Die unteren Extremitäten des Menschen sind von entscheidender Bedeutung für Fortbewegung, Körperstabilisierung, Balance und Gewichtsverlagerung. Anatomisch bestehen sie aus verschiedenen, funktionell miteinander verbundenen Abschnitten, die sich von der Hüfte abwärts erstrecken.
Überblick über die unteren Extremitäten
Die unteren Extremitäten umfassen den Beckengürtel, den Oberschenkel, das Kniegelenk, den Unterschenkel und den Fuß.
Beckengürtel
Der Beckengürtel bildet das stabile Fundament und verbindet die untere Extremität mit dem Rumpf. Er besteht aus zwei Hüftbeinen (Ossa coxae), die über die Iliosakralgelenke mit dem Kreuzbein (Os sacrum) verbunden sind. Jedes Hüftbein setzt sich aus drei Anteilen zusammen:
- Darmbein (Os ilium)
- Sitzbein (Os ischii)
- Schambein (Os pubis)
Die zentrale Funktion des Beckengürtels liegt in der Stabilisierung des Oberkörpers und der Übertragung von Kräften zwischen Rumpf und unteren Extremitäten. Die knöcherne Struktur ermöglicht den aufrechten Gang und schützt die inneren Organe des Beckens. Im Becken befinden sich lebenswichtige Organe wie Darm, Harnblase und Geschlechtsorgane sowie wichtige Blutgefäße und Nerven. Geschlechtsunterschiede am Becken sind evolutionär bedingt. Das weibliche Becken hat einen größeren, rund-ovalen Beckeneingang und einen stumpfen Schambeinwinkel von über 90°, was für den Geburtsvorgang entscheidend ist.
Oberschenkel
Der Oberschenkel erstreckt sich von der Hüfte bis zum Knie und enthält den Oberschenkelknochen (Femur), den längsten und kräftigsten Knochen des menschlichen Körpers. Das Femur besitzt einen Kopf (Caput femoris), der über das Hüftgelenk mit dem Becken verbunden ist. Die beiden Rollhügel (Trochanter major und minor) sind wichtige Ansatzstellen für die Hüftmuskulatur.
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Kniegelenk
Das Kniegelenk bildet die Verbindung zwischen Oberschenkel und Unterschenkel. Es ist das größte Gelenk des Körpers und wird durch Menisken, Bänder und Sehnen stabilisiert. Die Kreuzbänder (vorderes und hinteres) verhindern das Vor- und Rückgleiten der Knochen gegeneinander, während die Kollateralbänder (Seitenbänder) das Knie seitlich stabilisieren. Die Kniescheibe (Patella) verstärkt die Kraft der Oberschenkelmuskulatur.
Unterschenkel
Der Unterschenkel reicht vom Knie bis zum oberen Sprunggelenk und besteht aus zwei Knochen:
- Tibia (Schienbein)
- Fibula (Wadenbein)
Die Tibia ist der kräftigere der beiden Knochen und trägt das Hauptgewicht. Die vordere Schienbeinkante ist direkt unter der Haut tastbar. Beide Knochen sind durch eine Knochenhaut (Membrana interossea) verbunden, die zusätzliche Stabilität bietet.
Fuß
Der Fuß ist eine hochspezialisierte Struktur, die sowohl für Stabilität als auch für Beweglichkeit sorgt. Er besteht aus 26 Knochen, die in drei Abschnitte unterteilt sind:
- Fußwurzel (Tarsus): Sieben Knochen, darunter das Sprungbein (Talus) und das Fersenbein (Calcaneus).
- Mittelfuß (Metatarsus): Fünf Mittelfußknochen (Ossa metatarsi).
- Zehen (Phalangen): Vierzehn Zehenknochen (Phalanges). Die Großzehe hat zwei Glieder, die übrigen Zehen drei.
Der Fuß besitzt ein Längs- und Quergewölbe, das Stöße abfedert und eine gleichmäßige Gewichtsverteilung ermöglicht. Am Fußrücken lässt sich der Puls der Arteria dorsalis pedis tasten. Das obere Sprunggelenk (OSG) ist ein Scharniergelenk zwischen der Malleolengabel und dem Sprungbein. Das untere Sprunggelenk (USG) ermöglicht die seitlichen Fußbewegungen: Supination (Innenkante hoch) und Pronation (Außenkante hoch).
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Muskulatur der unteren Extremitäten
Die Muskulatur der unteren Extremitäten lässt sich nach ihrer Lage und Funktion in verschiedene Gruppen einteilen:
Oberschenkelmuskulatur
- Vordere Oberschenkelmuskulatur: Hauptsächlich durch den Nervus femoralis innerviert, umfasst sie den Musculus quadriceps femoris (mit den Anteilen Musculus rectus femoris, Musculus vastus lateralis, Musculus vastus medialis und Musculus vastus intermedius) und den Musculus sartorius. Diese Muskeln sind für die Kniestreckung und Hüftbeugung verantwortlich.
- Hintere Oberschenkelmuskulatur (Ischiocrurale Muskulatur): Innerviert durch den Nervus ischiadicus, besteht sie aus dem Musculus biceps femoris, Musculus semitendinosus und Musculus semimembranosus. Diese Muskeln bewirken die Kniebeugung und Hüftstreckung.
- Mediale Oberschenkelmuskulatur (Adduktoren): Innerviert durch den Nervus obturatorius, umfasst sie den Musculus adductor longus, Musculus adductor brevis, Musculus adductor magnus, Musculus pectineus und Musculus gracilis. Diese Muskeln sind für die Adduktion des Oberschenkels zuständig.
Unterschenkelmuskulatur
- Vordere Unterschenkelmuskulatur (Extensoren): Innerviert durch den Nervus fibularis profundus, umfasst sie den Musculus tibialis anterior, Musculus extensor hallucis longus, Musculus extensor digitorum longus und Musculus peroneus tertius. Diese Muskeln sind für die Dorsalextension des Fußes und die Zehenstreckung verantwortlich.
- Hintere Unterschenkelmuskulatur (Flexoren): Innerviert durch den Nervus tibialis, besteht sie aus dem Musculus gastrocnemius, Musculus soleus, Musculus plantaris, Musculus tibialis posterior, Musculus flexor digitorum longus und Musculus flexor hallucis longus. Der Musculus triceps surae, bestehend aus dem Musculus soleus und dem paarigen Musculus gastrocnemius, ermöglicht zusammen mit dem Musculus plantaris die Plantarflexion im Sprunggelenk.
- Laterale Unterschenkelmuskulatur (Peroneusgruppe): Innerviert durch den Nervus fibularis superficialis, umfasst sie den Musculus peroneus longus und Musculus peroneus brevis. Diese Muskeln bewirken die Plantarflexion und Eversion des Fußes.
Die Sehnen des Musculus tibialis posterior, Musculus flexor digitorum longus und Musculus flexor hallucis longus verlaufen hinter dem Malleolus medialis zum Fuß.
Nerven der unteren Extremitäten
Die neurale Anatomie der unteren Extremitäten umfasst die Nerven, die die Muskeln und die Haut innervieren und motorische und sensorische Funktionen bereitstellen. Aus dem Lenden- und dem Kreuzbeinplexus entspringen wichtige Nerven:
- Nervus femoralis: Innerviert die vorderen Oberschenkelmuskeln.
- Nervus ischiadicus: Der größte Nerv des Körpers, versorgt den hinteren Oberschenkel, das Bein und den Fuß. Er teilt sich in den Nervus tibialis und den Nervus fibularis communis (Nervus peroneus communis).
- Nervus obturatorius: Innerviert die medialen Oberschenkelmuskeln.
- Nervus tibialis: Führt motorische Fasern für das posteriore Kompartiment und mehrere sensorische Äste für den gesamten Unterschenkel (Nervus suralis, Rami calcanei mediales und laterales, sowie Nervi plantares mediales und laterales).
- Nervus fibularis communis (Nervus peroneus communis): Versorgt das Caput breve des Musculus biceps femoris. Er teilt sich in den Nervus fibularis profundus und den Nervus fibularis superficialis.
- Nervus fibularis (peroneus) profundus: Endast des Nervus fibularis communis, versorgt das anteriore Kompartiment motorisch und den 1. Interdigitalraum sensibel.
- Nervus fibularis (peroneus) superficialis: Endast des Nervus fibularis communis, versorgt die laterale Unterschenkelmuskulatur und die Haut an der Außenseite des Unterschenkels und des Fußrückens.
- Nervus saphenus: Ast des Nervus femoralis, entspringt im Trigonum femorale und begleitet die Vena saphena magna.
Die exponierte Lage des Nervus fibularis communis im Bereich des Fibulaköpfchens macht ihn anfällig für Schädigungen durch mechanischen Druck, z.B. durch einen Gipsverband.
Blutgefäße der unteren Extremitäten
Die Blutversorgung der unteren Extremitäten erfolgt über die Arteria femoralis und ihre Äste. Das venöse Blut wird über oberflächliche und tiefe Venen abtransportiert.
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Arterielle Versorgung
Die Leitungsbahnen der unteren Extremität gelangen auf der Vorderseite durch die Lacuna vasorum und durch die Lacuna musculorum sowie auf der medialen Seite durch den Canalis obturatorius aus dem Becken zur freien unteren Extremität. Die Arterien für Oberschenkel, Unterschenkel und Fuß gehen aus der Arteria femoralis (communis) hervor.
- Arteria femoralis: Entsteht aus der Arteria iliaca externa und teilt sich in die Arteria femoralis superficialis und die Arteria profunda femoris.
- Arteria profunda femoris: Versorgt den größten Teil der Strukturen des Oberschenkels.
- Arteria femoralis superficialis: Setzt den Verlauf der Arteria femoralis communis fort und geht am Hiatus adductorius in die Arteria poplitea über.
- Arteria poplitea: Setzt den Verlauf der Arteria femoralis superficialis fort und teilt sich am distalen Rand des Musculus popliteus in die Arteria tibialis anterior und die Arteria tibialis posterior.
- Arteria tibialis anterior: Tritt durch die Membrana interossea cruris in die Streckerloge ein und versorgt die Extensoren. Sie geht am distalen Rand des Retinaculum mm. extensorum inferius in die Arteria dorsalis pedis über.
- Arteria tibialis posterior: Zieht in die tiefe Flexorenloge und versorgt die tiefen Flexoren sowie die Tibia. Unterhalb des Soleussehenbogens entspringt die Arteria peronea (fibularis).
- Arteria peronea (fibularis): Versorgt die Fibula sowie die Muskeln der tiefen Flexorenloge und der Peroneusloge.
- Arteria dorsalis pedis: Setzt den Verlauf der Arteria tibialis anterior auf dem Fußrücken fort und zieht in das Spatium interosseum metatarsi I, wo sie sich in die Arteriae metatarsales dorsales aufteilt.
- Arteriae plantares medialis und lateralis: Entspringen aus der Arteria tibialis posterior und versorgen die Strukturen der Planta pedis.
Venöser Abfluss
Das venöse Blut der unteren Extremität wird über oberflächliche (epifasziale) und tiefe (subfasziale) Venen den Beckenvenen zugeführt. Der venöse Rückfluss erfolgt hauptsächlich über die tiefen Venen. Oberflächliche und tiefe Beinvenen verfügen über zahlreiche Venenklappen und stehen über Perforansvenen miteinander in Verbindung.
- Vena saphena magna: Entspringt am medialen Fußrand und zieht vor dem medialen Knöchel zur Innenseite des Unterschenkels, wo sie vom Nervus saphenus begleitet wird. Sie mündet im Schenkeldreieck in die Vena femoralis.
- Vena saphena parva: Gelangt vom lateralen Fußrand hinter dem Malleolus lateralis zur Mitte der Unterschenkelrückseite und mündet in der Fossa poplitea in die Vena poplitea.
- Vena poplitea: Entsteht durch den Zusammenfluss der Venae tibiales anteriores und posteriores und setzt sich als Vena femoralis fort.
- Vena femoralis: Begleitet die Arteria femoralis und mündet in die Vena iliaca externa.
Klinische Relevanz
Die Kenntnis der Anatomie der unteren Extremitäten ist für die Diagnose und Behandlung verschiedener Erkrankungen von großer Bedeutung:
- Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK): Erkrankung aufgrund von Arteriosklerose, die zu arteriellen Stenosen und/oder Verschlüssen der arteriellen Gefäße in den Extremitäten führt.
- Tiefe Venenthrombose (TVT): Bildung eines Blutgerinnsels in einer tiefen Vene, meist in den Beinvenen.
- Chronische venöse Insuffizienz: Insuffizienter Rückfluss von venösem Blut zum Herzen, der zu venöser Stauung im Bein führt.
- Periphere Nervenverletzungen: Schädigung peripherer Nerven, z.B. des Nervus fibularis communis.
- Fuß- und Sprunggelenksschmerzen: Können durch verschiedene Ursachen bedingt sein, z.B. durch Kompression des Nervus tibialis unter dem Retinaculum flexorum (Tarsaltunnelsyndrom).
- Schenkelhalsfrakturen: Häufige Brüche bei älteren Menschen, meist verursacht durch Osteoporose und Stürze.
- Kreuzbandverletzungen: Häufige Sportverletzungen, insbesondere bei schnellen Richtungswechseln oder Landungen nach Sprüngen.
- Hüftdysplasie: Angeborene Fehlbildung der Hüftpfanne, die zu erhöhtem Druck und vorzeitigem Verschleiß des Gelenkknorpels führen kann.
- Fußdeformitäten: Wie Plattfuß, Hohlfuß oder Knickfuß, die zu chronischen Schmerzen und Folgeschäden führen können.
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