Die Neurochirurgie ist ein hochspezialisiertes medizinisches Fachgebiet, das sich mit der Diagnose, der operativen und nicht-operativen Behandlung von Erkrankungen, Verletzungen und Fehlbildungen des zentralen und peripheren Nervensystems befasst. Dazu gehören Gehirn, Rückenmark, Wirbelsäule und Nerven. Aufgrund der Komplexität und Präzision, die erforderlich sind, gilt die Neurochirurgie als eines der anspruchsvollsten medizinischen Spezialgebiete.
Einführung in die Neurochirurgie
Die Neurochirurgie ist eine der ältesten medizinischen Fachrichtungen. Archäologische Funde belegen, dass bereits in der Jungsteinzeit Trepanationen (operative Schädelöffnungen) durchgeführt wurden, die die Patienten überlebten. Die Grundlagen der modernen Neurochirurgie wurden im 19. Jahrhundert gelegt. Seitdem haben Fortschritte in den Operations- und Untersuchungstechniken die Möglichkeiten zur Erkennung und Behandlung von Erkrankungen wie Hirntumoren, Wirbelsäulenerkrankungen, Aneurysmen, Metastasen, Fehlbildungen und Verletzungen des zentralen oder peripheren Nervensystems erheblich verbessert. Die alternde Gesellschaft hat das Tätigkeitsgebiet der Neurochirurgen erweitert, da degenerative Erkrankungen der Wirbelsäule wie spinale Stenosen und Bandscheibenvorfälle häufiger auftreten.
Hauptaufgaben der Neurochirurgie
Die Hauptaufgaben der modernen Neurochirurgie lassen sich in drei große Krankheitsbereiche einteilen:
Behandlung von Tumoren des Gehirns und des Rückenmarks: Hierzu gehören gutartige und bösartige Neubildungen, die im zentralen Nervensystem entstehen können.
Behandlung von Hirngefäßerkrankungen: Dazu zählen Gefäßfehlbildungen wie Aneurysmen und Angiome sowie Blutungen im Gehirn.
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Behandlung von Erkrankungen der Wirbelsäule: Dies umfasst Bandscheibenerkrankungen, Spinalkanalstenosen und verschleißbedingte Veränderungen der Wirbelsäule.
Neben diesen Hauptbereichen gibt es weitere spezielle Aufgabenfelder wie die Kinderneurochirurgie, die periphere Nervenchirurgie, die funktionelle Neurochirurgie und die Epilepsiechirurgie.
Akutversorgung und Notfallbehandlungen
Ein wichtiger Aufgabenbereich der Neurochirurgie ist die Akutversorgung von Patienten mit Verletzungen im Bereich von Schädel, Gehirn und Rückenmark sowie die notfallmäßige Versorgung von Patienten mit Schlaganfallsituationen aufgrund von Blutungen oder großen raumfordernden Hirninfarkten. Auch die notfallmäßige operative Versorgung von Lähmungszuständen durch tumorbedingte Druckschädigung des Rückenmarks gehört dazu. Die Versorgung von Notfällen macht bis zu 40 Prozent der Arbeit in einer neurochirurgischen Klinik aus.
Geplante Eingriffe
Neben den Notfällen gibt es einen weiten Bereich an geplanten Eingriffen bei Patienten mit Gehirntumoren, Tumoren im Bereich des Rückenmarks oder der peripheren Nerven, bei Patienten mit Bandscheibenerkrankungen und dadurch bedingten Schmerzzuständen oder Lähmungszuständen. Auch Patienten mit einer Enge des Rückenkanals und daraus resultierenden Ausfallerscheinungen/Einschränkungen können behandelt werden. Bei verschleißbedingten Veränderungen der Wirbelsäule mit Schädigung von Nerven oder Rückenmarksanteilen werden stabilisierende und korrigierende Operationen an der Wirbelsäule ausgeführt. Bezogen auf die Engpasssyndrome peripherer Nerven erfolgt eine Vielzahl von entlastenden Eingriffen bis hin zu einer Verlagerung und Schaffung einer neuen Nervenverlaufsstrecke.
Diagnostische Verfahren
Bevor Fachärzte für Neurochirurgie operative Eingriffe durchführen, ist eine umfassende Diagnostik notwendig. Hierzu gehören moderne Verfahren wie:
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- Kernspintomografie (MRT): Zur detaillierten Darstellung von Gehirn, Rückenmark und Nerven.
- Computertomografie (CT): Zur schnellen Beurteilung von Knochenstrukturen und Blutungen.
- Zerebrale Angiografie: Zur Darstellung der Hirngefäße.
- Elektroenzephalogramm (EEG): Zur Messung der Hirnströme.
- Elektromyografie (EMG): Zur Messung der Muskelaktivität.
- Elektrophysiologische Untersuchung (EPU): Zur Überprüfung der Nervenleitgeschwindigkeit.
- Lumbalpunktion: Zur Untersuchung des Liquors (Hirnwasser).
Diese Verfahren ermöglichen die präzise Identifikation von Erkrankungen, Fehlbildungen und Verletzungen im Bereich von Gehirn, Rückenmark und Nerven.
Operative Techniken
Die Neurochirurgie verfügt über eine Vielzahl von operativen Techniken, darunter:
- Mikroneurochirurgie: Hierbei wird mit einem Operationsmikroskop gearbeitet, um feinste Strukturen wie Nerven und Gefäße exakt zu erkennen und zu behandeln.
- Minimal-invasive Chirurgie: Hierbei werden kleine Hautschnitte verwendet, um die Operation durchzuführen. Dies führt zu weniger Schmerzen und einer schnelleren Genesung.
- Neuronavigation: Hierbei werden MRT- oder CT-Bilder verwendet, um den Operateur während der Operation zu navigieren. Dies ermöglicht eine präzisere Operation und reduziert das Risiko von Komplikationen.
- Fluoreszenzgestützte Verfahren: Hierbei werden spezielle Farbstoffe verwendet, um krankhafte Gefäßveränderungen und tumoröse Prozesse sichtbar zu machen.
- Intraoperatives Neuromonitoring (IOM): Hierbei werden während der Operation wichtige Hirn- und Rückenmarksfunktionen überwacht, um das Risiko von Schäden zu minimieren.
Behandlung von spezifischen Erkrankungen
Bandscheibenvorfall
Beim Bandscheibenvorfall reißt die Hülle der Bandscheibe, und der gallertartige Kern tritt aus und drückt auf das Rückenmark. Dies kann zu heftigen Schmerzen im Rückenbereich führen, die bis in die Beine ausstrahlen können. In manchen Fällen kann es auch zu Taubheit und Lähmungen kommen.
Karpaltunnelsyndrom
Beim Karpaltunnelsyndrom wird der Mittelhandnerv im Handgelenkstunnel (Karpaltunnel) eingeklemmt. Dies kann zu Schmerzen, Taubheit und Kribbeln in der Hand führen.
Schädel-Hirn-Trauma
Das Schädel-Hirn-Trauma ist ein Sammelbegriff für Verletzungen des Kopfes, die zu einer Funktionsstörung oder Verletzung des Gehirns führen. Die Traumata entstehen meist durch äußere Gewalteinwirkung, z. B. in Folge eines Autounfalls.
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Meningeom
Ein Meningeom ist ein meist gutartiger Tumor der Hirnhaut. Symptome treten häufig erst dann auf, wenn der Tumor schon größer ist.
Hydrozephalus
Bei einem Hydrozephalus (im Volksmund auch „Wasserkopf“ genannt) sind die Räume im Gehirn krankhaft erweitert und mit Hirnwasser (Liquor) gefüllt. Symptome können Kopfschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Müdigkeit, Schwindel und Übelkeit sein.
Schlaganfall
In den meisten Fällen wird bei einem Schlaganfall ein Blutgefäß im Gehirn durch ein Blutgerinnsel verschlossen. Dadurch wird das Gehirngewebe nur noch wenig oder gar nicht durchblutet, und die betroffenen Zellen im Gehirn sterben ab.
Gefäßfehlbildungen
Gefäßfehlbildungen des Gehirns und des Rückenmarks können angeboren oder im Laufe des Lebens erworben sein. Solche Erkrankungen bergen das Risiko einer Blutung oder Nachblutung im Gehirn oder Rückenmark mit weitreichenden Konsequenzen.
Tumore des Gehirns und des Rückenmarks
Tumore des Gehirns und des Rückenmarks sind gut- oder bösartige Neubildungen, die im zentralen Nervensystem entstehen. Hirn- und Wirbelsäulentumore können in jedem Lebensalter auftreten, häufig sind aber Menschen zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr betroffen.
Interventionelle Schmerztherapie
Die interventionelle Schmerztherapie ist eine Option, wenn chronische Schmerzen - beispielsweise im Bereich der Wirbelsäule - auch nach einer Operation nicht nachlassen. Diese Behandlungsform kombiniert gezielte Eingriffe am erkrankten Gewebe mit innovativen Techniken, die zwischen konservativen und operativen Methoden angesiedelt sind. Ein Beispiel ist die Neuromodulation, bei der die Weiterleitung des Schmerzreizes unterbrochen oder moduliert wird, um den Schmerz zu reduzieren und die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten zu verbessern.
Rehabilitation
In vielen Fällen spielt die neurologische Rehabilitation eine entscheidende Rolle, um die Genesung nach einem neurochirurgischen Eingriff oder bei chronischen Erkrankungen nachhaltig zu unterstützen.
Aus- und Weiterbildung
Um Facharzt für Neurochirurgie zu werden, ist ein abgeschlossenes Medizinstudium und eine anschließende 72-monatige Weiterbildung erforderlich. Davon müssen sechs Monate in der intensivmedizinischen Versorgung neurochirurgischer Patienten abgeleistet werden. Die Weiterbildung umfasst die stationäre Patientenversorgung, die Intensivmedizin und die Teilnahme an Operationen unter Anleitung erfahrener Fachärzte. Ziel der Weiterbildung ist es, den angehenden Neurochirurgen die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln, um eigenständig und verantwortlich das Fachgebiet der Neurochirurgie ausüben zu können.