Nervenschmerzen, auch neuropathische Schmerzen genannt, gehören zu den häufigsten Gründen für chronische Schmerzen. Sie können das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Oftmals lassen sich keine eindeutigen körperlichen Ursachen finden, was die Diagnose und Behandlung erschwert. In solchen Fällen rücken psychosomatische Faktoren in den Fokus. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen psychischen Belastungen und Nervenschmerzen, erklärt mögliche Ursachen und Symptome und stellt verschiedene Behandlungsansätze vor.
Einführung in die Psychosomatik
Der Begriff "Psychosomatik" leitet sich von den griechischen Wörtern "Psyche" (Seele) und "Soma" (Körper) ab. Die Psychosomatik ist ein Teilgebiet der Psychiatrie, das sich mit dem Zusammenspiel von Körper, Psyche und sozialem Umfeld bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Krankheiten befasst. Sie betrachtet den Menschen als Einheit und berücksichtigt, dass seelische Belastungen körperliche Beschwerden auslösen oder verstärken können und umgekehrt. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass psychosomatische Schmerzen nicht "eingebildet" sind, sondern reale und belastende Empfindungen darstellen.
Psychosomatische Ursachen von Nervenschmerzen
Psychischer Stress kann eine bemerkenswerte Auswirkung auf den Körper haben, einschließlich des Nervensystems. Anhaltender Stress kann die Ausschüttung von entzündungsfördernden Botenstoffen im Körper begünstigen. Diese Entzündungen können Nerven schädigen oder ihre Funktion beeinträchtigen, was zu Nervenschmerzen führt.
Stressbedingte Verspannungen und Nervenkompressionen können ebenfalls eine Rolle spielen. Anhaltender psychischer Stress führt häufig zu chronischen Muskelverspannungen, insbesondere im Bereich der Wirbelsäule und der Extremitäten. Diese Verspannungen können Druck auf Nerven ausüben und dadurch Nervenreizungen oder sogar Nervenkompressionssyndrome verursachen. Ein typisches Beispiel ist das Karpaltunnelsyndrom, bei dem Stress zu vermehrter Spannung in den Handgelenksmuskeln beitragen kann, was den Medianusnerv einengt.
Darüber hinaus kann Stress die zentrale Schmerzverarbeitung im Gehirn verändern. Dies kann dazu führen, dass Betroffene Schmerzen intensiver und chronischer wahrnehmen, auch wenn die ursprüngliche Nervenschädigung gering ist. Anhaltender Stress kann Angstzustände und Depressionen auslösen oder verstärken. Diese psychischen Belastungen können wiederum körperliche Symptome wie Nervenschmerzen verstärken und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
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Weitere mögliche Auslöser für psychosomatische Beschwerden sind:
- Stress: Chronischer Stress, sei es beruflich oder privat, kann das Nervensystem überlasten und zu Schmerzen führen.
- Traumatische Erfahrungen: Unverarbeitete Traumata können sich in körperlichen Symptomen äußern, einschließlich Nervenschmerzen.
- Emotionale Belastungen: Angst, Sorgen, Wut oder Trauer können sich auf den Körper auswirken und Schmerzen verstärken.
- Soziale Konflikte: Schwierigkeiten in Beziehungen oder im Arbeitsumfeld können zu Stress und Anspannung führen, die sich in Schmerzen manifestieren.
- Perfektionismus und hoher Leistungsanspruch: Menschen mit einem hohen Anspruch an sich selbst neigen eher zu Stress und Anspannung, was das Risiko für psychosomatische Schmerzen erhöhen kann.
- Schwierige Lebensumstände: Belastende Lebensereignisse wie der Verlust eines geliebten Menschen, finanzielle Probleme oder eine schwere Krankheit können die psychische Gesundheit beeinträchtigen und zu körperlichen Symptomen führen.
- Psychische Erkrankungen: Depressionen, Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen können mit körperlichen Symptomen wie Nervenschmerzen einhergehen.
Symptome psychosomatischer Nervenschmerzen
Die Symptome psychosomatischer Nervenschmerzen können vielfältig sein und sich von Person zu Person unterscheiden. Typische Merkmale sind:
- Schmerzen ohne klare körperliche Ursache: Trotz gründlicher medizinischer Untersuchungen lässt sich keine organische Ursache für die Schmerzen finden.
- Diffuse Schmerzen: Die Schmerzen sind oft schwer zu lokalisieren und werden als brennend, stechend, bohrend oder einschießend beschrieben.
- Wechselnde Schmerzintensität: Die Schmerzen können mal stärker, mal schwächer sein und sich je nach psychischer Belastung verändern.
- Chronischer Verlauf: Die Schmerzen halten über einen längeren Zeitraum an und beeinträchtigen den Alltag der Betroffenen.
- Begleitende psychische Symptome: Häufig treten zusätzlich Symptome wie Müdigkeit, Erschöpfung, Schlafstörungen, Angstzustände oder depressive Verstimmungen auf.
- Schmerzgedächtnis: Wenn Schmerzen lange anhalten, senden Nerven dauerhaft Impulse an das Gehirn. Dort kann es zu einer Überreaktion kommen, die Reizweiterleitung und Verarbeitung im Gehirn verändert sich und ein Schmerzgedächtnis entsteht. Anstelle von Hormonen zur Schmerzhemmung sendet das Gehirn Botenstoffe aus, die die Schmerzempfindlichkeit erhöhen. Das kann selbst dann noch geschehen, wenn die eigentliche Schmerzursache behoben oder verheilt ist. Das Gehirn hat den Schmerz „gelernt“ und reagiert auf kleinste Reize mit starken Schmerzsignalen.
- Beeinflussung durch äußere und innere Faktoren: Die Schmerzen können durch bestimmte Situationen, Aktivitäten, Stimmungen, Emotionen oder Gedanken beeinflusst werden.
- Ineffektive Behandlungen: Die üblichen Schmerzbehandlungen zeigen wenig oder keine Wirkung.
Häufige psychosomatische Symptome, die durch seelische Belastungen hervorgerufen oder verstärkt werden, sind:
- Kopfschmerzen
- Schwindel
- Nacken- oder Rückenschmerzen
- Gelenkschmerzen
- Magen-Darm-Beschwerden (z. B. Reizdarm)
- Herzrasen
- Schweißausbrüche
- Atemnot
Diagnose psychosomatischer Nervenschmerzen
Die Diagnose psychosomatischer Nervenschmerzen erfordert eine sorgfältige Anamnese und Untersuchung. Der Arzt wird sich nach den körperlichen Beschwerden, der psychischen Situation, den Lebensumständen und möglichen Belastungsfaktoren erkundigen. Wichtig ist, eine gewissenhafte somatische Abklärung der körperlichen Beschwerden durchzuführen, um organische Ursachen auszuschließen. Hierfür kann eine Rücksprache mit anderen Fachärzten (z. B. Neurologen, Kardiologen, Orthopäden) erforderlich sein.
Zusätzlich können psychologische Tests und Fragebögen eingesetzt werden, um Hinweise auf psychische Erkrankungen oder Belastungen zu erhalten. Ein Schmerztagebuch kann helfen, Auslöser oder Muster zu erkennen.
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Es gibt keine laborchemische, bildgebende oder medizintechnische Untersuchung, die eine psychosomatische Ursache einer Erkrankung sicher feststellen kann. Deshalb erfordert die Diagnostik viel Erfahrung und Einfühlungsvermögen.
Behandlung psychosomatischer Nervenschmerzen
Die Behandlung psychosomatischer Nervenschmerzen ist komplex und erfordert einen ganzheitlichen Ansatz, der sowohl körperliche als auch psychische Aspekte berücksichtigt. Ziel ist es, die Schmerzen zu lindern, die psychische Gesundheit zu verbessern und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhöhen.
Folgende Behandlungsansätze können zum Einsatz kommen:
- Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, die Ursachen der Schmerzen zu erkennen und zu bearbeiten. Verschiedene Therapieformen können eingesetzt werden, z. B. tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapie, Verhaltenstherapie oder achtsamkeitsbasierte Therapie. Die Psychotherapie kann den Betroffenen helfen, mit den problematischen Faktoren, die die Beschwerden ausgelöst haben, einen besseren Umgang zu finden.
- Medikamentöse Behandlung: Bestimmte Medikamente können zur Linderung der Schmerzen eingesetzt werden, z. B. Schmerzmittel, Antidepressiva oder Antikonvulsiva. Es ist wichtig zu betonen, dass die Verwendung von Medikamenten bei Nervenschmerzen, die durch psychischen Stress beeinflusst werden, von einem Arzt verschrieben und überwacht werden sollten.
- Entspannungstechniken: Entspannungsübungen wie Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Yoga, Tai-Chi oder Qigong können helfen, Stress abzubauen und die Muskeln zu entspannen.
- Biofeedback: Mit Hilfe des Biofeedbacks lernen Betroffene, eigentlich unbewusste Funktionen ihres Körpers gezielt zu beeinflussen.
- Körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung, Sport und Hobbys können helfen, Stress abzubauen, die Stimmung zu verbessern und die Schmerzen zu lindern. Zu empfehlen sind Tanzen, Schwimmen, Nordic Walking oder sogar Krafttraining. Durch Bewegung werden Endorphine freigesetzt, die das Wohlbefinden steigern und Stress reduzieren. Sogar moderate Aktivitäten wie Spaziergänge oder Tanzen können dabei helfen, Stress zu bewältigen und das allgemeine Wohlbefinden zu steigern.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, den Alltag besser zu bewältigen und dieFunktionsfähigkeit zu verbessern.
- Physikalische Therapie: Physikalische Maßnahmen wie Massagen, Wärme- oder Kälteanwendungen können zur Schmerzlinderung beitragen.
- Achtsamkeitstraining: Achtsamkeitsbasierte Therapien nutzen Achtsamkeitspraktiken wie Meditation und bewusste Gegenwärtigkeit, um Stress zu reduzieren und Schmerzen, einschließlich Nervenschmerzen, zu behandeln.
- Schmerzbewältigungstraining: In einem Schmerzbewältigungstraining lernen Betroffene, mit ihren Schmerzen besser umzugehen und Strategien zur Schmerzlinderung zu entwickeln.
- Soziale Unterstützung: Der Austausch mit anderen Betroffenen, z. B. in einer Selbsthilfegruppe, kann helfen, sich verstanden zu fühlen und neue Perspektiven zu gewinnen.
- Gesunder Schlaf: Ein gesunder Schlaf ist für Menschen mit Nervenschmerzen von großer Bedeutung. Reduzierter Schlaf geht einher mit höhreren Entzündungswerten im Körper und einer empfindlicheren Schmerzgrenze.
- Stressbewältigung: Da Stress ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung und Aufrechterhaltung einer psychosomatischen Erkrankung ist, sollte aufkommender Stress rechtzeitig abgebaut werden.
In manchen Fällen ist eine interdisziplinäre Behandlung erforderlich, bei der verschiedene Therapeuten (z. B. Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten) zusammenarbeiten. Die Behandlungen erfolgen in der Regel ambulant, manchmal ist aber auch eine stationäre oder teilstationäre psychosomatische Behandlung erfolgversprechender.
Prävention psychosomatischer Nervenschmerzen
Um psychosomatischen Nervenschmerzen vorzubeugen, ist es wichtig, auf die eigene psychische Gesundheit zu achten und Stressoren zu reduzieren. Folgende Maßnahmen können helfen:
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- Stressmanagement: Erlernen von Stressbewältigungstechniken wie Entspannungsübungen, Achtsamkeitstraining oder Zeitmanagement.
- Gesunder Lebensstil: Ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und regelmäßige Bewegung.
- Soziale Kontakte pflegen: Austausch mit Freunden und Familie, Teilnahme an sozialen Aktivitäten.
- Hobbys und Interessen nachgehen: Aktivitäten, die Freude bereiten und Entspannung fördern.
- Frühzeitige Hilfe suchen: Bei psychischen Belastungen oder ersten Anzeichen von Nervenschmerzen frühzeitig einen Arzt oder Therapeuten aufsuchen.
- Die Prävention kann auch die sogenannte Katastrophisierung verhindern. Erwarten die Betroffenen die Symptome, kann genau das diese verstärken. Auf diese Weise führt die enge Verzahnung von Körper und Psyche in einen Teufelskreis, der erkannt und durch eine Therapie unterbrochen werden muss, um den Betroffenen wirklich zu helfen.
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