Die Sehbahn-Nerven-Messung, auch bekannt als visuell evozierte Potentiale (VEP), ist eine elektrophysiologische Untersuchungsmethode, die zur Beurteilung der Funktionsfähigkeit der Sehbahn vom Auge bis zur Sehrinde im Gehirn eingesetzt wird. Diese Methode dient dem Nachweis von Schädigungen der Sehbahn und ermöglicht es, Funktionsstörungen des Nervensystems zu untersuchen und einzugrenzen.
Grundlagen der evozierten Potentiale (EP)
Evozierte Potentiale (EP) sind elektrische Phänomene, die im Rahmen einer neurophysiologischen Untersuchung gezielt ausgelöst werden. Der Begriff "evoziert" leitet sich vom lateinischen "evocare" (herbeirufen) ab. Es handelt sich um eine neurologische Untersuchungsmethode, mit der die Leitfähigkeit und Funktionsfähigkeit von Nervenbahnen getestet werden kann. Jeder Sinnesreiz löst in den sensorischen Arealen des Gehirns minimale elektrische Potentialänderungen aus. Diese Potentialänderungen in der Großhirnrinde (sensorischer Cortex) können in der Elektroenzephalografie (EEG) sichtbar gemacht werden.
Um die evozierte Aktivität messen und darstellen zu können, wird eine Mittelungstechnik verwendet. Dabei werden die Reizantworten vieler Reize summiert. Durch die wiederholte Darbietung eines Reizes und die Mittelung des nachfolgenden EEG-Signals strebt die reizunabhängige Aktivität gegen Null, während das reizbezogene evozierte Potential aufsummiert und somit auswertbar wird. Je nachdem, welches System einer Reizung unterliegt, spricht man von visuell (VEP), akustisch (AEP), somatisch (SEP) oder motorisch evozierten Potentialen (MEP).
Das Prinzip der Sehbahn-Nerven-Messung (VEP)
Das VEP ist eine spezielle Form der Messung von Hirnströmen, wie sie auch beim EEG stattfinden, jedoch fokussiert es auf die Messung von Hirnströmen der Sehrinde bei gleichzeitiger gezielter Reizung der Augen. Die Untersuchung ermöglicht es, die Funktion der Sehbahn vom Auge bis zur Sehrinde zu überprüfen. Dabei können die Augen getrennt untersucht werden.
Die Netzhaut enthält Ganglienzellen, deren Zellfortsätze den Sehnerven bilden und somit die Verbindung zum Gehirn herstellen. Die durch visuelle Reize ausgelösten Erregungen werden über den Sehnerven und eine Schaltstelle der Sehbahn im Gehirn bis zur Sehrinde im Großhirn weitergeleitet.
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Durchführung der VEP-Untersuchung
Vorbereitung
Die Vorbereitung für die VEP-Untersuchung dauert in der Regel etwa 15-20 Minuten. Es ist wichtig, dass der Patient während der Untersuchung entspannt liegen kann, da Muskelüberlagerungen die Messung stören können. Eine optimale Brillenkorrektur sollte vor der Untersuchung erfolgen.
Ablauf
Während der Untersuchung blickt der Patient auf einen Bildschirm, der in einem Abstand von etwa 1 Meter aufgestellt ist. Auf dem Bildschirm wird ein Schachbrettmuster angezeigt, bei dem in kurzen Abständen eine Kontrastumkehr durch Wechsel der schwarzen und weißen Felder stattfindet. Alternativ können auch Lichtblitze als Reize verwendet werden. Zusätzlich zum Schachbrettmuster zeigt der Monitor einen roten Punkt, den der Patient während der gesamten Untersuchung fixieren soll. Es ist wichtig, dauerhaft auf den roten Punkt zu schauen und nicht mit den Augen auf dem Schachbrettmuster umherzuwandern.
Elektrodenplatzierung
Für die Messung werden Oberflächenelektroden an der Stirn und über der Sehrinde am Hinterkopf angelegt. Bei konkreten Fragestellungen können Elektroden auch an der Schulter oder am Nacken platziert werden.
Messung und Auswertung
Insgesamt werden ca. 100 Messungen hintereinander abgeleitet, die dann vom Computer miteinander verrechnet werden. Diese Mittelung ist erforderlich, weil die normale Hirnaktivität während der Messung stört. Durch die Mittelung werden die Störungen unterdrückt und die Reizantworten von der Sehrinde herausgefiltert. Während der Untersuchung werden meist zwei bis drei verschiedene Muster verwendet. Für jedes Muster erhält man eine Reizkurve, deren wichtigstes Kennzeichen eine nach unten gerichtete positive Welle nach ca. 100 ms ist, die sogenannte P100-Komponente.
Indikationen für eine Sehbahn-Nerven-Messung
Die VEP-Untersuchung wird in verschiedenen klinischen Situationen eingesetzt, um die Funktion der Sehbahn zu beurteilen. Zu den häufigsten Indikationen gehören:
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- Entzündung des Sehnerven (Optikusneuritis): Bei einer Entzündung des Sehnerven, wie sie beispielsweise bei Multipler Sklerose auftreten kann, kann die VEP-Untersuchung eine Verlangsamung der Leitgeschwindigkeit oder eine Verminderung der Amplitude der evozierten Potentiale zeigen.
- Kompression des Sehnerven: Durch Tumore oder andere Raumforderungen kann der Sehnerv komprimiert werden, was ebenfalls zu Veränderungen im VEP führen kann.
- Multiple Sklerose (MS): Die VEP-Untersuchung ist ein wichtiges diagnostisches Instrument bei MS, da sie auch bei Patienten ohne akute Sehstörungen eine Schädigung der Sehbahn aufdecken kann.
- Verdacht auf Schädigungen der Sehbahn: Die Untersuchung dient dem Nachweis von Schädigungen der Sehbahn.
- Funktionsstörungen des Nervensystems: Mit einer elektrophysiologischen Untersuchung lassen sich Funktionsstörungen des Nervensystems untersuchen und eingrenzen.
- Erkrankungen der Makula: Da der Musterreiz nur in der Makula erkannt werden kann, wird mit dem VEP auch die Funktion der Makula gemessen. Erkrankungen, die die Makula betreffen, können Veränderungen im VEP zeigen.
Interpretation der Ergebnisse
Bei Erkrankungen kann die Zeitdauer des Auftretens dieser P100-Komponente verzögert sein, die Höhe vermindert sein oder die Reizantwort fehlt ganz. Insofern zeigen Erkrankungen, die die Makula betreffen, auch Veränderungen im VEP.
Es ist wichtig zu beachten, dass das Erkennen des Schachbrettmusters Voraussetzung für die Ableitung eines VEPs ist. Wenn die Sehschärfe sehr schlecht ist oder die klaren Gewebe des Auges (Hornhaut, Linse, Glaskörper) getrübt sind, kann das VEP nicht beurteilt werden. Aufgrund der Notwendigkeit der hohen Auflösung kann der Musterreiz nur in der Makula erkannt werden. Es wird somit mit dem VEP auch die Funktion der Makula gemessen. Erkrankungen, die die Makula betreffen, aber auch alle Schädigungen der Sehnerven und der gesamten Sehbahn im Gehirn können Veränderungen im VEP zeigen.
Weitere elektrophysiologische Untersuchungsmethoden
Neben der VEP-Untersuchung gibt es eine Reihe weiterer elektrophysiologischer Methoden, die zur Beurteilung der Funktion des Nervensystems eingesetzt werden. Dazu gehören:
- Neurografie: Bei der Neurografie werden motorische und sensible Nerven an Armen und Beinen mit Strom gereizt und an einer anderen Stelle abgeleitet.
- Elektromyografie (EMG): Bei der Elektromyografie wird eine Nadel in einen Muskel eingeführt und die vom Muskel produzierte elektrische Spannung in verschiedenen Funktionszuständen gemessen.
- Akustisch evozierte Potentiale (AEP): Bei den akustisch evozierten Potentialen wird die Hörbahn (vom Hörorgan bis zum Hirnstamm) untersucht.
- Somatosensorisch evozierte Potentiale (SEP): Hier erfolgt eine wiederholte Reizung eines sensiblen Nervs durch niedrige Stromimpulse. Die sensible Verarbeitung dieser Impulse in der Wirbelsäule oder im Gehirn selbst wird abgeleitet.
- Motorisch evozierte Potentiale (MEP): Motorisch evozierte Potentiale dienen in der Diagnostik überwiegend zur Bestimmung des Funktionszustands des motorischen Systems, welches für die Ausführung von Willkürbewegungen erforderlich ist.
Intraoperatives elektrophysiologisches Monitoring (IOM)
Die genannten elektrophysiologischen Verfahren werden teilweise auch zur Funktionsuntersuchung während neurochirurgischer Eingriffe eingesetzt. Dies wird dann als intraoperatives elektrophysiologisches Monitoring (IOM) bezeichnet und reduziert das Risiko von eingriffsbedingten Funktionsstörungen nachweislich bei bestimmten Eingriffen.
Risiken und Kontraindikationen
Die VEP-Untersuchung ist an sich gefahrlos. Dennoch gibt es einige Situationen, in denen auf diese Untersuchungsmethode verzichtet werden muss. Dazu zählt u.a. die Versorgung mit einem Schrittmacher- oder einem Cochlea-Implantat. Bei der Untersuchung zur Wange oder Zunge gibt es eine Vorrichtung für die Oberflächenelektroden, die demzufolge auf die Zungen bzw. die Wangen platziert wird. Hierbei ist mittels der Entladung des Kondensators ein kurzes Klopfgeräusch wahrzunehmen.
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Dauer und Nachwirkungen
Jede Untersuchungsmethode weist eine Dauer von ungefähr 30 bis 60 Minuten auf und ist schmerzlos, sodass im Anschluss daran den normalen Aktivitäten nachgegangen werden kann. Die Funktionsmessungen sind mit keinen Nebenwirkungen verbunden.