Robert Bosch Stiftung: Demenzforschung und demenzsensible Krankenhäuser

Die Robert Bosch Stiftung engagiert sich seit Jahren intensiv im Bereich der Demenzforschung und -versorgung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Verbesserung der Situation von Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus. Durch verschiedene Förderprogramme, Studien und Initiativen hat die Stiftung maßgeblich dazu beigetragen, das Bewusstsein für die besonderen Bedürfnisse dieser Patientengruppe zu schärfen und praxisnahe Lösungen für eine demenzsensible Krankenhausversorgung zu entwickeln.

Hintergrund: Demenz im Akutkrankenhaus

Patienten mit kognitiven Einschränkungen und Demenzerkrankungen prägen zunehmend den Alltag in deutschen Akutkrankenhäusern. Täglich werden rund 50.000 Patienten, die an Demenz oder einer verwandten kognitiven Einschränkung leiden, in deutschen Krankenhäusern stationär behandelt. Für Kliniken stellt es jedoch eine anspruchsvolle und bisher nicht eingelöste Herausforderung dar, die Strukturen und Prozesse auf die Bedürfnisse demenzkranker Patienten auszurichten. Bei der Versorgung ihres Knochenbruchs oder Infekts bleibt die Demenz meist unerkannt oder wird unterschätzt - mit erheblichen Folgen für die Betroffenen und das ohnehin überlastete Krankenhauspersonal. Die Robert Bosch Stiftung hat im Jahr 2012 ein mehrphasiges Modellprogramm zur Förderung innovativer Ansätze aufgelegt. Durch das Modellprogramm wurde ein Anstoß gegeben, die gravierenden Probleme in der Akutversorgung von Menschen mit Demenz anzugehen und ein Expertenwissen über geeignete Strukturen und Prozesse zu generieren.

Förderprogramm "Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus"

Seit 2012 fördert die Robert Bosch Stiftung Krankenhäuser bei der Entwicklung und Umsetzung von Konzepten, die den Aufenthalt von Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus erleichtert und ermöglicht. Informationen zum Förderprogramm und den bislang geförderten Projekten finden Sie hier. Im Rahmen des Programms „Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus" hat die Robert Bosch Stiftung seit 2012 insgesamt 17 Pilotprojekte an Krankenhäusern aus dem gesamten Bundesgebiet unterstützt. Für eine Förderung beworben haben sich in den vergangenen Jahren rund 500 Krankenhäuser. Ergänzend förderte die Stiftung Studienreisen in Länder wie Großbritannien und Norwegen, die das Thema Demenz bereits auf die nationale Agenda gesetzt haben.

Die Förderaktivitäten der Robert Bosch Stiftung im Programm „Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus“ und weitere Entwicklungen im Feld haben inzwischen grundlegendes (Praxis-)Wissen für schonende Krankenhausaufenthalte für Patienten mit der Nebendiagnose Demenz hervorgebracht. Das Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft e.V. (iso) hat im Auftrag der Robert Bosch Stiftung die Projekte und weitere Quellen analysiert, Gelingensfaktoren und Barrieren für die Umsetzung von Demenzsensibilität im Krankenhaus identifiziert sowie strukturiert Handlungsansätze in einem umfassenden Praxisleitfaden zusammengestellt.

Praxisleitfaden für demenzsensible Krankenhäuser

Die Robert Bosch Stiftung GmbH hat einen umfangreichen Praxisleitfaden veröffentlicht, der Krankenhäusern dabei helfen soll, demenzsensible Strukturen aufzubauen und geeignete Prozesse einzuführen. Er entstand unter der Federführung von Sabine Kirchen-Peters vom Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft e.V. in Saarbrücken und bündelt die Erfahrungen aus dem 2012 gestarteten Programm „Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus“ der Robert Bosch Stiftung. Die Veröffentlichung des Praxisleitfadens unterstreicht das Engagement der Stiftung, demenzsensible Krankenhäuser bundesweit zum Standard zu machen.

Lesen Sie auch: Demenz: Was Robert Franz dazu sagt

Laut Bernadette Klapper, Leiterin des Bereichs Gesundheit in der Robert Bosch Stiftung, ist die große Mehrheit der Krankenhäuser in Deutschland trotz inzwischen 1,7 Millionen Demenzerkrankter noch immer nicht auf die Bedürfnisse dieser Patienten eingestellt. Sie betont die Notwendigkeit, dass demenzsensible Krankenhäuser bundesweit Standard werden und sieht im Praxisleitfaden, zusammen mit der Nationalen Demenzstrategie, entscheidende Impulse für die Verbesserung der Versorgung.

Neben Beispielen guter Praxis und Hinweisen auf mögliche Stolpersteine bietet der Leitfaden einen Überblick über den aktuellen Wissensstand zu Demenz und beschreibt anwendungsorientiert zehn in der Praxis erprobte Bausteine auf dem Weg zu einem demenzsensiblen Krankenhaus: Dazu gehört u.a. der Wissensaufbau zu Demenz und Delir beim pflegerischen, therapeutischen und medizinischen Personal eines Krankenhauses. Darüber hinaus sollten alle Mitarbeiter, vom Pförtner bis zur Verwaltung, die Empfehlungen für den Umgang mit dieser besonders verletzlichen Patientengruppe kennen. Feste Bezugspersonen, Begleitung und Tagestrukturierung erleichtern den Patienten die Orientierung im Krankenhaus.

Jedes Krankenhaus sollte einen Demenzbeauftragten benennen, der über die nötige Expertise verfügt und als interner Multiplikator und Projektkoordinator fungiert. Darüber hinaus haben sich Demenzkoordinatoren auf den Stationen bewährt. Bei allen Neu- und Umbaumaßnahmen in Krankenhäusern sollte auf eine demenzsensible Gestaltung - beispielsweise durch farbliche Orientierungshilfen im Gebäude - geachtet werden. Damit die nötigen personellen und finanziellen Ressourcen für eine demenzsensible Ausrichtung zur Verfügung stehen, bedarf es der Initiative und Unterstützung durch die Klinikleitung.

Ergebnisse der General Hospital Study

Auch die Ergebnisse der von der Robert Bosch Stiftung geförderten General Hospital Study wurden jetzt erstmals vollumfänglich veröffentlicht. Sie belegen nicht nur, dass vierzig Prozent der über 65-jährigen Patienten in Allgemeinkrankenhäusern an kognitiven Störungen und fast zwanzig Prozent an Demenz leiden, sondern auch, dass diese Gruppen besondere Anforderungen an das pflegerische und medizinische Personal stellen.

Projektbeispiele für demenzsensible Versorgung

Die Robert Bosch Stiftung fördert eine Vielzahl von Projekten, die sich der Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Demenz im Krankenhaus widmen. Einige Beispiele sind:

Lesen Sie auch: Erfahrungen mit Polyneuropathie: Der Ansatz von Robert Franz

  • HuBertDA (Handeln im Hier und Jetzt! Bereit zum Demenz- und Alterssensiblen Krankenhaus): Ein Projekt des Klinikums Stuttgart in Kooperation mit der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg und der Hochschule Esslingen.
  • Menschen mit Demenz im Krankenhaus: Ein Kooperationsprojekt des Landesverband Bayern der Deutschen Alzheimer Gesellschaft mit Krankenhäuser.
  • Blickwechsel Demenz: Ein Unterstützungsprogramm für Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen zur Umsetzung eigener demenzsensibler Konzepte, das mit verschiedenen Schwerpunkten bereits seit 2005 läuft.
  • Demenzabteilung im Robert Bosch Krankenhaus Stuttgart: Station mit zehn Betten für Menschen mit einer demenziellen Vorerkrankung, einem Tagesangebot und gemeinsamen Mahlzeiten.
  • Demenzstation Vergissmeinnicht im Bethesda-Krankenhaus Stuttgart: 2016 eröffnete Station mit acht Betten.
  • Menschen mit Demenz im Krankenhaus: das Projekt GISAD: Die Geriatrisch-Internistische Station für akut erkrankte Demenzpatienten wurde als kleine, spezialisierte 6-Betten-Therapieeinheit 2004 am Bethanien-Krankenhaus Heidelberg gegründet und seither auch wissenschaftlich begleitet und weiterentwickelt.
  • Station DAVID: Ein geschützter Ort für Patienten mit Demenz in Hamburg.
  • Begleitservice: Ehrenamtliche begleiten Menschen mit Demenz im Krankenhaus und entlasten so Angehörige und Pflegepersonal. Beispiele: Klinikverbund Südwest/Kreis Böblingen, Oberschwabenklinik Ravensburg, Uniklinik Mannheim.
  • Demenzkompetenz im Krankenhaus: Modellprojekt in Rheinland-Pfalz 2013 - 2015.
  • Dem-i-K (Demenz im Krankenhaus): Modellprojekt von fünf saarländischen Krankenhäusern für eine bessere Versorgung von Patienten mit Demenz.
  • Doppelt hilft besser bei Demenz: Projekt Neue Wege bei der Betreuung von Patienten mit Demenz im Krankenhaus Lübbecke.

Wirkungsanalyse und Werkzeugkoffer

Mit der Wirkungsanalyse sollen die vorliegenden Erfahrungen und das handlungsorientiere Wissen systematisch aufbereitet werden, um die weitere Verbreitung von demenzsensiblen Konzepten in Akutkliniken zu forcieren. Als Ergebnis soll ein Werkzeugkoffer (Tool-Box) zur modularen Implementierung demenzsensibler Krankenhäuser erstellt werden, der durch erprobte und wirksame Handlungshilfen, Instrumente, Prozessbeschreibungen usw. unterlegt ist. Einen wichtigen Fundus an Erfahrungen stellen dabei die von der Robert Bosch Stiftung geförderten Projekte dar, die nun erstmals einer externen Gesamtevaluation zugeführt werden.

Demenz und Migration: Ein wachsendes Problem

Die Robert Bosch Stiftung fördert auch Forschungsprojekte, die sich mit den besonderen Herausforderungen von Demenz bei Menschen mit Migrationshintergrund (MmM) auseinandersetzen.

Für Menschen mit Migrationshintergrund, die von Demenz betroffen sind, kann sich der Zugang zu medizinischen Informationen, ärztlicher Betreuung und Versorgungsangeboten aufgrund von Sprachbarrieren und kulturellen Unterschieden zur einheimischen Bevölkerung als schwierig erweisen: Denn kultursensible medizinische und pflegerische Betreuung sowie mehrsprachige Informationsmaterialien sind bislang nicht Standard - weder in Deutschland noch in vielen anderen Teilen Europas. Allerdings ist der Umgang mit dem Thema „Demenz und Migration“ von Land zu Land höchst unterschiedlich.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des DZNE haben im Rahmen eines von der Robert Bosch Stiftung geförderten Forschungsprojektes die Situation in 35 europäischen Ländern untersucht. In Europa leben gegenwärtig 86,7 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund (MmM). Davon sind 16,2 % 65 Jahre oder älter (circa 14 Millionen) und befinden sich in einer Altersgruppe die ein erhöhtes Risiko haben, um an einer Demenz zu Erkranken. Wissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass MmM ein erhöhtes Demenz-Risiko haben. Eine Analyse aus dem Jahr 2019 schätzt die Zahl der MmM mit Demenz in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) und der Europäischen Freihandelszone (EFTA) auf etwa 475.000.

Die gesundheitlichen Folgen einer Demenz-Erkrankung sind bei MmM oftmals schlimmer als bei Menschen aus der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Ursächlich ist unter anderem, dass das Gesundheitssystem häufig nicht für die Versorgung dieser Bevölkerungsgruppe ausgestattet ist und nicht über Versorgungsleistungen verfügt, die für ihre Bedürfnisse geeignet sind. Gleichzeitig besteht auf der Seite der MmM meist ein Mangel an Wissen über Demenz und das Gesundheitssystem mit seinen Versorgungsleistungen.

Lesen Sie auch: Schlaganfall: Erfahrungen und Hilfe von Robert Franz

Um sich dieser Herausforderung zu stellen und den betroffenen Menschen die bestmögliche Unterstützung und Aufklärung zukommen zu lassen, benötigen Gesundheitssysteme, medizinisches Fachpersonal, sowie Politikerinnen und Politiker und Akteurinnen und Akteure mehr Informationen über diese vulnerable Bevölkerungsgruppe. Es müssen Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie viele MmM mit Demenz es gibt, wie sie derzeit in die Gesundheitssysteme eingebunden sind und wo es Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Solche Erkenntnisse können nicht nur Menschen und Organisationen leiten, die täglich mit Menschen arbeiten, sondern sie können auch - und das ist ebenso wichtig - bei der strategischen Entwicklung von Gesundheitssystemen und deren Versorgungsleistungen auf politischer Ebene in Gesetzen, Richtlinien, Strategien und Aktionsplänen von Bedeutung sein.

Der EU-Atlas Demenz und Migration

Informationen hinsichtlich der Anzahl von MmM mit Demenz in Europa existieren bereits. Jedoch sind sie spärlich, und es fehlen Daten für alle EU- und EFTA-Staaten und das Vereinigte Königreich aufgeschlüsselt nach einzelnen Geburtsländern. In verschiedenen Ländern gibt es immer mehr Strategien, Pläne und Leitlinien, die das Bewusstsein für Demenz schärfen und die Verbesserung der Behandlung und Versorgung von Menschen mit Demenz und ihren Familien diskutieren.

Der EU-Atlas Demenz und Migration schließt diese Forschungslücke, in dem er folgendes bietet:

  • Prävalenzdaten und grafische Darstellung für die 27 EU- und 4 EFTA-Mitgliedsstaaten sowie das Vereinigte Königreich
  • Analysen von nationalen Demenzplänen und Leitlinien zu Diagnose, Behandlung und Versorgung
  • Analysen von Gesundheitssystemen im Hinblick auf die Versorgungsleistungen und Unterstützung, die sie für die betroffenen Menschen bereitstellen

Dieser Atlas konzentriert sich auf Demenz bei MmM. Er ist eine Ergänzung zu der umfangreichen Literatur über Demenz und eine Ressource aufgrund seines scharfen Fokus auf die Versorgungssituation von MmM mit Demenz.

tags: #robert #bosch #stiftung #demenz