Hirntumoren sind seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Erkrankungen, die durch unkontrolliertes Wachstum von Zellen im Gehirn entstehen. Die Behandlung von Hirntumoren ist komplex und multidisziplinär, wobei Chemotherapie eine wichtige Rolle spielt, insbesondere in Kombination mit Operation und Strahlentherapie. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen von Patienten mit Hirntumor-Chemotherapie, die auftretenden Nebenwirkungen und die aktuellen Behandlungsansätze.
Was ist ein Hirntumor?
Tumoren entstehen, weil sich veränderte Zellen unkontrolliert teilen. Hirntumoren, die direkt im Gehirngewebe entstehen, sind selten. Es gibt auch solche, die von einem Tumor außerhalb des Gehirns abstammen - Fachleute sprechen von Hirnmetastasen. Primäre Hirntumoren sind Tumoren, die direkt im Gehirn entstehen. Sie können sich aus verschiedenen Zellen im Gehirn entwickeln, am häufigsten aus den Stützzellen, den sogenannten Gliazellen. Mediziner bezeichnen solche Tumoren als "Gliome". Gliome sind die häufigsten Hirntumoren, die sich aus verschiedenen Arten von Gliazellen entwickeln können, darunter Astrozytome, Oligodendrogliome und Ependymome. Das Glioblastom ist ein besonders aggressiv wachsendes Astrozytom. Andere Hirntumoren, die häufiger auftreten, sind Meningeome, Neurinome/Schwannome und Medulloblastome.
Wann wird eine Chemotherapie bei Hirntumoren eingesetzt?
Der Einsatz einer Chemotherapie hängt von der Lokalisation und dem Grad der Bösartigkeit des Tumors ab. Ist eine Chemotherapie indiziert, wird bei Patienten mit Hirntumoren die Chemotherapie in der Regel nach der Operation und histologischen Sicherung des krankhaften Prozesses angewendet. Die Chemotherapie erfolgt dann entweder vor der Strahlentherapie („neoadjuvante Therapie“), gleichzeitig mit der Strahlentherapie („begleitende Therapie“) oder nach der Strahlentherapie („adjuvante Therapie“). In einigen Fällen ist die Chemotherapie auch ohne begleitende oder vorangegangene Operation bzw. In Ausnahmefällen wird das Zytostatikum auch direkt in das Liqoursystem über ein spezielles Reservoir verabreicht.
Chemotherapie bei Hirntumoren: Grundlagen
Unter Chemotherapie versteht man die Behandlung mit sogenannten Zytostatika. Zytostatika sind Zellgifte, die besonders sich schnell teilende Zellen, wie z.B. Tumorzellen angreifen. Diese Medikamente können das krankhafte Zellwachstum der Tumoren hemmen und damit den Tumor verkleinern oder sogar ganz zerstören. Es gibt verschiedene Zytostatikaklassen, die an unterschiedlichen Stellen des Zellstoffwechsels angreifen. Die Chemotherapie ist eine sogenannte „systemische“ Therapie, die im ganzen Körper wirkt und Absiedelung in andere Organe oder Gewebe verhindern soll. Im Gegensatz hierzu bezeichnet man die Operation und die Strahlentherapie als „lokale“ Maßnahmen.
Medikamente zur Chemotherapie
Zur Chemotherapie von Hirntumoren werden deshalb Medikamente eingesetzt, die diese Blut-Hirn-Schranke passieren können. Man spricht auch davon, dass ein Medikament „liquorgängig“ sein muss, d.h. auch in die Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit aufgenommen werden kann. Zu den Zytostatika, die heute bei Hirntumoren eingesetzt werden, gehören insbesondere alkylierende Substanzen wie Temozolomid oder Nitrosoharnstoffe (z.B. CCNU), Mitosehemmstoffe wie VP16 (Etoposid) oder Platinverbindungen (Cisplatin, Carboplatin). Die Blut-Hirn-Schranke ist eine natürliche Barriere, die das Gehirn vor eindringenden Giftstoffen schützen soll.
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Einige der am häufigsten eingesetzten Chemotherapeutika bei Hirntumoren sind:
- Temozolomid: Eine DNA-schädigende (alkylierende) Substanz, die die Blut-Hirn-Schranke gut passiert und in den letzten Jahren für die Gliom-Therapie entwickelt und zugelassen wurde.
- Nitrosoharnstoffe (z.B. CCNU, BCNU, ACNU): Wirken über eine Schädigung (Alkylierung) der Erbsubstanz (DNA) von Tumorzellen.
- Procarbazin: Eine DNA-schädigende (alkylierende) Substanz, die nur noch selten als Monotherapie eingesetzt wird, jedoch weiterhin im Rahmen des PCV-Kombinations-Chemotherapie-Protokolls eine Bedeutung besitzt.
- Topoisomerase-Hemmstoffe (z.B. Topotecan, VP16, VM26): Stören die Reparatur und Vermehrung der Erbsubstanz (DNA).
- Methotrexat (MTX): Hemmt Stoffwechselschritte bei der Bildung der DNA, für die Folsäure gebraucht wird.
- Vincristin: Ein "Spindelgift", das die Zellteilung stört.
- Bevacizumab (Avastin): Hemmt die Neubildung von Blutgefässen im Tumor und normalisiert Blutgefässe.
Durchführung der Chemotherapie
In den meisten Fällen kann die Behandlung ambulant erfolgen, das heißt eine stationäre Aufnahme ist nicht erforderlich. Bei schlechten Venenverhältnissen ist u.U. die Anlage eines so genannten Ports (spezielle Kammer, die unter der Haut liegt und mit einer Vene in Verbindung steht) notwendig, um die Medikamente sicher infundieren zu können. Die Chemotherapie läuft üblicherweise in Zyklen ab, d.h. nach Einnahme der Medikamente werden Therapiepausen von 1-4 Wochen eingelegt.
Erfahrungen von Patienten mit Hirntumor-Chemotherapie
Die Erfahrungen von Patienten mit Hirntumor-Chemotherapie sind sehr unterschiedlich. Einige Patienten berichten von guten Ergebnissen mit einer Verkleinerung des Tumors und einer Verlängerung der Überlebenszeit, während andere mit erheblichen Nebenwirkungen zu kämpfen haben.
Ein Beispiel ist Valentin, der mit 16 Jahren die Diagnose Hirntumor erhielt. Er musste sich mehreren Operationen, Bestrahlungen und Chemotherapien unterziehen. Während der Chemotherapie hatte er mit Übelkeit, Erbrechen, Gewichtsverlust und abfallenden Blutwerten zu kämpfen. Trotz der schwierigen Zeit betont er, wie wichtig es ist, niemals aufzugeben und dass die Unterstützung von Familie, Freunden und dem medizinischen Personal entscheidend ist.
Mögliche Nebenwirkungen der Chemotherapie bei Hirntumoren
Das Nebenwirkungsprofil hängt von der Art der Chemotherapie ab. Grundsätzlich besteht das Problem, dass durch die Chemotherapie auch gesunde, sich schnell teilende Zellen angriffen werden. Die Nebenwirkungen der Zytostatika betreffen deshalb - je nach Substanz in unterschiedlichem Ausmaß - die Haarwurzeln, die Schleimhäute in Magen und Darm und das blutbildende System im Knochenmark. Es kann daher zu Haarausfall, Entzündungen der Mundschleimhäute, Übelkeit und Erbrechen, Durchfall und Blutbildveränderungen kommen. Eine Folge der Blutbildveränderungen, die oft erst einige Zeit nach der Behandlung einsetzt, ist die Verringerung der weißen Blutkörperchen („Leukozyten“) und damit eine Schwächung der Krankheitsabwehr. Seltener sind Gerinnungsstörungen durch zu wenige Thrombozyten oder eine Blutarmut („Anämie“) durch Mangel an roten Blutkörperchen („Erythrozyten“). Das Blutbild muss daher während einer Chemotherapie regelmäßig kontrolliert werden.
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Zu den häufigsten Nebenwirkungen der Chemotherapie gehören:
- Blutbildveränderungen: Chemotherapeutika können das Knochenmark schädigen und zu einer Verringerung der Anzahl von weißen Blutkörperchen (Leukopenie), roten Blutkörperchen (Anämie) und Blutplättchen (Thrombozytopenie) führen. Dies kann das Risiko von Infektionen, Müdigkeit und Blutungen erhöhen.
- Übelkeit und Erbrechen: Diese Nebenwirkungen sind sehr häufig, können aber in der Regel mit Medikamenten (Antiemetika) kontrolliert werden.
- Haarausfall: Einige Chemotherapeutika können zu Haarausfall führen, der jedoch in der Regel nach Abschluss der Behandlung wieder nachwächst.
- Entzündungen der Mundschleimhaut (Mukositis): Dies kann zu Schmerzen, Schwierigkeiten beim Essen und Trinken und einem erhöhten Infektionsrisiko führen.
- Müdigkeit (Fatigue): Viele Patienten fühlen sich während und nach der Chemotherapie müde und erschöpft.
- Neuropathie: Einige Chemotherapeutika können Nervenschäden verursachen, die zu Taubheitsgefühl, Kribbeln oder Schmerzen in Händen und Füßen führen können.
Umgang mit Nebenwirkungen
Viele dieser Nebenwirkungen lassen sich entweder durch die Wahl einer geeigneten Applikationsform vermeiden oder durch eine so genannte „supportive“ (unterstützende) Therapie behandeln. Es gibt verschiedene Maßnahmen, um die Nebenwirkungen der Chemotherapie zu lindern und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern:
- Medikamente: Antiemetika gegen Übelkeit und Erbrechen, Schmerzmittel gegen Schmerzen, Antibiotika gegen Infektionen, Wachstumsfaktoren zur Stimulation der Blutbildung.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung kann helfen, den Körper während der Chemotherapie zu stärken.
- Bewegung: Körperliche Aktivität kann Müdigkeit reduzieren und die Stimmung verbessern.
- Psychologische Unterstützung: Eine psychologische Betreuung kann helfen, mit den emotionalen Belastungen der Krebserkrankung und der Behandlung umzugehen.
- Kühlkappen-Therapie: Um den Haarausfall einzudämmen, gibt es die so genannte Kühlkappen-Therapie. Durch die Kälte wird die Kopfhaut während der Infusion schlechter durchblutet und die Gefäße verengen sich, sodass eine geringere Dosis des Medikaments in die Haarwurzeln gelangen kann.
Aktuelle Behandlungsansätze und Studien
Erfreulicherweise sind in den vergangenen Jahren neue Medikamente und Therapiekonzepte entwickelt worden, so dass die aktuellen Zytostatika gegen Hirntumore wirksamer und oft besser verträglich sind als früher oder auch bei anderen Krebserkrankungen.
Neben den klassischen Substanzen drängen auch einige neue Medikament auf den Markt, die bislang noch nicht frei verfügbar sind aber im Rahmen von klinischen Studien untersucht werden. Es handelt sich dabei in der Regel um Substanzen, die eine zielgerichtete und individualisierte Therapie ermöglichen sollen. Beispiele hierfür sind Medikamente, die die Gefäßversorgung von Tumoren blockieren (z.B. Angiogenesehemmer, Integrinantagonisten etc.).
Die Forschung auf dem Gebiet der Hirntumortherapie schreitet stetig voran. Es gibt eine Reihe von klinischen Studien, in denen neue Medikamente und Therapieansätze getestet werden. Die Teilnahme an einer klinischen Studie kann für Patienten eine Möglichkeit sein, Zugang zu innovativen Behandlungen zu erhalten.
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Die Rolle der Strahlentherapie
Hierzu muss die Zelle zunächst eine Kopie ihres Erbguts, der DNA (Desoxyribonukleinsäure), anfertigen und an die neue Zelle weitergeben. An diesem Punkt setzt die Strahlentherapie an. Durch fokussierte, hochenergetische Röntgenstrahlung (Photonen = kleine Energiepakete) werden im Gewebe teilweise direkt, teilweise indirekt Brüche an der Erbsubstanz der Zelle (DNA) erzeugt. Es entstehen Fehler im Zellteilungsprogramm, die sich während der wiederholten Strahlenbehandlungen häufen, sodass die Zelle die Fähigkeit zur Teilung verliert und schließlich abstirbt (Nekrose). Dieser Effekt tritt verzögert erst einige Tage bis Wochen nach der Bestrahlung auf, eben erst dann, wenn die Tumorzelle eine Teilung versucht. Für gesunde, ruhende Zellen, wie wir sie im erwachsenen Gehirn überwiegend finden, sind Brüche in der DNA ohne Bedeutung. In gesunden Zellen erkennen zudem körpereigene Reparaturenzyme die DNA-Veränderungen und sorgen dafür, dass sie repariert werden. In Tumorzellen sind solche Reparaturenzyme kaum vorhanden.
Nebenwirkungen der Strahlentherapie
Andere vorübergehende und gut behandelbare Nebenwirkungen können Müdigkeit, Hautveränderungen und Ödembildung mit Kopfschmerzen sein.