Kinder entwickeln sich in ihrem eigenen Tempo, und vorübergehende Entwicklungsverzögerungen in bestimmten Bereichen sind oft kein Grund zur Sorge. Bleiben diese Probleme jedoch bestehen, ist es wichtig, die zugrunde liegenden Ursachen zu verstehen und geeignete Fördermaßnahmen zu ergreifen. Dieser Artikel beleuchtet den komplexen Zusammenhang zwischen Gehirnfunktion, Motorik und geistiger Behinderung und bietet einen umfassenden Überblick über umschriebene Entwicklungsstörungen, ihre Ursachen, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten.
Umschriebene Entwicklungsstörungen: Eine Einführung
Umschriebene Entwicklungsstörungen, früher auch als Teilleistungsstörungen oder Teilleistungsschwächen bezeichnet, beziehen sich auf spezifische Schwierigkeiten in einzelnen Entwicklungsbereichen. Dazu gehören:
- Sprache: Schwierigkeiten beim Sprechen, Verstehen oder Formulieren von Sprache.
- Motorik: Probleme mit der Fein- oder Grobmotorik, Koordination und Bewegung.
- Schulische Fertigkeiten: Schwierigkeiten beim Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen.
Es ist wichtig zu betonen, dass Kinder mit umschriebenen Entwicklungsstörungen in der Regel normal intelligent sind. Die Störungen sind vielmehr auf gestörte Reifungsprozesse in bestimmten Hirnregionen zurückzuführen. Diese Reifungsprozesse werden stark von der genetischen Veranlagung beeinflusst. Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen können das Risiko erhöhen, spielen aber eher eine untergeordnete Rolle.
Eine umschriebene Entwicklungsstörung ist keine geistige Behinderung, keine psychische Erkrankung und keine Krankheit des Nervensystems. Sie ist auch nicht auf mangelnde Förderung oder schlechten Schulunterricht zurückzuführen. Allerdings können das familiäre Umfeld, der Kindergarten und die Schule den Verlauf der Störung und die Belastung des Kindes beeinflussen.
Ursachen und Häufigkeit
Umschriebene Entwicklungsstörungen beginnen meist ab dem 2. Lebensjahr. Ihre Ursachen sind vielfältig und komplex. Genetische Faktoren spielen eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung des Nervensystems. So kann ein Gendefekt spontan auftreten und eine geistige Behinderung auslösen. Vergleichsweise selten wird eine Behinderung von Eltern auf ihre Kinder vererbt. Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen (z. B. Frühgeburt) können das Risiko erhöhen, sind aber eher selten bedeutend. Schwierige soziale und familiäre Umstände führen nicht direkt zu einer umschriebenen Entwicklungsstörung.
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Es wird geschätzt, dass etwa 5 bis 8 von 100 Kindern eine umschriebene Entwicklungsstörung haben. Wann sie auffallen, hängt von der Art der Entwicklungsstörung ab. Sprachprobleme zeigen sich häufig im 2. und 3. Lebensjahr. Erste Anzeichen für motorische Probleme können im Alter von 3 bis 5 Jahren auftreten - eine Diagnose sollte aber nicht vor dem 5. Lebensjahr gestellt werden. Lese-, Rechen- und Rechtschreibprobleme zeigen sich meist in den ersten Schulmonaten und werden häufig in der zweiten Klasse diagnostiziert.
Auswirkungen auf die Entwicklung
Entwicklungsstörungen können das Selbstwertgefühl eines Kindes schwächen. Es spürt, dass es bestimmte Dinge nicht so gut kann wie andere und manchmal überfordert ist. Auch andere Kinder oder die eigenen Eltern können ihm das Gefühl geben, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Die Eltern fühlen sich ebenfalls oft überfordert.
Manche Kinder mit Entwicklungsstörungen sind reizbarer und unruhiger als andere und können sich schlechter konzentrieren. Sie sind oft auch impulsiver und haben häufiger Verhaltensprobleme. Zudem geben sie schneller auf oder vermeiden Tätigkeiten, die für sie schwierig sind. Manchen fällt es schwer, Freundschaften mit anderen Kindern zu schließen und zu pflegen - vor allem, wenn sie Hänseleien erleben oder von bestimmten Aktivitäten ausgeschlossen werden. Entwicklungsstörungen können auch das Risiko für psychische Probleme wie Angststörungen oder Depressionen erhöhen.
Manche Jugendliche haben Probleme, ihren Schulabschluss zu machen oder später im Beruf zurechtzukommen. Ihre berufliche Qualifikation entspricht nicht immer ihrer eigentlichen Begabung.
Diagnose: Ein umfassender Ansatz
Die Diagnose einer umschriebenen Entwicklungsstörung erfordert eine sorgfältige und umfassende Untersuchung. Es ist manchmal schwer zu beurteilen, ob die Entwicklung eines Kindes tatsächlich beeinträchtigt ist oder ob es sich in bestimmten Dingen einfach etwas langsamer oder eigenwilliger entwickelt als andere Kinder. Bei einem Verdacht auf eine Entwicklungsstörung ist deshalb eine gründliche Untersuchung wichtig. Diese kann erfolgen in:
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- einer spezialisierten kinder- und jugendärztlichen Praxis,
- einer speziellen Praxis für Sprach-, Stimm- und kindliche Hörstörungen (phoniatrisch-pädaudiologische Praxis); zusätzlich auch in einer logopädischen Praxis,
- einer kinder- und jugendpsychiatrischen oder psychotherapeutischen Praxis oder
- einem sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ).
Bei den Untersuchungen werden nicht nur die konkreten Beschwerden, sondern auch die gesamte körperliche und psychische Entwicklung des Kindes berücksichtigt. Gezielte Sprach-, Motorik- oder Lese- und Rechtschreibtests können die bestehenden Probleme eingrenzen. Um auszuschließen, dass körperliche oder psychische Krankheiten die Entwicklung verzögern, werden außerdem verschiedene neurologische und psychologische Untersuchungen sowie ein Seh- und Hörtest gemacht.
In die Untersuchung werden die Eltern einbezogen, manchmal auch Erzieherinnen und Erzieher, Lehrkräfte oder andere Bezugspersonen. Eine wichtige Rolle spielt zudem, wie sehr die Schwierigkeiten des Kindes seinen Alltag und das Familienleben beeinträchtigen - und nicht zuletzt, wie stark es selbst darunter leidet.
Leistungstests und psychologische Untersuchungen sind nie ganz genau: Gerade bei Kindern können die Ergebnisse von ihrer Tagesform abhängen oder davon, wie gut sie die Tests mitmachen und ob sie sich unter Druck gesetzt fühlen. Umso wichtiger ist es, dass sie von erfahrenen Fachleuten in einer geeigneten Umgebung untersucht werden: Dann ist dies meist kein großes Problem. Die Diagnose „umschriebene Entwicklungsstörung“ sollte nur gestellt werden, wenn bestimmte Fähigkeiten des Kindes deutlich geringer sind, als es für sein Alter zu erwarten ist, und sie sich nicht durch etwas mehr Unterstützung schnell beheben lassen.
Früherkennung und Prävention
Bei den U-Untersuchungen in der kinder- oder hausärztlichen Praxis können schon früh Hinweise auf Entwicklungsstörungen und deren Folgen erkannt werden. Die Termine dienen außerdem dazu, die weitere Entwicklung des Kindes zu beobachten. Für Kinder bis 6 Jahre werden die U1 bis U9, für Jugendliche zwischen 12 und 14 Jahren die J1-Untersuchung angeboten. Einige Krankenkassen übernehmen auch die Kosten für die J2 für Jugendliche zwischen 16 und 17 Jahren.
Um anhaltende Probleme bei schulischen Fertigkeiten erkennen zu können, bieten viele Kinderärzte zusätzliche U-Untersuchungen für Kinder zwischen 7 und 10 Jahren an (U10 und U11). Die meisten Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür, manchmal müssen sie jedoch selbst bezahlt werden.
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Auch bei der Schuleingangsuntersuchung können Entwicklungsstörungen auffallen.
Wenn zu Hause, im Kindergarten oder in der Schule Entwicklungsprobleme auffallen, ist es sinnvoll, die Kinderärztin oder den Kinderarzt anzusprechen. Eltern können sich auch in der Kita oder Schule beraten lassen.
Behandlungsmöglichkeiten: Ein individueller Ansatz
Welche Form der Unterstützung sinnvoll ist, hängt davon ab, welche Schwierigkeiten ein Kind genau hat, wie stark sie sind und wie sehr sich das Kind dadurch beeinträchtigt fühlt. Wenn es sich um leichte Einschränkungen handelt, reicht die Unterstützung durch die Eltern oft aus. Sie können beispielsweise mit dem Kind Sport machen oder es mit geeigneten Spielen, mit Basteln oder Vorlesen fördern.
Wenn die Probleme aber anhalten und das Kind stark belasten, ist eine umfangreichere Unterstützung nötig. Wichtig ist eine ausführliche Beratung durch Fachleute: Wie lässt sich ein gutes familiäres Klima schaffen? Wie können Eltern das Kind im Alltag fördern? Wie können sie und andere Bezugspersonen das Selbstwertgefühl des Kindes stärken?
Zu den möglichen Therapieformen gehören:
- Logopädie (Sprachtherapie): Zur Verbesserung der Sprachfähigkeiten.
- Ergotherapie: Zur Förderung der Feinmotorik und der Alltagsfähigkeiten.
- Physiotherapie: Zur Verbesserung der Grobmotorik und Koordination.
- Heilpädagogik: Zur ganzheitlichen Förderung der Entwicklung.
- Psychologische / psychotherapeutische Hilfen: Zur Unterstützung bei emotionalen und Verhaltensproblemen.
- Motopädie: Zur Förderung der Motorik und Wahrnehmung.
- Feinmotorische Übungen (Graphomotorik): Zur Verbesserung der Schreibfähigkeit.
- Lese-, Rechtschreib- und Rechenförderung: Zur Unterstützung bei schulischen Schwierigkeiten.
Wichtig ist, dass die Behandlung realistische Ziele hat und das Kind nicht überfordert. Sie sollte das Kind gezielt und dosiert fördern und zusätzlichen Stress vermeiden. Zu hohe Erwartungen können zu Enttäuschungen und Konflikten führen.
Eine Behandlung dauert oft Monate oder mehrere Jahre. Sie ist zwar keine Garantie dafür, dass alle Probleme verschwinden. Einige Behandlungen und Unterstützungsmaßnahmen werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, manche müssen selbst bezahlt werden. Bestimmte Leistungen wie etwa eine Lerntherapie kann das Amt für Kinder, Jugend und Familie (Jugendamt) übernehmen.
In der Schule ist ein sogenannter Nachteilsausgleich möglich, bei dem zum Beispiel Einschränkungen bei der Notengebung oder in Prüfungssituationen berücksichtigt werden. Weitere Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten bietet das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) (früher Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, BZgA).
Zerebralparese: Eine spezielle Form der motorischen Beeinträchtigung
Die Zerebralparese, auch infantile Zerebralparese (ICP) genannt, ist eine Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit, die auf eine frühkindliche Schädigung des sich entwickelnden Gehirns zurückzuführen ist. Sie ist nicht heilbar, aber auch nicht fortschreitend. Die Behandlung zielt darauf ab, die Beweglichkeit und Unabhängigkeit der Betroffenen zu erhalten und zu fördern.
Die Ursachen einer Zerebralparese können vielfältig sein, darunter Entwicklungsstörungen im Mutterleib, Infektionen der Mutter während der Schwangerschaft, Mutationen in den Genen, Schlaganfall des Babys im Mutterleib oder Schädigungen des Gehirns während oder nach der Geburt.
Die Symptome einer Zerebralparese sind von Fall zu Fall sehr unterschiedlich und reichen von leichten Bewegungseinschränkungen bis hin zu schweren Lähmungen. Häufig treten auch Sprachprobleme, Lernschwierigkeiten und geistige Behinderungen auf.
Die Therapie der Zerebralparese umfasst in der Regel Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie, Medikamente und in bestimmten Fällen auch Operationen.
Geistige Behinderung: Ursachen, Diagnose und Perspektiven
Eine geistige Behinderung ist eine Einschränkung kognitiver Fähigkeiten und des adaptiven Verhaltens, welche sich in den konzeptuellen, sozialen und praktischen Fähigkeiten widerspiegelt und bereits im Kindesalter auftritt. Die Ursachen können vielfältig sein, darunter genetische Faktoren, Hirnschädigungen oder Hirnfunktionsstörungen.
Der Grad einer geistigen Behinderung kann mit einem Intelligenztest ermittelt werden. Die Intelligenz wird mit einem standardisierten Test gemessen und mit dem Intelligenzquotienten (IQ) angegeben. In Anlehnung an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt eine leichte Intelligenzminderung bei einem IQ von unter 70 vor.
Die Schweregrade körperlicher und geistiger Behinderungen sind sehr unterschiedlich. Während manche Menschen mit Rollstühlen, Prothesen und Hilfsmitteln Einschränkungen ausgleichen und ein selbstständiges Leben führen können, benötigen andere Menschen mit körperlicher und/ oder geistiger Behinderung intensive Unterstützung bis hin zu Pflege.
Viele junge Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung finden nach der Schulentlassung Trainings- und Beschäftigungsmöglichkeiten in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM). Heutzutage werden verstärkt Anstrengungen unternommen, um Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung den Weg in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu öffnen.
Das CFC-Syndrom: Eine seltene genetische Erkrankung
Das CFC-Syndrom (Cardio-Facio-Cutanes Syndrom) ist eine sehr seltene, genetisch bedingte Erkrankung, die durch eine variable Kombination aus angeborenen Herzfehlern, Kleinwuchs, Entwicklungsverzögerung / neurologischen Komplikationen, Auffälligkeiten der Haut und Haare sowie weiteren typischen äußeren Merkmalen gekennzeichnet ist.
Der Ausprägungsgrad kann sehr unterschiedlich sein. Insbesondere was die geistigen Fähigkeiten betrifft, ist das Spektrum sehr groß und reicht in Einzelfällen bis in den Normalbereich. Die meisten Betroffenen haben aber Beeinträchtigungen im Grad einer geistigen Behinderung oder Mehrfachbehinderung mit unterschiedlichem Schweregrad.
Die Behandlung des CFC-Syndroms richtet sich nach den individuellen Symptomen und kann kardiologische, endokrinologische, neurologische, orthopädische und dermatologische Maßnahmen umfassen. Frühförderung und therapeutische Maßnahmen wie Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie sind ebenfalls wichtig.
Inklusion: Eine gesellschaftliche Aufgabe
Menschen haben laut Sozialgesetzbuch (SGB IX) eine Behinderung, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.
Die Behinderung wird wesentlich mitgeprägt von den Möglichkeiten, die die Gesellschaft anbietet oder behinderten Menschen vorenthält. Es ist daher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Inklusion zu fördern und Menschen mit Behinderung eine gleichberechtigte Teilhabe am Leben zu ermöglichen.
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