Die Spastik, abgeleitet vom griechischen Wort „spasmós“ (Krampf), ist ein medizinischer Zustand, der durch eine krankhaft erhöhte Muskelspannung (Muskeltonus) gekennzeichnet ist. Sie entsteht infolge einer Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS), welches Gehirn und Rückenmark umfasst. Diese Schädigung führt zu einer unkontrollierten Muskelaktivität, die dauerhafte Fehlstellungen von Gelenken in Armen und Beinen und damit verbundene Bewegungseinschränkungen, die sogenannte spastische Lähmung, verursacht.
Grundlagen der Spastik
Spastik ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom, das auf eine Schädigung des zentralen Nervensystems zurückzuführen ist. Die Schädigung des Gehirns oder des Rückenmarks kann zahlreiche Ursachen haben, z. B. Hirntumor. Eine Spastik wird ausgelöst, wenn das zentrale Nervensystem (ZNS) so geschädigt ist, dass Nervenbahnen zwischen Gehirn und Rückenmark betroffen sind, die unsere Bewegungen steuern. In Deutschland sind schätzungsweise 800.000 Personen betroffen, darunter ca. 50.000 Kinder.
Die Spastik kann zeitnah oder mit einer Verzögerung von Wochen oder Monaten nach der eigentlichen Schädigung des Zentralnervensystems auftreten. Eine sehr häufige Ursache für eine Spastik ist ein Schlaganfall bzw. Hirninfarkt. In Deutschland erleiden jährlich 250.000 Menschen einen Schlaganfall (Stiftung dt. Schlaganfall-Hilfe). Bei mehr als einem Viertel entwickelt sich nach einer Zeitspanne von ca. 3-6 Monaten eine Spastik (auch als spastische Lähmung oder Spastizität bezeichnet).
Ursachen und Häufigkeit
Die Spastik ist ein häufiger Zustand, der bei Erkrankungen oder Verletzungen auftritt, die die deszendierenden motorischen Bahnen des ZNS betreffen. Dazu gehören:
- Schlaganfall
- Multiple Sklerose
- Querschnittverletzungen des Rückenmarks
- Schädel-Hirn-Trauma
- Zerebralparese
- Hirntumor
- Neurodegenerative Erkrankungen (z. B. Alzheimer, amyotrophe Lateralsklerose)
- Hypoxische und hypoglykämische Hirnschädigungen
- Hereditäre spastische Paraparese (HSP)
Die Spastik gehört zu den häufigsten Beschwerden bei Multipler Sklerose. Sie tritt bei bis zu 80 Prozent der Betroffenen auf und kann sehr schmerzhaft sein. Sie entsteht durch eine erhöhte Muskelspannung, wodurch auch die Beweglichkeit beeinträchtigt wird. Auch Patienten mit einem inkompletten Querschnitt und in manchen Fällen auch CRPS-Patienten (complex regional pain syndrome) leiden vor allem im späteren Krankheitsverlauf unter einer schmerzhaften Spastik. Die Lebensqualität wird dadurch massiv beeinträchtigt.
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Pathophysiologie der Spastik
Unseren Bewegungen liegt ein harmonisches Zusammenspiel von Muskeln zugrunde. Die Befehle hierfür stammen aus dem ZNS und werden über Nervenbahnen auf die Skelettmuskeln übertragen. Normalerweise geben die Nerven dem Muskel durch eine Erhöhung seiner Spannung das Signal, aktiv zu werden - der Muskel wird in einen sogenannten Erregungszustand versetzt. Ist die Spannung hoch genug, spannt sich der Muskel kurzzeitig an und verkürzt sich: Es kommt zur Muskelkontraktion, ehe der Muskel wieder in seinen entspannten Ausgangszustand zurückkehrt.
Bei einer Spastik liegt eine Schädigung im ZNS vor, die zu einer gestörten Feinabstimmung zwischen Muskelanspannung und Muskelentspannung führt. Der Muskel wird von den Nerven dauerhaft in einen Erregungszustand versetzt. Dies kann von einer leichten Erhöhung der Eigenspannung des Muskels (erhöhter Muskeltonus) bis zu einem eindeutigen Befehl für eine Muskelkontraktion (Muskelanspannung) reichen.
In jedem Fall kann unter diesen Umständen die Aktivität des Muskels - und damit die von ihm ausgehende Bewegung - nicht mehr kontrolliert werden. Es kommt zur spastischen Parese oder Lähmung.
Nach einer solchen Schädigung gibt es Veränderungen des Zentralnervensystems. Durch diese verändern sich auch Nerven, Muskeln und Weichteile, wodurch sich die mechanischen Eigenschaften und Strukturen in betroffenen Muskeln und Extremitäten ändern (zum Beispiel die elastischen Eigenschaften). Eine Spastik wird dabei immer durch mehrere Faktoren verursacht. Nach einem Schlaganfall bekommen Menschen häufiger Spastik, wenn sie stärkere Lähmungen und Gefühlsstörungen haben sowie deutlich in der Alltagsbewältigung eingeschränkt sind.
Symptome der Spastik
Die Symptome einer spastischen Lähmung sind abhängig davon, welche Bereiche im Gehirn betroffen sind und wie stark diese in Mitleidenschaft gezogen wurden. Sie reichen von leichten Bewegungsbeeinträchtigungen bis hin zu starken körperlichen Einschränkungen. Aufgrund der Schädigung steigt die Muskelspannung (Muskeltonus) in der betroffenen Region, sodass sich die Muskeln versteifen, die Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist und Muskelreflexe leichter ausgelöst werden können.
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Die Spastik betrifft vor allem die der Schwerkraft entgegenwirkenden Muskeln (Armbeuger, Bein: Streckmuskulatur). Die der spastischen Bewegungsstörung zu Grunde liegende neuronale Störung führt zu pathologischen Muskelkontraktionen, wodurch es zu einer Fehlstellung der Extremitäten kommt. Fehlstellung und abnorme Kontraktionen führen zu Schmerzen, die wieder die neuronale Fehlinnervation der Muskeln verstärken. Bei länger andauernder abnormer Muskelanspannung und Fehlstellung können fixierte Kontrakturen entstehen, bei denen Muskel und Gelenke bindegewebig durchbaut werden. Es gilt diesen Circulus vitiosus rechtzeitig zu durchbrechen, um einen Übergang des dynamischen Stadiums der Spastik in eine fixierte Kontraktur zu verhindern.
Weitere mögliche Symptome sind:
- Tonussteigerung der Skelettmuskulatur, häufig mit gesteigerten Muskeldehnungsreflexen
- Je nach Lokalisation der Nervenläsionen fokale, regionale oder generalisierte Spastik
- Evtl. einschießende Tonuserhöhung (Spasmen), ausgelöst durch Schmerzen oder Reizzustände, etwa im Rahmen von Verletzungen, Infekten oder Hauterkrankungen
- Koordinationsstörungen
- Probleme beim Schlucken und Sprechen
- Schielen und Doppelbildsehen
- Schmerzen und / oder Sensitivitätsstörungen
- Spontane Muskelaktivität
- Gesteigerte Muskeleigenreflexe
- Steifheit von Muskeln und Gelenken
- Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen
- Leichte Muskelverspannungen bis zu unkontrollierbaren, schmerzhaften Muskelbewegungen (vor allem während einer Aktivität)
- Muskelschwäche, isoliert oder generalisiert
- Haltungsanomalien (spastische Dystonie), Gangschwierigkeiten
- Verschlechterung der aktiven und passiven Beweglichkeit, inklusive Beeinträchtigungen von Sprache, Mimik und Sehen
- Verlust der Geschicklichkeit und Einschränkungen der selektiven Bewegungskontrolle
- Spastische Hyperreflexie
- Zentrale Paresen
- Spinale Automatismen
- Pyramidenbahnzeichen, zum Beispiel Babinski-Phänomen
- Kontrakturen mit Veränderungen in Muskel, Gelenken, Sehnen und Bändern
- Miktionsstörungen, imperativer Harndrang
- Sexuelle Dysfunktion
- Schlafstörungen
- Müdigkeit, rasche Erschöpfung, Kraftlosigkeit
- Konzentrationsstörungen bis Gedächtnisverlust
Es ist wichtig zu beachten, dass die aufgeführten Symptome zum Bild des spastischen Syndroms gehören und beispielhaft zu verstehen sind. Sie müssen nicht zwingend in ihrer Gesamtheit auftreten.
Spastik-Arten
Bei Spastizität werden drei Arten unterschieden: Beuge-, Streck- und Adduktorenspastik
- Beugespastik: Bei Beugespasmen kommt es infolge der Muskelhypertonie zu einer anhaltenden Kontraktion oder unkontrollierten Muskelaktivität der Flexoren. Typisch sind abrupte Beugungen in den Hüft-, Knie-, Hand- und Ellenbogengelenken.
- Streckspastik: Streckspasmen sind Folge einer plötzlichen Tonuserhöhung in den Extensoren. Diese können spontan oder nach Haltungsänderungen auftreten. Streckspasmen betreffen häufig die Hüftstrecker.
- Adduktorenspastik: Bei Adduktorenspasmen sind die Adduktorenmuskeln betroffen. Aufgrund der übermäßigen Muskelspannung werden die Extremitäten eng an die Körpermitte gezogen. Im Liegen reiben so beispielsweise die Knie aneinander. Eine Adduktorenspastik ist oft mit Beuge- und Streckspasmen kombiniert.
Darüber hinaus gibt es Misch- bzw. Übergangsformen. So können MS-Patienten Anzeichen einer Beugespastik (zum Beispiel beim Aufstehen) oder Streckspastik (speziell im Liegen) zeigen. Die Spastik betrifft bevorzugt Muskeln, die der Schwerkraft entgegenwirken. In den oberen Extremitäten ist sie in den Flexoren ausgeprägter als in den Extensoren; in den unteren Extremitäten mehr in den Extensoren und Adduktoren als in den Flexoren.
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Erscheinungsformen und Manifestationen
Je nach Erkrankungsdauer und -verlauf kann die Spastik simultan oder sequentiell in folgenden Erscheinungsformen auftreten:
- Tonuserhöhungen bei aktiven Bewegungen
- Tonuserhöhungen bei passiver Dehnung
- anhaltende, nicht-provozierte Tonuserhöhungen
- transiente, paroxysmale Muskelspasmen
Der erhöhte Muskeltonus kann sich einseitig (Hemispastik) oder beidseitig (Paraspastik, Tetraspastik) manifestieren und fokal, segmental oder generalisiert lokalisiert sein.
Faktoren, die eine Spastik auslösen oder verschlimmern
Eine Spastik kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst und/oder verschlimmert werden. Typische Trigger sind:
- Emotionale Anspannung wie Angst, Wut, Stress, Verzweiflung oder Trauer
- Schmerzen
- Entzündungen/Infekte (Erkältung, Harnwegsinfekt)
- Erhöhte Körpertemperatur, Fieber
- Kälte
- Stuhl- und Harndrang
- Verdauungsstörungen
- Zu enge Kleidung oder Schuhe
- Abrupte Bewegungsänderungen
- Immobilität
- Schlechte Körperhaltung, zum Beispiel durch falsch angepasste Hilfsmittel (Orthesen, Rollstuhl)
- Thrombosen, Frakturen und Dekubitalulzera
Die spastikverstärkenden Faktoren sind individuell verschieden. Zuweilen ist trotz ausführlicher Anamnese kein eindeutiger Grund feststellbar.
Begleitsymptomatik
Spastizität kann zu starken Beschwerden, erheblichen Einschränkungen (bis zum Verlust der Arbeitsfähigkeit) und einer deutlich reduzierten Lebensqualität führen. Die häufigsten Probleme bei MS-induzierter Spastik sind:
- Hypertoner Muskeltonus
- Spontane Muskelaktivität
- Gesteigerte Muskeleigenreflexe
Daraus entwickelt sich folgende Begleitsymptomatik:
- Steifheit von Muskeln und Gelenken
- Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen
- Leichte Muskelverspannungen bis zu unkontrollierbaren, schmerzhaften Muskelbewegungen (vor allem während einer Aktivität)
- Muskelschwäche, isoliert oder generalisiert
- Haltungsanomalien (spastische Dystonie), Gangschwierigkeiten
- Verschlechterung der aktiven und passiven Beweglichkeit, inklusive Beeinträchtigungen von Sprache, Mimik und Sehen
- Verlust der Geschicklichkeit und Einschränkungen der selektiven Bewegungskontrolle
- Spastische Hyperreflexie
- Zentrale Paresen
- Spinale Automatismen
- Pyramidenbahnzeichen, zum Beispiel Babinski-Phänomen
- Kontrakturen mit Veränderungen in Muskel, Gelenken, Sehnen und Bändern
- Miktionsstörungen, imperativer Harndrang
- Sexuelle Dysfunktion
- Schlafstörungen
- Müdigkeit, rasche Erschöpfung, Kraftlosigkeit
- Konzentrationsstörungen bis Gedächtnisverlust
Diagnose der Spastik
Ein ausführliches Gespräch (Anamnese) bildet die Grundlage für weitere körperliche und neurologische Untersuchungen, bei denen wir den Beschwerden Ihres Kindes auf den Grund gehen. Dabei prüfen wir unter anderem die Beweglichkeit der Gelenke, um den Grad der Einschränkung zu bestimmen, außerdem Muskelkraft und -anspannung (Ashworth-Skala) sowie die Reflexe und das Schmerzempfinden Ihres Kindes an den betroffenen Stellen.
Um die Ausprägung der spastischen Lähmung bei Ihrem Kind genauer bestimmen zu können, nutzen wir auch bildgebende Diagnoseverfahren. Dazu stehen uns die strahlungsarme digitale Volumentomografie (DVT) sowie die Magnetresonanztomografie (MRT) zur Verfügung. Darüber hinaus können wir mithilfe der Elektromyografie (EMG) die Muskelaktivität bei Ihrem Kind messen und feststellen, ob die Erkrankung vom Muskel (Myopathie) oder dem zugehörigen Nerv (Neuropathie) ausgeht. Störungen von Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark (periphere Nerven) können wir anhand einer Elektroneurografie (ENG) untersuchen.
Zur Diagnose einer Spastik untersucht der Arzt den Patienten zunächst körperlich. Zusätzlich wird er wahrscheinlich einige neurologische Tests durchführen und bildgebende Verfahren (z. B. CT, MRT) anwenden. Der Muskeltonus (Messung des Grades der Anspannung der Muskulatur z.B. Die Schmerzintensität. Die Informationen helfen dem Arzt bei der Diagnosestellung und Planung der anschließenden Therapiemaßnahmen, um die Spastik zu lösen. Ferner kann anhand von Bewertungsskalen das Ansprechen auf die Behandlung beurteilt und nachverfolgt werden.
Die Ashworth-Skala (nach Ashworth 1964) bzw. die modifizierte Ashworth-Skala (nach Bohannon und Smith 1987) ist eine gebräuchliche Methode zur Beurteilung der Spastizität von Muskeln. Die allgemein akzeptierte Definition der Spastik stammt von Lance: „Spastik ist eine motorische Erkrankung, die durch eine geschwindigkeitsabhängige Zunahme des tonischen Dehnungsreflexes mit gesteigerten Sehnenreflexen charakterisiert ist resultierend aus einer gesteigerten Exzitabilität der Dehnungsreflexe als einer Komponente des Syndroms des 1. motorischen Neurons“.
Therapie der Spastik
An erster Stelle steht die Behandlung der neurologischen Grunderkrankung und evtl. Auslöser. Symptomatische Behandlung der Spastik durch Physiotherapie, ggf. Neben Rehabilitation und Krankengymnastik ist die medikamentöse Behandlung der Spastik mit systemisch wirksamen Antispastika einer der Behandlungsansätze. Dieser wird häufig durch die im notwendigen Dosisbereich kaum tolerierbaren Nebenwirkungen limitiert. Alternativ und auch bei einer lokal begrenzten Spastik kann eine Injektionsbehandlung mit Botulinumtoxin zum Rückgang der Spastik mit Verbesserung der Beweglichkeit und Reduktion von Schmerzen, Verbesserung von Pflege und Hygiene sowie Vermeidung von Komplikationen wie Kontrakturen und Gelenkkapselschrumpfungen führen, was zu einer Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen führt. Botulinumtoxin wird in die betroffene Muskulatur injiziert. Die Wirkdauer beträgt ca. ein Vierteljahr. Als mögliche Nebenwirkung kann es zu einer vorübergehenden Lähmung oder Zunahme der bestehenden Lähmung der behandelten Muskulatur und bei Diffusion in die benachbarten Muskeln gegebenenfalls auch in diesen kommen.
Für die Behandlung gibt es Therapien mit und ohne Medikamente. Günstige Effekte auf Spastik haben systematisches Arm-Basis-Training, häufige Wiederholungen und die Kombination mit muskulärer Elektrostimulation. Besonders wichtig ist die passive Muskelstreckung zusätzlich zur ausgewählten Standardtherapie. Für die Therapie von Standsicherheit, Gang, Treppensteigen oder der Arm-Hand-Funktion sieht man vielversprechende Verbesserungen bei einer Spastik durch den Einsatz von Robotern. Eine Lähmung ausgleichen und günstige Effekte auf die Muskelspannung und Muskellänge haben Schienen, Splints, Verbände (Casts) und Orthesen. Für die Beine ist das Aufrichten der Betroffenen die beste Mobilisationsform. Durch das Anlegen von Casts kann schrittweise ein eingeschränkter Bewegungsumfang wieder ausgedehnt werden. Elektrostimulation aktiviert über angeklebte Elektroden auf der Haut Nerven und Muskelfasern mit kleinen Strömen (transkutane elektrische Nervenstimulation, TENS). Hier gibt es positive Effekte auf Spastik und den Bewegungsumfang (ROM). Auch die funktionelle Elektrostimulation (FES) für Bewegungen, die vom Patienten ganz oder teilweise selbst ausgeführt werden (z.B. Greifen und Hantieren, Gehen), kann neben der Verbesserung motorischer Funktionen einen Spastik-mindernden Effekt aufweisen. Günstige Auswirkungen auf die Spastik wurden zudem mittels Oberflächenelektrostimulation des Rückenmarks bzw.
Eine spastische Tonuserhöhung lässt sich mit gezielten Magnetfeldreizen zur Stimulation ausgewählter Nerven, Nervenwurzeln oder Hirnarealen behandeln (periphere repetitive Magnetstimulation, prMS; repetitive transkranielle Magnetstimulation, rTMS). Stoßwellentherapie kann über Wochen anhaltend einen spastisch erhöhten Muskeltonus mindern mit einer begleitenden Erweiterung des Bewegungsumfangs (extrakorporale Stoßwellentherapie, ESTW). Bei Menschen mit Querschnittlähmung sind die Behandlungsschwerpunkte und die erreichbaren Behandlungsziele von der Höhe der Rückenmarksschädigung und dem Ausmaß der Lähmung abhängig. Ein erhöhter Muskeltonus in den Beinen kann bei Lähmung beider Beine sogar dazu führen, dazu dass Betroffene trotzdem laufen können, wenn auch sehr unsicher. Problematisch sind jedoch starke spastische Tonuserhöhungen, einschießende Streck- oder Beugespasmen, starke Muskelzuckungen (Spastik mit unwillkürlichen rhythmischen Muskelzuckungen) und unerwünschte Mitbewegungen nicht aktivierter Muskelgruppen. Regelmäßiges Durchbewegen und geräteunterstützte Bewegungen helfen, diese störenden Phänomene einer Schädigung von Hirn/Rückenmark und speziell den spastischen Muskeltonus zu reduzieren.
Medikamentöse Therapie
Für die Auswahl einer medikamentösen Behandlung ist entscheidend, wo die Spastik am Körper vorkommt und ob sich eine zugrundeliegende Schädigung im Rückenmark oder im Gehirn befindet. Vor diesem Hintergrund müssen Nutzen und Nebenwirkungen, Akzeptanz und Umsetzbarkeit einer Behandlung gründlich abgewogen werden. Mit Tabletten oder Spray (orale Therapie) werden vermehrte Muskelaktivität bei Spastik behandelt behandelt. Patienten mit einer Spastik beider Beine (Paraspastik) und nicht mobile Patienten mit generalisierter spastischer Tonuserhöhung profitieren in der Regel von einer oralen Therapie. Dantrolen bewirkt Muskelentspannung durch Hemmung der Freisetzung von Kalziumionen im Muskel. Sativex® ist ein Spray für die Mundhöhle und ausschließlich für die bei Multipler Sklerose auftretende spastische Tonuserhöhung zugelassen. Spastik-Medikamente, die im Zentralnervensystem wirken, führen dosisabhängig relativ häufig zu Müdigkeit, Antriebsminderung oder einer störenden Abnahme der Muskelkraft. Daher sollte die Erhöhung der Dosis vorsichtig erfolgen. Dantrolen sollte wegen der potenziell toxischen Leberschädigung und der Verstärkung bestehender Lähmungen nur eingesetzt werden, wenn es keine bessere Alternative gibt und die Symptome es wirklich erfordern. Die Verbesserungen einer Spastik mit Tabletten und Spray sind zwar messbar, werden von Betroffenen aber nicht immer im Alltag wahrgenommen. Für Tolperison gegenüber Baclofen und für Tizanidin gegenüber Diazepam wurden jedoch auch Alltagsvorteile für Schlaganfall-Betroffene beschrieben.
Bei fokaler Spastik (ein oder zwei eng benachbarte Bewegungssegmente sind betroffen, z. B. BoNT wird bei einer Überaktivität von Muskeln angewendet, also auch zur Behandlung einer Spastik. Es lässt Muskeln für eine bestimmte Zeit erschlaffen, indem es die Übertragung vom Nerv auf den Muskel für einige Wochen bis Monate blockiert. Sowohl im Hinblick auf die Nebenwirkungen einer oralen Therapie, als auch im Hinblick auf die Wirksamkeit ist eine BoNT-Behandlung Tabletten und Spray überlegen und mindert zudem Schmerzen, die von der Spastik herrühren. Schließlich mehren sich Daten, dass sich eine Spastik nach Schlaganfall durch eine frühzeitige Injektion in reduzierter Dosis vermeiden lässt. Nebenwirkungen sind unter BoNT in den empfohlenen Dosisbereichen pro Muskel und Injektionssitzung selten. Es kann zu Lähmungen kommen (wenn der falsche Muskel getroffen oder zu viel BoNt gespritzt wird). Möglich sind auch Effekte wie Mundtrockenheit oder eine allgemeine Schwäche und lokalen Problemen (Bluterguss und lokale Schmerzen). Bei wiederholtem Einsatz können neutralisierende Antikörper im Blut von Betroffenen können die Wirkung von BoNT abschwächen oder aufheben. Das kommt bei etwa 6 Prozent der Patienten mit Spastik-Behandlung vor. Das Risiko für das Auftreten neutralisierender Antikörper steigt mit der langjährigen Gesamtdosis und wenn das Behandlungsintervall kürzer als drei Monate ist.
Zur Behandlung einer schweren Spastik kann man das Medikament Baclofen auch über ein spezielles Infusionssystem mit einer Pumpe einsetzen. Das Mittel wird dabei direkt in den Nervenwasserraum des Rückenmarks injiziert (intrathekal). Typische und erfolgversprechende Fälle sind Betroffene mit schwerer Spastik nach Rückenmarksverletzungen oder Hirnschädigung, Menschen mit Paraspastik oder multisegmentaler Spastik sowie Hemispastik mit einschießenden Tonussteigerungen. Patienten mit länger zurückliegendem Schlaganfall und Spastik profitieren von einer ITB im Vergleich zur Therapie mit Tabletten und Spray. Auch für Querschnittgelähmte ist die gute Wirksamkeit belegt. Die Indikation für eine ITB sollte erst erfolgen, wenn andere Behandlungen nicht zufriedenstellend waren. Unerwünschte Wirkungen können Infektionen und lokale Flüssigkeitsansammlungen (Serome) beinhalten. Die Diagnose und Betreuung bei Patienten mit ITB sollte daher von einem interdisziplinären Team mit ausgewiesener Kompetenz erfolgen. Die Abklärung und Behandlung von Nebenwirkungen und Komplikationen sollte zu jeder Zeit gewährleistet sein. Leichtere Nebenwirkungen in der Test- und Einstellungsphase verschwinden im Verlauf meist von alleine. Schwere Nebenwirkungen und Komplikationen können im Einzelfall zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen.
Chirurgische Verfahren
Bei schwerster Spastik, die anders nicht zu behandeln sind, gibt es chirurgische Verfahren (dorsale Rhizotomie oder Eingriffe in der Eintrittszone der Hinterwurzel ins Rückenmark). Durch sie können ausgeprägte Fehlhaltungen vermieden werden und damit verbundene Pflegehemmnisse, hygienische Probleme und Komplikationen wie Kontrakturen oder Hautläsionen. Nach Versagen der Standardtherapieverfahren und damit verbundenen Schmerzen können in weiteren chirurgischen Verfahren bestimmte Stellen eines Nerven durchtrennt werden (motorische Endäste, z.B. Nervus tibialis bei spastischem Spitzfuß, „pes equinus“).
Therapie von schmerzhafter Spastik
Ein Spezialgebiet des Zentrums für Spezielle Schmerzmedizin ist die ITB, intrathekale Baclofentherapie, die bei schmerzhafter Spastik angewandt wird. Baclofen wird im µg- Bereich eintitriert bis die Spastik aufhört. Dem Patienten eröffnet diese Behandlung häufig ein neues Leben ohne Spastik. Sie ist der Oral-Medikation mit Lioresal zudem weit überlegen, da bei der Behandlung weniger Nebenwirkungen auftreten.