Übungen zur Linderung von Spastik bei Multipler Sklerose (MS)

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die eine Vielzahl von Symptomen verursachen kann, darunter Muskelsteifheit (Spastik), Koordinationsprobleme und Schwäche in Armen und Beinen. Spastik tritt bei etwa drei von vier MS-Patienten auf und führt häufig zu eingeschränkter Mobilität. Glücklicherweise gibt es verschiedene Übungen und Therapieansätze, die helfen können, die Spastik zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Einführung

Die Therapie der Spastik erfolgt in der Regel sowohl medikamentös als auch nicht-medikamentös, beispielsweise durch Physiotherapie oder Bewegungstraining. Während es genaue Richtlinien für die Verabreichung von Medikamenten gibt, existieren für die Gestaltung eines Bewegungstrainings nur grobe Empfehlungen. Dieser Artikel befasst sich mit verschiedenen Übungen und Techniken, die bei der Behandlung von Spastik im Zusammenhang mit MS eingesetzt werden können.

Ursachen und Auswirkungen von Spastik bei MS

Multiple Sklerose beeinträchtigt die Nervenleitfähigkeit, indem sie die Myelinscheiden, die schützenden Hüllen der Nervenzellen, schädigt. Dies führt zu einer gestörten Signalübertragung zwischen Gehirn und Körper, was sich in verschiedenen Symptomen äußern kann, darunter:

  • Muskelschwäche: Besonders in den Beinen, was das Gehen erschwert.
  • Spastiken: Unkontrollierte Muskelverkrampfungen, die Bewegungen erschweren.
  • Koordinationsprobleme: Zittern (Tremor) oder unkontrollierte Bewegungen.
  • Gleichgewichtsstörungen: Erhöhtes Sturzrisiko.
  • Fatigue: Eine extreme Erschöpfung, die die Bewegungslust hemmt.

Diese Symptome können den Alltag erheblich beeinträchtigen, sei es beim Treppensteigen, Greifen von Gegenständen oder beim einfachen Gehen.

Bewegungstraining und motorunterstützte Bewegungstrainer

In der Praxis werden häufig spezielle motorunterstützte Bewegungstrainer eingesetzt. Mit diesen ist ein passives Durchbewegen, z. B. der Beine, möglich, was zu einer Reduzierung der Spastik führen kann.

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Eine Studie des Instituts für Sportwissenschaft und Sport der Universität Erlangen suchte 2015 Teilnehmer, um die Wirksamkeit und Gestaltung von Bewegungstraining bei MS-bedingter Spastik zu untersuchen. Die Besonderheit dieser Studie war, dass jedem Teilnehmer für den Studienzeitraum von drei oder sechs Monaten ein Bewegungstrainer (MOTOmed) zur Verfügung gestellt wurde, mit dem das Bewegungstraining in den eigenen vier Wänden durchgeführt werden konnte. Erstellt und individuell angepasst wurde das Bewegungstraining in dieser Studie von einem Sportwissenschaftler der Universität, der das Heimtraining über ein spezielles Internetprogramm überwachte und steuerte.

Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF)

Eine bewährte Methode in der Physiotherapie, die MS-Patienten helfen kann, ist die Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF). Diese spezielle Technik nutzt gezielte Bewegungsmuster, um die Nerven-Muskel-Kommunikation zu fördern, Spastiken zu reduzieren und die Beweglichkeit zu verbessern.

PNF basiert auf drei zentralen Prinzipien:

  • Propriozeption: Die Wahrnehmung der eigenen Körperbewegung und -stellung wird geschult.
  • Neuromuskuläre Fazilitation: Die gezielte Aktivierung von Muskeln durch bestimmte Bewegungsmuster und Widerstände.
  • Dynamische Bewegungsmuster: Anstatt isolierte Muskeln zu trainieren, werden natürliche, funktionelle Bewegungen genutzt.

Ein Kernaspekt von PNF sind die sogenannten diagonalen Bewegungsmuster. Diese entsprechen den natürlichen Bewegungen unseres Körpers - beispielsweise die Drehbewegung beim Greifen eines Gegenstandes oder das Zusammenspiel von Armen und Beinen beim Gehen. Durch gezielten Widerstand, verbale Anweisungen und taktile Reize (z. B. durch Berührung des Therapeuten) werden geschwächte Muskeln aktiviert und neuromuskuläre Verbindungen gestärkt.

Da MS häufig die Kommunikation zwischen Gehirn und Muskulatur stört, kann PNF helfen, diese Verbindung zu reaktivieren und Bewegungsabläufe effizienter zu gestalten.

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Wie PNF bei MS helfen kann

PNF nutzt gezielte Bewegungsmuster, Widerstandstechniken und taktile Reize, um die neuronale Kommunikation zu verbessern und Muskelfunktionen zu aktivieren. Dies kann MS-Patienten in mehrfacher Hinsicht unterstützen:

  1. Verbesserung der Beweglichkeit: PNF nutzt diagonale Bewegungsmuster, um Gelenke und Muskeln auf natürliche Weise zu mobilisieren. Dies hilft, versteifte Strukturen zu lockern und die Flexibilität zu erhöhen.
  2. Reduktion von Spastiken: Durch gezielte Stretch-Techniken innerhalb der PNF-Therapie werden die betroffenen Muskeln sanft gedehnt und entspannen sich besser.
  3. Stärkung geschwächter Muskulatur: PNF arbeitet mit gezieltem Widerstand, um Muskeln zu stimulieren und Kraft aufzubauen, ohne sie zu überlasten.
  4. Förderung der Koordination und des Gleichgewichts: PNF nutzt rhythmische Bewegungsabläufe, die das Zusammenspiel verschiedener Muskelgruppen verbessern. Das hilft, sicherer zu gehen und das Sturzrisiko zu reduzieren.
  5. Erhalt der Alltagsfähigkeiten: PNF setzt direkt bei den Bewegungen an, die im Alltag gebraucht werden. Ob Aufstehen, Gehen, Greifen oder Drehen - PNF fördert die Fähigkeit, diese Bewegungen bewusst und effizienter auszuführen.

Konkrete PNF-Techniken für MS-Patienten

Je nach Symptomatik - ob Muskelschwäche, Spastiken oder Gleichgewichtsprobleme - gibt es spezifische Techniken, die gezielt unterstützen. Hier sind einige bewährte PNF-Techniken für MS-Patienten:

  1. Rhythmische Stabilisation: Verbesserung der Stabilität und Körperspannung durch sanften Widerstand in verschiedenen Richtungen, während der Patient eine Position hält.
  2. Dynamische Umkehrbewegungen: Erleichterung von fließenden Bewegungen und Muskelansteuerung durch diagonale Bewegungen.
  3. Bewegung nach Widerstand: Kräftigung der Muskulatur und Verbesserung der Muskelansteuerung durch gezielten Widerstand an bestimmten Körperpartien.
  4. Stretch-Techniken: Reduzierung von Muskelverkrampfungen und Verbesserung der Beweglichkeit durch gezielte Dehnungen der betroffenen Muskeln.
  5. PNF für das Gangtraining: Verbesserung des Gangbildes und Reduktion des Sturzrisikos durch sanfte Widerstände an Beinen oder Becken.

Praktische Tipps für MS-Patienten und Angehörige

  • PNF-Übungen in den Alltag integrieren: Diagonale Bewegungen beim Aufstehen, Greifen von Gegenständen und Gehen bewusst nutzen.
  • Regelmäßiges Üben: Neben den physiotherapeutischen Sitzungen sollten Patienten einfache Übungen auch zu Hause durchführen.
  • Auf die Körpersignale achten: Die Intensität der Übungen an die Tagesform anpassen.
  • Zusammenarbeit mit Physiotherapeuten und Angehörigen: Ein enger Austausch mit dem Physiotherapeuten hilft dabei, die Übungen optimal zu gestalten.
  • Motivation nicht verlieren: Kleine Erfolge bewusst wahrnehmen und sich realistische Ziele setzen.

Weitere Übungen und Therapieansätze

Neben PNF gibt es noch weitere Übungen und Therapieansätze, die bei der Behandlung von Spastik bei MS hilfreich sein können:

  • Dehnübungen: Regelmäßiges Dehnen der Muskeln kann helfen, die Spastik zu reduzieren und die Beweglichkeit zu verbessern.
  • Kräftigungsübungen: Gezieltes Training der Muskulatur kann helfen, die Kraft und Ausdauer zu verbessern und die Spastik zu reduzieren.
  • Gleichgewichtstraining: Übungen zur Verbesserung des Gleichgewichts können helfen, das Sturzrisiko zu reduzieren und die Mobilität zu verbessern.
  • Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie Yoga, Tai Chi oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen und die Spastik zu reduzieren.
  • Sportliche Aktivität: Regelmäßige sportliche Aktivität kann lindernd auf die Spastik wirken.
  • Medikamentöse Therapie: In einigen Fällen kann eine medikamentöse Therapie erforderlich sein, um die Spastik zu reduzieren.

Spezifische Übungen für MS-Patienten

  • Balance-Haltung: In Schrittstellung hinstellen und die Position so lange wie möglich halten.
  • Stehende Liegestütze: Vor einer Arbeitsplatte stehen, Hände auf den Rand legen, Arme beugen und den Oberkörper in Richtung Hände führen.
  • Zehenstand: Langsam mit den Fersen vom Boden abdrücken, bis man auf den Zehen steht.
  • Wechselseitige Armschere: Im hüftbreiten Stand vor einer Küchenzeile eine Hand auf der Arbeitsplatte, die andere am Schrank.

Hilfsmittel zur Unterstützung

Hilfsmittel können Hindernisse beseitigen und das Leben erheblich erleichtern. Für die Mobilität eignen sich Gehstöcke, Gehhilfen wie Rollatoren oder bei Bedarf ein Rollstuhl. Für den langfristigen Erfolg mit Physiotherapie bei MS ist es entscheidend, dranzubleiben und Übungen regelmäßig durchzuführen.

Medikamentöse Behandlung von Spastik

Für die Auswahl einer medikamentösen Behandlung ist entscheidend, wo die Spastik am Körper vorkommt und ob sich eine zugrundeliegende Schädigung im Rückenmark oder im Gehirn befindet. Vor diesem Hintergrund müssen Nutzen und Nebenwirkungen, Akzeptanz und Umsetzbarkeit einer Behandlung gründlich abgewogen werden.

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  • Orale Therapie: Mit Tabletten oder Spray (orale Therapie) werden vermehrte Muskelaktivität bei Spastik behandelt.
  • Dantrolen: Bewirkt Muskelentspannung durch Hemmung der Freisetzung von Kalziumionen im Muskel.
  • Sativex®: Ein Spray für die Mundhöhle und ausschließlich für die bei Multipler Sklerose auftretende spastische Tonuserhöhung zugelassen.
  • BoNT (Botulinum Neurotoxin): Wird bei einer Überaktivität von Muskeln angewendet, also auch zur Behandlung einer Spastik. Es lässt Muskeln für eine bestimmte Zeit erschlaffen, indem es die Übertragung vom Nerv auf den Muskel für einige Wochen bis Monate blockiert.
  • ITB (Intrathekale Baclofen Therapie): Zur Behandlung einer schweren Spastik kann man das Medikament Baclofen auch über ein spezielles Infusionssystem mit einer Pumpe einsetzen. Das Mittel wird dabei direkt in den Nervenwasserraum des Rückenmarks injiziert (intrathekal).

Neurorehabilitation schwerbetroffener MS-Patienten

Bei schwer betroffenen MS-Patienten mit einem Expanded Disability Status Scale (EDSS) ab 7 steht ebenfalls die Aktivität im Vordergrund. Ist Gehen noch möglich, sollte das Gehen weiter trainiert werden - jeder Schritt zählt. Dabei ist die Gangqualität untergeordnet. Entscheidend ist, dass der Patient mehrmals täglich geht. Auch ein Eigentraining mit einem Bewegungstrainer ist eine sinnvolle Ergänzung.

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