Seepferdchen, mit ihrem einzigartigen Aussehen und ihrer anmutigen Lebensweise, faszinieren seit jeher die Menschen. Ihre zarten Gesichtszüge, ihre einzigartige Anatomie und ihre anmutigen Bewegungen begeistern immer wieder. Hippocampus, der lateinische Name, bedeutet übersetzt „Pferdetier“. Doch hinter dieser märchenhaften Fassade verbirgt sich eine Realität, in der viele Seepferdchenarten stark vom Aussterben bedroht sind. Dieser Artikel beleuchtet die Fortpflanzung der Seepferdchen, insbesondere die einzigartige Rolle des Männchens bei der Brutpflege.
Seepferdchen: Mehr als nur ein hübsches Gesicht
Seepferdchen sind in den Ozeanen der ganzen Welt zu finden. Sie fühlen sich in flachen, ruhigen Küstengewässern am wohlsten. Einige Arten bevorzugen dichte Seegras-Wiesen, die einen guten Schutz vor Feinden bieten. Andere Arten fühlen sich an felsigen Küsten oder zwischen Algen zu Hause. Ihr deutscher Name kommt von der Form ihres Kopfes, der wirklich an den eines Pferdes erinnert. Nur mit der kleinen, fast ganz zurückgebildeten Rückenflosse können sie sich langsam vorwärts bewegen, zwei ebenfalls stark zurück gebildete Brustflossen dienen als Steuerruder. Die Größe der Seepferdchen ist sehr unterschiedlich. Die Färbung der Seepferdchen kann sehr verschieden sein: von Gelb über Orange und Purpur bis zu Braun, Schwarz und Weiß.
Nach heutiger Auffassung gibt es weltweit 30 bis 35 Arten. Dazu gibt es noch diverse Unterarten mit denen ca. 80-100 verschiedene Seepferdchen unterschieden werden können. Im Mittelmeer leben z.B. das Kurzschnauzige und das Langschnauzige Seepferdchen kommen im Mittelmeer, im Schwarzen Meer und im östlichen Atlantik vor. Beide Arten kommen nur in den kühleren Gewässern an der Südküste Australiens vor.
Die außergewöhnliche Fortpflanzung der Seepferdchen
Was die Seepferdchen so besonders macht, ist ihre ungewöhnliche Fortpflanzungsstrategie. Bei den Seepferdchen ist das Ausbrüten reine Männersache. Die Männchen haben einen Beutel - ähnlich wie Kängurus - in den das Weibchen je nach Art 150 bis 2.000 Eier injiziert, welche das Männchen in der Bruttasche besamt und anschließend 10-14 Tage ausbrütet.
Der Balztanz
Vor dem eigentlichen Geschlechtsakt balzen die Tiere zunächst für einige Tage. Meeresbiologen glauben, dass mit diesem Verhalten der Fortpflanzungszyklus aufeinander abgestimmt wird. Das Männchen ist dadurch in der Lage, die Eier sofort zu befruchten, wenn es sie empfängt. Während der Balz schwimmen die Tiere zunächst synchron mit ineinander gehakten Schwänzen nebeneinander und wechseln manchmal dabei die Farbe. Meist schwimmt das Weibchen zum Männchen und fordert es zum Tanz auf. Meistens greift das Weibchen mit dem Schwanz das Pflanzenteil, an dem sich das Männchen festhält. Dann tänzeln beide gemeinsam um den Pflanzenstängel herum. Dieses Ritual, welches zur Verstärkung der Bindung zwischen beiden Partnern dient, findet seinen Abschluss in einem gemeinsamen „Spaziergang“. Schließlich beginnt das Paar mit dem Balztanz, der etwa acht Stunden dauert. Während dieser Zeit pumpt das Männchen Meerwasser durch seine Bauchtasche.
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Die Übergabe der Eier
Wenn die Eier des Weibchens voll ausgereift sind, drehen die Tiere ihre Vorderseiten zueinander und steigen spiralförmig nach oben. Bei der Paarung injiziert das weibliche Seepferdchen bis zu 1.500 Eier in die männliche Bruttasche. Das Weibchen reckt die Schnauze nach oben und streckt den Schwanz senkrecht nach unten. Es bewegt den Schwanz wie ein Klappmesser vor und zurück. So wird Wasser in die Bruttasche hinein- und wieder hinaus gepumpt, damit sie gereinigt wird und nur frisches, sauerstoffreiches Wasser enthält. Nun stülpt das Weibchen einen speziellen Ei-Legeapparat aus, führt ihn in die Bruttasche des Männchens ein und legt etwa 200 Eier ab.
Die Schwangerschaft des Männchens
Die befruchteten Eier werden an der Wand der Bauchtasche fixiert und von Gewebe umwachsen. Die Tasche dient als Inkubator und versorgt die Embryonen mit Sauerstoff, Nährstoffen sowie dem Hormon Prolaktin, das bei schwangeren Säugetieren für die Milchproduktion verantwortlich ist. Das Männchen trägt die Eier für 9 bis 45 Tage aus, bis sich die Jungen vollständig entwickelt haben und schlüpfen. Während dieser Zeit besucht das Weibchen regelmäßig ihren Partner.
Die Geburt
Bei der Geburt, die in der Regel nachts erfolgt, drückt der Seepferdchenvater die Jungfische aus seiner Bauchtasche heraus. Bei den meisten Arten werden durchschnittlich 100 bis 1000 Junge geboren. Oftmals paaren sich männliche Seepferdchen erneut nach wenigen Stunden oder Tagen.
Die winzigen Babys sind gleich nach ihrer Geburt ganz auf sich allein gestellt. Die ersten zwei bis drei Wochen ihres Lebens verbringen sie damit, in der planktonreichen Schicht des Meeres zu treiben. Bedingt durch ihre Größe benötigen die Jungtiere kleinstes Lebendfutter in Form von sogenanntem Zoo- und Phytoplankton.
Warum trägt das Männchen die Jungen aus?
Warum das männliche Seepferdchen die Nachkommen austrägt, ist noch unbekannt. Einige Forscher vermuten, dass dadurch kürzere Geburtsintervalle möglich sind, die wiederum zu einer höheren Nachkommenschaft führen. Die Produktion der Eier ist bei Seepferdchen sehr anspruchsvoll und erfordert eine große körperliche Anstrengung. Auch braucht das Weibchen nach der Paarung länger als das Männchen, um sich auf den nächsten Akt vorzubereiten. Letztlich bedeutet dies, dass die männlichen Tiere trotz ihrer Schwangerschaft theoretisch mehr Jungtiere produzieren könnten als die Weibchen - und zwar um 17 Prozent.
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Genetische und zelluläre Mechanismen der männlichen Schwangerschaft
Ein deutsch-chinesisches Forschungsteam untersuchte die genetischen und zellulären Mechanismen, die den Rollentausch möglich machen. Evolutionär gesehen ist die Bruttasche eine einzigartige Innovation - und mit ihr die „männliche Schwangerschaft“. Die Bruttasche der männlichen Seepferdchen übernimmt die Aufgaben des Uterus und der Plazenta. Während der Schwangerschaft verändert sich ihr Gewebe und bildet eine Struktur aus, die der Plazenta weiblicher Säugetiere ähnelt.
Die Untersuchungen bestätigten, dass Androgene - also männliche Sexualhormone - anstelle von klassischen weiblichen Hormonen bei der Entwicklung der Embryos in der Bruttasche eine zentrale Rolle spielen. „Die Androgene induzieren die Verdickung und die Gefäßbildung der Hautschicht im Bauchbereich zu einer Struktur, die der Plazenta von Säugetieren ähnelt.
Auch das Immunsystem passt sich während der Seepferdchen-Schwangerschaft an. Denn damit die Embryos nicht als Fremdkörper erkannt und abgestoßen werden, muss die Immunantwort des elterlichen Körpers unterdrückt werden.
Seepferdchen im Aquarium
Vor geraumer Zeit nahm ich mich der Haltung und Pflege des brasilianischen Riesenseepferdchens, Hippocampus reidi an. In ein extra dafür eingerichtetes Aquarium dass ihren natürlichen Lebensaum nachbildet, zogen 5 Seepferdchen Paare ein. Diese Ursprungstiere sind bereits Nachzuchten, und kamen aus einer Zuchtfarm für marine Lebewesen auf Sri Lanka. Da diese Pferdchen bereits an ein Leben im Aquarium gewöhnt waren, war ihr Export nach Deutschland, und die Eingewöhnung ins Aquarium kein Problem. Bereits nach kurzer Zeit, war den Pferden ihr Wohlstand anzusehen, und somit fingen die Tiere an, in regelmäßigen Abständen abzulaichen. Mittlerweile kam noch eine weitere Seepferdchen Art in meine Obhut, nämlich das Zebraschnauzen Seepferdchen, Hippocampus barbouri aus den Riffen der Philippinen. Seepferdchen sind als Aquariumstiere sehr beliebt.
Gefährdung und Schutz der Seepferdchen
Wie fast alle anderen Fischarten kümmern sich die Tiere nach der Geburt nicht mehr um ihren Nachwuchs. Viele der Jungen werden von Raubfischen gefressen oder durch Meeresströmungen abgetrieben; weniger als 0,5 Prozent erreichen das Erwachsenenalter. Das erklärt auch, warum die Würfe so groß sind.
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Trotz ihrer äußeren Knochenplatten und der ausgezeichneten Tarnung sind Seepferdchen gut vor Fressfeinden geschützt. Trotzdem schätzt die IUCN (Internationale Union zur Bewahrung der Natur und natürlicher Ressourcen) die meisten Arten als stark gefährdet (endangered) bis gefährdet (vulnerable) ein. Vor allem die Überfischung und die Zerstörung ihrer Lebensräume reduzieren den Bestand der Tiere dramatisch. Jahr für Jahr sterben über 20 Millionen Exemplare als Beifang in den Netzen der Shrimp-Industrie oder werden als Delikatesse in asiatischen Ländern gefangen. In der traditionellen chinesischen Medizin sind Seepferdchen weit verbreitet. Getrocknet und zermalen sollen sie unter anderem bei Potenzstörungen, Kurzatmigkeit, Asthma, Schmerzen sowie Inkontinenz helfen.
Seepferdchen in der Nordsee?
Auch wenn es das Frühschwimmerabzeichen ziert und jedes Kind es erkennt: Das Seepferdchen würden die Wenigsten in den deutschen Meeresgewässern vermuten. Seit einigen Jahrzehnten ist es aber auch aus der Nordsee und insbesondere aus dem Nationalpark Nordfriesisches Wattenmeer bekannt. Irgendwo vor der schleswig-holsteinischen Nordseeküste lebt eine Population des Kurzschnäuzigen Seepferdchens (Hippocampus hippocampus).
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