Die beruhigende Wirkung des Waldes auf das vegetative Nervensystem

Gestresst, niedergeschlagen, ausgebrannt? Dann wird es höchste Zeit für ein Waldbad! Shinrin Yoku, der Trend aus Japan, findet auch hierzulande immer mehr Anhänger. Wer hat’s erfunden? Die Japaner. Shinrin Yoku bedeutet auf Japanisch so viel wie „Eintauchen in die Waldatmosphäre“ oder schlicht „Waldbaden“. Die medizinische Wirkung beim Shinrin Yoku reicht von der deutlichen Reduzierung des Stresslevels über die Stärkung des Immunsystems bis hin zu positiven Effekten bei psychischen und chronischen Erkrankungen.

Ursprung und Definition des Waldbadens

Geprägt hat diesen Begriff die japanische Forstbehörde in den 1980er Jahren ursprünglich als Slogan für eine Waldschutzkampagne. Dabei dreht sich alles um einen möglichst intensiven Kontakt zwischen Mensch und Natur, speziell zwischen Mensch und Wald. Hintergrund: In der japanischen Kultur fühlen sich die Menschen viel stärker als Teil der Natur als in der westlichen Welt. Grundsätzlich suchen immer mehr Menschen das Naturerlebnis als Gegengewicht zu einem Alltag, der sich überwiegend vor dem Bildschirm und in einer künstlichen Umgebung abspielt. Die Ursache für dieses Streben zurück in die Natur liegt wahrscheinlich in der Herkunft des Menschen. Er hat sich in einer natürlichen Umgebung entwickelt und diese aus evolutionstechnischer Sicht erst seit Kurzem verlassen. Zwischen Smartphone, Reizüberflutung und Alltagsstress trifft Waldbaden zudem genau den Nerv der Zeit in puncto Achtsamkeit für sich selbst und die Natur.

Wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien

Den Grundstein für die heutige Naturtherapie legten japanische Wissenschaftler bereits in den 1980er Jahren. Sie belegten in von der Regierung geförderten Forschungen, dass Waldbaden gesund ist. Professor Qing Li war einer der ersten, der wissenschaftlich belegte, dass Waldbaden gesund ist. In seiner vielbeachteten Studie von 2007 wies er nach, dass die im Wald vorkommenden Terpenoide das Immunsystem stärken. Diese botanischen Duftstoffe werden von den Bäumen und Sträuchern im Wald verströmt. Werden die Terpenoide während eines Waldspaziergangs beim Atmen oder über die Haut aufgenommen, aktivieren sie im menschlichen Körper die sogenannten Killerzellen. Zudem inspirierten Qing Lis Forschungen an der Stanford University zum Thema Anti-Krebs-Proteine ihn zu weiteren Erkenntnissen. Denn diese Killerzellen aktivieren ebenfalls die drei wichtigen Anti-Krebs-Proteine: Perforin, Granulysin und Granzyme. Daher wird inzwischen zur Verwendung von Terpenoiden in der Krebsforschung geforscht. Es gibt bereits Chemotherapeutika auf der Grundlage von Terpenoiden.

Der Wald ist außerdem voller mikroskopisch kleiner Lebewesen, den sogenannten Mikroorganismen wie Bakterien und Pilzen. Auf einem Quadratzentimeter Blatt leben beispielsweise bis zu zehn Millionen Bakterien und 1000 mikroskopische Pilze. Auch darum ist Waldbaden gesund. Denn für den menschlichen Körper ist es wichtig, mit solchen Organismen in Berührung zu kommen und sich damit auseinanderzusetzen. In unserer immer steriler werdenden Lebensumgebung geht deren Anteil nämlich stark zurück. Da sich im menschlichen Körper selbst ebenfalls an die 30 Billionen Mikroorganismen tummeln, kommt es auch zu positiven Wechselwirkungen, wenn die Waldmikroben über die Atmung oder die Haut in den Körper gelangen. Die allergen- und schadstoffarme Waldluft bekommt besonders Menschen mit Atemwegserkrankungen gut. Hier profitieren sowohl Patienten mit einer hohen Infektanfälligkeit als auch diejenigen mit chronischen Lungenerkrankungen. Die Bewegung im Wald kräftigt außerdem die Muskulatur. Dadurch können Beschwerden am Bewegungsapparat verringert werden. Shinrin Yoku wirkt sehr effektiv auch bei Burnout, Depressionen und Angststörungen. Das belegen weitere wissenschaftliche Untersuchungen. So verbesserte sich die psychische Verfassung vieler Studienteilnehmer nachweislich nach dem Waldbaden. Vor allem aber gestressten Menschen tut Waldbaden gut.

Farbpsychologie und Waldbaden

Bei einem Waldspaziergang können Farben unsere Laune beeinflussen. Menschen nehmen Farben nicht nur optisch wahr. Überall auf der Haut befinden sich lichtempfindliche Sensoren, die auf Farben körperlich reagieren. Das passiert auch bei einem Waldspaziergang. Dein Nervensystem erkennt die Farben und leitet Signale an dein vegetatives Nervensystem. Je nach Farbe reagieren dein Stoffwechsel, deine Atmung und der Blutdruck. Grün ist eine lebensbejahende Farbe, die Glückshormone auslöst. Dieses Sicherheitsgefühl ist fest im Menschen verankert, da ein grüner Hügel oder ein dichter Wald schon für unsere Vorfahren ein gutes Versteck waren. Auch im Herbst lohnt es sich, im Wald spazieren zu gehen. Die Farbe Orange führt nachweislich zur Ausschüttung von Dopamin, eines Belohnungshormons. Sie wirkt belebend und stimmungsaufhellend. Gelb kann Ängste hemmen und wohlige Gefühle erzeugen, während Rot aufmerksamer macht und den Blick fürs Detail schärft.

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Die Kraft des Waldes: Terpene steigern Abwehrzellen

Neben dem wohltuenden „Grün“ für die Augen hat Shinrin Yoku noch viele andere positive Einflüsse auf den Körper: die Senkung des Blutdrucks, des Blutzuckerspiegels und der Stresshormone - sowie eine Steigerung des Hormons DHEA. Studien zeigen, dass DHEA stress- und altersbedingten Vitalitätsstörungen und Ermüdungserscheinungen des Körpers entgegenwirkt. Besonders spannend ist auch die Tatsache, dass unser Immunsystem bei einem Waldbesuch gestärkt wird. „Bäume geben bioaktive Substanzen ab, sogenannte Terpene. Das ist wie eine Art Kommunikationssystem des Waldes. Über die Terpene können sich Bäume gegenseitig warnen, wenn ein Baum von Fressfeinden befallen ist. Dann kann er Stoffe abgeben, die andere Bäume regelrecht davor warnen. Und damit sind wir beim Interessantesten, was derzeit in Sachen Waldbaden erforscht wird: Diese Terpene kommunizieren auch mit dem Immunsystem des Menschen! Unsere natürlichen Killerzellen werden unmittelbar erhöht, wenn wir auf diese Terpene treffen. Dadurch kann man sein Immunsystem ordentlich stärken“, so Frau Bernjus. Das passiert natürlich nicht nur beim entspannten Waldbad, sondern auch beim Wandern und Bergsteigen in einer Waldatmosphäre. Übrigens: Bei einem Tag im Wald steigen die natürlichen Killerzellen im Körper um 40 Prozent an. Der Wald ist also sowohl für unsere Seele, als auch für unsere Gesundheit eine richtige Schöpferquelle.

Waldbaden und das vegetative Nervensystem

Diese Stressreduzierung ist einer der Schlüssel dazu, dass Waldbaden gesund ist. Denn im Stressmodus wird automatisch das Immunsystem blockiert, weil der Körper auf andere Prioritäten fokussiert ist. Auch dies hat einen evolutionsbiologischen Hintergrund. Es hängt mit unserem vegetativen Nervensystem zusammen. Das vegetative Nervensystem besteht aus zwei Teilen: dem Sympathikus und dem Parasymphatikus. Stress aktiviert den Sympathikus und versetzt den Körper in Dauerbereitschaft. Stresshormone und -enzyme werden ausgeschüttet. Alle Zeichen stehen auf Alarm. Der Körper ist im Fluchtmodus, bereit dazu, im Notfall Höchstleistungen abzurufen. Dem wird alles andere untergeordnet. Der Pulsschlag rast, die Skelettmuskulatur wird angespannt, die Immunfunktion gehemmt. Durch das Waldbaden jedoch übernimmt der Parasymphatikus die Oberhand. Die Prozesse im Margen-Darm-Trakt werden angeregt, das Immunsystem aktiviert, die Atmung wird ruhiger, Muskeln entspannen sich. Zusätzlich werden beim Shinrin Yoku die Sinne geschärft. Das regt die Kreativität an, wirkt inspirierend und ruft Glücksgefühle hervor. Man wird achtsamer sich selbst gegenüber und der Natur.

Einfluss auf das vegetative Nervensystem (Sympathikus vs. Parasympathikus)

Das vegetative Nervensystem, bestehend aus Sympathikus und Parasympathikus, reagiert sehr sensibel auf Umweltreize - und beim Waldbaden verschiebt sich sein Gleichgewicht deutlich in Richtung Parasympathikus-Aktivität. Der Parasympathikus ist für „Ruhe und Regeneration“ zuständig, während der Sympathikus für „Alarm- und Stressreaktionen“ steht. Naturaufenthalte stimulieren nachweislich den parasympathischen Ast und drosseln den sympathischen Ast des Nervensystems. Dieser Wechsel zeigt sich in den bereits erwähnten Veränderungen: Sinkender Puls und Blutdruck sowie eine steigende Herzratenvariabilität sind typische Anzeichen einer parasympathischen Dominanz, also eines entspannten physiologischen Zustands. Umgekehrt nimmt die sympathische Anspannung (Fight-or-Flight-Reaktion) ab - messbar etwa an reduzierten Noradrenalin/Adrenalin-Spiegeln und geringerer Hautleitfähigkeit. In einer Studie verbesserte ein zweitägiges intensives Waldbaden die Sympathikus-zu-Parasympathikus-Balance so deutlich, dass selbst unter einem anschließenden mentalen Stresstest (Kopfrechenaufgaben) die Probanden eine höhere Parasympathikus-Aktivität und niedrigere Stressreaktion zeigten als vor dem Waldaufenthalt. Waldbaden wirkt also wie ein Reset des autonomen Nervensystems: Der Körper schaltet vom „Auftouren“ in den Erholungsmodus, was subjektiv als Entspannung empfunden wird. Viele Menschen berichten zum Beispiel, dass sie sich nach dem Waldgang „tiefenentspannt“ fühlen - diese Empfindung korreliert mit objektiven autonomen Markern. Insgesamt fördert Waldbaden eine parasympathische Vorherrschaft, was langfristig gesundheitsfördernd ist, da chronisch erhöhte Sympathikusaktivität ein Risikofaktor für zahlreiche Erkrankungen (von Bluthochdruck bis Insomnie) darstellt. Die Vegetativum-Regulation durch den Wald unterstützt somit körperliche Regeneration und psychische Ruhe gleichermaßen.

Wie funktioniert Waldbaden?

Waldbaden - wie geht das nun eigentlich genau? Die einfachste Form des Waldbadens ist ein längerer Spaziergang oder schlicht das Sitzen im Wald. Dabei geht es darum, die Umgebung bewusst wahrzunehmen: beobachten, riechen, schmecken, tasten, fühlen - den Wald schlicht spüren. Darauf bauen unterschiedlichste Therapieformen auf. Naturtherapie-Zentren in Japan bieten schon seit Jahrzehnten ein vielfältiges Kursprogramm für Shinrin Yoku an. Denn da mittlerweile belegt ist, dass Waldbaden gesund ist, verordnen japanische Ärzte es zur Prävention, Behandlung und Rehabilitation. Auch in Deutschland wächst das Kursangebot rund ums Waldbaden kontinuierlich. Sie haben kein Waldtherapiezentrum in der Nähe, sind zurzeit nicht in der Reha und finden keinen Kursanbieter? Egal! Waldbaden funktioniert auch hervorragend in Eigenregie. Maßgeblich beim Shinrin Yoku ist, sämtliche Stressfaktoren auszuschalten. Und dann einfach alle Sinne schärfen, die Ruhe und die vielfältigen Eindrücke zulassen und wirken lassen. Ganz wichtig dabei: Kontakt zur Umgebung aufnehmen! Unkompliziert und ohne großartige Vorbereitung durchführbar - das gehört mit zu den schlagkräftigsten Vorteilen von Shinrin Yoku. Zudem setzt die positive Wirkung bereits nach extrem kurzer Zeit ein. Waldbaden ist allein möglich oder in der Gruppe. Gerade Familien schätzen die gemeinsame Zeit in der Natur. Dazu kommt: Einfach für jedermann ist Waldbaden gesund und zwar in jedem Lebensalter. Die heilende Waldluft bekommt Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen. Weil Waldbaden gesund ist, finden sich inzwischen immer mehr kommerzielle Anbieter für Kurse auch hierzulande. Und nebenbei entstand ein ganz neues Berufsbild: der Waldtherapeut - auch Waldbaden-Coach oder Waldbademeister genannt. Welch wunderbar klingende Bezeichnungen, nicht wahr? Auch eine einfache Internetsuche nach einem geeigneten Kurs in der Nähe ergibt in der Regel mehrere regionale Treffer. Kurse werden zum Beispiel von Touristikverbänden, Sportvereinen, Tanzakademien, medizinischen Einrichtungen oder über die Volkshochschule angeboten. Bei diesen handelt es sich oft um Biologen, Förster, Heilpraktiker oder Therapeuten. Auch viele Baumpfleger wissen aus eigener täglicher Erfahrung, dass Waldbaden gesund ist und bieten beispielsweise Erlebnistage im Wald an. Im Grunde kann jeder, der sich für den Wald und seine Heilkräfte interessiert, sich zum Coach für Waldbaden weiterbilden. Allerdings handelt es sich weder um einen Ausbildungsberuf noch um eine geschützte Berufsbezeichnung. Immer mal wieder bieten auch Baumpfleger Waldbaden-Kurse oder Walderlebnistage an. Der gemeinnützige Verein Bundesverband Waldbaden (BVWA) bietet ebenfalls Seminare zum Waldbaden an, ebenso das Kompetenzzentrum für Waldmedizin und Naturtherapie in Bad Wörishofen, um nur einige Fortbildungsmöglichkeiten zu nennen.

3 ganz einfache Experten-Tipps für das Waldbaden

  1. Tempo reduzieren (evtl. sogar in Zeitlupe gehen), schlendern, streifen, entschleunigen
  2. „Wald in die Hand nehmen“ - Fühlen
  3. Hinzusetzen, hören, lauschen - ohne Uhr, sich bewusst Zeit für das Waldbad nehmen

Anleitung zum Waldbaden

  1. Störfaktoren ausschalten
  2. Zeit lassen
  3. Bewusst atmen
  4. Ruhephasen einplanen
  5. Achtsam sein

Handys und/oder der Konsum von digitalen Inhalten haben beim Waldbaden nichts verloren. Denn beim Waldbaden geht es darum, still zu werden und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Damit das Waldbaden auch effektiv ist, sollte man mehrere Stunden oder sogar einen ganzen Tag im Wald verbringen. Die gelaufenen Kilometer spielen keine Rolle. Wichtig ist das Erlebnis in der Natur. Mit einer ruhigen und tiefen Atmung fördert man die Entspannung. Die Atmung ist entscheidend, ob Euer Körper zur Ruhe kommt. Die saubere Luft im Wald sorgt für vermehrte Glückshormone. Nehmt Euch Zeit, die Natur bewusst wahrzunehmen. Setzt Euch auf einen Baumstamm oder auf einen Stein und genießt die Umgebung. Das Waldbaden soll keinesfalls anstrengend sein, sondern neue Energie schenken. Reicht die Wanderung im Wald nicht aus, um Euch zu entspannen, könnt Ihr auch eine Meditation ausprobieren. Ziel des Waldbadens soll es sein, dass Eure Aufmerksamkeit auf einer Sache ruht.

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Was ist das eigentlich…Waldbaden?

„Waldbaden - im Endeffekt ist es genau das: Ein Eintauchen in die Waldatmosphäre. So wie wir in das Wasser beim Schwimmen tauchen, tauchen wir hier in den Wald ein", erklärt die Autorin und Entspannungspädagogin Annette Bernjus. "Waldbaden ist ein Ankommen im Wald, statt einem Durchlaufen - eine Art Meditation“ Man schlendert, rastet, beobachtet. Ein richtiges Waldbad sollte circa 2 Stunden dauern - bei einer Strecke von 2 bis 3 Kilometern. Also ganz nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel.

Ein weiterer Unterschied zum Waldspaziergang ist, dass beim Waldbaden das Wahrnehmen mit allen Sinnen besonders wichtig ist. Wie fühlen sich die Erde und das Moos an? Höre ich die Vögel zwitschern? Wie riecht die Erde im Wald? Die Waldbad-Expertin rät mit einem Ritual zu beginnen, um ganz bewusst den Schritt vom Alltag in die Natur zu zelebrieren - zum Beispiel einen Steinkreis zu legen. Neben dem genauen Beobachten des Waldes und dem „Spüren“, kann man in das Waldbad auch Meditationen und Atemübungen einbauen. Und „muss“ man auch einen Baum umarmen? Frau Bernjus, die auch geführte Waldwanderungen anbietet, wird mit dieser Frage immer wieder konfrontiert. „Ich sag immer: Wir müssen gar nichts. Alles kann sein, aber nichts muss. Ich würde es auf alle Fälle mal empfehlen! Man muss auch nicht direkt den Baum umarmen. Man kann sich auch einfach mal an den Stamm lehnen oder sich an die Wurzel setzen und die Kraft spüren.“

Was hilft, wenn die Gedanken rattern und einem das Abschalten schwerfällt? Denn genau das kann natürlich auch in der Stille passieren. Oberste Devise: Machen Sie sich nicht verrückt! Zweitens: Versuchen Sie ganz bewusst, die Aufmerksamkeit woanders hinzulenken, indem Sie die kleinen Dinge im Wald beobachten. „Es ist das „Sich-Einlassen“ auf die Einfachheit und das Leichte. Dann spüren Sie ganz von selbst, dass in dieser Einfachheit das Geniale steckt“, erzählt Frau Bernjus begeistert. „Wenn ich vom Wald fasziniert bin, komm ich in ein Staunen rein. Und wir sagen immer: Staunen geht gar nicht gleichzeitig mit Gedanken machen. Beim Staunen bin ich im Hier und Jetzt.“ Seien Sie dankbar, dass Sie jetzt hier an diesem wunderbaren Ort sein dürfen.

Waldbaden in Deutschland

In Deutschland ist die Waldtherapie ebenfalls auf dem Vormarsch. Der erste offizielle Kurwald wurde 2017 eröffnet. Er liegt in Heringsdorf auf der Insel Usedom in Mecklenburg-Vorpommern. Seitdem sind mehrere anerkannte Kur- und Heilwälder dazugekommen, beispielsweise in Plau am See und an der Müritz. Weitere Wälder an der Ostseeküste und der Mecklenburgischen Seenplatte befinden sich in der Umsetzungs- und Entwicklungsphase. In weiteren Bundesländern ist die Schaffung von Kur- und Heilwäldern in der Planung. Meist arbeiten dabei die Bäderverbände, das Wirtschaftsministerium, die jeweilige Landesforst-Anstalt und Universitäten Hand in Hand. In Bayern beispielsweise gab es von 2019 bis 2022 ein Pilotprojekt des Bayerischen Heilbäder-Verbandes in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Wirtschaftsministerium und der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Ziel: Kriterien für Kur- und Heilwälder zu entwickeln, Waldgesundheitstrainer und Waldtherapeuten auszubilden sowie Therapie- und Rehabilitationsangebote zu entwickeln. 15 bayerische Kurorte und Heilbäder wie Bad Wörishofen, Garmisch-Patenkirchen, Bad Kötzting und Treuchtlingen bewarben sich darum, die Wälder in ihrer Nähe künftig auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse für präventive und rehabilitierende waldtherapeutische Angebote nutzen zu dürfen. An japanischen Universitäten ist es mittlerweile sogar möglich, die fachärztliche Spezialisierung Waldmedizin zu studieren.

Zielgruppen und therapeutische Anwendungsfelder

Grundsätzlich profitiert jeder Mensch von regelmäßigem Naturkontakt, aber einige Gruppen und Krankheitsbilder erfahren besonders deutliche Effekte. Allen voran Menschen mit Stressbelastungoder Burnout-Gefährdung: Waldbaden wurde in Japan gezielt als Maßnahme zur Stressprävention für Arbeitnehmer eingeführt. Gestresste Personen erleben im Wald eine nachweisliche Reduktion von Anspannung, Angst und Ärger - Fragebögen zeigen weniger Stimmungsschwankungen und Erschöpfung nach dem Naturaufenthalt. Für Burnout-Patienten (die unter chronischer Erschöpfung und Stressfolge-Symptomen leiden) kann die parasympathikus-aktivierende Wirkung des Waldbadens eine wertvolle Hilfe sein, um aus dem dauerhaften „Alarmzustand“ herauszufinden. Modellprojekte in der sogenannten Waldmedizin erkunden bereits den Einsatz von Waldbaden in der Burnout-Therapie, mit vielversprechenden Ergebnissen in Bezug auf Regeneration und subjektives Wohlbefinden. Auch bei Depressionen und Angststörungen bieten Naturaufenthalte unterstützende Effekte: Die antidepressive Wirkung von Waldumgebungen wurde in mehreren Studien beschrieben - Waldtherapie senkt Depressionswerte (POMS-Depressionsskalen oder BDI-Scores) und steigert zugleich Vitalitäts- und Lebensfreude-Scores. Die Kombination aus hirnphysiologischen Veränderungen (weniger Grübeln, verringerte Aktivität im depressionsrelevanten präfrontalen Cortex ) und akuter Stimmungsaufhellung kann depressive Symptome mildern. Bei Angststörungen hilft Waldbaden durch das Senken der körperlichen Stressantwort: Herzklopfen, Blutdruck und Stresshormone - all das, was bei Angst häufig hochreguliert ist - normalisiert sich in der ruhigen Waldatmosphäre.

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Dauer und Häufigkeit des Naturaufenthalts für optimale Effekte

Wie lange und wie oft sollte man in den Wald gehen, um diese positiven Effekte zu erzielen? Die gute Nachricht ist: Schon relativ kurze Naturaufenthalte zeigen Wirkung. Untersuchungen an Studierenden ergaben, dass bereits 10 bis 30 Minuten täglicher Aufenthalt im Grünen ausreichen können, um Stressmarker zu reduzieren - der Puls und Blutdruck sanken signifikant, der Cortisolspiegel ging zurück und der Parasympathikus wurde aktiver, verglichen mit gleichlangen Aufenthalten in städtischer Umgebung. Auch mehrfach kurze Naturpausen pro Woche können sich summieren. Eine großangelegte britische Studie fand heraus, dass ab etwa 120 Minuten Naturkontakt pro Woche deutliche Gesundheitsvorteile auftreten. Personen, die mindestens 2 Stunden pro Woche in der Natur verbrachten (sei es verteilt auf mehrere kurze Besuche oder am Stück), berichteten signifikant häufiger von guter gesundheitlicher Verfassung und höherem Wohlbefinden. Interessanterweise spielte es keine große Rolle, ob die 120 Minuten in einer einzigen längeren Sitzung oder über mehrere Tage verteilt erreicht wurden - entscheidend war die Gesamtdauer pro Woche. Die positiven Effekte scheinen zudem mit zunehmender Aufenthaltsdauer bis zu einem gewissen Plateau zu steigen: In der genannten Studie zeigte das Wohlbefinden bei ca. 3-5 Stunden Natur pro Woche ein Maximum, darüber hinaus gab es keine zusätzlichen Gewinne . Für spezifische Wirkungen wie die Immunstimulation durch NK-Zellen empfehlen einige Experten, mindestens einmal pro Monat einen ausgedehnten Waldtag einzuplanen. Da ein einzelner Waldbad-Trip die Immunaktivität teils bis zu vier Wochen anheben kann, erscheint ein monatlicher Turnus sinnvoll. In Japan haben sich beispielsweise 2-Tages-Programme in speziellen Waldtherapie-Zentren bewährt, um gestressten Menschen einen intensiven „Reset“ zu ermöglichen - die Effekte halten dann mehrere Tage an. Für den Alltag lässt sich festhalten: Regelmäßigkeit ist wichtig. Ideal ist es, mehrmals pro Woche kürzere Naturaufenthalte (etwa Spaziergänge im Park oder Wald von 20-30 Minuten) einzubauen und diese ggf. durch gelegentliche längere Waldausflüge am Wochenende zu ergänzen. So können akute Stresssenkungen sofort erzielt und durch kontinuierlichen Naturkontakt langfristige Gesundheitswirkungen gesichert werden. Wer keine tiefen Wälder in der Nähe hat, kann auch städtische Parks und Grünanlagen nutzen - Studien zeigen, dass selbst grüne Stadtoasen eine messbare Erholung bewirken, wenn auch der Effekt in unberührter Waldumgebung tendenziell am stärksten ist.

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