Die Patellaluxation, auch bekannt als Kniescheibenverrenkung, ist eine häufige orthopädische Erkrankung bei Hunden, insbesondere bei kleineren Rassen. Dabei springt die Kniescheibe (Patella) aus ihrer normalen Position in der Rollfurche (Sulcus trochlearis) am unteren Ende des Oberschenkels (Femur) heraus. Dies kann zu Schmerzen, Lahmheit und langfristigen Gelenkproblemen führen.
Anatomische Grundlagen
Um den Mechanismus der Patellaluxation zu verstehen, ist es wichtig, die Anatomie des Kniegelenks zu kennen. Das Kniegelenk besteht aus drei Hauptstrukturen:
- Oberschenkelknochen (Femur): Der Oberschenkelknochen bildet den oberen Teil des Kniegelenks. An seinem unteren Ende befindet sich die Rollfurche (Sulcus trochlearis), in der die Kniescheibe gleitet.
- Schienbein (Tibia): Das Schienbein bildet den unteren Teil des Kniegelenks. An seinem oberen Ende befindet sich die Schienbeinbeule (Tuberositas tibiae), an der das Kniescheibenband (Ligamentum patellae) befestigt ist.
- Kniescheibe (Patella): Die Kniescheibe ist ein kleiner Knochen, der in die Endsehne des vierköpfigen Oberschenkelmuskels (Quadrizeps) eingelagert ist. Sie gleitet in der Rollfurche des Oberschenkels und dient als Hebel, um die Kraft des Quadrizeps auf das Schienbein zu übertragen.
Ursachen
Die Patellaluxation kann verschiedene Ursachen haben, wobei zwischen angeborenen (kongenitalen) und erworbenen (traumatischen) Formen unterschieden wird:
- Angeborene Patellaluxation: Diese Form ist meist die Folge einer genetischen Disposition, die zu Achsenabweichungen der Hintergliedmaße führt. Besonders häufig betroffen sind kleine Hunderassen wie Chihuahua, Zwergpudel und Terrier. Weitere Faktoren, die eine angeborene Patellaluxation begünstigen können, sind Mangelernährung im ersten Lebensjahr, Übergewicht und altersbedingter Verschleiß der Gelenke. Deformationen der Knochen und/oder des Weichteilgewebes der Hintergliedmaße sind jedoch als Mitverursacher für die Luxation bekannt. Die Deformitäten führen in den meisten Fällen zu einer Abweichung der Zugrichtung des Oberschenkelmuskels (Musculus quadriceps ossis femoris), der wiederum durch die Verbindung seiner Endsehne mit der Kniescheibe auch diese zur Seite verlagert.
- Erworbene Patellaluxation: Diese Form entsteht durch Verletzungen wie Stöße oder Stürze, die die Strukturen im Kniegelenk beschädigen können. Ursachen hierfür sind u.a. eine Fraktur (Bruch) der Patella, einer Ruptur (Riss) der Gelenkkapsel, einer Apophysenfraktur der Crista tibiae oder einer Ruptur des vorderen Kreuzbandes oder des Kniescheibenbandes.
Formen der Patellaluxation
Je nach Richtung, in die die Kniescheibe herausspringt, wird zwischen medialer und lateraler Patellaluxation unterschieden:
- Mediale Patellaluxation: Hierbei springt die Kniescheibe nach innen (zur Körpermitte) heraus. Diese Form tritt deutlich häufiger auf als die laterale Patellaluxation und kommt besonders bei kleinen Hunderassen vor. Die Verlagerung des Quadrizepsmuskels (M.quadriceps femoris) auf die Innenseite des Oberschenkels kommt bei der Patellaluxation nach innen eine zentrale Bedeutung zu: Sie bewirkt bei einem noch wachsenden Hund eine Erhöhung des Drucks auf den innen gelegenen Anteil der Wachstumsfuge des unteren, kniegelenknahen Oberschenkels. Daher kommt es in diesem Bereich zu einer Reduktion des Längenwachstums des Knochens wohingegen der Druck auf den äußeren Bereich der Wachstumsfuge zurückgeht, so dass das Wachstum dort schneller fortschreitet. Somit entsteht eine nach außen gerichtete Verkrümmung des unteren Drittels des Oberschenkels.
- Laterale Patellaluxation: Hierbei springt die Kniescheibe nach außen (von der Körpermitte weg) heraus. Diese Form tritt überwiegend bei Hunden mittlerer und größerer Rassen auf.
Schweregrade
Die Patellaluxation wird je nach Ausmaß der Verrenkung in vier Schweregrade eingeteilt:
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- Grad I: Die Kniescheibe befindet sich in ihrer normalen Position, kann aber durch Manipulation bei voller Streckung des Knies aus der Furche gedrückt werden und kehrt in ihre normale, nicht gestützte Position zurück. Klinische Symptome sind selten.
- Grad II: Die Kniescheibe luxiert spontan, wenn das Knie gestreckt wird, oder kann aus ihrer normalen Position herausgeschoben werden und bleibt dann in dieser Position. Dies führt zu typischen zeitweiligen Lahmheiten. Es kehrt nach einiger Zeit oder durch Manipulation des Kniegelenks in seine ursprüngliche Position zurück. Leichte Verformungen der Gliedmaßen, wie z. B. eine Innenrotation des Schienbeins, können beobachtet werden. Bei Dislokation der Patella wird der Fuß gestreckt, um zwischen Grad II und III zu unterscheiden.
- Grad III: Die Kniescheibe ist dauerhaft ausgekugelt (unbeweglich), kann aber manuell in die normale Position zurückgeschoben werden. Bei einseitiger Luxation wird der betroffene Fuß ständig entlastet. Wenn beide Seiten betroffen sind, ist die Lahmheit nicht so auffällig, aber die Schritte sind eher kurz und die Knie gebeugt. Es besteht eine ausgeprägte Innenrotation des Schienbeins. Ein wenig entwickelter, flacher Rollkamm ist oft erkennbar.
- Grad IV: Die Patella ist dauerhaft ausgerenkt und kann nicht mehr manuell in die ursprüngliche Position zurückgeschoben werden. Der Gang ist sehr steif.
Symptome
Die Symptome einer Patellaluxation können je nach Schweregrad variieren. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Lahmheit: Der Hund humpelt oder zeigt Schwierigkeiten beim Laufen. Die Lahmheit kann zeitweise auftreten oder dauerhaft sein.
- Schmerzen: Hunde mit einer Patellaluxation können Schmerzen im betroffenen Knie zeigen.
- Unregelmäßige Bewegungen: Hunde mit einer Patellaluxation können ungewöhnliche Bewegungen zeigen, wie z. B. das Anwinkeln und Hochhalten der betroffenen Gliedmaße für ein bis zwei Schritte.
- Steifer Gang: Bei schwereren Fällen kann der Gang steif und ungelenkig sein.
- Kniescheibe springt heraus: In manchen Fällen kann man die Kniescheibe beim Herausrutschen spüren oder sehen.
Diagnose
Die Diagnose einer Patellaluxation erfolgt meist durch eine Kombination aus klinischer Untersuchung und bildgebenden Verfahren:
- Klinische Untersuchung: Der Tierarzt untersucht das Kniegelenk und beurteilt die Stabilität der Kniescheibe. Dabei wird geprüft, ob sich die Kniescheibe manuell aus ihrer Position verschieben lässt.
- Röntgenaufnahmen: Röntgenaufnahmen können helfen, den Schweregrad der Luxation zu beurteilen und andere Ursachen für die Lahmheit auszuschließen, wie z. B. Arthrose.
Behandlung
Die Behandlung der Patellaluxation hängt vom Schweregrad der Luxation und den individuellen Bedürfnissen des Hundes ab. Es gibt sowohl konservative als auch chirurgische Behandlungsmöglichkeiten:
Konservative Behandlung
Bei leichten Luxationen (Grad I und evtl. Grad II) können konservative Maßnahmen ausreichend sein:
- Gewichtsmanagement: Übergewicht erhöht die Belastung auf die Gelenke. Eine Gewichtsreduktion kann helfen, die Symptome zu lindern.
- Physiotherapie: Gezielter Muskelaufbau kann helfen, die Bänder und Sehnen zu stärken und die Kniescheibe in ihrer Position zu stabilisieren.
- Schmerzmittel und Entzündungshemmer: Bei Bedarf können Schmerzmittel und Entzündungshemmer eingesetzt werden, um die Schmerzen zu lindern und die Entzündung zu reduzieren.
- Ruhe: Bei akuten Schmerzen sollte das Kniegelenk geschont werden.
Chirurgische Behandlung
Bei häufigeren Schmerzen oder Verrenkungen, schweren Lahmheiten und Patellaluxationen zweiten oder höheren Grades ist eine Operation oft die beste Option, um die Lebensqualität des Hundes deutlich zu verbessern. Es gibt verschiedene Operationstechniken, die darauf abzielen, die Kniescheibe in der Rollfurche des Oberschenkels zu halten:
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- Vertiefung der Rollfurche (Sulcusvertiefung): Hierbei wird die Rollfurche im Oberschenkelknochen vertieft, um der Kniescheibe mehr Halt zu geben. Durch die Vertiefung der Rollfurche bleibt der wertvolle Kniegelenkknorpel erhalten und die Kniescheibe kann nicht mehr aus der Rollfurche springen.
- Versetzung der Schienbeinbeule (Tuberositas-tibiae-Transposition): Hierbei wird der Knochenvorsprung, an dem das Kniescheibenband ansetzt, abgetrennt, versetzt und mit Drähten oder Schrauben fixiert. Der Knochenvorsprung wird weiter nach außen versetzt und im Anschluss mit speziellen Drähten befestigt.
- Kapselraffung: Infolge der Verlagerung der Kniescheibe nach innen, besteht eine gewisse Dehnung der Gelenkkapsel am äußeren Abschnitt. Als weitere Maßnahme kann beim Verschluss des Kniegelenkes im Rahmen der Operation die Kniegelenkskapsel auf der Außenseite gerafft werden.
- Achsenkorrektur: Ist die Fehlstellung / Verbiegung des Oberschenkels zu stark ist in manchen Fällen eine Korrektur der Achse notwendig.
Rapid Luxation Methode
Hierbei handelt es sich um einen chirurgischen Eingriff, bei dem die Kniescheibe in die natürliche Bewegungsrichtung der Kniescheibe zurückgeführt wird. Ein Sägeschnitt ist der erste Schritt, um das Kugelgelenk bewegen zu können. Anschließend wird ein Rapid Luxation Implantat in den Sägeschnitt eingeschraubt, zunächst auf einer Seite. Mit dem speziellen Schnellspanner lässt sich das Kugelgelenk nun millimetergenau nach unten bewegen. Gleichzeitig mit dem Pistill kann der Arzt nun das Bein bewegen und die Bewegungsrichtung der Kniescheibe kontrollieren. Sobald sich die Patella beugt, wird eine optimale Patellakorrektur erreicht. Der Arzt schraubt dann die passenden Abstandshalter unter das Implantat und verschließt die Wunde. Der Vorteil der Rapid Luxation Methode liegt nicht nur in der Stabilität und Genauigkeit der Korrektur, sondern auch in der Möglichkeit von Nachkorrekturen, sogar in der postoperativen Phase, solange der Knochen noch nicht angewachsen ist.
Nachsorge nach der Operation
Nach der Operation ist eine angemessene Nachsorge und Rehabilitation für den Hund erforderlich:
- Eingeschränkte Aktivität: Hunde sollten für sechs bis acht Wochen eingeschränkte Aktivität haben und an der Leine geführt werden. Während dieser Zeit sollte der Patient nicht springen, laufen oder spielen, damit der Knochen gut wachsen kann. Abschließend wird nach dieser Zeit eine Röntgenkontrolle empfohlen.
- Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskulatur wieder aufzubauen und die Beweglichkeit des Kniegelenks zu verbessern.
- Schmerzmittel: Bei Bedarf können Schmerzmittel eingesetzt werden, um die Schmerzen zu lindern.
Prognose
Die Prognose für Hunde mit Patellaluxation ist im Allgemeinen gut, insbesondere wenn die Erkrankung frühzeitig erkannt und behandelt wird. Die Prognose nach dieser Operation ist grundsätzlich als gut anzusehen. Diese verschlimmert sich jedoch bei besonders starken Deformitäten der Hinterbeine und bei einer Luxation 4. Grades. In vielen Fällen ist eine vollständige Genesung möglich, besonders wenn die Erkrankung frühzeitig erkannt und behandelt wird.
Prävention
Um das Risiko einer Patellaluxation bei Hunden zu verringern, sollten Züchter darauf achten, nur gesunde Tiere mit guter Bein- und Knieanatomie für die Zucht zu verwenden. Es ist wichtig zu beachten, dass einige Hunde trotz aller Vorsichtsmaßnahmen eine Patellaluxation entwickeln können.
Patellaluxation und Kreuzbandriss
In einigen Fällen treten Patellaluxation und Kreuzbandriss gleichzeitig auf. Vorallem bei kleinen Hunderassen und Katzen kommt es nicht selten als Folge einer Patellaluxation zu einem Kreuzbandriss. In solchen Fällen ist eine umfassende chirurgische Versorgung erforderlich, die sowohl die Patellaluxation als auch den Kreuzbandriss behandelt. Wenn bei Ihrem Hund sowohl ein Kreuzbandriss als auch eine Patellaluxation vorliegen, bietet die Kombination aus TPLO und Luxationskorrektur eine besonders effektive Behandlung.
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