Wie schlimm ist Epilepsie wirklich? Ein umfassender Überblick

Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, von der etwa 0,5 bis 1 % der Bevölkerung betroffen sind. In Deutschland sind das bis zu 800.000 Menschen. Unter dem Namen Epilepsie sind eine Reihe verschiedener Erkrankungen zusammengefasst, bei denen wiederholt epileptische Anfälle auftreten. Die Erkrankung tritt besonders häufig in den ersten fünf Lebensjahren und ab dem 60. Lebensjahr auf, wobei etwa zwei Drittel aller Epilepsien vor dem 20. Lebensjahr auftreten.

Was ist Epilepsie?

Die eine Krankheit Epilepsie gibt es nicht: Es sind vielmehr verschiedene Erkrankungen, denen gemeinsam ist, dass wiederholt epileptische Anfälle auftreten. Dabei handelt es sich um Funktionsstörungen des Gehirns, die durch eine vorübergehende gleichzeitige Entladung größerer Verbände von Nervenzellen des Gehirns verursacht werden. Dadurch ist die Kommunikation der Nervenzellen untereinander beeinträchtigt und es kommt zu Störungen der Sprache, Bewegung oder des Bewusstseins.

Bis zu 10 von 100 Menschen haben im Laufe ihres Lebens einen epileptischen Anfall. Das bedeutet noch nicht, dass sie tatsächlich an Epilepsie leiden - denn Anfälle können auch nicht-epileptisch sein. So kommt es zum Beispiel bei etwa drei Prozent der Kleinkinder zu sogenannten Fieberkrämpfen. Sie können mehrmals im Jahr auftreten. Von Epilepsie sprechen Ärztinnen und Ärzte erst dann, wenn entweder mindestens zwei spontane Anfälle aufgetreten sind oder das Risiko eines weiteren Anfalls nach dem ersten als sehr hoch eingestuft wird. Dies kann beispielsweise bei Auffälligkeiten im Elektroenzephalogramm (EEG) oder Kernspintomogramm (MRT) der Fall sein.

Ursachen von Epilepsie

Die Epilepsie ist keine einheitliche Erkrankung mit einer einheitlichen Epilepsie Ursache. Vielmehr fasst der Begriff verschiedene Störungen zusammen, bei denen mit höherer Wahrscheinlichkeit ein Krampfanfall auftritt. Ausgelöst werden die plötzlichen Anfälle, wenn die Nervenzellen im Gehirn in weiten Bereichen synchron, also im gleichen Rhythmus, feuern.

Es gibt verschiedene Ursachen für eine Epilepsie, die in folgende Kategorien eingeteilt werden können:

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  • Strukturell: Gehirnentzündungen, Hirnfehlbildungen, vorgeburtliche oder traumatische Schädigungen des Gehirns, Schlaganfälle oder Tumore.
  • Immunologisch: Versteckte Entzündungen triggern gegebenenfalls irreguläre Nervenimpulse.
  • Infektiös: Z.B. Hirnhautentzündung.
  • Genetisch: Es besteht eine genetische Veranlagung. Die Neigung zu epileptischen Anfällen kann in der Erbmasse gespeichert sein.
  • Metabolisch: Stoffwechselerkrankungen oder Vergiftungen.

Ohne direkt erkennbare Ursachen sind die idiopathischen Epilepsien.

Es gibt Faktoren, die epileptische Anfälle begünstigen können. Dazu gehört eine Störung des regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus, welcher für das Leben zentral ist - wenn dieser gestört ist, sind die Gehirnzellen instabiler und können sich leichter entladen. Weitere Auslöser können sein:

  • Stress (28 Prozent)
  • Übermüdung (11 Prozent)
  • Fernsehen oder Flickerlicht (8 Prozent; fotosensible Epilepsie)
  • Menstruation (7 Prozent)
  • Überanstrengung
  • Angst
  • Extremer Schlafmangel
  • Konsum von Alkohol
  • Medikamentenmissbrauch
  • Drogenmissbrauch

Übrigens ist ein epileptischer Anfall noch keine Epilepsie. Erst bei mehrfach auftretenden epileptischen Anfällen ohne ersichtlichen Auslöser sprechen Expertinnen und Experten wirklich von Epilepsie.

Symptome von Epilepsie

Epilepsien können in jedem Alter auftreten und die Anfälle unterschiedlich aussehen. Die Symptome einer Epilepsie sind ebenso vielseitig wie die verschiedenen Anfallsformen. Insgesamt gibt es mehr als 30 bekannte Formen der Epilepsie. Je nachdem welche Gehirnregionen betroffen sind, sieht jeder epileptische Anfall anders aus. Die Symptome können sein:

  • Fokale Anfälle: Diese Form der Anfälle geht von einem bestimmten Bereich des Gehirns aus. Bei einem einfachen fokalen Anfall haben Patient:innen keine Bewusstseinsstörung. Bei einem komplexen fokalen Anfall kommt es hingegen zu einer Bewusstseinsstörung.
  • Generalisierte Anfälle: Diese sind nicht auf eine bestimmte Hirnregion eingrenzbar. Es sind beide Hirnhälften beteiligt. Die Anfälle werden meistens von einer Bewusstseinsstörung begleitet. Primär generalisierte Anfälle sind oft genetisch bedingt. Sekundär generalisierte Anfälle resultieren aus einer fokalen Epilepsieform.
  • Aura: Ein epileptisches Vorgefühl, besser noch eine epileptische Halluzination. Dabei handelt es sich um ein Empfinden, das nicht der Wirklichkeit entspricht. Das kann beispielsweise ein Gefühl sein oder etwas Visuelles. Es gibt Patienten, die spüren ein Kribbelgefühl, das den Arm hochzieht. Manche kneifen sich dann in den Arm. Durch den Reflexmechanismus meinen sie, den Anfall möglicherweise unterbrechen zu können.
  • Bewusstseinsverlust: Das Bewusstsein ist häufig eingeschränkt oder ganz ausgeschaltet. Als Außenstehender kann man dies überprüfen, indem man den Patienten anspricht und auffordert, gewisse Dinge zu tun. Er reagiert dann nicht oder nicht angemessen.
  • Automatismen: Es handelt sich um wiederholte Bewegungen im Gesicht oder an Armen oder Beinen. Diese können durchaus bekannt sein wie z. B. Lippenlecken, Kauen, Zupfen an der Kleidung, Radfahren mit den Füßen, sind der Situation jedoch nicht angemessen.
  • Verkrampfungen: Es können starre Verkrampfungen (tonische Anfälle) von zuckenden Verkrampfungen (klonische Anfälle) unterschieden werden, zum Teil geht eine tonische in eine klonische Phase des Anfalls über. Betroffen sein können einzelne Körperregionen oder der ganze Körper.
  • Nach dem Anfall: Patienten sind oft umdämmert, d. h. nicht vollständig orientiert und erinnerungsschwach sowie müde. Es können vorübergehende Lähmungen einseitig oder beidseitig auftreten. Erst allmählich wird das Bewusstsein wieder klar. Auch Sprachstörungen kommen nach dem Anfall vor.

Diagnose von Epilepsie

Die verschiedenen Epilepsieformen werden von Arzt oder Ärztin diagnostisch mit verschiedenen Verfahren erfasst. Die Entscheidung darüber, ob eine Epilepsie vorliegt oder nicht, stützt sich ganz überwiegend auf die Beschreibung des Anfallsereignisses. Zusätzlich sind apparative Untersuchungen notwendig wie z. B. ein EEG oder eine Kernspintomographie (MRT) des Kopfes. Diese Untersuchungen können die Diagnose Epilepsie unterstützen, eine Epilepsie aber nicht beweisen. Die Beschreibung des Anfalls durch den Patienten und einen Augenzeugen sollte also möglichst genau sein.

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  • Anamnese: Zunächst stellen die Ärzte viele Fragen zu Lebensgewohnheiten und Anfallsgeschehen.
  • EEG (Elektroenzephalografie): Hierbei wird die elektrische Aktivität der Nervenzellen beobachtet. Bei Epilepsien werden vor allem verschiedene verschreibungspflichtige Medikamente aus der Wirkstoffgruppe der Antiepileptika eingesetzt, um die Krampfanfälle des Gehirns zu therapieren.
  • MRT (Magnetresonanztomographie): Eine Schichtaufnahme des Kopfes und des Gehirns mit Hilfe magnetischer Wellen. Sie ist ungefährlich und nicht belastend. Sie kann von daher beliebig wiederholt werden. Mit ihr erkennt man Veränderungen der Gehirnstruktur, wie z. B. Vernarbungen, Missbildungen, Entzündungen, Tumore, Schlaganfälle.
  • Laboruntersuchungen: Insbesondere wenn es sich um den ersten Anfall handelt, sollten Laboruntersuchungen des Blutes und in einzelnen Fällen auch des Nervenwassers (Liquor) durchgeführt werden. Hierbei wird vor allem nach Entzündungszeichen gesucht.

Behandlung von Epilepsie

Oberstes Ziel der Therapie ist Anfallsfreiheit oder zumindest eine gute Anfallskontrolle. Welche Behandlung sinnvoll ist, hängt von der Form der Epilepsie und dem Krankheitsverlauf ab. Meist wird eine Epilepsie mit Medikamenten behandelt, sogenannten Antiepileptika. Es stehen unterschiedliche Medikamente aus verschiedenen Wirkstoffgruppen zur Verfügung. Wenn ein Medikament in einer niedrigen Dosierung nicht wirkt, kann zunächst die Dosis erhöht werden. Zeigt sich kein Erfolg, probiert man ein Medikament aus einer anderen Wirkstoffgruppe oder kombiniert mehrere Wirkstoffe.

Da es oft bei einem einzigen Anfall bleibt, kann man mit einer Behandlung meist erst einmal abwarten. Die Therapie beginnt in der Regel erst nach einem zweiten Anfall. Besteht jedoch ein erhöhtes Risiko für erneute Anfälle, wie etwa bei einer Gehirnerkrankung, kann bereits nach dem ersten Krampfanfall eine Behandlung sinnvoll sein. Wichtig ist, die persönliche Situation ausführlich mit der Ärztin oder dem Arzt zu besprechen.

Wer sich für eine Behandlung mit Medikamenten entscheidet, nimmt diese meist über mehrere Jahre ein. Wenn in dieser Zeit keine Anfälle aufgetreten sind, können manche Menschen versuchsweise auf Medikamente verzichten. Andere benötigen ihr Leben lang Medikamente.

Können die Medikamente Anfälle nicht verhindern, ist ein Eingriff eine Alternative.

  • Operation: Wenn sich bei fokalen Anfällen feststellen lässt, welcher Bereich des Gehirns die Anfälle auslöst, kann er entfernt werden. Das ist aber nicht immer möglich.
  • Vagusnerv-Stimulation: Dabei wird ein Schrittmacher unter die Haut im Brustbereich implantiert, der elektrische Impulse abgibt. Er ist über Kontakte am Halsbereich mit dem Vagusnerv verbunden und soll die Überaktivität der Nervenzellen hemmen.

Ergänzend kann eine Psychotherapie hilfreich sein. Sie kann dabei unterstützen, mit den Folgen der Erkrankung umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern.

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Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall

Bei einem epileptischen Anfall ist es am wichtigsten, dass Helferinnen und Helfer Ruhe bewahren und Betroffene vor Verletzungen schützen. Dauert der Anfall länger als fünf Minuten an oder treten mehrere Anfälle kurz hintereinander auf, sollte der Rettungsdienst (Notruf 112) informiert werden. Bei einem schweren Anfall kann ein Krankenhausaufenthalt notwendig sein.

Wenn eine Person auf dem Boden liegt, sich zuckend und unkoordiniert bewegt und nicht ansprechbar ist, können Sie diese einfachen Dinge tun, um Erste Hilfe zu leisten:

  • Am wichtigsten ist es, Ruhe zu bewahren.
  • Den Kopf schützen, zum Beispiel mit einem Kleidungsstück unter dem Kopf, damit die Person sich nicht selbst verletzt.
  • Für eine sichere Umgebung sorgen - alle Gegenstände aus dem unmittelbaren Umfeld entfernen.
  • Den Menschen nicht festhalten. Damit steigt nur das Risiko, das die krampfende Person sich oder die Helfenden verletzt.
  • Nichts in den Mund stecken.
  • Bei der Person mit dem epileptischen Anfall bleiben - erstmal nicht weggehen, um Hilfe zu holen.
  • Auf die Uhr schauen: Die meisten Anfälle dauern ein bis zwei Minuten und hören von allein auf. Hält der Anfall länger an oder wenn die Person wiederholt krampft: 112 anrufen.
  • Auch nach dem Anfall bei der Person bleiben. Es kann sein, dass sie desorientiert ist.
  • Falls die Person direkt nach dem Anfall einschläft: in die stabile Seitenlage bringen.
  • Dem Betroffenen nach Möglichkeit mit einer Decke oder ähnlichem zudecken, um ihn vor neugierigen Blicken zu schützen.

Bei allen Anfallsformen ist es hilfreich, als Außenstehender Informationen zu sammeln und zu sortieren: Ist eine Epilepsie bekannt? Dann ist oft keine akute Klinikbehandlung notwendig und der Betroffene weiß selbst Bescheid, wie mit dem erneuten Krampfanfall umzugehen ist. Wenn keine Epilespie bekannt und oder wenn keine Information verfügbar ist, trotzdem die 112 anrufen. Als Laie kann man nicht einschätzen, was als nächstes zu tun ist.

Leben mit Epilepsie

Eine Epilepsie Erkrankung beeinflusst die eigene Lebenserwartung nicht direkt. Sie mindert aber die Lebensqualität der Betroffenen immens. So meiden in ständiger Angst vor einem erneuten Anfall und dem Kontrollverlust viele Epileptikerinnen und Epileptiker soziale Ereignisse oder Sportarten wie Schwimmen. Epilepsie hat keine seelischen Ursachen, sie bedeutet aber vielmehr für viele Betroffene eine starke seelische Belastung. Weil sie nie wissen, wann und wo es wieder losgeht, erleben die Betroffenen die Krankheit als starke psychische Belastung. Zwischen den Anfällen zeigen sich meist keine körperlichen Beschwerden. Allerdings begleitet viele Patienten und Patientinnen die Sorge, dass es zu einem erneuten Anfall kommt.

Es ist ratsam, bestimmte Situationen zu meiden, die einen Anfall auslösen. Epileptiker:innen sollten stets einen Notfallausweis mit sich führen.

Prognose bei Epilepsie

Die Prognose von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ist und bei vielen Betroffenen die Anfallsfreiheit erreicht werden kann. Ungefähr zwei Drittel aller Patientinnen und Patienten können durch die medikamentöse Behandlung anfallsfrei werden, wobei die Prognose je nach Form der Epilepsie variiert. Die Epilepsie ist zwar nicht heilbar, jedoch kann sie gut kontrolliert werden. Auch die Lebenserwartung ist häufig kaum kürzer als die von Menschen ohne Epilepsie. Die Auswirkungen auf den Alltag sind meist wesentlich geringer als man auf den ersten Blick denken mag.

Demnach gilt eine Epilepsie als überwunden oder geheilt, wenn Patientinnen und Patienten 10 Jahre anfallsfrei sind, davon mindestens 5 Jahre ohne die Einnahme von Anfallssuppressiva.

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