Unser Nervensystem, bestehend aus mehr als 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), ist für eine Vielzahl von Funktionen verantwortlich, darunter Bewegungen, Empfindungen und Denkprozesse. Wenn diese Nervenzellen beeinträchtigt sind, können neurologische Erkrankungen mit unterschiedlichsten Symptomen auftreten. Die Neurologie, ein medizinisches Fachgebiet, widmet sich dem Aufbau, den Funktionen und den Störungen des Nervensystems.
Das Nervensystem im Überblick
Neurologische Erkrankungen sind Krankheiten, die das Nervensystem betreffen. Dieses lässt sich in zwei Hauptbereiche unterteilen:
- Zentrales Nervensystem (ZNS): Bestehend aus Gehirn und Rückenmark, dient es der Reizverarbeitung.
- Peripheres Nervensystem (PNS): Steuert willkürliche und unwillkürliche Körperaktivitäten.
Schätzungen zufolge werden jährlich etwa 1 Million Patienten von Neurologen aufgrund verschiedenster Krankheitsbilder klinisch behandelt.
Häufige neurologische Erkrankungen und ihre Ursachen
Die Vielfalt neurologischer Erkrankungen ist groß. Im Folgenden werden einige der häufigsten Krankheitsbilder und ihre Ursachen erläutert:
Migräne
Die Migräne zählt zu den Funktionsstörungen des Gehirns. Bei einer akuten Schmerzattacke funktionieren bestimmte schmerzregulierende Systeme nicht richtig - Betroffene reagieren überempfindlich auf Reize. Diese Form des Kopfschmerzes zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass die Beschwerden anfallsartig und in verschiedenen Abständen (zum Beispiel mehrmals im Monat oder nur einmal im Jahr) auftreten. Patienten beschreiben den Schmerz als stechend, pulsierend oder pochend.
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Alzheimer
Dabei handelt es sich um eine Unterform der Demenz, bei welcher Nervenzellen im Gehirn langsam - aber stetig fortschreitend - absterben. Typisch für das Krankheitsbild sind Sprach-, Orientierungs- und Gedächtnisstörungen sowie damit einhergehende Veränderungen der Persönlichkeit.
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
Die auch als Zappelphilipp-Syndrom bezeichnete Krankheit beschreibt eine Funktionsstörung des Gehirns - ausgelöst durch die fehlerhafte Übermittlung von Signalen und Informationen. ADHS macht sich beispielsweise durch impulsives Verhalten, große Unruhe sowie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme bemerkbar.
Epilepsie
Der Begriff umfasst mehrere Krankheitsbilder, die sich durch das wiederholte Auftreten von epileptischen Anfällen kennzeichnen. Bei diesen kommt es zu einer starken, plötzlichen elektrischen Entladung der Hirnzellen. Abhängig davon, welche Nervenzellen betroffen sind, zeigt sich die Epilepsie in leichteren oder stärkeren Krampfanfällen, Empfindungs- oder Bewusstseinsstörungen.
Schlaganfall
Bei einem Schlaganfall verstopft entweder ein Blutgerinnsel eine Arterie im Gehirn oder eine Hirnblutung (geplatztes Gefäß) liegt vor. Als Folge davon werden umliegende Nervenzellen nicht mehr mit ausreichend Sauerstoff versorgt und sterben ab. Ein akuter Schlaganfall kann sich durch Sehstörungen, Sprachausfälle, Taubheitsgefühle und Lähmungen bemerkbar machen.
Parkinson
Die Erkrankung betrifft vor allem bestimmte Bereiche des Gehirns. Dort sterben spezielle Nervenzellen ab, die für die Herstellung des Botenstoffs Dopamin zuständig sind - daraus entsteht ein Dopamin-Mangel. Der Botenstoff ist im Körper unter anderem an der Steuerung von Bewegungen beteiligt. Daher gehören zu den typischen Anzeichen von Parkinson Zittern der Arme und Beine, Muskelstarre und eine allgemein eingeschränkte Beweglichkeit.
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Multiple Sklerose (MS)
Multiple Sklerose beschreibt eine chronisch-entzündliche Krankheit des zentralen Nervensystems, bei der Autoimmunzellen den eigenen Körper angreifen. Die langfristige Folge davon: Die Reizweiterleitung an den betroffenen Stellen ist unzureichend oder funktioniert gar nicht mehr. Empfindungsstörungen oder Lähmungen können daraus entstehen.
Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
Bei ALS verlieren Nervenzellen des motorischen Nervensystems ihre Funktion, die für die bewusste und unbewusste Steuerung von Muskelbewegungen zuständig sind. Daraus resultieren mitunter unwillkürliche Muskelzuckungen, Muskelschwäche und Muskelschwund.
Hirnhautentzündung (Meningitis)
Bei dieser Erkrankung sind - wie der Name sagt - die Hirnhäute (Meningen) entzündet, welche das Gehirn umgeben und schützen. Grund dafür ist eine Infektion mit Viren oder Bakterien. Unbehandelt kann die Krankheit neurologische Schäden, wie Lähmungserscheinungen, nach sich ziehen oder die Entzündung auf das Gehirn übergehen. Betroffene leiden zu Beginn unter Nackensteifigkeit, Fieber, Kopfschmerzen und allgemeiner Abgeschlagenheit.
Ursachen neurologischer Erkrankungen
Es gibt viele verschiedene Faktoren, die als Gründe für eine Erkrankung des Nervensystems infrage kommen: Infektionen, Autoimmunerkrankungen oder Funktionsstörungen des Gehirns sind nur einige Beispiele. Die genauen Ursachen sind für manche Erkrankungen noch unbekannt und geben Wissenschaftlern und Ärzten nach wie vor Rätsel auf.
Genetische Faktoren
Bei 5-6 % aller Menschen mit ALS sind mehrere Familienmitglieder von ALS betroffen - es liegt eine “familiäre ALS” (F-ALS) vor. Die Rolle genetischer Faktoren wird noch unterschätzt, da bei mindestens 10 % aller Patienten, die keine Familiengeschichte einer ALS aufweisen, genetische Veränderungen vorliegen (“genetische ALS”).
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Die Ursachen der ALS werden kontinuierlich weiter aufgeklärt. Seit 1993 wurden über 20 Gene identifiziert, bei denen bestimmte Fehler (Mutationen) zu einer FALS führen können. Die häufigsten Mutationen finden sich in den Genen „C9orf72“, „SOD1“, „FUS“, „TARDBP“ und „TBK1“.
Infektionen
Es gibt eine ganze Reihe von Infektionen, die das Zentrale Nervensystem betreffen und schädigen können. Kopfschmerzen, Fieber und Nackensteifigkeit sind typische Symptome einer Hirnhautentzündung (Meningitis). Ist das Gehirn selbst von einer Entzündung betroffen, spricht man von einer Enzephalitis. Die Neurosyphilis ist die Folge einer unbehandelten Syphilisinfektion und führt zu psychiatrischen und neurologischen Beschwerden. Und eine Borrelieninfektion, ausgelöst durch einen Zeckenbiss, kann sich ebenfalls im Nervensystem festsetzen: Neuroborreliose.
Autoimmunerkrankungen
Multiple Sklerose ist ein Beispiel für eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem den eigenen Körper angreift und die Nerven schädigt.
Stoffwechselstörungen
Diabetes mellitus Typ 2 und chronischer Alkoholmissbrauch gehören zu den häufigsten Ursachen für eine Polyneuropathie. Beide Faktoren zusammen sind für fast die Hälfte aller Neuropathien verantwortlich. Warum die Zuckerstoffwechselstörung Diabetes mellitus das Nervengewebe angreift, ist noch nicht vollständig erforscht. Expertinnen und Experten vermuten, dass der ständig erhöhte Blutzucker feinste Blutgefäße schädigt, welche die Nerven umspinnen und versorgen. Die diabetische Polyneuropathie zählt zu den Spätkomplikationen der Diabetes-Stoffwechselstörung.
Weitere Risikofaktoren
Eine Vielzahl von Faktoren können das Risiko für neurologische Erkrankungen beeinflussen. Dazu gehören:
- Alter: Viele neurologische Erkrankungen treten häufiger im höheren Alter auf.
- Lebensstil: Faktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel können das Risiko erhöhen.
- Umweltfaktoren: Luftverschmutzung und bestimmte Umweltgifte stehen im Verdacht, neurologische Erkrankungen zu begünstigen.
- Psychische Belastungen: Stress, Depressionen und Einsamkeit können das Risiko für Demenz erhöhen.
Diagnose neurologischer Erkrankungen
Da es eine Vielzahl von Nervenkrankheiten gibt, fallen auch die Symptome sehr verschieden aus. Der richtige Facharzt für neurologische Erkrankungen ist der Neurologe. Er hat sich auf Krankheiten oder Störungen, die das Nervensystem betreffen, spezialisiert.
Zu Beginn einer Diagnose wird der Mediziner im Rahmen des Patientengesprächs die genauen Symptome erfragen. Ferner stehen ihm verschiedene körperliche Untersuchungsmethoden zur Verfügung.
Neurologische Untersuchung
Zunächst erfolgt die gründliche neurologische Untersuchung, in der die Prüfung der Reflexe, der Sensibilität und der Muskelkraft wichtige Informationen liefern. An den Beinen werden Nervendehnungszeichen (z.B. Lasègue) geprüft.
Neurophysiologische Untersuchungen
Meist werden auch neurophysiologischen Untersuchungen durchgeführt. Die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) erkennt Überleitungsstörungen (etwa im Karpaltunnel, am Ellenbogen oder am Köpfchen des Wadenbeins) und grenzt Engpass-Syndrome von Polyneuropathien ab.
Liquoruntersuchung
Bei Neuropathien kann es sinnvoll sein, die Hirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor) zu analysieren. Bei einigen Patient:innen ist die Konzentration von Eiweiß (Albumin) erhöht. Die Entnahme des Liquors erfolgt über eine Lumbalpunktion, also einen Einstich in den unteren Teil des Wirbelkanals, denn die Hirnflüssigkeit und die Rückenmarksflüssigkeit stehen miteinander in Verbindung.
Blutwerte
Der Nachweis von Autoantikörpern gegen bestimmte Ganglioside kann zur Diagnose einer Immunneuropathie (oder entzündlichen Polyneuropathie) hilfreich sein. Als Ganglioside bezeichnet man eine Gruppe von Eiweißen, die vor allem im Nervensystem vorkommen. Menschen mit Polyneuropathien bilden manchmal Autoantikörper gegen diese Gruppe von Eiweißen aus, die dann im Blut nachgewiesen werden können. Am häufigsten lassen sich Gangliosid-GM1-Antikörper nachweisen.
Quantitative Sensorische Testung
Bei einer Untergruppe der Neuropathien sind insbesondere die dünnen, kleinen Nervenfasern der Haut betroffen. Sie werden unter dem Namen Small-Fiber-Neuropathien zusammengefasst. Die Nervenleitgeschwindigkeit, die die Funktion von dickeren Nerven misst, ist dann oft unauffällig. Für die richtige Diagnose ist die Quantitative Sensorische Testung mit Messung des Temperaturempfindens entscheidend.
Hautbiopsie
Darüber hinaus kann eine Gewebeprobe aus der Haut (Hautbiopsie) unter dem Mikroskop untersucht werden.
Behandlung neurologischer Erkrankungen
Aufgrund ihrer Vielfältigkeit sind pauschale Aussagen zur Behandlung von Krankheiten, die das Nervensystem betreffen, nicht möglich. Ein Schlaganfall ist beispielsweise immer ein Notfall - eine sofortige Behandlung ist essenziell. Dem Patienten werden spezielle Medikamente verabreicht, die in der Lage sind, das Blutgerinnsel aufzulösen, sodass den Hirnzellen wieder ausreichend Sauerstoff zur Verfügung steht. Bei ADHS kann die Behandlung dagegen unter anderem auf verhaltenstherapeutischen Maßnahmen (zum Beispiel dem Umgang mit impulsivem Verhalten) in Kombination mit Medikamentengabe basieren.
Viele Nervenkrankheiten sind grundsätzlich heilbar.
Behandlung der Ursache
Zuerst wird man die Ursache behandeln, sofern diese gefunden wird. Unabhängig davon wird man auch die Symptome behandeln, vor allem Schmerzen.
Medikamentöse Therapie
Zur Schmerzbekämpfung haben sich Antidepressiva und Medikamente gegen Krampfanfälle (Epilepsie), sogenannte Antikonvulsiva, bewährt. Capsaicin ist für die Schärfe der Chilischoten verantwortlich und hat sich in Form von Capsaicin-Pflastern auf der Haut in Studien als erfolgversprechendes Mittel gegen Polyneuropathie erwiesen.
Physikalische Therapie
Gegen ein Taubheitsgefühl in den Füßen kann man weniger gut mit Medikamenten vorgehen. Hier bieten sich physikalische Methoden wie Bürstenmassagen, Bewegungsübungen und durchblutungsfördernde Maßnahmen an. Gegen die fortschreitende Gangunsicherheit wirkt Gleichgewichtstraining in der Physiotherapie.
Elektrotherapie
Bei der Elektrotherapie werden die Nerven durch Impulse aus einem speziellen Gerät so stimuliert, dass Erkrankte statt Schmerzen ein leichtes Kribbeln spüren. Von außen lässt sich dieses durch ein TENS-Gerät erreichen.
Lebensstiländerungen
Bei Altersdiabetes empfehlen Ärzte eine Umstellung des Lebensstils mit Gewichtsreduktion und viel Bewegung.
Prävention neurologischer Erkrankungen
Einige neurologische Erkrankungen lassen sich nicht verhindern, aber es gibt Maßnahmen, die das Risiko reduzieren können:
- Gesunder Lebensstil: Keine Zigaretten, kein Alkohol, eine gesunde Ernährung, Normalgewicht und Bewegung stärken nicht nur die körperliche, sondern auch die geistige Gesundheit.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Reduzieren Sie Stress, vermeiden Sie Umweltgifte und lassen Sie sich regelmäßig ärztlich untersuchen.
- Früherkennung: Je früher eine neurologische Erkrankung erkannt wird, desto besser sind die Behandlungsmöglichkeiten.