Unerwünschte Arzneimittelwirkungen auf das Nervensystem: Ein umfassender Überblick

Medikamente sind aus der modernen Medizin nicht mehr wegzudenken. Sie lindern Schmerzen, heilen Infektionen und behandeln chronische Krankheiten. Doch neben den erwünschten Wirkungen können auch unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW), umgangssprachlich als Nebenwirkungen bezeichnet, auftreten. Diese können das Nervensystem betreffen und sich vielfältig äußern. Ziel dieses Artikels ist es, einen umfassenden Überblick über UAW auf das Nervensystem zu geben, ihre Ursachen, Häufigkeit und Prävention zu beleuchten.

Einführung in unerwünschte Arzneimittelwirkungen

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) sind unerwünschte und unangenehme Wirkungen, die bei der Medikamenteneinnahme zusätzlich zur beabsichtigten therapeutischen Wirkung auftreten. Sie können mild oder schwer ausgeprägt sein und sowohl unmittelbar nach der Einnahme als auch erst nach längerer Zeit auftreten. Jeder Mensch reagiert dabei unterschiedlich, und selbst identische Medikamente können bei verschiedenen Personen unterschiedliche Nebenwirkungen hervorrufen.

Häufige Nebenwirkungen auf das Nervensystem

Viele Medikamente können das Nervensystem beeinflussen und verschiedene Symptome verursachen. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören:

  • Müdigkeit oder Schläfrigkeit: Beruhigungsmittel, Antidepressiva oder Antihistaminika können das zentrale Nervensystem beeinflussen und zu Müdigkeit führen. Dadurch beeinträchtigen sie auch die Arbeits- und Verkehrstüchtigkeit stark.
  • Schwindel oder Kopfschmerzen: Schwindel und Kopfschmerzen können bei verschiedenen Medikamenten auftreten, insbesondere bei solchen, die das Herz-Kreislauf-System beeinflussen, wie Blutdrucksenker oder Diuretika.
  • Sensorische Neuropathien: Diese können mit Missempfindungen wie Kribbeln, in manchen Fällen auch mit stechenden oder brennenden Nervenschmerzen einhergehen und durch Medikamente verursacht werden. Besonders häufig treten solche unerwünschten Wirkungen bei Zytostatika wie Platin-Verbindungen, Vinca-Alkaloiden und Taxanen in Abhängigkeit von der Dosis auf.
  • Kopfschmerzen: Bei Kopfschmerzen kann ein Blick in die Medikationsliste manchmal ebenfalls aufschlussreich sein. So ist der sogenannte Nitratkopfschmerz eine sehr häufige Nebenwirkung von Nitraten, die bei Angina pectoris eingesetzt werden. Ähnliche Effekte könne auch bei anderen gefäßerweiternden Substanzen auftreten, etwa Nimodipin oder Phosphodiesterase-Hemmern wie Sildenafil. In manchen Fällen lassen sich Kopfschmerzen mit neurotoxischen Effekten erklären, beispielsweise bei Herzglykosiden. Einige Arzneistoffe können auch den intrakraniellen Druck erhöhen und so zu Kopfschmerzen führen. Nicht zuletzt sollte der Apotheker auch die Selbstmedikation bei Kopfschmerz-Patienten kritisch hinterfragen. Denn bei Dauergebrauch können die Analgetika paradoxerweise selbst Kopfschmerzen verursachen. In solchen Fällen ist eine ärztliche Behandlung nötig.

Voriconazol und seine Auswirkungen auf das Nervensystem

Voriconazol (Vfend®) ist ein Breitspektrum-Triazol-Antimykotikum, das zur Behandlung invasiver Aspergillose und Fluconazol-resistenter Candida-Infektionen eingesetzt wird. Eine Besonderheit ist seine Liquorgängigkeit, die die Behandlung von Aspergillose des ZNS ermöglicht. Im deutschen Spontanmeldesystem wurden 66 Verdachtsfälle unerwünschter Arzneimittelwirkungen im Zusammenhang mit Voriconazol erfasst, wobei 22 Meldungen Störungen des zentralen und peripheren Nervensystems und 14 Meldungen psychiatrische Störungen betrafen. Genannt wurden unter anderem Verwirrtheit, Halluzinationen, Psychose, illusionäre Verkennung, paranoide Reaktion und Angstzustände. Sehstörungen wurden in klinischen Studien sehr häufig festgestellt.

Ein Fallbeispiel verdeutlicht das Problem: Ein 48-jähriger Patient entwickelte nach Beginn der Voriconazol-Therapie nächtliche Verwirrtheitszustände mit Sehstörungen, Tremor und Unruhe. Nach Absetzen des Medikaments verschwanden die Symptome innerhalb von 36 Stunden vollständig.

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Ursachen von Nebenwirkungen

Nebenwirkungen entstehen durch die Interaktion eines Medikaments mit dem Körper. Das Medikament entfaltet seine Wirkung dabei nicht nur auf das gewünschte Organ oder die beabsichtigte Stelle, sondern kann auch andere Bereiche beeinflussen. Diese nicht gezielten Wirkungen können unerwünschte Effekte hervorrufen. Die genauen Ursachen von Nebenwirkungen können vielfältig sein und hängen von verschiedenen Faktoren ab:

  • Dosierung: Eine höhere Dosis erhöht auch das Risiko von Nebenwirkungen. Sowohl zu niedrige als auch zu hohe Dosen können das Gleichgewicht im Körper stören und unerwünschte Reaktionen auslösen.
  • Dauer der Einnahme: Eine langfristige Einnahme kann die Anfälligkeit für Nebenwirkungen erhöhen. Gründe dafür sind, dass sich der Körper an das Medikament gewöhnt oder es zu einer Ansammlung von Substanzen im Körper kommt.
  • Unregelmäßige Einnahme: Bei einer unregelmäßigen Medikamenteneinnahme können im schlimmsten Fall Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Schlaganfälle auftreten. Eine konsequente Einnahme ist besonders wichtig bei Medikamenten, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in bestimmter Dosis eingenommen werden müssen.
  • Individuelle Empfindlichkeit: Die Genetik, das Alter und Geschlecht sowie Vorerkrankungen spielen eine wichtige Rolle bei der Reaktion auf Medikamente. Zudem reagieren einige Menschen empfindlicher und entwickeln schneller Nebenwirkungen.
  • Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten: Die gleichzeitige Einnahme mehrerer Medikamente kann die Wirkung verstärken oder abschwächen und so auch das Risiko für Nebenwirkungen erhöhen.
  • Ernährungsstil und Lebensweise: Bestimmte Lebensmittel und Lebensgewohnheiten, wie Alkohol und Rauchen, können die Wirkung von Medikamenten beeinflussen. Sie können auch unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen.

Wechselwirkungen und ihre Auswirkungen

Wechselwirkungen entstehen, wenn zwei oder mehr Substanzen miteinander interagieren beziehungsweise sich gegenseitig in ihrer Wirkung beeinflussen. Sie können die Medikamentenwirkung entweder verstärken oder abschwächen, aber auch unerwartete gesundheitliche Probleme verursachen. Das führt zu einer erhöhten Konzentration der Medikamente im Blut und kann Nebenwirkungen verstärken.

Ein Beispiel ist die Kombination von Alkohol und Beruhigungsmitteln (z. B. Benzodiazepine): Der Alkohol verstärkt die sedierende Wirkung, was zu extremer Schläfrigkeit, Atemdepressionen und sogar lebensbedrohlichen Zuständen führen kann.

Wechselwirkungen lassen sich in drei verschiedene Kategorien einteilen:

  • Pharmakokinetische Wechselwirkungen: Diese entstehen, wenn das Medikament den Körper auf unerwünschte Weise beeinflusst. Sie hängen mit der Aufnahme, der Verteilung, der Verstoffwechselung oder der Ausscheidung des Wirkstoffs zusammen. Die Aufnahme, der Abbau oder die Ausscheidung des Medikaments werden dabei durch ein anderes beeinflusst. Das heißt, das Medikament verändert die Konzentration eines anderen Medikaments im Körper.
  • Pharmakodynamische Wechselwirkungen: Diese treten auf, wenn zwei oder mehr Medikamente ihre Wirkungen im Körper auf eine Weise beeinflussen, die die Wirkung verstärkt, abschwächt oder verändert. Das kann eine Wechselwirkung zweier Medikamente an der gleichen oder einer unterschiedlichen Wirkstelle betreffen.
  • Nahrungswechselwirkung: Bestimmte Lebensmittel, wie Grapefruitsaft oder grünes Gemüse, das reich an Vitamin K ist, können die Wirkung von Medikamenten wie Statinen oder Blutverdünnern beeinflussen.

Präklinische Arzneimittelprüfung und Neurodegeneration

Jeder Anwendung eines neuen Arzneimittels am Menschen gehen präklinische Untersuchungen voraus, um Informationen über dessen Wirkungen und Sicherheit zu erhalten. Die präklinische Prüfung und Entwicklung beinhaltet die Durchführung experimenteller Studien an verschiedenen ausgewählten biologischen Systemen zur Untersuchung der pharmakologischen und toxikologischen Eigenschaften des Arzneimittels. Diese Untersuchungen sollen einerseits das pharmakologische Wirkungsprofil beschreiben und die beabsichtigte pharmakodynamische Wirkung nachweisen, andererseits sollen sie anhand weitgehend standardisierter Prüfverfahren valide Informationen zur Sicherheit und Toxizität des Wirkstoffs liefern.

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Unter einer Neurodegeneration versteht man einen chronisch fortschreitenden Schädigungsprozess an Nervenzellen, der zum Verlust neuronaler Funktionen und/oder zum Absterben der Neuronen führt. Dieser Prozess ist in der Regel auf definierte Zelltypen und/oder bestimmte Regionen des Zentralnervensystems (ZNS) begrenzt. Die Neuroprotektion ist analog dazu jeder substanzielle Effekt zur Verhinderung oder Verlangsamung beziehungsweise Abschwächung von neurodegenerativen Vorgängen.

Erkrankungen des autonomen Nervensystems

Erkrankungen des autonomen Nervensystems zeigen sich durch neurovegetative Überfunktion oder Unterfunktion. Dabei treten autonome Funktionsstörungen isoliert auf oder im Rahmen einer neurologischen Erkrankung. Die Beschwerden können das sympathische, parasympathische oder enterische Nervensystem isoliert oder in Kombination betreffen. Die sorgfältige Anamnese der neurovegetativen Funktionen ist für die Diagnose von Erkrankungen des autonomen Nervensystems entscheidend.

Anticholinergika und ihre Nebenwirkungen

Anticholinergika sind eine Gruppe von Arzneimitteln, die darauf abzielen, die Wirkung des Neurotransmitters Acetylcholin zu hemmen. Sie werden häufig zur Behandlung von verschiedenen Erkrankungen wie Asthma, Reizdarmsyndrom und Parkinson eingesetzt. Der Wirkmechanismus von Anticholinergika beruht auf der Bindung an muskarinische Acetylcholinrezeptoren (mAChR), die in verschiedenen Organen des Körpers vorkommen.

Zu den häufigsten Nebenwirkungen von Anticholinergika gehören Mundtrockenheit, Sehstörungen, Verstopfung, Harnverhalt und Gedächtnisprobleme. Anticholinergika können mit verschiedenen Arzneimitteln interagieren und somit unerwünschte Wirkungen hervorrufen.

Muskelschmerzen als Nebenwirkung

Wer unter Schmerzen leidet, bringt die Beschwerden in der Regel nicht mit seiner medikamentösen Therapie in Verbindung. Doch gerade bei älteren und multimorbiden Patienten ist die Aufmerksamkeit des Apothekers gefordert, damit Nebenwirkungen einer Pharmako­therapie nicht mit einem anderen Arzneistoff behandelt werden, der wiederum unerwünschte Wirkungen mit sich bringt. Das gilt beispielsweise bei Schmerzen der Muskeln. Zu den wichtigsten Arzneistoffen, bei denen man mit muskulären Nebenwirkungen rechnen muss, gehören die Statine.

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Unerwünschte Arzneimittelwirkungen in der Notfallambulanz

Einer aktuellen Studie zufolge steckt in mindestens 6,5 Prozent der Fälle eine unerwünschte Arzneimittelwirkung (UAW) dahinter, wenn ein Patient zum Notarzt muss. Die berichteten UAW betrafen oft den Magen-Darm-Trakt und das Nervensystem, zum Beispiel Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel und vorübergehende Bewusstlosigkeit (Synkopen). Auslöser der UAW waren am häufigsten antithrombotische Mittel und Blutdrucksenker wie Betablocker, ACE-Hemmer beziehungsweise AT-Blocker und Diuretika.

Prävention von Neben- und Wechselwirkungen

Die Prävention von Neben- und Wechselwirkungen erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Patienten und dem Gesundheitsdienstleister. Um die Wahrscheinlichkeit für Neben- oder Wechselwirkungen zu verringern, können Sie folgende Tipps umsetzen:

  • Informieren Sie Ihren Arzt immer über alle Medikamente, die Sie einnehmen. Dieser enthält wichtige Informationen über mögliche Neben- und Wechselwirkungen.
  • Besonders wenn Sie mehrere Medikamente einnehmen, empfiehlt es sich, ein Arzneimittelverzeichnis zu führen. Dies können Sie bei jedem Arztbesuch vorzeigen.
  • Setzen Sie Medikamente nicht eigenmächtig ab oder kombinieren Sie sie.
  • Beachten Sie die Lebensmittelinteraktionen einiger Medikamente.
  • Ein gut strukturierter Medikamentenplan hilft ihnen dabei, die korrekte Einnahme sicherzustellen.

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