Das Theater an der Glocksee in Hannover hat sich als eine Bühne für ungewöhnliche und bewegende Inszenierungen etabliert. Mit oft geringen Mitteln, aber viel Fantasie und schauspielerischer Kunstfertigkeit, gelingt es dem Ensemble regelmäßig, das Publikum zu fesseln und zum Nachdenken anzuregen. Dieser Artikel beleuchtet einige ausgewählte Produktionen der letzten Zeit und gibt Einblicke in die Themen, die das Theater an der Glocksee beschäftigen.
"Das Knurren der Milchstraße": Science-Fiction-Groteske mit Funkelglanz
Bonn Parks Science-Fiction-Groteske "Das Knurren der Milchstraße" feierte im Theater an der Glocksee Premiere und entführte das Publikum in eine angenehm verrückte Popkulturwelt. Regisseur Jonas Vietzke inszenierte das Stück mit leichter Hand und vielen schönen Einfällen. Die Bühne, gestaltet von Britta Bremer, deutete mit sparsamen, aber eleganten Mitteln die Zukunft an. Andrea Casabianchi, Astrid Köhler, Lena Kußmann und Johannes Fast verliehen den Monologen des Stückes Witz und Funkelglanz.
Die Aneinanderreihung von Monologen, die normalerweise ein Problem darstellen könnte, wurde von den Glocksee-Akteuren einfach weggetanzt. Das Theater an der Glocksee bewies mit dieser Produktion erneut, wie man mit geringen Mitteln, viel Fantasie und großer Schauspielkunst staunenswertes und sehr bewegendes Theater machen kann. Bonn Park gelang eine spannende Kombination aus Außenperspektive auf unseren Planeten und Innenperspektive aus dem Kosmos der Popkultur. Das Theater an der Glocksee nutzte dies zu einer großartigen Demonstration dessen, was Theater vermag: anderthalb Stunden lang eine ganz andere Welt zu behaupten, in der ganz andere Regeln gelten - und dabei auch noch das Publikum bestens zu unterhalten.
"Der letzte Nerv": Psychische Erkrankungen realitätsnah auf der Bühne
In "Der letzte Nerv" unter der Regie von Lena Kußmann und mit Andrea Casabianchi, Helga Lauenstein und Jonas Vietzke im Ensemble, werden psychische Erkrankungen extrem realitätsnah und auf hohem schauspielerischen Niveau dargestellt. Das Publikum wird als Gast eines Angehörigen-Informationstags in einer psychiatrischen Klinik begrüßt. Die drei Patienten - eine Astronautin, ein arbeitsloser Designer und eine Maklerin - sind auch die drei Therapeuten. Sie leiden unter Zwängen, Ängsten oder Depressionen: vom Leben draußen überfordert, ausgebrannt und leer. In Gesprächsrunden und Qi-Gong-Kursen versuchen sie, ihren Akku wieder aufzuladen und zu sich selbst zu finden.
Der verstörende Engtanz des Designers mit einem unbeschriebenen Flipchart verdeutlicht eindrücklich und so simpel das Symbol seiner Angst. Szenen- und Kostümbild unterstreichen das konsequent. Vor allem in den leisen, ruhigen Szenen entsteht eine beklemmende Intensität. Die abrupte Bilder- und Atmosphärenwechsel erschweren es, die Gefühle und das Krankheitsbild der Patienten und Therapeuten einzuordnen, gar zu verstehen - wie im wahren Leben. Dass Erkrankte nur selten von ihrem Umfeld verstanden werden, spiegelt sich in der Publikumsreaktion wider. Die Mehrheit der Zuschauer lacht während des gesamten Stückes.
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Das Stück wirft die Frage auf, wer eigentlich nicht an der Welt mit all ihren Anforderungen leidet und was diese spezielle psychosomatische Klinik in punkto Heilung überhaupt leisten kann. Läd man hier lediglich seinen Akku wieder auf, um bis zur nächsten Kur zu funktionieren? Das Theater an der Glocksee leistet hier bemerkenswert gute Arbeit, indem die Besucher nachvollziehbare Erfahrungen auf der Bühne sehen und beginnen, über sich und ihr Leben zu reflektieren. Eine Kunst, welche dem Theater wieder die Ernsthaftigkeit verleiht, schweres leicht zu servieren und es vom Publikum im Herzen nach Hause zu tragen.
"Raskolnikow - humanity is overrated": Mordmotive und Überzeugungstäter
In "Raskolnikow - humanity is overrated", entwickelt von Lena Kußmann mit ihrem Ensemble, lebt Rodja in einer zeit- und ortlosen Zwischenwelt, in die er alles saugt, das seiner Idee der Überlegenheit dient. Kußmann lässt Raskolnikows Mordmotive auf die von heutigen Überzeugungstätern prallen. Immer mehr gelingt es im Verlauf der Inszenierung, die Gedankenwelten von Attentätern der vergangenen 15 Jahre in jene der Hauptfigur Rodja zu schieben - eine klare Unterscheidung wird unmöglich. Die Gemeinsamkeiten überzeugen: Die taumelnde Suche nach Halt in einer entfremdeten Gesellschaft oder das Hadern mit größenwahnsinnigen Erlöserfantasien.
"Jack in the Box": Ein-Personen-Stück über Kontrollverlust und Überforderung
"Jack in the Box" ist Jonas Vietzkes Ein-Personen-Stück im Theater an der Glocksee. Der Autor, Regisseur und Schauspieler hat sich darin sein Erleben der Welt von der Seele und auf den Leib geschrieben. Seine Kiste aus schwarzem Plastik steht im Foyer des Theaters, mit Sitzbänken für 22 Gäste rundherum und Sehschlitzen, durch die das Publikum individuelle Blicke auf Jacks Innenschau werfen kann. Sein Gedankenstriptease funktioniert wie eine Peep-Show, bei der man dem Darsteller nahekommen kann, ohne Gegenblicke fürchten zu müssen. Und bei der man schließlich beständigem Kippen des Dargestellten ausgesetzt ist: Wie viel davon ist Jack, wie viel Jonas Vietzke - und wie viel eigene Projektion?
Die Produktion untersucht in verunsichernden Zeiten, wie Menschen mit drohendem Kontrollverlust angesichts permanenter Überforderung umzugehen versuchen. Sie schafft eine Situation, in der sich das Publikum ganz nah konfrontieren kann und muss. "Jack in the Box" trifft mit einem metaphorisch brillanten Gedankenstrom ins Mark. Literarisch anspruchsvolle Texte treffen auf hohes darstellerisches Niveau. Ein "Jack in the Box" ist im Englischen ein Springteufel. Mit dem Wissen um die Feder bleibt die Frage: Wann schnappt Jack über seine Kiste?
Mit "Jack in the Box" wagt das Theater zusammen mit Schauspieler Jonas Vietzke ein einzigartiges Experiment, bei dem die Zuschauer auf engstem Raum mit den besorgniserregenden Geschehnissen, die auf der Welt passieren, konfrontiert werden. Im medialen Zeitalter ist man permanent einer unaufhaltbaren Informationsflut ausgesetzt. Diese Masse an Informationen zu filtern, richtig einzuordnen und zu bewältigen stellt vor Herausforderungen, denen viele nicht gewachsen sind. Ähnlich geht es der Kunstfigur Jack.
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Die Texte zu "Jack in the Box" werden zu jeder Performance neu geschrieben und an die aktuellen Geschehnisse angepasst. Er lässt sich durch die Medien treiben, konsumiert Nachrichten und Kommentare, greift zu weiterführenden Texten, spinnt sich ein in einen Kokon aus Perspektiven auf Welt und Gesellschaft. Das Ergebnis ist radikal persönlich und zugleich voll von Bildern, an die das Publikum anknüpfen kann - ebenfalls aus eigenen Gedankenwelten heraus.
Als Jack die mit Papier zugeklebten Sehschlitze (oder sind es Schießscharten?) in den Wänden der Box aufreißt, wollen es alle wissen und beugen sich nach vorne, um einen Blick auf die Kunstfigur zu erhaschen. Die trägt ein Partyhütchen und eine Lichterkette um den Hals - ist das schon die große Abschiedsfete vorm Amoklauf? Im letzten Drittel wird es tatsächlich zorniger. Da wirft Jack sich und seine Wut der herrschenden Hilf- und Sprachlosigkeit entgegen - und zieht mit dem Tempo auch die Schärfe an. Weg ist das „Pfff…“ vom Anfang. Auch wenn der virtuos vorgetragene Schlussmonolog tragikomische Pointen hat - jetzt ist nichts mehr egal, auch nichts mehr witzig.
"Ben X": Einblicke in die Welt eines Autisten
Jonas Vietzke ist Ben X. Sich in einen Autisten hineinzuversetzen, ist hochproblematisch. Zu befremdlich sind die stereotypen Verhaltensweisen, die Menschen mit dieser Wahrnehmungsstörung an den Tag legen. Umso beeindruckender, wie es dem Schauspieler gelingt, auf der Bühne zu Ben zu werden. Sein stetes muskuläres Zittern, die verspannte Körperhaltung, der nach innen gerichteten Blick, manisch abgemessene Bewegungen, Schlucken und Schwitzen - man meint, selbst den rasenden Puls sehen zu können.
Die Tatsache, dass es für Autisten fast unmöglich ist, Gefühlsregungen einzuordnen und sich "natürlich" oder angemessen zu verhalten, hat Regisseurin Karin Drechsel mit klugen Kunstgriffen verbildlicht: Anstatt die besorgte Mutter, den drängenden Vater oder den aufbrausenden Lehrer in persona auftreten zu lassen, ist es immer Vietzke, der in der jeweiligen Rolle spricht. Wenn überlebensgroße Nahaufnahmen vom Gesicht des Schauspielers als Videoprojektionen auf den verständnislosen Ben einreden, kann man dessen Gefühl, als Marsmensch zwischen Fremdlingen zu leben, deutlich nachvollziehen. Theater, das in eine gänzlich andere Weltsicht hineinversetzt, ungemein emphatisch inszeniert und gespielt!
Vietzke spielt auch andere Menschen: die Mutter und den Vater seiner Figur, einen Lehrer oder Psychiater. Diese sind als Video-Einblendungen auf einer Leinwand oder auf im Raum verteilten Würfeln und einem Rechteck zu sehen und zu hören. Dann wieder schlüpft Vietzke in die Rollen von Jugendlichen, die Ben bedrängen. Er tut dies alles allein durch Körpersprache und variierenden Tonfall. Eine beeindruckende schauspielerische Leistung, die den Blick in die Psyche eines Menschen freigibt. Dass Vietzke als Ben allein agiert, kommt nicht von ungefähr. Ben ist Autist, sein Lebensuniversum umfasst ihn selbst, kommt er mit der Außenwelt in Berührung, sind krisenhafte Momente vorgezeichnet. Doch dann bricht die Trennung zwischen den beiden Welten zusammen, weil der Druck von außen zu groß wird. Ben gibt den Kampf auf, so sein zu wollen wie die anderen. Im gelungenen Schluss des Stücks vermischen sich reale und virtuelle Welt - und aus Ben dem Ausgestoßenen wird Ben der Sieger.
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"House of Love": Eine partizipative Rauminstallation über die Liebe
Das Team um Regisseur Jonas Vietzke fragte nach persönlichen Erfahrungen des Publikums zum Thema Liebe. Die Besucher erlebten Stationentheater, partizipative Rauminstallationen und kleine, intime Performances. Und natürlich ist jeder selbst der größte Experte für seinen Begriff von Liebe. Das Ensemble nimmt das ernst. Alle Besucher werden darum gebeten, einen kleinen Gegenstand mitzubringen, der mit einem ganz persönlichen Blick auf die Liebe zu tun hat. In jedem kristallisiert sich eine Geschichte heraus. Der Abend im »House of Love« erzählt vom Warten und Hoffen, vom Vergessen und Verarbeiten, vom Erinnern und Verklären. Klischees, Platitüden und Sentimentalitäten begegnen Biologie und Verhaltensforschung. So wird die Vielfalt deutlich, mit der die Liebe oder ihr Fehlen das Leben durchdringt: als prägende Erfahrung in der Jugend, als Basis von Familie, als Trauma und Ideal.
Weitere bemerkenswerte Produktionen
Neben den bereits genannten Stücken gab es weitere bemerkenswerte Inszenierungen im Theater an der Glocksee:
- Ein Stück mit Jonas Vietzke als Liam: Eine Mischung aus Monster und Wrack, gleichsam aggressiv wie in Selbstmitleid ertrinkend.
- Ein Psycho-Stück mit Störungen: Das Stück "Der letzte Nerv" kritisiert die Leistungsgesellschaft.