Die enge Verbindung zwischen unseren Händen und dem Gehirn ist uns seit langem bewusst. Wir nutzen unsere Hände nicht nur für alltägliche Aufgaben, sondern auch metaphorisch, um unsere Umwelt zu beeinflussen. Die moderne Hirnforschung beschäftigt sich intensiv mit dem Zusammenspiel von Körper und Geist und zeigt, dass kognitive Prozesse eng mit dem gesamten menschlichen Organismus verwoben sind.
Die Bedeutung von Fingerübungen für die Gehirndurchblutung
"Wenn Finger und Hände gezielt bewegt werden, dann tue ich für die Durchblutung des Gehirns genauso viel als wäre der ganze Rumpf aktiv", erklärt die Gehirn-Trainerin Bettina Jasper. Neue Übungen, die das Denken mit einschließen, fordern den Geist heraus und regen die Bildung neuer Synapsen an. Gewohnte Bewegungen bieten zwar Sicherheit, stimulieren das Gehirn aber nicht mehr. Daher ist es wichtig, immer wieder neue Reize zu setzen.
Synchronisation der Gehirnhälften durch Überkreuzbewegungen
Besonders spannend wird es, wenn Übungen vor der Körpermitte über Kreuz ausgeführt werden. Wenn die rechte Hand nach links greift und umgekehrt, entstehen viele neue Synapsen am Hirnbalken, der Schaltstelle zwischen linker und rechter Gehirnhälfte. Normalerweise steuert die linke, rationale Gehirnhälfte die rechte Hand, während die rechte Gehirnhälfte, der Hort von Gefühl und Kreativität, die linke Hand steuert. Durch das Kreuzen der Arme vor der Brust wird die Datenübertragung zwischen den Gehirnhälften intensiviert und die Synchronisation der Gehirnhälften gefördert. Selbst das Trommeln mit den Fingern auf den Tisch kann die grauen Zellen mit frischem Sauerstoff versorgen.
Übungen zur Förderung der Fingerfertigkeit und Gehirnaktivität
Die folgenden Übungen können anfangs herausfordernd sein, aber mit Geduld verbessern sich die Fingerfertigkeit und die Klarheit des Geistes:
- Übung 1: Beginnen Sie mit der schwächeren Hand. Der Daumen tippt der Reihe nach alle Finger an, vom Zeigefinger bis zum kleinen Finger, zurück zum Ringfinger und vor bis zum Zeigefinger und wieder zurück, erst langsam, dann schneller. Wiederholen Sie die Übung mit der anderen Hand. Steigern Sie die Schwierigkeit, indem Sie die Hände gegensätzlich arbeiten lassen: Links startet mit dem Zeigefinger und rechts beginnt mit dem kleinen Finger.
- Übung 2: Die linke Hand formt ein "L", Daumen und Zeigefinger bilden den Buchstaben, die drei passiven Finger sind eingerollt. Die rechte Hand formt das "O", Zeigefinger und Daumen bilden den Buchstaben, die drei passiven Finger zeigen in die Höhe. Wechseln Sie die Hände nun zwischen den Buchstaben hin und her, erst langsam, dann schneller. Um es etwas einfacher zu machen, können anfangs auch beide Hände den gleichen Buchstaben bilden und zum zweiten wechseln.
- Übung 3: Nummerieren Sie die Finger von 1 bis 10 und sagen Sie dann entsprechende Zahlenkombinationen und führen Sie dabei die passenden Finger schnell zusammen, wie zum Beispiel 5-7 oder 1-9. Wem das zu monoton wird, der mache sich frei und nehme noch die zehn Zehen hinzu, Kombinationen von 1 bis 20 sind dann möglich. Anfänger üben im Sitzen, Fortgeschrittene im Stehen.
- Übung 4: Fünf Streichhölzer liegen auf dem Tisch und werden nacheinander mit den Fingern aufgenommen. Die Daumen beginnen, die Zeigefinger folgen, bis alle Streichhölzer zwischen beiden Händen möglichst ruhig balanciert werden, was anfangs einer großen Aufgabe gleichkommt. Um etwas mehr Halt zu haben, funktioniert die Übung auch mit Zahnstochern, die lassen sich wesentlich besser in die Finger pieksen …
- Übung 5: Ein griffiger Ball (Squashball oder weicher Flummi) wandert von Finger zu Finger, startet zwischen Daumen und Zeigefinger, wird nach unten zwischen die gestreckten Zeige- und Mittelfinger gedreht, von dort weiter mit Hilfe des Zeigefingers zur nächsten Station zwischen Mittelund Ringfinger geführt und schließlich durch den entgegenkommenden des kleinen Fingers in die Endposition zwischen den gestreckten Ring- und kleinen Finger bewegt.
- Übung 6: Der Klassiker bayrischer Wirtshaus-Kultur, durch das hippe Chillen in den feschen Clubs etwas in Vergessenheit geraten: Der Kick mit dem Bierdeckel. Einfach auch die Tischkante legen, mit den Fingern der geschlossenen Hand in die Luft kicken und fangen.
Die Verbindung von Körper und Geist
Die Überschrift macht deutlich, wie sehr unsere Sprache den engen Zusammenhang von Intellekt und Körper widerspiegelt. Was der Geist aufnimmt, wird immer in irgendeiner Form über die Neuronen an den Körper weitergeleitet und verarbeitet. Wahrnehmen können wir das allerdings nur, wenn uns eine Information sehr überrascht oder überwältigt. Eine mögliche Reaktion des Körpers wäre da etwa ein beschleunigter Puls, ein kurzer motorischer Kontrollverlust oder eine erhobene Stimme. Steigt zusätzlich noch Angst auf, kommt es aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer negativen Rückkoppelung im Gehirn. Denn starke negative Emotionen blockieren unser Denken und liefern uns, ob wir wollen oder nicht, unkontrolliert den Affekten aus. Umgekehrt haben aber auch physiologische Prozesse Auswirkungen auf den Geist. Wenn der Körper tief entspannen darf, wird in der Regel auch der Geist ruhig und konzentriert. Körperliches Wohlbefinden ist meistens auch eine wichtige Voraussetzung für Kreativität und Intuition, die oft erst in der Entspannung von Innen heraus ins Bewusstsein aufsteigen können.
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Die Bedeutung der Körpermitte im heilpädagogischen Bereich
Im Spiel mit der großen liegenden Acht kreuzt das Kind immer wieder mit seiner Aufmerksamkeit die Körpermitte und überschreitet sie von links nach rechts und umgekehrt von rechts nach links. Dieser Aspekt ist besonders im Elementarbereich und im heilpädagogischen Bereich von Bedeutung. Das Kreuzen der Körpermitte ist ja ein wichtiger Entwicklungsschritt in frühen Jahren. Die liegende Acht gilt auch als eine Übung der Stille, da die erforderliche Konzentration und die gleichmäßige Bewegung eine sehr beruhigende Wirkung auf das Kind haben. Fast könnte man hier von einem meditativen Charakter des Materials sprechen. Der Körper lernt also immer mit. Er unterstützt vielschichtige Lernprozesse durch die Entwicklung von neuen neuronalen Verbindungen. Das gelingt am Besten, wenn mit Hilfe des Lernmaterials auf ganz verschiedenen Ebenen Lerninhalte im Gehirn verankert werden. Hier liegt wohl ein Erfolgsrezept von Montessorimaterialien: Sie lassen sich zunächst mit den Augen betrachten, dann mit den Händen fühlen, oft auch schmecken, riechen oder hören um schließlich, positiv verstärkt, mit dem Verstand begriffen zu werden.
Kinesiologie und Edu-Kinestetik im Kindergarten
Auch im Kindergarten können Übungen zur Überkreuzung der Körpermitte eingesetzt werden, um die Kinder zu beruhigen und ihre Konzentration zu fördern. Die Edu-Kinestetik, entwickelt von Dr. Paul Dennison, basiert auf der Kernaussage "Bewegung ist das Tor zum Lernen". Einfache Übungen und Bewegungsbalancen können bei Kindern mit Lese- und Rechtschreibschwächen erstaunliche Erfolge erzielen.
Ein Beispiel für eine solche Übung ist die "Eule": "Umfasse mit deiner rechten Hand die linke Schulter und drücke die Muskeln zusammen. Dreh deinen Kopf und schau über die eine und dann über die andere Schulter nach hinten. Wie eine Eule kannst du dabei 'Schuhuhu' rufen." Diese Übung wirkt entspannend und beruhigend.
Spiele zur Überkreuzung der Körpermitte waren schon zu Zeiten unserer Großeltern bekannt und beliebt. Zusammen mit den Erkenntnissen aus der Kinesiologie erhalten sie neue Bedeutung für das Zusammenspiel der beiden Gehirnhälften. Besonders beliebt sind bei kleinen Kindern die Abklatschspiele mit rhythmischen Versen: "Scheren schleifen, Scheren schleifen, ist die beste Kunst. Zwei Kinder stehen sich gegenüber und klatschen wechselseitig mit der linken und der rechten Hand die linke und rechte Hand des anderen Kindes. Spaß haben die Kinder auch am Balancieren und Jonglieren.
Die Bedeutung der Stifthaltung für die Schreibmotorik
Auch die Stifthaltung spielt eine wichtige Rolle für die Schreibmotorik. Nur wenn die Finger den Stift unverkrampft halten, können sie die komplizierten Bewegungsabläufe präzise, zügig und ausdauernd durchführen. Ist die Stifthaltung jedoch steif oder die Beweglichkeit der Finger durch eine ungünstige Haltung eingeschränkt, kann die Hand schnell ermüden, verkrampfen und Schmerzen verursachen.
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Es gibt verschiedene Stifthaltungen, die für das Schreiben geeignet sind. Wichtig ist, dass die Bewegungsimpulse aus dem Handgelenk und den Fingern kommen. Um eine gute Stifthaltung entwickeln zu können, benötigen Kinder Wahrnehmungs- und Handlungserfahrungen.
Kritik an Neuromythen wie BrainGym®
Es gibt inzwischen sogar Artikel in Fachzeitschriften, die sich damit beschäftigen, warum so viele Angehörige bestimmter Berufsgruppen (z.B. Lehrer, Sporttrainer…) diesen Mythos und auch andere Neuromythen glauben. So wurden z.B. von Grospietsch und Kollegen (2919) Lehramtsstudenten, -Anwärter und Referendare der Universitäten Kassel und Kiel befragt. Von ihnen glaubten erschreckende 92% an die Wirksamkeit von Ansätzen wie BrainGym®, bei denen durch Überkreuz-Bewegungen die Hirnhälften „vernetzt“ werden sollen. Allerdings merken die Autoren an, dass teilweise sogar in Fachbüchern oder auch von den Dozenten selbst solche Ansätze gelehrt und verbreitet werden. Damit ist klar, warum solche Ansichten so verbreitet sind und sich so hartnäckig halten.
Ansätze wie BrainGym® basieren auf veralteten Theorien wie der Annahme von Orton in 1937, dass man Schwierigkeiten beim Lesen dadurch erklären könnte, dass jemand linkshändig, -füßig oder -äugig sei oder keine eindeutige Präferenz habe. Da wurde dann angenommen, dass man die Hirnhälften mit Übungen „ausbalancieren“ könnte. Warum werden solche Übungen trotzdem noch angewendet in Schulen und teilweise sogar in Lerntherapien? Weil eventuell noch nicht überall angekommen ist, dass sie auf Annahmen basieren, die schon vor etlichen Jahrzehnten wissenschaftlich widerlegt wurden.
Die Bedeutung von Bewegung für die Gehirnfunktion
Grundsätzlich ist Bewegung aber meistens eine gute Idee und kann auch in der Schule dazu führen, dass das Verhalten im Klassenraum besser wird.
Die neurologische Erklärung für die Überkreuzung der Nervenbahnen
Die historisch älteste Erklärung stammt von dem spanischen Mediziner Santiago Ramón y Cajal. Sie bezieht sich auf die Kreuzung der Sehnervenfasern. Sein Argument: Wenn die Sehnervenfasern sich nicht kreuzen würden, könnte die Außenwelt im Gehirn nicht korrekt wie in einem „Kopfkino“ repräsentiert werden.
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Die heute eher herangezogene wissenschaftliche Erklärung führt uns in eine Zeit lange vor der unseren zurück. In dieser Zeit lebten Wirbeltiere im Wasser, besaßen einen wurmförmigen Körper und ihr Gehirn bestand aus nicht viel mehr als aus einem Rückgrat und dem Hirnstamm. Um sich von seinem Feind abzuwenden, musste es auf der gegenüberliegenden Seite der stimulierten „Augen“ den Körper verkürzen. Zu diesem Zweck musste es eine Sehnervenkreuzung geben. In diesem Fall von dem rechten rudimentären Auge zu Muskelgruppen der linken Seite.
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