Der Sehnerv (Nervus opticus) ist eine entscheidende Struktur für das Sehen, da er die visuellen Informationen von der Netzhaut zum Gehirn überträgt. Schädigungen des Sehnervs können zu einer Vielzahl von Sehstörungen führen. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind entscheidend, um irreversible Schäden zu vermeiden. Die neuro-ophthalmologische Spezialsprechstunde bietet langjährige Erfahrung und umfangreiche Diagnostik, um die zugrunde liegende Ursache zu identifizieren und eine geeignete Therapie einzuleiten.
Neuro-ophthalmologische Störungen
Neuro-ophthalmologische Störungen betreffen verschiedene Strukturen, darunter das Auge, die Pupille, den Sehnerv, die äußeren Augenmuskeln und deren Nerven. Auch die zentralen Bahnen zur Steuerung und Integration der Augenbewegungen und des Sehens können betroffen sein. Die richtige Diagnose ist der Schlüssel zur erfolgreichen Behandlung.
Ursachen einer Sehnervschädigung
Sehnervschädigungen können vielfältige Ursachen haben, die in angeborene Veränderungen, Tumore, Verletzungen, Entzündungen, Durchblutungsstörungen und andere Faktoren unterteilt werden können.
Angeborene Veränderungen
- Optikuskolobom: Fehlende Anlage von Sehnervenzellen.
- Drusenpapille: Vererbbare Verkalkung der Sehnervenpapille.
Tumore
Gutartige und bösartige Tumore können an jeder Stelle des Sehnervs und seiner Verlaufsbahn entstehen. Sie können sich direkt aus den Nervenzellen entwickeln oder aus anderen Strukturen von Augenhöhle oder Gehirn entstehen und dann durch Druck auf die Nervenfasern Schäden verursachen.
- Hypophysenadenom: Ein Tumor der Hirnanhangsdrüse, der im Bereich der Sehnervenkreuzung entsteht und charakteristische Gesichtsfeldausfälle hervorruft.
- Meningeome: Sehr langsam wachsende gutartige Tumore, die den Sehnerven oder die Sehnervenkreuzung komprimieren können.
- Raumforderungen im Gehirn: Hirntumore können zu verschiedensten Augensymptomen führen. Je nach Lage des Tumors entsteht ein gemischtes Bild an neuro-ophthalmologischen Ausfällen. So treten oftmals Gesichtsfeldausfälle und Augenbewegungsstörungen auf.
Verletzungen
Bei schweren Kopfverletzungen (z.B. Schädelbrüchen) kann auch immer der Sehnerv in seinem Verlauf beschädigt werden.
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Entzündungen
Eine Entzündung des Sehnervs (Neuritis nervi optici) kann ein- oder beidseitig auftreten. Sie kann durch Viren, Bakterien oder Pilze hervorgerufen werden, aber auch bei Autoimmunerkrankungen auftreten.
- Multiple Sklerose (MS): 30% der Sehnervenentzündungen treten bei Multipler Sklerose auf. Hier ist der hinter dem Auge liegende Teil des Sehnervs betroffen (sogenannte Retrobulbärneuritis). In diesem Fall ist die Augenbewegung schmerzhaft, es kommt zu einer Sehverschlechterung, ohne dass in der Ophthalmoskopie eine Auffälligkeit erkennbar ist.
- Papillitis: Andere Entzündungen des Sehnervs zeigen eine Papillitis, also eine sichtbare Entzündung des Sehnervenaustrittes aus der Netzhaut.
Durchblutungsstörungen
Bei Mangeldurchblutung (Ischämien) werden oft die vorderen (anterioren) Anteile des Sehnervs geschädigt. Man spricht auch von einer anterioren ischämischen Optikusneuropathie (AION). Ursache der Minderdurchblutung ist entweder der Verschluss eines Blutgefäßes (Infarkt, „Schlaganfall des Auges“) oder die Entzündung der Schläfenarterie, auch Arteriitis temporalis oder Riesenzellarteriitis genannt.
Erhöhter Hirndruck
Der Sehnervenstau (Stauungspapille) entsteht durch eine Ansammlung von Flüssigkeit in den Nervenhüllen. Diese kommt bei 90% der Betroffenen durch einen Druckanstieg im Gehirn zustande. Ein erhöhter Hirndruck kann wiederum verschiedene Ursachen haben (Tumore, Blutungen, Abflussstörungen, Verletzungen u.a.). Die Stauungspapille ist gut in der Ophthalmoskopie sichtbar. Wird der Druck nicht gemindert, können bleibende Schäden und Sehbeeinträchtigungen entstehen.
- Pseudotumor cerebri: Bei dieser Krankheit ist der Hirndruck erhöht, ohne dass es dafür eine klar erkennbare Ursache gibt. Der Sehnerv kann stark anschwellen und mit der Zeit Schaden nehmen. Betroffen sind meistens jüngere Frauen mit Übergewicht, die an Kopfschmerzen leiden.
Glaukom (Grüner Star)
Bei nicht oder nicht ausreichend behandeltem Grünen Star kann durch den dauerhaft erhöhten Augendruck der Sehnerv beschädigt werden (Glaukomschaden). Das Glaukom ist eine der häufigsten Erkrankungen des Sehnervs und eine der häufigsten Ursachen für Erblindungen weltweit. Charakteristisch ist ein kontinuierlicher Nervenfaserverlust, was sich am Sehnervenkopf als eine zunehmende Aushöhlung bemerkbar macht.
Optikusatrophie
Bei der Optikusatrophie verkümmern die Sehnervenzellen langsam und sterben schließlich ab. Auslöser können sein: Konstanter Druck auf die Nervenzellen durch Blutungen oder Tumore, Verletzungen, Schäden durch Infektionen (z.B. bei Syphillis), Durchblutungsstörungen, Nervengifte (Alkohol, Nikotin, Blei, Arsen u.v.m.), Mangelernährung etc.
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Weitere Ursachen
- Leber’sche hereditäre Optikusneuropathie (LHON): Eine neuro-degenerative Erbkrankheit, die zu einer plötzlichen einseitigen Erblindung führen kann. Häufig folgt das andere Auge innerhalb von einigen Monaten. Die Ursache liegt in den Ganglienzellen des Sehnervens.
- Endokrine Orbitopathie: Eine Autoimmunerkrankung, die oft Zellen der Schilddrüse betrifft (Morbus Basedow, Hashimoto-Thyreoiditis). Es werden dabei Substanzen produziert, die zu einem Wachstum der Augenmuskeln und des orbitalen Fettgewebes führen.
Symptome einer Sehnervschädigung
Die Beschwerden, die bei einer Erkrankung des Sehnervs auftreten können, hängen von der Art der Erkrankung und dem Ausmaß der Schädigung ab. Mögliche Symptome sind:
- Sehstörungen: Verschwommenes Sehen, Doppeltsehen, Ausfälle im Gesichtsfeld (Skotome), Farbsehstörungen, Dunkelsehen.
- Schmerzen im Auge: Besonders bei Augenbewegungen (charakteristisch für Optikusneuritis).
- Müdigkeit der Augen.
- Kopfschmerzen.
- Anisokorie: Eine Differenz der Pupillendurchmesser zwischen beiden Augen.
- Unkontrollierbares Blinzeln, Zusammenkneifen der Lider und krampfartiger Lidschluss (benigner essentieller Blepharospasmus, BEB).
Die meisten Sehnervenerkrankungen verlaufen ohne Schmerzen (Ausnahme: Retrobulbärneuritis bei Multipler Sklerose).
Diagnose einer Sehnervschädigung
Die Diagnose einer Sehnervschädigung erfordert eine umfassende Untersuchung durch einen Augenarzt oder Neuro-ophthalmologen.
Anamnese
Der Arzt wird zunächst eine ausführliche Anamnese erheben, um Informationen über die Krankheitsgeschichte, Symptome und Risikofaktoren zu sammeln. Fragen können sein:
- Wann hat sich Ihr Sehen verschlechtert?
- Bereiten Ihnen Augenbewegungen Schmerzen?
- Ist das Sehen auf einer Seite schlechter als auf der anderen?
- Waren Sie in der letzten Zeit erkältet oder hatten Sie Fieber?
- Hatte ein Familienmitglied von Ihnen bereits ähnliche Symptome?
- Leiden Sie an einer Grunderkrankung (z.B. Multiple Sklerose, Lupus erythematodes)?
- Ist in Ihrer Familie ein Fall von Multipler Sklerose bekannt?
- Ist Ihnen schwindelig oder haben Sie Schwächen Ihrer Muskulatur bemerkt?
- Rauchen Sie, trinken Sie Alkohol oder nehmen Sie regelmäßig Medikamente ein?
- Sind die Beschwerden bei Wärme stärker (zum Beispiel, wenn Sie ein Bad nehmen, in der Sauna sitzen oder Sport machen)?
- Nehmen Sie Lichtblitze wahr?
Augenärztliche Untersuchungen
- Bestimmung der Sehschärfe: Mithilfe einer Buchstaben- oder Zahlentafel wird die Sehschärfe bestimmt. Sie ist bei einer Sehnerventzündung gemindert.
- Test der Pupillenreaktion: Der Arzt leuchtet abwechselnd mit einer kleinen Lampe in die Augen und beobachtet die Reaktion der Pupillen. Bei einer Retrobulbärneuritis liegt oft ein relativer afferenter Pupillendefekt (RAPD) vor.
- Prüfung der Augenbeweglichkeit: Der Arzt überprüft die Beweglichkeit der Augen, um festzustellen, ob die Augenbewegungen Schmerzen verursachen oder Doppelbilder auftreten.
- Bestimmung des Gesichtsfeldes: Das Gesichtsfeld wird getestet, um Einschränkungen im peripheren Sehen zu erkennen.
- Untersuchung des Augenhintergrundes (Funduskopie): Der Arzt beurteilt die Netzhaut, die Blutgefäße und die Papille (Austrittsstelle des Sehnervs aus der Netzhaut).
- Prüfung der Farbwahrnehmung: Die Farbwahrnehmung wird getestet, da bei einer Neuritis nervi optici vor allem die Farbsättigung für Rot abgeschwächt sein kann.
- Messung des Augeninnendrucks: Wichtig zur Erkennung des Glaukoms.
Elektrophysiologische Untersuchungen
- Visuell evozierte Potenziale (VEP): Die Leitungsgeschwindigkeit des Sehnervs wird überprüft, um Entzündungen oder andere Schädigungen zu erkennen.
- Elektroretinogramm (ERG) und Elektrookulogramm (EOG): Diese Untersuchungen prüfen die Umsetzung der Lichtsignale in elektrische Impulse in der Netzhaut sowie deren Weiterleitung.
Bildgebende Verfahren
- Kernspintomografie (MRT): Um Multiple Sklerose oder andere Ursachen der Sehnerventzündung zu diagnostizieren.
- Computertomografie (CT): Kann in einigen Fällen zur Beurteilung des Sehnervs und der umgebenden Strukturen eingesetzt werden.
Weitere Untersuchungen
- Liquorpunktion: Bei Verdacht auf Multiple Sklerose wird eine Probe der Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) entnommen und auf Entzündungszeichen hin untersucht.
- Blutuntersuchungen: Um andere Ursachen wie Infektionen oder Autoimmunerkrankungen auszuschließen.
Therapie einer Sehnervschädigung
Die Therapie einer Sehnervschädigung richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Prinzipiell sind die meisten neuro-ophthalmologischen Erkrankungen behandelbar.
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Glaukom
Beim Glaukom ist es wichtig, unverzüglich eine Senkung des Augeninnendrucks vorzunehmen, da andernfalls irreversible Schäden des Sehnervs drohen. Hier kann eine Therapie mit Augentropfen zur Verringerung und zur Verbesserung des Abflusses des Kammerwassers oder eine Lasertherapie erfolgen. In manchen Fällen ist eine operative Therapie unumgänglich. Die Glaukombehandlung ist in der Regel lebenslang durchzuführen.
Entzündungen
Eine Entzündung des Nervs wird medikamentös behandelt, in der Regel mit Steroiden.
Durchblutungsstörungen
Die Behandlung der Durchblutungsstörung des augennahen Teils des Sehnervs (anteriore ischämische Optikopathie - AION) ähnelt einem Schlaganfall. Wichtig ist auch, die meistens außerhalb des Auges liegenden Ursachen wie z.B. ein erhöhter Blutdruck oder Diabetes mellitus zu behandeln.
Tumore
Tumore werden in der Regel operativ entfernt oder bestrahlt.
Leber’sche hereditäre Optikusneuropathie (LHON)
Seit kurzem kann die Erkrankung erstmals therapiert werden. Ein neues Medikament (Idebenon, Raxone) ist als sogenanntes „Orphan Drug“ für die Behandlung der LHON zugelassen. Für den Therapieerfolg der LHON ist ein möglichst frühzeitiger Beginn der Behandlung sehr wichtig.
Diabetische Retinopathie
Zur Vermeidung der diabetischen Retinopathie ist die frühzeitige Behandlung des Diabetes und die Blutzuckereinstellung von zentraler Bedeutung, zudem sollten regelmäßige augenärztliche Kontrollen erfolgen.
Benigner essentieller Blepharospasmus (BEB)
Ein Blepharospasmus kann behandelt werden. Durch Injektion eines krampflösenden Medikaments kann das unkontrollierbare Blinzeln reduziert werden.
Neurologische Sehstörungen
Bei neurologischen Sehstörungen liegt der Schwerpunkt der Therapie in der Reha-Klinik auf dem gezielten Sehtraining, um das Sehvermögen wieder zu verbessern und/oder trotz Sehstörung die Umwelt besser wahrzunehmen. Im Visuellen Explorationstraining (VET) werden gezielte Blickbewegungen trainiert, um in den „blinden“ Bereich gezielt hinein zu sehen. Mit der Visuellen Restitutionstherapie (VRT) wird die Erweiterung des eingeschränkten Gesichtsfeldes trainiert.
Kann sich der Sehnerv regenerieren?
Kommt es zu einem gänzlichen Ausfall des Sehnervs aufgrund des Untergangs der Sehnervenfasern, ist eine Regeneration nicht möglich, da sich die Neuronen nicht neubilden können. Bei Patienten mit einem restlichen Sehvermögen kann beispielsweise anhand einer Behandlung mit Wechselstrom versucht werden, einige Funktionseinschränkungen zu verbessern. Aufgrund der fehlenden Regenerationsfähigkeit der Nervenfasern ist es von großer Bedeutung, einen möglichen Krankheitsprozess des Sehnervs frühzeitig zu erkennen.
Vorsorge und Früherkennung
Entsprechende Vorsorgeuntersuchungen, vor allem bei Diabetikern und zur Erkennung des Glaukoms, sollten regelmäßig erfolgen. Eine Voruntersuchung auf Glaukom ist etwa ab dem 40. Lebensjahr sinnvoll. Bei bekanntem Glaukom in der Familie ist eine frühere Untersuchung empfehlenswert.
Spezialisten für Sehnervschädigungen
Untersuchungen des Sehnervs erfolgen beim Augenarzt oder in Kliniken für Augenheilkunde. Die Behandlung wird in der Regel ambulant von Augenärzten oder spezialisierten Zentren für Augenheilkunde durchgeführt.
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