vorder- als an den Hintergliedmaßen auf.
  • Toxine: Clostridium botulinum ist ein Bakterium, das das Nervengift Botulinumtoxin bildet, das zu Lähmungen führen kann. Clostridium tetani bildet das Neurotoxin Tetanospasmin, das Tetanus verursacht, der bei Katzen zu fokalen Lähmungen führen kann.
  • Degenerative Myelopathie: Eine degenerative Myelopathie (langsames Absterben des Rückenmarks) kann ebenfalls zu Lähmungen führen.

Symptome einer Querschnittslähmung bei Katzen

Die Symptome einer Querschnittslähmung bei Katzen können je nach Ursache und Schweregrad variieren. Einige häufige Symptome sind:

  • Schwäche in den Hinterbeinen: Die Katze hat Schwierigkeiten beim Gehen, Stehen oder Springen.
  • Unkoordination: Die Katze torkelt oder stolpert beim Gehen.
  • Schleifen der Hinterbeine: Die Katze zieht ihre Hinterbeine hinter sich her.
  • Überköten: Eine krankhafte Beugung der Zehengelenke, die dazu führt, dass der Fuß beim Auftreten auf dem Fußrücken aufgesetzt wird.
  • Verlust der Kontrolle über Blase und Darm: Die Katze ist inkontinent oder hat Schwierigkeiten beim Wasserlassen oder Kotabsetzen.
  • Schmerzen: Die Katze zeigt Anzeichen von Schmerzen, wie z.B. Winseln, Knurren oder Zurückziehen.
  • Verhaltensänderungen: Die Katze zieht sich zurück, ist aggressiv oder ängstlich.
  • Kalte Gliedmaßen: Die Pfoten der Katze fühlen sich kalt an.
  • Dyspnoe: Atemnot kann auftreten, insbesondere bei einer Lähmung des Zwerchfells.

Es ist wichtig zu beachten, dass allgemeine Schwäche aufgrund von Blutarmut, Elektrolytstörungen oder Herzschwäche ebenfalls eine Gliedmaßenlähmung vortäuschen kann.

Ausprägung der Lähmung

Der Schweregrad der Lähmung variiert je nach Ursache und kann die vollständige hintere Körperhälfte oder nur den Schwanz betreffen. Die Extremitäten können vollständig gelähmt oder nur bewegungs-/reaktionseingeschränkt sein. Die Lähmung kann einseitig oder beidseitig auftreten, und je nach Lokalisation der Verletzung ist häufig die Kontrolle von Blase und Darm eingeschränkt.

Lesen Sie auch: Überblick über die Gehirn Anatomie

Die Rolle von Stress

Stress allein führt in der Regel nicht direkt zu Lähmungen, kann jedoch bestehende gesundheitliche Probleme verschlimmern, die zu Lähmungen führen können. Stress kann das Immunsystem schwächen und somit die Anfälligkeit für Infektionen und Entzündungen erhöhen.

Diagnose von Lähmungserscheinungen bei Katzen

Eine genaue Diagnose ist entscheidend, um die richtige Behandlung für eine Katze mit Lähmungserscheinungen zu bestimmen. Der Tierarzt wird eine gründliche körperliche und neurologische Untersuchung durchführen, um die Ursache der Lähmung zu ermitteln.

Tierärztliches diagnostisches Vorgehen

  1. Anamnese: Der Tierarzt wird den Tierhalter nach dem Vorbericht, dem Alter des Patienten und dem Krankheitsverlauf fragen.
  2. Körperliche Untersuchung: Der Tierarzt wird die Katze auf neurologische Defizite/Ausfälle untersuchen.
  3. Neurologische Untersuchung: Der Tierarzt wird die Reflexe, die Muskelkraft und die Schmerzempfindung der Katze überprüfen. Die segmentalen Reflexe (Gliedmaßenreflexe) werden getestet, um eine Lokalisation des Problems im Inneren des Nervensystems treffen zu können. Zu den üblicherweise durchgeführten Tests gehören der Flexorreflex, der Patellarsehnenreflex sowie die Muskelbauchreflexe Extensor-carpi-radialis-Reflex und Tibialis-cranialis-Reflex.
  4. Bildgebende Verfahren: Röntgenaufnahmen, Ultraschall, MRT oder CT-Scans können erforderlich sein, um Verletzungen oder Abnormalitäten an der Wirbelsäule, den Nerven oder den Muskeln zu erkennen. Des Weiteren sollte im Zuge der Röntgenaufnahme des Thorax die Speiseröhre beurteilt werden, da es bei einer Vielzahl peripherer Erkrankungen zur krankhaften Erweiterung der Speiseröhre (Megaösophagus) kommen kann.
  5. Blutuntersuchungen: Eine vollständige Blutuntersuchung (großes Blutbild und Organchemie) kann weitere Hinweise auf mögliche Ursachen sammeln, insbesondere Verschiebungen der Elektrolyte oder hormonelle Erkrankungen.
  6. Elektrodiagnostik: In einem neurologischen Fachzentrum kann eine Elektrodiagnostik durchgeführt werden, bei der kleine Nadelelektroden in bestimmte Muskelgruppen bzw. in die Nähe definierter Nerven eingebracht werden, um die Aktivität der Muskulatur einzuschätzen und die Funktion der Nerven zu überprüfen.
  7. Muskel-/Nervenbiopsie: Für die Abklärung einer Polyradikuloneuritis ist eine Muskel-/Nervenbiopsie notwendig.
  8. Kotuntersuchung: Beim Verdacht auf Botulismus kann eine Untersuchung von Kot auf Clostridium botulinum bzw. Botulinumtoxin durchgeführt werden.

Anhand der erhobenen neurologischen Befunde lässt sich das Problem meist schon näher eingrenzen und eine Liste möglicher Differentialdiagnosen erstellen.

Behandlung von Lähmungserscheinungen bei Katzen

Die Behandlung von Lähmungserscheinungen bei Katzen hängt von der zugrunde liegenden Ursache ab. Einige Behandlungsmöglichkeiten sind:

  • Medikamente:
    • Schmerzmittel: Zur Linderung von Schmerzen. In der Regel bekommen Querschnitt-Patienten Schmerzmittel mit den Wirkstoffen Metamizol, Mefenaminsäure oder Paracetamol.
    • Entzündungshemmende Medikamente: Zur Reduzierung von Entzündungen.
    • Antibiotika: Zur Behandlung von Infektionen. Mögliche vorhandene Erreger sollten über die Verabreichung eines geeigneten Antibiotikums wie z. B. Metronidazol bekämpft werden.
    • Vitamin B12: Zur Unterstützung der Regeneration von Nerven.
    • Heparin: Um eine weitere Thromboseentwicklung bei einer arteriellen Thromboembolie zu verhindern.
  • Operation: Bei Wirbelbrüchen oder Bandscheibenvorfällen kann eine Operation notwendig sein, um das Rückenmark zu entlasten und die Wirbelsäule zu stabilisieren.
  • Physiotherapie: Zur Verbesserung der Muskelkraft, der Beweglichkeit und der Koordination. Die Durchführung von Physiotherapie ist essenziell, um die Regeneration des Nervengewebes zu fördern und Komplikationen wie Kontrakturen und Fehlstellungen der Gliedmaßen durch Inaktivität zu verhindern. Eine einfache Möglichkeit zur sanften Stimulierung der Nerven und der Durchblutung ist eine sanfte Massage z.B. mit einer sehr weichen Bürste.
  • Ergotherapie: In der Ergotherapie erlernen Betroffene neue Bewegungsabläufe mit dem Ziel, Alltagstätigkeiten wie Anziehen oder Essen zubereiten wieder selbstständig zu erledigen.
  • Pflegemaßnahmen:
    • Weiche Bettung und Dekubitusprophylaxe: Bei Patienten mit Polyradikuloneuritis sind Pflegemaßnahmen wie weiche Bettung und Dekubitusprophylaxe wichtig.
    • Schutz der gelähmten Gliedmaße: Da betroffene Patienten weiterhin mobil sind, muss die gelähmte Gliedmaße vor Verletzungen durch Schleifen über den Boden geschützt werden. Hierfür können Pfotenschutzschuhe oder als Übergangslösung Socken verwendet werden. Bei Patienten, die voraussichtlich einen längeren Genesungsprozess vor sich haben oder dauerhaft gelähmt bleiben werden, können auch spezielle Orthesen angefertigt und angepasst werden.
    • Unterstützung bei der Blasen- und Darmentleerung: Im schlimmsten Fall kann die Katze die Blase nicht mehr selbst entleeren. Damit es jedoch nicht zu einer Nierenerkrankung kommt, ist das mehrfach tägliche Ausstreichen der Blase dann Aufgabe des Katzenbesitzers. Der Darm einer gelähmten Katze entleert sich oft noch selbstständig, jedoch hat die Katze häufig kein Empfinden darüber, dass sie mal "muss". Wichtig ist dabei, auf eine gute Konsistenz des Kots zu achten. Gegebenenfalls sollte man dem Futter Mittel beisetzen, die den Kot weicher machen, um eine Verstopfung zu vermeiden.
    • Angepasste Fütterung: Patienten mit Megaösophagus zeigen meist eine Störung des Schluckvorgangs sowie passiven Reflux von Speiseröhren- und Mageninhalt (Regurgitieren) und haben ein erhöhtes Risiko für eine Lungenentzündung aufgrund eingeatmeten Materials (Aspirationspneumonie). Eine angepasste Fütterung (erhöht, auch für mehrere Minuten nach der Futter- und Wasseraufnahme) ist wichtig. Hochwertiges Futter, das von der Katze gut verwertet werden kann, sollte Pflicht sein.
    • Angepasste Umgebung: Hat die Katze noch Kontrolle über die Blase, aber Lähmungserscheinungen in den Hinterbeinen, so sollte man unbedingt darauf achten, mehrere Katzenklos aufzustellen, damit die Distanz nicht so groß ist. Zudem sollte das Katzenklo "behindertengerecht" präpariert werden, damit die Katze problemlos hinein und auch wieder hinaus kommt. Hat die Katze Schwierigkeiten, sich während des Geschäfts aufrecht zu halten, sollte man Stützmöglichkeiten bieten.

Rehabilitation

Oberstes Ziel der Rehabilitation ist, dass der Patient nach dem Krankenhausaufenthalt ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führt und Komplikationen vermieden werden. Die Rehabilitation findet idealerweise in einem spezialisierten Zentrum statt und dauert etwa drei bis sechs Monate bei einer Paraplegie und sechs bis zwölf Monate bei einer Tetraplegie. Jeder Querschnittgelähmte erhält eine individuell an seine Bedürfnisse angepasste Therapie. Die Rehabilitation umfasst folgende Maßnahmen:

Lesen Sie auch: Der Querschnitt des Gehirns im Detail

  • Gezielte Maßnahmen zur Darm- und Blasenkontrolle, um einen selbstständigen Toilettengang zu ermöglichen.
  • Physiotherapie und Rollstuhltraining.
  • Ergotherapie.
  • Psychotherapie.
  • Logopädische Übungen.

Unterstützung der Nervenregeneration

Sind Nerven ge- oder beschädigt, ist es sinnvoll, diese bei der Regeneration zu unterstützen - dabei wird oft die Gabe von hochdosiertem Vitamin B 12 empfohlen. Auch mit alternativen Heilmethoden kann die Regeneration der Nerven unterstützt werden.

Wichtige Hinweise für Tierhalter

  • Alle Medikationen müssen mit dem Tierarzt oder der THP genau abgesprochen werden!
  • Alle Übungen müssen unbedingt vorab mit dem TA/THP abgesprochen worden sein!
  • Auch wenn eine Heilung/Besserung der Nervenfunktion aufgrund des Krankheitsbildes möglich ist, so geht die Regeneration oft nur sehr langsam vonstatten.

Heilungsaussichten

Ob eine Lähmung geheilt werden kann, hängt von der Ursache ab. Einige Fälle, insbesondere solche, die durch Infektionen oder Entzündungen verursacht werden, können mit Medikamenten behandelt werden. Andere, wie schwere Nervenschäden, sind möglicherweise nicht vollständig heilbar, aber Therapie und unterstützende Maßnahmen können die Lebensqualität der Katze verbessern.

Ist eine Querschnittlähmung heilbar?

Eine Heilung der Querschnittslähmung ist derzeit (noch) nicht möglich, da durchtrenntes Nervengewebe nicht wieder zusammenwächst. Ist das Rückenmark „nur“ gequetscht oder geprellt, bilden sich die neurologischen Ausfälle unter Umständen wieder zurück. Bei akuten Schäden des Rückenmarks versuchen Ärzte zunächst, die Situation soweit zu stabilisieren, dass sie sich nicht mehr verschlechtert. In vielen Fällen bleiben jedoch dauerhafte Schäden zurück. Es gibt inzwischen gute Möglichkeiten, die Situation betroffener Menschen durch gezielte Therapien zu verbessern.

Prognose bei arterieller Thromboembolie

Die feline arterielle Thromboembolie (FATE) wird meist mit sehr schlechter Prognose gleichgesetzt und viele betroffene Patienten werden deshalb euthanasiert.

Lebensqualität mit Lähmungen

Lähmungen können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen, da sie die Bewegungsfähigkeit und somit das natürliche Verhalten und Wohlbefinden der Katze einschränken. Mit entsprechender Pflege, Therapie und Anpassungen in der Umgebung kann eine Katze mit Lähmungen jedoch ein erfülltes Leben führen. Es gibt viele Erfolgsgeschichten von Katzen mit Handicaps, und in Foren wie dem Handicapkatzen-Forum kann man kompetente Hilfestellungen erhalten.

Lesen Sie auch: Rückenmark Anatomie erklärt

Vorbeugende Maßnahmen

Eine gesunde Lebensweise, regelmäßige tierärztliche Untersuchungen und eine sichere Umgebung können das Risiko von Lähmungen reduzieren.

Aktuelle Forschung

Die Forschung zur Lähmung der Hinterbeine bei Katzen konzentriert sich stark auf die zugrunde liegenden neurologischen und muskulären Mechanismen. Wissenschaftler untersuchen, wie Nervenschäden oder -kompressionen, die durch Traumata oder Krankheiten verursacht werden, zu Lähmungen führen. Ein weiteres Forschungsgebiet umfasst die genetischen Faktoren, die eine Rolle bei der Anfälligkeit für Lähmungen spielen könnten. Innovative Behandlungsansätze, wie z.B. Stammzelltherapien, die das Wachstum und die Reparatur von Nervengewebe fördern könnten, sind ebenfalls ein bedeutender Schwerpunkt der Forschung. Auch die Rolle von Physiotherapie wird intensiv erforscht.

tags: #querschnitt #ruckenmark #katze