Terpentin und Nervenschäden: Eine umfassende Betrachtung

Lösungsmittel sind allgegenwärtig in unserem Alltag, oft unbemerkt, aber potenziell gesundheitsschädlich. Sie begegnen uns beim Streichen, Basteln oder Putzen und können durch ihre flüchtigen chemischen Stoffe unsere Gesundheit belasten. Obwohl unsichtbar, verrät ihr Geruch oft ihre Anwesenheit. Lösungsmittel sind chemische Substanzen, meist in flüssiger Form, die andere Stoffe lösen können. Ein typisches Beispiel ist Farbverdünner, der feste Farbpartikel in Flüssigkeit hält. Viele Lösungsmittel sind organische Verbindungen, die bereits bei Raumtemperatur verdampfen und daher als flüchtige organische Verbindungen (VOC) bezeichnet werden. Dieses Verdampfen ist problematisch, da sich die entstehenden Dämpfe in der Luft verteilen und unbemerkt eingeatmet werden können. Oft haben sie einen starken, stechenden Geruch, wie man ihn von frischer Farbe oder Klebstoff kennt.

Im Haushalt und Alltag sind Lösungsmittel weit verbreitet, oft ohne dass es uns bewusst ist.

Alltägliche Quellen von Lösungsmitteln

  • Farben, Lacke und Verdünner: Wandfarben, Holzlacke, Sprühlacke und entsprechende Verdünnungsmittel enthalten oft Lösungsmittel, um sie streich- oder sprühfähig zu machen.
  • Klebstoffe und Kleber: Von Bastelkleber über Sekundenkleber bis zu Montageklebern enthalten viele flüchtige Lösungsmittel, die den Kleber geschmeidig halten.
  • Putzmittel, Sprays und Polituren: Auch gewöhnliche Putzmittel, Sprays und Polituren können Alkohole oder andere Lösungsmittel enthalten.
  • Treibstoffe und Technik: Benzin und Diesel enthalten Benzol und andere Aromaten (Lösungsmittelbestandteile). Beim Umgang in Garage oder Garten (Rasenmäher, Kettensäge) können diese Dämpfe freiwerden. Auch bestimmte technische Lösungsmittel.
  • Alltagsmaterialien und Renovierung: Neue Bauprodukte wie Bodenbeläge, Teppiche, Vinyl, Spanplatten-Möbel, Dichtungsmassen oder Schaumlacke enthalten anfangs Lösungsmittel und Weichmacher, die nach und nach ausgasen. Auch manche Farben für den Hobbybedarf.

Lösungsmittel lauern praktisch überall in unserer Umgebung, von der Werkstatt über den Putzschrank bis zum Kinderzimmer. Ihr Geruch ("Lackgeruch", "Chemiegeruch") ist ein Warnsignal, doch auch geruchsarme Produkte können VOC freisetzen. Nicht alle Lösungsmittel sind gleich gefährlich, aber einige bekannte Vertreter gelten als besonders kritisch für die Gesundheit.

Bekannte und kritische Lösungsmittel

  • Benzol (Benzene): Benzol ist ein aromatischer Kohlenwasserstoff, der z. B. im Benzin und früher in Farben oder Klebern enthalten war. Benzol ist eindeutig krebserregend (Kategorie 1A) und kann bei Menschen nachweislich Krebs auslösen (insbesondere Leukämie). Wegen dieser Gefahr wird Benzol heute in vielen Anwendungen durch weniger giftige Stoffe ersetzt. Dennoch kann Benzol noch in Autoabgasen, Zigarettenrauch oder Lösungsmittelgemischen vorkommen.
  • Toluol (Toluene): Toluol ist ein naher Verwandter des Benzols und kommt in Lacken, Klebern, Verdünnern und Kraftstoffen vor. Es gilt als weniger krebserregend als Benzol, ist aber keineswegs harmlos. Toluol wird hauptsächlich über die Atemluft aufgenommen und wirkt in hoher Dosis wie ein Narkotikum - Schwindel, Benommenheit bis hin zur Bewusstlosigkeit können auftreten. Bei langfristiger Belastung sind Nervenschäden möglich, und es besteht der Verdacht auf fruchtschädigende Wirkung.
  • Xylol (Xylene): Xylol (Gemisch aus o-, m-, p-Xylol) wird als Lösungsmittel in Farben, Lacken, Reinigern und Kraftstoffen eingesetzt. Es reizt Atemwege, Augen und Haut und kann ähnlich wie Toluol Schwindel, Kopfschmerzen und Übelkeit verursachen. Bei starker oder wiederholter Exposition kann Xylol das Gehirn und die Nerven schädigen - in der Arbeitsmedizin sind Fälle von Konzentrationsstörungen oder Nervenschäden nach chronischem Xylol-Kontakt bekannt.
  • Aceton (Acetone): Aceton ist ein sehr flüchtiges Lösungsmittel, bekannt als Hauptbestandteil vieler Nagellackentferner. In geringer Dosis ist Aceton weniger giftig als Aromaten wie Benzol oder Toluol, kann aber trotzdem Schleimhäute und Atemwege reizen. Wer schon einmal intensiv Nagellackentferner gerochen hat, kennt die beißenden Dämpfe - sie trocknen zudem Haut und Nägel aus. Schwangere sollten Aceton meiden: Studien legen nahe, dass häufiges Einatmen von Acetondämpfen in der Schwangerschaft das Risiko für Fehlgeburten und Fehlbildungen erhöhen kann. Zum Glück gibt es heute acetonfreie Alternativen.
  • Terpentinöl: Hauptbestandteil des Terpentinöls ist das Terpen Pinen. Obwohl ein "Naturstoff", muss Terpentinöl als sehr bedenklicher Arbeitsstoff eingeordnet werden. Es ist stark hautreizend, kann heftige Allergien und Ekzeme auslösen (und damit eventuell bei Dauereinwirkung krebserregend?), und kann außerdem - wenn in größeren Mengen dauernd aufgenommen- zu Nervenschäden führen.

Diese vier sind nur einige Beispiele. Es gibt viele weitere Lösungsmittel (z. B. Ethanol und Isopropanol in Reinigungsalkohol, Methylethylketon, Ether, Chlorkohlenwasserstoffe in Entfettern etc.), die jeweils eigene Risiken mit sich bringen.

Aufnahmewege von Lösungsmitteln

Der hauptsächliche Aufnahmeweg für Lösungsmittel ist das Einatmen. Da Lösungsmittel verdampfen, atmen wir ihre Dämpfe über die Lunge ein. Von dort gelangen sie rasch ins Blut und verteilen sich im Körper. In Innenräumen kann sich schnell eine höhere Konzentration aufbauen, vor allem wenn wenig gelüftet wird. Studien haben gezeigt, dass die Konzentration organischer Chemikalien (VOC) in Innenräumen meist 2- bis 5-mal höher ist als draußen an der frischen Luft. Bei bestimmten Aktivitäten - etwa wenn du Farbe abbeizt oder lösungsmittelhaltige Lacke großflächig aufträgst - können die Werte kurzfristig sogar bis zu 1000-fach über den Außenluftwerten liegen.

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Neben der Atemluft gibt es zwei weitere Aufnahmepfade: Hautkontakt und Verschlucken. Viele Lösungsmittel können durch die Haut dringen, vor allem wenn sie lange einwirken. So kann z. B. Benzin oder Terpentin durch die Haut aufgenommen werden - zusätzlich reizen diese Stoffe die Haut und entfetten sie stark, was zu Rötungen und Entzündungen führen kann. Die orale Aufnahme (also Verschlucken) von Lösungsmitteln kommt im Haushalt zum Glück selten vor - sie wäre oft sehr gefährlich. Allerdings können Kleinkinder gefährdet sein, wenn lösungsmittelhaltige Produkte ungesichert herumstehen. Beispielsweise wirken ein bunter Reiniger oder Lampenöl auf Kinder manchmal wie etwas Trinkbares. Schon kleine Mengen verschluckter Lösungsmittel können schwere Vergiftungen verursachen (Atemlähmung, Lungenschäden, Bewusstlosigkeit).

In der Regel nimmst du Lösungsmittel im Alltag vor allem über die Atemluft auf.

Gesundheitliche Auswirkungen von Lösungsmitteln

Lösungsmittel gelten als chemische Gesundheitsrisiken, weil sie eine Reihe von negativen Wirkungen auf den Körper haben können. Welche Beschwerden auftreten, hängt ab von Art und Menge des Lösungsmittels sowie der Dauer der Exposition.

  • Reizung von Augen, Atemwegen und Haut: Fast alle Lösungsmitteldämpfe wirken reizend. Deine Augen können tränen, im Hals kratzt es, und du musst vielleicht husten. Die Schleimhäute (Nase, Rachen) trocknen aus oder schwellen an. Auch die Haut wird durch Kontakt entfettet und gereizt - Rötungen oder Ekzeme sind möglich.
  • Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit: Typische akute Symptome bei zu viel Lösungsmitteldampf sind Kopfschmerzen, Benommenheit, Schwindelgefühl, Übelkeit und Unwohlsein. Manche Lösemittel haben eine betäubende Wirkung auf das Nervensystem - man fühlt sich „duselig“ oder berauscht. Im Extremfall (z. B. bewusstes Lösungsmittelschnüffeln oder Arbeiten ohne Lüftung) kann es zu Erbrechen, Koordinationsstörungen, Atemnot oder sogar Ohnmacht kommen.
  • Belastung von Leber, Nieren und Gehirn: Viele organische Lösungsmittel werden in der Leber abgebaut und über die Nieren ausgeschieden. Bei langfristiger, hoher Belastung können diese Organe Schaden nehmen. Die US-Umweltbehörde EPA warnt, dass Lösungsmittel bei chronischer Exposition die Leber, die Nieren und das zentrale Nervensystem schädigen können. Einige Symptome entwickeln sich schleichend: Konzentrationsstörungen, Gedächtnisprobleme oder Schlafstörungen können Hinweise sein, dass Lösemittel das Nervensystem beeinträchtigen. In Studien zeigte sich, dass Menschen mit jahrelanger Lösemittelexposition langfristig eine verschlechterte Gedächtnis- und Gehirnleistung aufweisen.
  • Allergien und Atemwegserkrankungen: Lösungsmittel selbst lösen keine klassischen Allergien im Sinne einer Immunreaktion aus. Aber: Durch ihre reizende Wirkung können sie Allergien begünstigen oder verschlimmern. Zum Beispiel berichten Umweltmediziner, dass Lösungsmittelemissionen bei Ungeborenen und kleinen Kindern das Auftreten von Allergien fördern können. Auch asthmatische Beschwerden können sich verschlechtern - Lösungsmittele in der Luft können bei empfindlichen Personen asthmatische Anfälle mit auslösen, obwohl sie keine Allergene sind. Insgesamt gelten diese Chemikalien als unspezifische Reizstoffe, die Bronchien und Schleimhäute empfindlicher machen für andere Auslöser.
  • Krebsrisiko: Einige Lösungsmittel stehen im Verdacht, krebserregend zu sein. Benzol etwa verursacht nachweislich Leukämie. Andere Stoffe wie Formaldehyd (ein VOC in Spanplatten und Desinfektionsmitteln) sind ebenfalls als krebserregend eingestuft. Die EPA stellt fest, dass einige organische Lösemittel im Tierversuch Krebs auslösen und manche auch beim Menschen als krebserregend bekannt oder verdächtig sind. Die meisten Alltags-Lösungsmittel.
  • Nervenschäden: Terpentinöl kann, wenn in größeren Mengen dauernd aufgenommen, zu Nervenschäden führen. Xylol kann bei starker oder wiederholter Exposition das Gehirn und die Nerven schädigen - in der Arbeitsmedizin sind Fälle von Konzentrationsstörungen oder Nervenschäden nach chronischem Xylol-Kontakt bekannt.

Besondere Gefahren für Schwangere und Kinder

Nicht jeder kurze Farbgeruch richtet gleich großen Schaden an. Die Auswirkungen hängen von der Dosis ab. Kleine Mengen an Lösungsmitteln werden vom Körper oft wieder abgebaut, ohne dauerhafte Schäden zu hinterlassen. Dennoch solltest du unnötige Belastungen meiden - insbesondere Symptome wie Kopfschmerzen oder Atemwegsreizungen sind ein Zeichen, dass die Konzentration zu hoch ist.

Für werdende Mütter und ihre ungeborenen Kinder stellen Lösungsmittel eine besondere Gefahr dar. In der Schwangerschaft gilt das Motto: so wenig Chemikalien wie möglich. Denn viele Lösungsmittel überwinden leicht die Plazentaschranke - was die Mutter einatmet, gelangt auch zum Baby. Studien zeigen, dass starke Lösemittelexposition in der Frühschwangerschaft das Fehlbildungsrisiko erhöht. In einer kanadischen Untersuchung etwa hatten Frauen, die beruflich regelmäßig organischen Lösungsmitteln (wie Phenol, Aceton oder Trichlorethylen) ausgesetzt waren, deutlich häufiger Babys mit Missbildungen als unbeeinflusste Frauen. Die Palette reichte von geringem Geburtsgewicht über Entwicklungsstörungen bis zu Fehlbildungen an Wirbelsäule und Gliedmaßen. Zum Glück sind solche extremen Belastungen im normalen Alltagsleben selten. Dennoch raten Experten, Schwangere so wenig wie möglich mit Lösungsmitteln in Kontakt zu bringen. „Es ist sinnvoll, Frauen während der Schwangerschaft möglichst wenig organischen Lösemitteln auszusetzen“, schreiben Forscher - kurzzeitige, mäßige Belastungen (z. B. einmaliges Türstreichen) scheinen zwar kein dramatisches Risiko zu sein, aber warum ein unnötiges Risiko eingehen?

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Praxis-Tipps für Schwangere:

  • Verzichte möglichst darauf, selbst zu streichen, zu lackieren oder mit starken Reinigungsmitteln zu arbeiten. Bitte stattdessen jemanden um Hilfe - dein Partner, Freunde oder Familie können einspringen. Die offizielle Empfehlung lautet sogar: „Werdende Mütter sollten Renovierungsarbeiten lieber vom Partner übernehmen lassen und auch nicht dabei zusehen.“.
  • Wenn renoviert wird, dann rechtzeitig vor der Geburt: „Nicht erst kurz vor der Geburt renovieren, damit das Neugeborene nicht der hohen Anfangskonzentration von Lösungsmitteln ausgesetzt wird“.
  • Es gibt heutzutage lösemittelfreie oder -arme Farben und Lacke, teils mit dem Siegel Blauer Engel. Diese sind eine bessere Wahl für Kinderzimmer und für Schwangere. Aber Achtung: Auch scheinbar lösungsmittelfreie Farben können Restemissionen haben. Dr. Norbert Englert vom Umweltbundesamt betont, dass Schwangere auch bei Alternativprodukten unnötige Belastungen meiden sollten.
  • Falls du doch mal Nagellack entfernen möchtest, benutze acetonfreien Nagellackentferner - Aceton kann, wie erwähnt, Fehlbildungsrisiken erhöhen, wenn es häufig eingeatmet wird.

Schütze dich und dein Baby vor Lösungsmitteldämpfen. Frische Farbe, Klebergeruch oder aggressive Reiniger haben in der Schwangerschaft nichts verloren. Lüfte großzügig, halte dich nicht in frisch gestrichenen Räumen auf und warte mit der Einrichtung des Babyzimmers so lange, bis kein Chemiegeruch mehr wahrnehmbar ist.

Kinder sind ebenfalls besonders gefährdet. Es gibt mehrere Gründe dafür: Kinder atmen schneller als Erwachsene und nehmen dadurch in derselben Zeit mehr Luft (und damit mehr Schadstoffe) auf. Außerdem ist ihr Körper noch nicht so geübt im „Entgiften“ - Leber und Niere von Kleinkindern können viele Chemikalien noch nicht so effektiv abbauen. Hinzu kommt, dass Kinder sich viel auf dem Boden aufhalten und oft näher an den Emissionsquellen sind (z. B. krabbeln sie auf dem frisch gewischten Boden oder spielen neben neuen Möbeln). Die Luftqualität im Kinderzimmer ist daher besonders wichtig. Leider können in einem modernen Haushalt überall Schadstoffe im Kinderzimmer lauern: in Möbeln, Teppichen, Wandfarben, Spielzeugen usw.. Viele dieser Dinge dünsten anfangs Lösemittel, Weichmacher oder andere Chemikalien aus. Babys und Kleinkinder reagieren auf solche Schadstoffe noch sensibler als Erwachsene - ihr Körper kann sich schlechter wehren. Die Folge: Das Risiko, z. B. an Allergien oder Asthma zu erkranken, ist bei belasteter Raumluft für Kinder deutlich höher. Studien belegen etwa, dass Babys häufiger Atemwegsprobleme entwickeln, wenn im ersten Lebensjahr viel renoviert oder neue Bodenbeläge verlegt wurden.

Tipps zum Schutz von Kindern:

  • Verwende für Wände, Böden und Möbel im Kinderzimmer nur geprüfte, emissionsarme Produkte. Orientiere dich an Siegeln wie dem Blauen Engel, EU Ecolabel oder TÜV schadstoffgeprüft.
  • Lüfte besonders gründlich, wenn du neue Möbel aufgebaut oder gestrichen hast, und lass dein Kind erst dann darin schlafen, wenn kein Geruch mehr wahrnehmbar ist.
  • Regelmäßig Staub saugen und wischen. Schwer flüchtige Schadstoffe schlagen sich nämlich oft im Hausstaub nieder. Kleine Kinder nehmen viel Staub auf (krabbelnd und alles in den Mund steckend) und könnten so belastet werden. Durch feuchtes Wischen und HEPA-Staubsauger hältst du die Schadstoffbelastung gering.
  • Beobachte deine Kinder. Wenn sie in einem bestimmten Raum häufig zu tränen beginnen, husten oder über Kopfweh klagen, könnte etwas in der Luft nicht stimmen. Nimm solche Hinweise ernst und gehe der Ursache auf den Grund - im Zweifel mit einer Raumluftmessung. Kinder können uns oft nicht genau sagen, was los ist, aber ihr Körper reagiert ehrlich.

Lösungsmittel und Allergien/Asthma

Für Allergiker und Asthmatiker können Lösungsmittel besonders unangenehm sein. Wie schon erwähnt, lösen diese Stoffe zwar keine Allergie im klassischen Sinne aus - aber sie wirken als Reizstoffe und können allergische Reaktionen verstärken oder Asthmaanfälle anstoßen. Man spricht hier von intrinsischem Asthma bzw. einem nicht-allergischen Asthmaanfall: Kalte Luft, Rauch oder eben starke Lösungsmittelgerüche können einen Asthmatiker ins Stolpern bringen. Die Bronchien reagieren auf solche Reize.

Lösungsmittel in verschiedenen Branchen

Gesundheitsschädliche Stoffe sind in zahlreichen Branchen präsent - überall dort, wo mit Chemikalien, Stäuben oder anderen potenziell gefährlichen Substanzen gearbeitet wird. Jede Branche hat typische Stoffe, auf die besonders geachtet werden muss.

  • Chemische Industrie: In der chemischen Industrie werden viele gesundheitsgefährdende Substanzen hergestellt und verarbeitet - darunter Lösungsmittel, Reaktionschemikalien und Zwischenprodukte wie Benzol, Methanol oder Ammoniak. Zudem besteht ein erhöhtes Risiko durch ätzende oder giftige Stoffe. Umfassende Schutzmaßnahmen wie geschlossene Prozesse, Absauganlagen und persönliche Schutzausrüstung (PSA) sind Standard.
  • Pharmazeutische Industrie und Labore: In Pharmabetrieben und Laboren kommen Wirkstoffe und Reagenzien zum Einsatz, die teilweise selbst gesundheitsschädlich sind - etwa Zytostatika, hormonaktive Substanzen oder Formaldehyd. Schutzmaßnahmen wie Abzüge, Sicherheitswerkbänke und Handschutz sind hier essenziell.
  • Metall- und Maschinenbau: Beim Schweißen, Schleifen oder Gießen entstehen gesundheitsgefährdende Schweißrauche, Metallstäube und Quarzstäube. Kühlschmierstoffe können Atemwege und Haut belasten. Maßnahmen wie Absaugtechnik, Atemschutz und medizinische Vorsorge sind in dieser Branche besonders wichtig.
  • Baugewerbe und Handwerk: Hier treten unter anderem folgende Gefahren auf: Staubbelastung: Quarzstaub beim Schneiden von Beton oder Stein, Holzstaub in Schreinereien. Schulung, Lüftung und Schutzausrüstung sind unerlässlich.
  • Landwirtschaft und Gartenbau: Hier spielen Pestizide, Herbizide und Fungizide eine zentrale Rolle. Viele dieser Mittel wirken reizend, sensibilisierend oder nervenschädigend. Auch Düngemittel oder Desinfektionsmittel in der Tierhaltung können gesundheitsgefährdend sein. Professionelle Anwender tragen Schutzkleidung, Masken und Handschuhe.
  • Reinigungsgewerbe: Reinigungskräfte kommen täglich mit Chemikalien in Kontakt - z. B. WC-Reiniger (Säuren), Küchenreiniger (Laugen) oder Lösemittel in Fleckenentfernern. Ohne ausreichende Lüftung oder Schutzmaßnahmen können Atemwege und Haut langfristig geschädigt werden. Schulung im Umgang und geeignete PSA sind hier zentral.
  • Elektronik- und Kunststoffindustrie: Bei der Herstellung von Elektronik oder Kunststoffteilen entstehen gesundheitsschädliche Dämpfe - z. B. bei der Verarbeitung von Harzen, Flammschutzmitteln oder Weichmachern. Auch beim Löten entstehen gefährliche Gase. Absauganlagen, Schutzkleidung und gut durchdachte Arbeitsabläufe reduzieren die Belastung.
  • Gesundheitswesen und Pflege: Desinfektionsmittel (Aldehyde, Ammoniumverbindungen), Zytostatika, Narkosegase. Schulung, Lüftung und Schutzausrüstung sind unerlässlich.

Schutzmaßnahmen und Alternativen

Um die Belastung durch Lösungsmittel zu minimieren, gibt es verschiedene Maßnahmen, die jeder ergreifen kann:

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  • Lüften: Regelmäßiges und gründliches Lüften ist essenziell, um die Konzentration von Lösungsmitteldämpfen in Innenräumen zu reduzieren.
  • Emissionsarme Produkte: Bei der Auswahl von Farben, Lacken, Klebstoffen und Möbeln auf emissionsarme Produkte achten, die mit Siegeln wie dem Blauen Engel oder dem EU Ecolabel gekennzeichnet sind.
  • Alternative Lösungsmittel: Wo immer möglich, auf Produkte mit weniger schädlichen Lösungsmitteln oder lösungsmittelfreien Alternativen zurückgreifen. Für Terpentinöl gibt es beispielsweise Testbenzine, die weniger toxikologisch bedenklich sind. Shellsol T oder Shellsol D70 sind aromatenfreie Alternativen.
  • Schutzausrüstung: Bei Arbeiten mit Lösungsmitteln, insbesondere bei längerer Exposition, geeignete Schutzausrüstung tragen, wie z.B. Nitril Einweghandschuhe, um Hautkontakt zu vermeiden.
  • Sichere Lagerung: Lösungsmittelhaltige Produkte außerhalb der Reichweite von Kindern aufbewahren und niemals in Getränkeflaschen oder anderen Lebensmittelbehältern umfüllen.
  • Erste Hilfe: Bei Vergiftungserscheinungen Ruhe bewahren und umgehend den Giftnotruf kontaktieren. Keinesfalls Erbrechen herbeiführen, es sei denn, dies wird von der Giftnotrufzentrale ausdrücklich angeordnet.

Umgang mit Terpentinöl

Terpentinöl, dessen Hauptbestandteil das Terpen Pinen ist, wird trotz seiner natürlichen Herkunft als bedenklicher Arbeitsstoff eingestuft. Es kann starke Hautreizungen, Allergien und Ekzeme verursachen und bei dauerhafter Aufnahme in größeren Mengen zu Nervenschäden führen.

Alternativen zu Terpentinöl:

  • Testbenzine: Als Alternativen zu Terpentinöl gelten sogenannte "Testbenzine", sehr saubere, langsamflüchtige, hochsiedende Erdöldestillate, die weitaus weniger toxikologisch bedenklich sind.
  • Shellsol T oder Shellsol D70: Diese Produkte sind aromatenfrei und damit besonders "ungiftig" und eignen sich als Ölfarben-Reiniger und Verdünner.

Entfernung von HWÖ-Resten von den Händen:

  • Waschbenzin, Wundbenzin oder Shellsol: Diese können helfen, die Reste zu entfernen.
  • Fettende Substanzen: Handcreme, Bodylotion, Olivenöl oder Kokosöl können helfen, die Haut nach der Reinigung zu pflegen.

Holzschutzmittel

Holzschutzmittel für Bett-Oberflächen sind oft unsinnig und schädlich, da diesen Mitteln u. a. Deltamethrin, sowie Quecksilber oder Arsen zugesetzt sein können. Diese können Langzeitwirkungen und Belastungen mit sich bringen und gegen andere Stoffe auswirken.

Naturfarben

Einige Hersteller von Naturfarben verwenden an Stelle von Terpentin-Öl (Balsam-Terpentin-Öl) als Lösemittel auch Citrus- bzw. Orangenterpene.

Vergiftungsnotfälle bei Kindern

Vergiftungen sind typische Notfälle im Kleinkindalter. Vergiftungsgefahren lauern für Kinder - besonders im Alter zwischen 2 und 4 Jahren - überall. Neben akuten Vergiftungserscheinungen können auch Spätschäden auftreten.

Verhalten im Vergiftungsfall:

  1. Ruhe bewahren - keine Panik! Handeln Sie überlegt, nicht übereilt!
  2. Giftnotrufzentrale kontaktieren. Die folgenden Fragen werden gestellt:
    • Wer ist betroffen? Kind, Erwachsener?
    • Was wurde eingenommen? Genaue Bezeichnung des Mittels (was steht auf der Packung), Firma, Name der Pflanze.
    • Wie viel wurde eingenommen? Wie viel Stück waren in der Packung? Wie viel ist noch vorhanden? Wie viel kann das Kind maximal eingenommen haben? Wie war es verpackt?
    • Wie wurde es eingenommen? Geschluckt? Eingeatmet? Auf die Haut? Ins Auge?
    • Wann wurde es eingenommen? Gesicherte Zeitangabe oder Vermutung?
    • Wie alt ist das Kind? Wie viel wiegt das Kind (ungefähr)?
    • Wie geht es dem Kind? Husten? Erbrechen? Muskelzuckungen? Rauschzustand? Benommenheit? Schmerzen?
    • Name und Telefonnummer? Für den Rückruf.
  3. Hilfeleistung:
    • Patienten an die frische Luft bringen, Fenster und Türen öffnen
    • Achtung: Gefahr der Selbstvergiftung ist besonders groß! Die eigene Sicherheit geht der Notwendigkeit zur Hilfeleistung immer vor!
    • Das heißt, helfen, dass der Patient Erbrochenes nicht einatmet. Keinesfalls Erbrechen herbeiführen! Hilfe beim liegenden Patienten: Den Kopf zur Seite wenden, mit der freien Hand ein Gefäß unter den Mund halten.

Vorsorge:

  • Vermitteln Sie Kindern frühzeitig die Gefahren in Wohnung und Garten.
  • Halten Sie Ihren Vorrat an giftigen Substanzen möglichst gering!
  • Kaufen Sie nur wirklich Nötiges und entsorgen sie nicht mehr Benötigtes über den Sondermüll!
  • Suchen Sie nach ungiftigen Alternativen!
  • Bewahren Sie gefährliche Substanzen außerhalb der Reichweite von Kindern auf! Werfen Sie solche Substanzen auch nicht in den Abfalleimer!
  • Bewahren Sie Medikamente immer in einer verschlossenen Hausapotheke auf! Denken Sie an offen herumliegende Medikamente bei Erkrankungsfällen in der Familie!
  • Bewahren Sie Giftsubstanzen nie neben Lebensmitteln auf!
  • Füllen Sie Giftsubstanzen nie in Getränkeflaschen oder andere Lebensmittelbehälter!
  • Lassen Sie Einkaufs- und Handtaschen nicht unbeaufsichtigt stehen (Zigaretten, Medikamente, Haushaltschemikalien, Parfüm)!
  • Lassen Sie Ihr Kind nicht unbeaufsichtigt, wenn Sie Giftstoffe wie z.B. Farben oder Terpentin verarbeiten!
  • Besuchen Sie auch einen Erste-Hilfe-Kurs bzw. frischen Ihre Kenntnisse regelmäßig auf!
  • Halten Sie für alle Fälle die Rufnummern von der Rettungsleitstelle und dem Giftnotruf am Telefon bereit!

Weitere Schadstoffe in Innenräumen

Neben Lösungsmitteln können auch andere Schadstoffe in Innenräumen zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen:

  • Formaldehyd: Für Formaldehyd wurden unterschiedliche Emissionsklassen definiert. In Deutschland ist nur der Vertrieb der Emissionsklasse E1 zulässig. In seltenen Fällen kann man Formaldehyd auch geruchlich wahrnehmen.
  • Arsen: Arsen kann in Nahrungsmitteln aufzufinden sein.

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