Schädigung des Sehnervs durch Chemotherapie: Ursachen, Symptome und Behandlung

Eine Schädigung des Sehnervs (Optikusneuropathie) kann eine schwerwiegende Nebenwirkung einer Chemotherapie sein. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze im Zusammenhang mit dieser Komplikation, um Betroffenen und Interessierten einen umfassenden Überblick zu bieten.

Einführung

Die Chemotherapie ist eine wichtige Säule in der Krebsbehandlung, kann aber auch unerwünschte Nebenwirkungen verursachen. Eine davon ist die Schädigung peripherer Nerven, auch Neuropathie genannt. Am häufigsten sind die Nerven in Händen und Füßen betroffen. In seltenen Fällen kann auch der Sehnerv in Mitleidenschaft gezogen werden, was zu Sehstörungen unterschiedlicher Art führt.

Ursachen der Sehnervschädigung durch Chemotherapie

Neurotoxische Chemotherapeutika

Bestimmte Chemotherapeutika haben eine neurotoxische Wirkung, d.h. sie können Nervenzellen schädigen. Zu diesen Medikamenten gehören:

  • Platinhaltige Chemotherapeutika: Oxaliplatin, Cisplatin und Carboplatin.
  • Taxane: Paclitaxel.
  • Vinca-Alkaloide: Vincristin, Vinblastin und Vinorelbin.
  • Zielgerichtete Medikamente: Bortezomib und Thalidomid.

Mechanismen der Nervenschädigung

Fachleute vermuten verschiedene Mechanismen, je nach verwendetem Krebsmedikament:

  • Zerstörung der Nervenenden oder der isolierenden Hülle um die Nervenzellfortsätze.
  • Veränderung der Kanäle, durch die der Stoffaustausch zwischen Nervenzellen und Gewebe verläuft.
  • Beeinflussung der Funktion von Strukturen im Inneren einer Nervenzelle (z.B. Mikrotubuli oder Mitochondrien).
  • Zerstörung kleiner Blutgefäße um die Nervenzellen herum, was zu einer unzureichenden Nährstoffversorgung führt.

Weitere Ursachen

Neben den Krebsmedikamenten selbst können auch andere Faktoren zu einer Sehnervschädigung beitragen:

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  • Bestrahlung: Eine Bestrahlung im Bereich des Kopfes oder der Augen kann Nervenbahnen schädigen.
  • Operationen: Nervenverletzungen während einer Operation können zu Sehstörungen führen.
  • Tumore: Ein Tumor, der auf den Sehnerv drückt oder in ihn hineinwächst, kann dessen Funktion beeinträchtigen.

Symptome einer Sehnervschädigung

Die Symptome einer Sehnervschädigung können vielfältig sein und hängen davon ab, welcher Teil des Sehnervs betroffen ist und wie stark die Schädigung ist. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Verschwommenes Sehen: Das Sehvermögen kann allgemein beeinträchtigt sein.
  • Gesichtsfeldausfälle: Teile des Gesichtsfeldes können ausfallen (Skotome, Hemi-Anopsien). Betroffene nehmen Teile ihrer optischen Umgebung nicht mehr wahr und ecken an, stolpern, übersehen Bekannte etc. Oft bemerken sie das Problem zunächst gar nicht, denn es gibt dann keinen „schwarzen Fleck“ zu sehen, sondern der Gesichtsfeldteil ist einfach nicht da.
  • Doppelbilder: Störungen in der Steuerung der Augenbewegungen können zu Doppelbildern führen.
  • Eingeschränktes Farbsehen: Die Farbwahrnehmung kann gestört sein, insbesondere bei Rot und Grün.
  • Schmerzen: Schmerzen neben oder hinter dem Auge, besonders beim Bewegen der Augen, können auftreten.
  • Lichtempfindlichkeit: Erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Licht.
  • Augenreizung, -trockenheit oder vermehrter Tränenfluss.
  • Anzeichen frühzeitig erkennen.
  • Unschärfe.
  • Verlust der Sehschärfe.
  • Veränderungen der Pupillengröße (Anisokorie).
  • Schwierigkeiten bei der Anpassung an veränderte Lichtverhältnisse.
  • In schweren Fällen kann es zur Erblindung kommen (Seelenblindheit).

Optikusatrophie

Unter Optikusatrophie versteht man eine degenerative Erkrankung des Sehnervs, bei der der Nervus Opticus und seine umliegenden Nervenfasern verkümmern (atrophieren). Die Optikusatrophie ist die Folge der unterschiedlichsten Erkrankungen und oft auch das Symptom einer neurologischen Primärerkrankung.

Häufige Symptome im Überblick

  • Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühle, Muskelschwäche oder Schmerzen in den Fußsohlen oder Fingerspitzen
  • Taubheitsgefühle an Füßen und Händen
  • Schwierigkeiten bei feinmotorischen, alltäglichen Aktivitäten, wie Schreiben oder Haus- und Gartenarbeit
  • Gleichgewichtsstörungen und Stürze
  • Unwillkürliches Muskelzucken oder Muskelkrämpfe
  • Kraftlosigkeit in Armen und Beinen
  • Hör- und Sehstörungen

Diagnose

Aufgrund der vielen verschiedenen Erkrankungen, die neurologische Sehstörungen auslösen können, und der Vielzahl an verschiedenen Sehstörungen ist manchmal eine aufwendige Diagnostik nötig, um dem Problem auf den Grund zu gehen.

Die genaue Beschreibung Ihrer Seh-Wahrnehmung gibt uns wichtige Hinweise, um die Ursache Ihrer Sehstörungen festzustellen. Wir sprechen daher ausführlich mit Ihnen über die verschiedenen Aspekte Ihrer neurologischen Sehstörung, die Begleitumstände und weitere Symptome. Neurologische und neurophysiologische Untersuchungen verschaffen uns weitere wichtige Informationen über Ihre individuellen Sehstörungen.

Zur Diagnose einer Sehnervschädigung stehen verschiedene Untersuchungsmethoden zur Verfügung:

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  • Augenärztliche Untersuchung: Untersuchung des Augenhintergrundes mit einem Ophthalmoskop.
  • Gesichtsfelduntersuchung (Perimetrie): Messung des Gesichtsfeldes, um Ausfälle zu erkennen.
  • Messung der Sehschärfe (Visusmessung).
  • Messung der Augenbewegungen über eine Frenzelbrille.
  • Videound Elektronystagmographie (Video- bzw. elektronische Aufzeichnung der Augenbewegungen).
  • Koordimetrie (Bestimmung von Augenfehlstellungen).
  • Elektrophysiologische Untersuchungen (ERG, EOG und VEP): Prüfung der Umsetzung der Lichtsignale in elektrische Impulse in der Netzhaut sowie deren Weiterleitung.
  • Bildgebende Verfahren: Computertomographie (CT) und Kernspintomographie (MRT) des Gehirns und der Augenhöhle, um andere Ursachen auszuschließen.

Behandlung

Die Behandlung einer Sehnervschädigung durch Chemotherapie zielt darauf ab, die Ursache zu behandeln, die Symptome zu lindern und die Sehkraft zu verbessern.

Behandlung der Ursache

  • Anpassung der Chemotherapie: In einigen Fällen kann es notwendig sein, die Dosis des Chemotherapeutikums zu reduzieren oder auf ein anderes Medikament umzusteigen. An dieser Stelle muss jedoch sorgfältig zwischen Nutzen und Schaden abgewogen werden, denn eine Verringerung des Medikaments geht häufig mit Einbußen bei den Heilungschancen einher.
  • Behandlung anderer Grunderkrankungen: Wenn die Sehnervschädigung durch eine andere Erkrankung (z.B. Multiple Sklerose, Tumor) verursacht wird, muss diese entsprechend behandelt werden.

Linderung der Symptome

  • Schmerzmittel: Bei Schmerzen können Schmerzmittel eingesetzt werden.
  • Kortikosteroide: Bei Entzündungen des Sehnervs können Kortikosteroide helfen.

Verbesserung der Sehkraft

  • Sehtraining: Gezieltes Sehtraining kann helfen, das Sehvermögen wieder zu verbessern und/oder trotz Sehstörung die Umwelt besser wahrzunehmen. Im Visuellen Explorationstraining (VET) trainieren Sie gezielte Blickbewegungen und lernen so in den für Sie „blinden“ Bereich gezielt hinein zu sehen. Das Ziel des Trainings ist, dass Sie die raschen Blickbewegungen im Alltag nutzen, um die Gesichtsfeldausfälle auszugleichen. Mit der Visuellen Restitutionstherapie (VRT) trainieren Sie die Erweiterung des eingeschränkten Gesichtsfeldes.
  • Prismenbrille: Bei Doppelbildern kann eine Prismenbrille helfen, die Bilder wieder zu vereinen.
  • Krankengymnastik für die Augen: Bei einigen Störungen der Augenmotorik hilft Ihnen die von uns entwickelte „Krankengymnastik für die Augen“. Sie kommen dann möglicherweise ohne Prismenbrille aus. Eine Prismenbrille korrigiert eine Winkelfehlsichtigkeit und wird bei Menschen, die schielen eingesetzt. Falls die Krankengymnastik für die Augen in Ihrem Falle nicht ausreicht, um die Sehstörungen zu beheben, überweisen wir Sie zu einem Augenarzt zur Prismenversorgung.
  • Hilfsmittel für Sehbehinderte: Vergrößerungsgläser, spezielle Lampen oder andere Hilfsmittel können den Alltag erleichtern.
  • SAVIR-Therapie: Neben bereits abgestorbenen Nervenzellen können durch kleine Mikrostrom-Impulse der SAVIR-Therapie die noch lebenden, aber inaktiven, Nervenzellen in Netzhaut, Sehnerv oder Gehirn reaktiviert werden. Werden diese stummen Nervenzellen durch die SAVIR-Therapie wieder reaktiviert, können optische Reize wieder besser verarbeiten werden.

Weitere Therapieansätze

  • Ergotherapie: Ergotherapeutische Übungen können im sogenannten "Bohnenbad", einer Wanne gefüllt mit Bohnen, anderen Körnern oder kleinen Bällen, durchgeführt werden.
  • Elektrotherapie: Mit der Elektrotherapie werden die Nerven gezielt angeregt.
  • Sensomotorisches Training: Ein gezieltes sensomotorisches Training wird durch Physiotherapeuten oder Ergotherapeuten durchgeführt.
  • Vibrationstraining: Ein Vibrationstraining wird mit dafür geeigneten Geräten durchgeführt.

Vorbeugung

Bislang ist es nicht möglich, nervenschädigenden Nebenwirkungen einer Chemotherapie mit Medikamenten vorzubeugen. Wissenschaftler suchen seit Jahren nach Medikamenten, die Nervenschädigungen verhindern oder wenigstens lindern. Optimal wären nervenschützende Substanzen, die Betroffene vor einer Chemotherapie bekommen könnten. Bislang gibt es jedoch kein solches Medikament.

Einige Maßnahmen können jedoch helfen, das Risiko einer Sehnervschädigung zu verringern oder den Verlauf zu mildern:

  • Früherkennung: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob bei Ihnen ein Risiko für Nervenschädigungen besteht. Was man bisher als normale Berührungen empfand, kann mit einer beginnenden Nervenschädigung plötzlich unangenehm oder schmerzhaft sein. Informieren Sie Ihren Arzt frühzeitig über Sehstörungen oder andere neurologische Symptome.
  • Regelmäßige augenärztliche Kontrollen: Regelmäßige Untersuchungen können helfen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen.
  • Vermeidung von Risikofaktoren: Reduzieren Sie Alkoholkonsum und Nikotinkonsum.
  • Ausgewogene Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Nährstoffen kann die Nervenfunktion unterstützen. Menschen mit Diabetes gehören zur Risikogruppe für eine Unterversorgung mit Thiamin. Studien zeigen, dass die Vitamin-B1-Konzentration im Blutplasma bei den untersuchten Diabetikern im Vergleich zu Gesunden um durchschnittlich 75 bis 90 Prozent niedriger lag. Hier sind mehrere Mechanismen am Werk: Erstens haben Menschen mit Diabetes aufgrund eines erhöhten Blutzuckerspiegels einen gesteigerten Vitamin-B1-Bedarf. Zweitens ist die Ausscheidung von Vitamin B1 über die Nieren erhöht. Zuckerkranke sollten daher ihre Versorgung mit Thiamin gut im Blick behalten.
  • Bewegung: Regelmäßige Bewegung kann die Durchblutung fördern und die Nervenfunktion verbessern. Einzig ein regelmäßiges Bewegungstraining, insbesondere der Finger- und Zehenfunktionen, wird von Expert*innen empfohlen. Besonders wichtig ist ausreichende Bewegung, wobei das Gewebe wird unterschiedlichen Reizen ausgesetzt wird, sodass sich die Nervenfunktion in den Gliedern erholen kann. Das so genannte Funktionstraining, welches Balanceübungen, sensomotorisches Training, Koordinationstraining, Vibrationstraining und auch Feinmotorikertraining umfasst, hat sich Studien zwecks Symptomlinderung positiv hervorgetan.
  • Kälte vermeiden: Patient*innen, die mit Probleme mit Kältereizen haben, sollten sich nicht zu lange in kalten Räumen oder bei kaltem Wetter draußen aufhalten, ohne sich entsprechend zu schützen.

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