Spastik, eine Tonuserhöhung der Muskeln, kann nach einem Schlaganfall oder anderen neurologischen Ereignissen auftreten und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Die Behandlung von Spastik ist ein komplexes Feld, das verschiedene Therapieansätze umfasst, um die Symptome zu lindern, die Beweglichkeit zu verbessern und Folgeschäden zu vermeiden. Ein wichtiger Bestandteil dieser Therapie können Schienen sein, obwohl ihr Einsatz differenziert betrachtet werden muss.
Was ist Spastik?
Spastik äußert sich durch eine erhöhte Muskelsteifigkeit, die zu Bewegungseinschränkungen, Schmerzen und Muskelkrämpfen führen kann. Sie kann fokal (herdförmig), segmental (auf ein Rückenmarkssegment bezogen) oder generalisiert (den ganzen Körper betreffend) auftreten. Die Ursachen für Spastik sind vielfältig, häufig liegt eine Schädigung des Zentralnervensystems zugrunde, beispielsweise nach einem Schlaganfall, einer Rückenmarksverletzung oder bei Multipler Sklerose.
Nach einer Schädigung des Zentralnervensystems kommt es zu Veränderungen, die Nerven, Muskeln und Weichteile betreffen. Dies führt zu veränderten mechanischen Eigenschaften und Strukturen in den betroffenen Muskeln und Extremitäten. Eine Spastik wird dabei immer durch mehrere Faktoren verursacht.
Ziele der Spastik-Behandlung
Die Hauptziele der Spastik-Behandlung sind die Verbesserung der Symptome und der Erhalt der Lebensqualität. Konkret bedeutet dies:
- Verbesserung von Sitzen, Gehen und Stehen
- Erleichterung von Aktivitäten im Alltag
- Vermeidung von Folgeerkrankungen
- Verbesserung des Selbstwertgefühls
- Erhalt oder Wiedererlangung der Selbstständigkeit
Diese Ziele sollten in enger Absprache mit dem behandelnden Arzt, Therapeuten und gegebenenfalls pflegenden Angehörigen festgelegt und regelmäßig überprüft werden.
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Therapieansätze bei Spastik
Die Therapie von Spastik ist vielfältig und umfasst sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Ansätze. Oft ist eine Kombination verschiedener Therapieverfahren am effektivsten.
Medikamentöse Therapie
- Botulinumtoxin Typ A (BoNT): Wird bei fokaler und multifokaler Spastik eingesetzt. Durch gezielte Injektionen in den betroffenen Muskel wird die Signalübertragung vom Nerv zum Muskel blockiert, was zu einer Entspannung des Muskels führt. Die Wirkung hält etwa zwei bis vier Monate an.
- Baclofen: Kann oral oder intrathekal (ITB) verabreicht werden. Bei der ITB wird das Medikament über ein spezielles Infusionssystem direkt in den Nervenwasserraum des Rückenmarks injiziert. Dies ist besonders bei schwerer Spastik indiziert, wenn andere Behandlungen nicht ausreichend wirksam sind.
- Klassische Antispastika: Baclofen, Tizanidin und Tolperison wirken krampflösend und können die Spastik lösen und Bewegungseinschränkungen verbessern.
- Dantrolen: Wirkt muskelentspannend durch Hemmung der Freisetzung von Kalziumionen im Muskel.
- Benzodiazepine: Wirken angstlösend, schlaffördernd und entspannend auf die Muskulatur, sind aber für die Behandlung der Spastik nach einem Schlaganfall nicht zugelassen.
- Cannabinoide: THC und CBD können bei schmerzhaften Krämpfen der Muskulatur helfen, sind aber derzeit nur für die Behandlung der Spastik im Zusammenhang mit Multipler Sklerose zugelassen.
Nicht-medikamentöse Therapie
- Physiotherapie: Bildet die Grundlage der Spastik-Behandlung. Übungen dienen dazu, Muskeln und Gelenke beweglich zu halten, Steifheit zu verringern und natürliche Bewegungsmuster zu fördern.
- Ergotherapie: Hilft, Alltagsaktivitäten trotz der Einschränkungen durch die Spastik zu bewältigen.
- Orthopädische Hilfsmittel: Orthesen, Schienen oder Gipsverbände können eingesetzt werden, um betroffene Körperregionen zu stützen, zu fixieren oder zu entlasten.
- Elektrostimulation und Elektroakupunktur: Werden direkt am spastischen Muskel angewendet, um die Muskelspannung zu reduzieren und die Beweglichkeit zu verbessern.
- Operation: In bestimmten Fällen kann eine Operation in Erwägung gezogen werden, um Sehnen zu verlängern oder zu verkürzen, Verwachsungen zu lösen oder Fehlstellungen zu korrigieren.
Der Einsatz von Schienen bei Spastik
Schienen spielen eine wichtige Rolle in der Behandlung von Spastik, insbesondere zur Vorbeugung von Kontrakturen (Verkürzungen von Muskeln, Sehnen und Bändern) und zur Verbesserung der Handfunktion. Es gibt verschiedene Arten von Schienen, die je nach Bedarf eingesetzt werden können:
- Lagerungsschienen: Werden eingesetzt, um Gelenke in einer bestimmten Position zu halten und so Kontrakturen vorzubeugen. Sie können statisch oder dynamisch sein.
- Dynamische Schienen: Machen die Bewegungen bei einer Spastik mit und können so Druckstellen vermeiden. Sie können auch dazu beitragen, die Muskeln zu dehnen und die Beweglichkeit zu verbessern.
- Antispastikschienen: Sollen die Spastik reduzieren, ihr Einsatz wird jedoch kritisch gesehen, da sie in manchen Fällen die Spastik verstärken können.
- Funktionelle Schienen: Unterstützen die Handfunktion und ermöglichen es dem Patienten, Alltagsaktivitäten besser auszuführen.
- Handgelenksschienen: Werden zur Stabilisierung von Hand und Handgelenk nach Operationen oder bei Verstauchungen und Frakturen eingesetzt.
- Orthesen mit funktioneller Elektrostimulation: Können bei Schlaganfall-Betroffenen eingesetzt werden, bei denen eine neutrale Stellung des Handgelenks möglich ist. Sie aktivieren die Muskeln und verbessern die Handfunktion.
Kritische Betrachtung des Schieneneinsatzes
Obwohl Schienen in der Spastik-Behandlung hilfreich sein können, ist ihr Einsatz nicht unumstritten. Einige Experten sehen den Einsatz von Schienen bei hypertonen Armen und Händen nach einem Schlaganfall kritisch, da der Hypertonus durch Anstrengung zunehmen kann und die Schiene dann zu Druckstellen führen könnte. Es ist wichtig, den Tonus des Patienten genau zu beobachten und die Schiene entsprechend anzupassen.
Alternativen zu Schienen
Neben Schienen gibt es auch andere Möglichkeiten, Kontrakturen vorzubeugen und die Handfunktion zu verbessern:
- Funktionelle Positionierung: Eine korrekte Lagerung des Patienten kann helfen, Fehlhaltungen zu vermeiden und die Muskeln zu entspannen.
- Urias Druckbandagen: Können eingesetzt werden, um die Spastik zu reduzieren.
- Handschmeichler aus Gips: Können bei Patienten mit gestörter Wahrnehmung eingesetzt werden, um das Handgewölbe zu erhalten und den Tonus zu senken.
- Therapie: Es gibt verschiedene Therapieansätze, die helfen können, die Spastik zu reduzieren und die Handfunktion zu verbessern.
Die Rolle des Orthopädietechnikers
Die Auswahl und Anpassung der richtigen Schiene ist entscheidend für den Erfolg der Behandlung. Hierbei spielt der Orthopädietechniker eine wichtige Rolle. Er berät den Patienten und die behandelnden Ärzte und Therapeuten, wählt die passende Schiene aus und passt sie individuell an die Bedürfnisse des Patienten an.
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