Die Frage, wann und unter welchen Umständen eine Krankschreibung aufgrund von Neuralgie gerechtfertigt ist, ist komplex und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dieser Artikel beleuchtet die rechtlichen Rahmenbedingungen, die Rolle psychischer Erkrankungen und gibt einen Überblick über verschiedene Formen von Neuralgien, insbesondere Gürtelrose und Interkostalneuralgie, um ein umfassendes Bild der Thematik zu vermitteln.
Psychische Erkrankungen und Kündigungsschutz
Psychische Erkrankungen werden als Krankheiten im juristischen Sinne betrachtet. Dies bedeutet, dass bei einer Kündigung des Arbeitsverhältnisses die Voraussetzungen für eine personenbedingte Kündigung wegen Krankheit erfüllt sein müssen. Hierbei wird zwischen Langzeit- und Kurzzeiterkrankungen unterschieden, wobei diese Unterscheidung auch auf psychische Erkrankungen angewendet werden kann.
Negativprognose und betriebliche Beeinträchtigungen
Eine Kündigung aufgrund einer psychischen Erkrankung setzt eine Negativprognose voraus. Das bedeutet, dass die Reduzierung der Arbeitskraft nicht nur vorübergehend sein darf, sondern auch in Zukunft bestehen bleiben muss. Wenn bereits durchgeführte Maßnahmen wie Psychotherapien oder Kuren keinen Erfolg gezeigt haben, kann dies ein Indiz für eine negative Prognose sein. Arbeitsgerichte legen besonders hohe Anforderungen vor, wenn Depressionen vorliegen.
Zusätzlich muss die Krankheit die betrieblichen Abläufe beeinträchtigen oder zu erheblichen wirtschaftlichen Belastungen für das Unternehmen führen. Der Arbeitgeber trägt hierfür die Beweislast. Es muss geprüft werden, ob eine Veränderung der Arbeitssituation des Erkrankten eine Weiterbeschäftigung ermöglichen kann. Schließlich muss im Rahmen einer Einzelfallbetrachtung eine Abwägung zwischen den Interessen des Arbeitnehmers und des Arbeitgebers vorgenommen werden.
Informationspflicht des Arbeitnehmers
Psychisch kranke Menschen sprechen oft nicht gerne über ihre gesundheitlichen Probleme. Daher haben Arbeitgeber oft keinen Einblick, ob es sich um ein physisches oder psychisches Leiden handelt, geschweige denn um die konkrete psychische Erkrankung. Eine genauere Kenntnis hierüber kann allerdings für den Arbeitgeber hinsichtlich einer Kündigung und der vorher einzuleitenden Schritte sehr hilfreich sein. Wenn die psychische Erkrankung eine Schwerbehinderung darstellt, gilt eine diesbezügliche Erkundigung durch den Arbeitgeber als Diskriminierung, was die Frage in der Regel unzulässig macht. Obwohl allgemein bei psychischen Erkrankungen - wie bei sonstigen Krankheiten - gilt, dass der Arbeitnehmer hierüber keine Auskunft geben muss, existiert hiervon eine Ausnahme beim Vorliegen eines berechtigten Interesses. Ein solches kann bei einer psychischen Erkrankung zum Beispiel gegeben sein, wenn die Art der Beschwerden es dem Arbeitnehmer unmöglich macht, die Arbeitsleistung zu erbringen (zum Beispiel wenn der Beschäftigte viel Kundenkontakt hat und die Krankheit den Umgang mit anderen Menschen erschwert).
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Geschäftsfähigkeit und alternative Vertragsbeendigungen
Trotz psychischer Gesundheitsprobleme müssen weiterhin die Kriterien der Geschäftsfähigkeit erfüllt werden, da die Beendigung sonst unwirksam sein kann. Dabei kommt es nicht darauf an, ob der Arbeitgeber die Geschäftsunfähigkeit kannte. So entschied das Arbeitsgericht Berlin, dass die Kündigung einer äußerlich klar wirkenden Arbeitnehmerin wegen vorübergehender geistiger Störung unwirksam war. Allerdings liegt es am Betroffenen selbst, seine Geschäftsunfähigkeit zu beweisen.
Ein einvernehmlicher Aufhebungsvertrag wegen Krankheit ist für beide Parteien besonders attraktiv, wenn ohnehin bereits eine Kündigung in Erwägung gezogen wird. In diesem Zusammenhang besteht die Möglichkeit, direkt eine Abfindung für den Arbeitnehmer zu verhandeln. Daneben besteht auch die Möglichkeit, für den Arbeitnehmer unter Beachtung der gesetzlichen Kündigungsfrist jederzeit selbst eine Kündigung einzureichen. Die Sperrzeit kann aber vermieden werden, wenn ein Arzt die Kündigung nahelegt, da die psychische Erkrankung durch die Arbeit selbst verursacht wird.
Fristlose Kündigung und besondere Kündigungsschutzbestimmungen
Da die psychische Erkrankung kein Pflichtverstoß des Arbeitnehmers ist, liegt meistens auch kein wichtiger Grund für eine fristlose Kündigung durch den Arbeitgeber vor. Auch bei einer fristlosen Kündigung durch den Arbeitnehmer wegen einer psychischen Erkrankung oder Depression gelten die allgemeinen hohen Anforderungen. Ein wichtiger Grund kann etwa vorliegen, wenn die Arbeitsbelastung aufgrund der Erkrankung bis zum Ablauf der Kündigungsfrist nicht zumutbar ist.
Das Vorliegen eines Kündigungsgrundes bei einer psychischen Erkrankung orientiert sich an den zuvor genannten Anforderungen für die freie Wirtschaft. Bei Angestellten ab dem 40. Lebensjahr, die bereits 15 Jahre beschäftigt sind, ist eine ordentliche Kündigung allerdings ausgeschlossen. Dann kommt nur noch eine außerordentliche Kündigung in Betracht.
Schwerbehinderung und chronische Erkrankungen
Nicht nur Menschen mit einer Sinnes- oder Mobilitätseinschränkung können einen Schwerbehindertenausweis bekommen. Auch mit einer schweren chronischen Erkrankung kann man diesen Grad der Behinderung erreichen. Entscheidend ist das Ausmaß der Erkrankung. Schwere Migräne beispielsweise, bei der Betroffene nur wenige Tage Pause zwischen zwei Anfällen haben, erreicht einen GdB von 50 bis 60. Der Antrag auf Schwerbehinderung wird beim zuständigen Versorgungsamt gestellt. Ob die Kriterien einer Schwerbehinderung erfüllt sind, wird in jedem einzelnen Fall geprüft. Fällt die Entscheidung positiv aus, erteilt die Behörde einen Feststellungsbescheid. Darin sind die einzelnen Behinderungen, der festgestellte GdB und das Merkzeichen aufgeführt.
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Gürtelrose: Eine spezielle Form der Neuralgie
Was ist Gürtelrose?
Gürtelrose (Herpes Zoster) ist eine Viruserkrankung, die durch die Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus verursacht wird, dem gleichen Virus, das auch Windpocken verursacht. Nach einer überstandenen Windpocken-Erkrankung verbleibt das Virus lebenslang in den Nervenzellen des Rückenmarks und kann Jahre später, oft ausgelöst durch Stress oder ein geschwächtes Immunsystem, reaktiviert werden.
Symptome und Verlauf
Die Gürtelrose kündigt sich oft schleichend an, mit Symptomen wie Schlappheit, Fieber und Reizbarkeit. Wenige Tage später zeigen sich Bläschen auf geröteter Haut, oft gürtelförmig um eine Körperhälfte. Besonders häufig betroffen sind Brustkorb, Rücken oder Gesicht. Die Bläschen füllen sich mit Flüssigkeit, platzen nach einigen Tagen und verkrusten. In unkomplizierten Fällen heilt der Ausschlag innerhalb von zwei bis vier Wochen vollständig ab. Doch in rund 10-20 % der Fälle bleibt ein brennender, stechender Nervenschmerz zurück, die sogenannte Post-Zoster-Neuralgie (PZN).
Ansteckung und Vorbeugung
Gürtelrose selbst ist nicht direkt übertragbar, aber das Virus, das sie verursacht, schon. Wer Gürtelrose hat, trägt aktiv das Varizella-Zoster-Virus in sich. Es entsteht beim Gegenüber keine Gürtelrose - sondern Windpocken. Eine Impfung gegen Gürtelrose ist möglich und wird für Personen ab 60 Jahren sowie für bestimmte Risikogruppen ab 50 Jahren empfohlen.
Gürtelrose im Arbeitsalltag
Eine akute Gürtelrose bedeutet häufig tagelangen Arbeitsausfall. Die Folgeerkrankungen können den Wiedereinstieg erschweren, und nicht selten werden Aufgaben an Kolleginnen und Kollegen umverteilt. Besonders betroffen sind Menschen ab 50, also genau jene Mitarbeitenden, auf deren Erfahrung viele Unternehmen bauen. Tatsächlich konnte in mehreren Studien gezeigt werden, dass eine durchgemachte Corona-Infektion das Risiko für eine Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus deutlich erhöht. In einer US-amerikanischen Studie wurde bei Menschen über 50 ein um 15 % erhöhtes Gürtelrose-Risiko nach COVID-19 nachgewiesen - bei hospitalisierten Patienten sogar um 21 %.
Maßnahmen im Unternehmen
Um die Auswirkungen von Gürtelrose im Unternehmen zu minimieren, sind folgende Maßnahmen sinnvoll:
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- Sensibilisierung der Belegschaft: Aufklärung hilft, Risiken zu minimieren.
- Homeoffice ermöglichen: Wer sich gut fühlt, aber noch Bläschen hat, kann ggf. von zu Hause aus arbeiten.
- Klare Kommunikationsregeln: Niemand sollte aus falscher Rücksicht krank zur Arbeit kommen.
- Prävention anbieten: Viele Unternehmen bieten bereits Grippe- oder COVID-Impfungen an.
- Krankheitskultur pflegen: Eine Kultur, in der man nicht trotz Krankheit ins Büro schleppt, sondern auf sich und andere achtet, ist Gold wert.
Interkostalneuralgie: Schmerzen im Brustkorb
Was ist Interkostalneuralgie?
Die Interkostalneuralgie ist ein Schmerzsyndrom, das durch Reizung oder Schädigung der Interkostalnerven verursacht wird, die zwischen den Rippen verlaufen. Die Schmerzen können stechend, ziehend oder brennend sein und bis in den Rücken ausstrahlen.
Ursachen und Symptome
Ursachen für Interkostalneuralgie können vielfältig sein, darunter:
- Gürtelrose (Herpes Zoster)
- Erkrankungen von Lunge und Lungenfell
- Muskelverspannungen
- Fehlhaltungen
- Stress
Das Kardinalsymptom einer Interkostalneuralgie sind gürtelartige Schmerzen im Bereich von Brust und Rücken. Die Schmerzen sind meist langanhaltend, ziehend oder stechend und können in anfallsartigen Schmerzspitzen gipfeln. Gelegentlich treten zusätzlich Gefühlsstörungen und Missempfindungen wie Kribbeln auf. Eine schwere Interkostalneuralgie kann mit Atembeschwerden oder auch Magenschmerzen einhergehen. Auch bei einer Interkostalneuralgie ist Herzrasen ein häufiges begleitendes Symptom. Ursachen hierfür können die Schmerzen sein, aber auch psychomatische Beteiligungen können das Herzrasen auslösen.
Diagnose und Behandlung
Die Diagnose erfolgt in der Regel durch ein Arzt-Patienten-Gespräch und eine körperliche Untersuchung. Bei einer Interkostalneuralgie liegen typischerweise schmerzhafte Druckpunkte vor. In einigen Fällen können Röntgenaufnahmen oder eine MRT erforderlich sein, um andere Ursachen auszuschließen.
Die Behandlung zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern und die Ursache zu behandeln. Mögliche Therapieansätze sind:
- Schmerzmittel
- Physiotherapie
- Osteopathie
- Kinesiotaping
- Hausmittel (Wärme, Kälte, Dehnübungen, Massagen)
Stress und Interkostalneuralgie
Psychisches Stressempfinden kann Fehlhaltungen hervorrufen, die man selbst teilweise überhaupt nicht wahrnimmt. Dadurch können starke Muskelverspannungen entstehen, die sogenannten Myogelosen. Stress führt häufig zu erhöhter Muskelspannung, insbesondere im Rücken- und Brustbereich. Stress kann unbewusst das Atemmuster verändern, was zu flacher oder unregelmäßiger Atmung führt. Langanhaltender Stress kann das Nervensystem sensibilisieren, was die Schmerzempfindlichkeit erhöht.
Arbeitsunfähigkeit und Krankschreibung
Leidet man unter starken Schmerzen, die durch kleinste Bewegungen verstärkt werden, ist eine Krankschreibung bis zur Ausheilung der Interkostalneuralgie bedeutend und unabdinglich. Gleichzeitig können schwere körperliche Tätigkeiten zu einer Verschlimmerung der Beschwerden führen und sollten bis zum Abklingen der Schmerzen vermieden werden.
Übungen bei Interkostalneuralgie
- Türrahmendehnung: Stellen Sie sich in einen Türrahmen und legen Sie die Unterarme an die Seiten des Rahmens. Treten Sie einen Fuß leicht nach vorne und lehnen Sie den Oberkörper sanft nach vorne, bis Sie eine Dehnung in der Brust spüren.
- Seitliche Dehnungen/Seitneigung im Sitzen: Setzen Sie sich auf einen Stuhl mit gerader Rückenlehne. Heben Sie einen Arm über den Kopf und neigen Sie sich zur gegenüberliegenden Seite, bis Sie eine sanfte Dehnung entlang der Flanke spüren.
- Stehende Seitneigung: Stellen Sie sich aufrecht hin, die Füße schulterbreit auseinander. Legen Sie eine Hand an die Hüfte und neigen Sie den Oberkörper zur anderen Seite, während Sie den freien Arm über den Kopf strecken.
- Rückenmobilisation - Katzenbuckel und Kuhhaltung (Cat-Cow) auf allen Vieren: Gehen Sie auf alle Viere, die Hände direkt unter den Schultern und die Knie unter den Hüften. Atmen Sie ein und lassen Sie den Bauch nach unten sinken, während Sie den Kopf und das Steißbein anheben (Kuhhaltung). Atmen Sie aus und runden Sie den Rücken, ziehen Sie das Kinn zur Brust und das Steißbein nach unten (Katzenbuckel).
- Schulterblattmobilisation / Schulterblattkreisen: Stellen Sie sich aufrecht hin, die Arme entspannt an den Seiten. Heben Sie die Schultern langsam nach oben, ziehen Sie sie nach hinten und senken Sie sie wieder ab, sodass Sie große Kreise mit den Schultern zeichnen.
- Rückenstreckung - Kobra-Position (Yoga): Legen Sie sich auf den Bauch, die Beine ausgestreckt und die Handflächen flach neben den Schultern. Drücken Sie die Handflächen in den Boden und heben Sie den Oberkörper an, während Sie die Ellbogen leicht gebeugt halten. Heben Sie den Kopf an und ziehen Sie die Schultern nach hinten.
Berufsunfähigkeit und chronische Schmerzen
Chronische Schmerzen, die z.B. durch einen Bandscheibenvorfall oder infolge psychischer Belastungen entstehen, gehören in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Arbeitsunfähigkeit. Verschiedene Reha-Maßnahmen können die Arbeitsfähigkeit von Schmerzpatienten wiederherstellen oder möglichst langfristig erhalten. Zudem stehen den Betroffenen je nach Voraussetzungen bestimmte finanzielle Leistungen zu.
Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben
Die Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben sollen Menschen mit Behinderungen oder drohenden Behinderungen eine Erwerbstätigkeit ermöglichen bzw. erhalten. Darunter fallen Kosten, die mit der Teilnahme an Kursen und beruflichen Reha-Leistungen in Zusammenhang stehen, z.B. Ergänzende Leistungen zur Reha.
Schwerbehindertenausweis und Nachteilsausgleiche
Chronische Schmerzen können zu vorübergehenden oder dauerhaften Einschränkungen führen. Wird vom Versorgungsamt ein Grad der Behinderung festgestellt, können Betroffene unter bestimmten Voraussetzungen verschiedene Hilfen und Nachteilsausgleiche in Anspruch nehmen. Menschen mit einem Schwerbehindertenausweis können Altersrente früher beziehen als Menschen ohne Behinderungen.