Die Demenz stellt eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit dar. Angesichts einer alternden Bevölkerung und steigender Fallzahlen rückt das Thema immer stärker in den Fokus von Forschung und öffentlicher Diskussion. Reimer Gronemeyer, ein renommierter Theologe und Soziologe, hat sich intensiv mit den sozialen, ethischen und kulturellen Aspekten der Demenz auseinandergesetzt. Seine Arbeit trägt maßgeblich dazu bei, ein umfassendes Verständnis dieser komplexen Erkrankung zu entwickeln und neue Wege im Umgang mit Betroffenen und ihren Angehörigen aufzuzeigen.
Wer ist Reimer Gronemeyer?
Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer hat Theologie in Hamburg, Heidelberg und Edinburgh studiert und war als lutherischer Pfarrer in Hamburg tätig. Er ist Mitleiter des Graduiertenkollegs Palliative Care am IFF Wien, Mitglied der Arbeitsgruppe Sterbebegleitung im hessischen Sozialministerium und Vorstandsvorsitzender der Aktion Demenz e.V. Darüber hinaus ist er Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher, darunter „Ist Altern eine Krankheit? Wie wir die gesellschaftlichen Herausforderungen der Demenz bewältigen“ (zusammen mit Rüdiger Dammann, 2009) und „Das Vierte Lebensalter. Demenz ist keine Krankheit“ (2013).
Gronemeyers Ansatz: Demenz als soziale Herausforderung
Gronemeyer betrachtet Demenz nicht primär als medizinisches Problem, sondern als eine soziale Herausforderung. Er plädiert für einen Perspektivwechsel, der die soziale Seite der Demenz in den Vordergrund stellt. Statt die Betroffenen in pflegerische und medizinische "Gettos" zu verbannen, fordert er eine Resozialisierung der Dementen. Sie sollen nicht länger als "lästiger Ballast" wahrgenommen, sondern so lange wie möglich mitten unter uns leben - als vollwertiger Teil der Gesellschaft.
Die demenzfreundliche Kommune als Ziel
Ein zentrales Anliegen Gronemeyers ist die Förderung demenzfreundlicher Kommunen. In solchen Kommunen kennen alle Mitglieder das Krankheitsbild und begegnen ihm nicht länger mit Angst und Vorbehalten. Die Betroffenen werden in ihren Fähigkeiten unterstützt, um so lange wie möglich ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Nachbarschaftshilfe wird wieder zum tragenden Element.
Kritik an der Ökonomisierung der Demenz
Gronemeyer warnt vor einer Ökonomisierung der Demenz. Er kritisiert, dass mit den Hinfälligen und Hilflosen gewaltige Umsätze erzielt werden. Die Demenz eignet sich gut, um Schreckensszenarien zu entwerfen. Die Zahlen dazu werden immer apokalyptischer: Gegenwärtig sind in Deutschland 1,2 Millionen Menschen von Demenz betroffen, im Jahr 2050 werden es voraussichtlich 2,6 Millionen sein. Mit der Zahl der als demenzkrank Diagnostizierten steigt die Zahl der Profiteure. Der Pflegesektor darf sich große Zuwachsraten versprechen, die medizinischen Demenzspezialisten haben "blendende" Aussichten, und die Pharmaindustrie darf sich Wachstumsschübe im Sektor Demenz ausrechnen.
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Forschungsprojekte und Initiativen
Gronemeyer ist an verschiedenen Forschungsprojekten und Initiativen beteiligt, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Demenz auseinandersetzen. Dazu gehören:
- ENAct-Dem: Dieses Forschungsprojekt nimmt bestehende und bislang weitgehend übersehene Beteiligungsmöglichkeiten gemeinsam mit Menschen mit Demenz in den Blick. Sie sollen als am Gemeinwesen partizipierende Bürgerinnen und Bürger sichtbar werden. Das Projekt will erkunden und erproben, wie die Ausgrenzung von Menschen mit Demenz in ihrer Kommune überwunden werden kann.
- Demenz im Quartier - Der Beitrag des Ehrenamts: Dieses Projekt analysiert die Bedingungen und Möglichkeiten der Beteiligung des Ehrenamts an der lokalen Versorgung von Menschen mit Demenz. Es basiert auf drei Sozialraumanalysen in den Landkreisen Gießen, Darmstadt und Fulda.
- Forschungsreise nach Namibia: Vom 6.4. - 18.4.2024 waren Gronemeyer und sein Team in Namibia, um Lebensgeschichten und Porträts alter Menschen zu sammeln. Die Forschungsreise wurde von der Stiftung Convivial, Wiesbaden, gefördert.
Migration und Demenz
Ein weiterer Schwerpunkt von Gronemeyers Arbeit ist das Thema Migration und Demenz. Angesichts des demografischen Wandels und der Tatsache, dass viele Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland älter werden, gewinnt diese Thematik zunehmend an Bedeutung. Studien zeigen, dass auch in Familien mit Migrationshintergrund Demenz vorkommt. Bisher ist jedoch wenig darüber bekannt, wie die Betroffenen leben, wie das Phänomen Demenz dort verstanden wird, welche Rolle traditionelle Orientierungen spielen und welche Dienstleistungen in Anspruch genommen werden.
Um diesen Fragen nachzugehen, haben Gronemeyer und sein Team Gespräche mit Angehörigen von Betroffenen und ExpertInnen in Deutschland und in der Türkei geführt. Sie geben seltene Einblicke in die Erfahrungen und den Umgang mit Demenz in Familien mit Migrationshintergrund. Dabei zeigt sich, dass Demenz diese Familien vor besondere Herausforderungen stellt, aber auch, dass sie eigene Antworten darauf finden. Ausgehend von diesen Befunden liefern die AutorInnen Ideen und Anregungen, wie Kultursensibilität in Praxis und Theorie stärker verankert werden kann.
Altersdiskriminierung und die Rolle der Gesellschaft
Gronemeyer setzt sich intensiv mit dem Thema Altersdiskriminierung auseinander. Er kritisiert, dass ältere Generationen in unserer Gesellschaft oft ausgegrenzt und abgewertet werden. Sein Buch "Die Abgelehnten - Warum Altersdiskriminierung unserer Gesellschaft schadet" (erschienen am 1. März 2023) beleuchtet die verschiedenen Formen der Altersdiskriminierung und zeigt auf, wie diese unserer Gesellschaft schadet.
Gronemeyers Forderungen
Gronemeyer fordert einen grundlegenden Umbau der Gesellschaft, um den Bedürfnissen älterer Menschen und insbesondere Menschen mit Demenz gerecht zu werden. Dazu gehören:
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- Nachbarschaftlichkeit und soziale Wärme: Wir brauchen Nachbarschaftlichkeit, Freundlichkeit und Wärme. Das sind die Wegmarken dieser neu zu erfindenden Gesellschaft, die ihre vorrangige Aufgabe nicht in der Diagnose der Demenz, sondern in der Umsorgung der Menschen mit Demenz sehen würde.
- Respekt und Wertschätzung: Menschen mit Demenz sollten als Bürgerinnen und Bürger respektiert und wertgeschätzt werden. Es ist unsere Aufgabe, sie so gut wie möglich zu umsorgen und, wenn möglich, zu Wort kommen zu lassen.
- Teilhabe und Inklusion: Menschen mit Demenz müssen die Möglichkeit haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Es gilt, Barrieren abzubauen und inklusive Strukturen zu schaffen.
- Kultursensibilität: Bei der Versorgung von Menschen mit Demenz ist es wichtig, ihre kulturellen Hintergründe und Bedürfnisse zu berücksichtigen.
- Stärkung des Ehrenamts: Das Ehrenamt spielt eine wichtige Rolle bei der Versorgung von Menschen mit Demenz. Es gilt, ehrenamtliches Engagement zu fördern und zu unterstützen.
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