Die Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) ist eine weit verbreitete Funktionsstörung, die das Zusammenspiel von Kiefergelenk, Kaumuskulatur und Zähnen beeinträchtigt. Sie kann sich durch vielfältige Symptome äußern, die oft nicht direkt mit dem Kiefer in Verbindung gebracht werden. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von CMD, ihre vielfältigen Symptome, Diagnosemethoden und Behandlungsansätze, um Betroffenen ein umfassendes Verständnis dieser komplexen Erkrankung zu ermöglichen.
Was ist eine Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD)?
Der Begriff "Craniomandibuläre Dysfunktion" leitet sich von den lateinischen Wörtern "cranium" (Schädel) und "mandibula" (Unterkiefer) ab. CMD beschreibt eine strukturelle oder funktionelle Störung im Zusammenspiel von Ober- und Unterkiefer. Es handelt sich also um eine Fehlfunktion der Kiefergelenke, der Verbindung zwischen dem beweglichen Unterkiefer und dem Schädel, der Kaumuskulatur oder des Zusammenbisses. Wenn die Zähne von Ober- und Unterkiefer nicht mehr richtig ineinandergreifen, wird das gesamte Kausystem in seiner Funktion gestört.
CMD ist ein Sammelbegriff für Schmerzen und Funktionseinschränkungen im Bereich des Kopfes und des Kiefers.
Ursachen der Craniomandibulären Dysfunktion
Die Entstehung einer CMD ist oft vielschichtig und kann verschiedene Ursachen haben, die sich gegenseitig beeinflussen können.
Zahnbezogene Ursachen
- Zahnfehlstellungen: Eine fehlerhafte Position der Zähne kann dazu führen, dass Ober- und Unterkiefer nicht richtig aufeinanderpassen.
- Fehlende Zähne: Zahnlücken können das Gleichgewicht im Kausystem stören. Einer der Hauptauslöser, und mit annähernd 80% die häufigste CMD Ursache, sind fehlende Zähne.
- Durchbrechende Weisheitszähne: Der Durchbruch von Weisheitszähnen kann zu einer Veränderung der Bisslage führen.
- Schlecht sitzender Zahnersatz: Nicht optimal angepasste Füllungen, Kronen oder Prothesen können das Zusammenspiel von Ober- und Unterkiefer verändern. Außerdem gehören in diese Liste Zahnfüllungen, die zu hoch oder zu tief gelegt wurden bzw. durch Abschleifen der Zähne geworden sind. Wenn zum Beispiel eine Füllung, Teilkrone oder Krone zu hoch oder zu tief ist, verändert dies über die Zeit das Zusammenspiel von Ober- und Unterkiefer. Denn diese versuchen die Unregelmäßigkeit auszugleichen.
- Zahnbehandlungen: Wurde kurz davor eine zahnärztliche oder kieferorthopädische Behandlung durchgeführt?
Körperliche Fehlhaltungen
- Schiefhaltung des Kopfes, Nackens und Rückens: Eine falsche Sitzhaltung, insbesondere bei sitzenden Tätigkeiten, kann zu einem muskulären Ungleichgewicht führen.
- Beckenschiefstellung: Eine Schiefstellung des Beckens kann sich auf die Kiefergelenke auswirken.
- Instabile Knie oder Sprunggelenke: Auch Probleme in den unteren Extremitäten können sich bis zum Kiefer fortsetzen.
Psychische Belastung
- Stress: Starke emotionale Belastung und Stress können zu Bruxismus (Zähneknirschen und Zähnepressen) führen. Stress äußert sich bei den meisten Menschen in körperlicher Anspannung. Diese Dauerspannung führt zu einer Verhärtung der Muskulatur, die so ständig Zug an oder Druck auf Knochen und Gelenke ausübt.
- Bruxismus: Unbewusstes Zähneknirschen und Zähnepressen bedingen eine schiefe Bisslage und können durch stetes "Abschleifen" die Zahnsubstanz erheblich schädigen. Wer gewohnheitsmäßig mit den Zähnen knirscht, baut nicht nur dauerhaft Muskelanspannung auf (die beim Vorliegen einer Kiefer- oder Zahnfehlstellung die typische Ungleichbelastung nach sich zieht), sondern schleift auch kontinuierlich seine Zähne ab.
Weitere Ursachen
- Erkrankungen, Unfälle, Operationen: Rheumatische Erkrankungen, Erkrankungen des Bindegewebes, hormonelle Faktoren, Unfälle mit Schleudertrauma, Verletzungen und Operationen können eine CMD zur Folge haben.
- Unfälle: Andere CMD Ursachen sind Unfälle beziehungsweise die Folgen der Behandlung von Unfällen.
Symptome der Craniomandibulären Dysfunktion
Die Symptome einer CMD können sehr vielfältig sein und verschiedene Körperregionen betreffen. CMD hat kein eindeutiges Symptombild. Zwar gibt es Beschwerden, die typisch für CMD sind, vor allem, wenn sie in Kombination auftreten, trotzdem können zwei CMD-Patienten über ganz unterschiedliche Probleme klagen. Man unterscheidet allgemein zwischen einer aufsteigenden und einer absteigenden Symptomatik.
Lesen Sie auch: Nervenschmerzen durch Zähneknirschen
Symptome im Bereich der Zähne und des Kiefers
- Zahnschmerzen trotz gesunder Zähne
- Zähneknirschen und Kieferpressen (Bruxismus)
- Erhöhtes Schmerzempfinden von Zähnen und Zahnfleisch
- Kiefergelenksschmerzen
- Knacken im Kiefer beim Öffnen und Schließen des Mundes
- Eingeschränkte Mundöffnung
- Übermäßige Zahnabnutzung (sog. Abrasion)
Symptome im Bereich von Kopf, Hals und Nacken
- Migräne und Kopfschmerzen
- Schmerzen in der Kaumuskulatur und in den Wangen oder Schläfen
- Gesichtsschmerzen, Schmerzen des Trigeminusnervs
- Taube Zunge
- Schluckbeschwerden, Globusgefühl ("Kloß" im Hals)
- Stimmveränderungen, Heiserkeit, Räuspern
- Sprechstörungen
- Ohrgeräusche (Tinnitus)
- Ohrenschmerzen, Druck in den Ohren
- Schwindelgefühl
- Sehstörungen, Lichtempfindlichkeit
- Steifer Nacken, Muskelverspannungen
- Einschränkungen in der Beweglichkeit von Nacken und Halswirbelsäule
Symptome in weiteren Körperregionen
- Schulterschmerzen
- Rückenschmerzen
- Beckenschiefstellung
- Schmerzen in Hüfte und/oder Knie und/oder Füßen
- Taube Hände und Füße
Psychische Symptome
- Erschöpfung, Müdigkeit
- Schlafstörungen
- Stress (positiver und negativer)
- Erhöhte Nervosität und Unruhe
Diagnose der Craniomandibulären Dysfunktion
Die Diagnose einer CMD erfordert eine sorgfältige Untersuchung und Anamnese durch einen Zahnarzt oder einen spezialisierten CMD-Zahnarzt. Die zahnärztliche Diagnostik umfasst:
- Sorgfältige Anamnese der Krankheitsgeschichte: Der Arzt erfragt die bisherige Krankengeschichte und aktuelle Schmerzsymptomatik.
- Erfassen der gesamten aktuellen Schmerzsymptomatik
- Klinische Funktionsdiagnostik: Der Arzt untersucht die Kaumuskulatur, Kieferbewegungen und Okklusion (Zusammenbiss). Dabei wird die einwandfreie Funktion der Kiefergelenke und Kaumuskulatur zunächst durch Abtasten und Abhören umfassend untersucht. Darüber hinaus werden der Bewegungsumfang und die Seitwärtsbewegung des Unterkiefers analysiert. Auch die aktuelle Lebenssituation des Patienten wird in diesem Zusammenhang abgeklärt, da psycho-emotionaler Stress bei der Entstehung von CMD eine große Rolle spielt.
- Instrumentelle Funktionsdiagnostik: Mithilfe von speziellen Geräten wird die Kiefergelenksbewegung simuliert (Artikulator) und individuelle Messdaten werden erfasst (Gesichtsbogen). Konkret werden in diesem Schritt hochauflösende 3D-Aufnahmen sowie Abdrücke des Ist-Zustands des Gebisses erstellt. Dabei wird die Kieferbewegung in alle Richtungen digital aufgezeichnet. Auf Basis dieser computergestützten Analyse kann der ideale Biss digital ermittelt werden.
- Digitales Röntgen
Mit der Funktionsdiagnostik analysieren und bewerten wir die Lage von Schädel und Kiefer zueinander, den Bewegungsablauf beim Kauen, die Muskelfunktion, Okklusion und die Zahnstellung im Ober- und Unterkiefer.
Behandlung der Craniomandibulären Dysfunktion
Die Behandlung einer CMD ist individuell und richtet sich nach den Ursachen und Symptomen. In vielen Fällen ist ein interdisziplinärer Behandlungsansatz sinnvoll, der Zahnärzte, Physiotherapeuten, Orthopäden und andere Spezialisten einbezieht. Wir behandeln die craniomandibuläre Dysfunktion individuell nach Beschwerdebild und Analyseergebnissen - und immer mit einem Ziel: Unsere CMD-Behandlung konzentriert sich auf eine harmonische Kiefergelenkstellung und Okklusion.
Zahnärztliche Behandlungsmethoden
- Zahnkorrektur, Zahnersatz, Implantologie: Bei Zahnfehlstellungen, Zahnverlust oder schlecht angepassten Füllungen, Kronen oder Prothesen werden diese korrigiert oder ersetzt. Ist die Ursache schlecht passender oder abgenutzter Zahnersatz, werden die Füllungen und der betreffende Zahnersatz in unserer Praxis in Bochum angepasst. Verschobene Zähne können mit einer kieferorthopädischen Behandlung in die richtige Position bewegt werden. Fehlende Zähne können mithilfe von Implantaten ersetzt werden.
- Funktionstherapie, Schienentherapie:
- Aufbissschienen ("Knirscherschienen"): Diese Schienen entspannen die Kiefermuskeln und schützen die Zähne vor Abrieb. Das entspannt auch Gesichts, Kopf- und Nackenmuskeln. Sie beheben die Kiefergelenkfehlstellung und werden vor allem dann eingesetzt, wenn Haltungsschäden vorliegen. Die Behandlung einer CMD, die auf nächtliches Zähneknirschen zurückzuführen ist, erfolgt mit speziellen Zahnschienen (Positionierungs-, Entspannungs- oder Knirscherschienen). Dadurch wird ein falsches Zusammenbeißen vermieden. Spezielle CMD-Aufbissschienen ermöglichen eine Entlastung der Kaumuskulatur und Kiefergelenke sowie eine Zentrierung der Kiefergelenkköpfe. Im Gebiss bzw. schaltet störende Kontakte im Biss aus bzw. Die Schiene besteht aus Kunststoff und wird im Labor nach einem genauen, individuellen Abdruck des Patientengebisses angefertigt. Zu ihrer Herstellung werden außerdem die Ergebnisse der vorangegangenen Untersuchungen, die Funktionsanalyse, verwendet. Eine genaue Anpassung ist wichtig, da selbst eine kleine Erhöhung im Biss zu einer Craniomandibulären Dysfunktion führen kann. Die Schiene wird so in Ihren Mund eingegliedert, dass sich Ihr Kiefer wieder der idealen (physiologischen) Position nähert und der Heilungsprozess eingeleitet wird. Je nach Schwere der Craniomandibulären Dysfunktion wird die Aufbissschiene nur nachts, nur tagsüber oder rund um die Uhr getragen. Zeigt sich eine Besserung der Symptome, können die Eigenschaften der Schiene auf den permanenten Zahnersatz beispielsweise durch Anpassen (Einschleifen) der Kauflächen übertragen werden.
- IPR-Schienen: Diese Schienen ermöglichen eine ursächliche Therapie, indem sie die Ursachen der Verspannungen und Beschwerden beseitigen.
Weitere Behandlungsmethoden
- Physiotherapie: Manualtherapeutische Maßnahmen und Übungen verbessern die Koordination des Kiefergelenkes sowie das funktionelle Zusammenspiel zwischen Kiefer, Halswirbelsäule und Schultergürtel. Auch die Körperhaltung wird, wenn nötig, korrigiert.
- Psychotherapie: Verfahren zur Verhaltenstherapie helfen, andere Strategien zur Stressbewältigung zu erlernen.
- Medikamente: In manchen Fällen können Medikamente zur Schmerzlinderung oder Muskelentspannung eingesetzt werden.
- Alternative Verfahren: Einige Patienten berichten von positiven Erfahrungen mit Akupunktur, Osteopathie oder Homöopathie.
Selbsthilfemaßnahmen
Ergänzend zur professionellen Behandlung können Betroffene selbst aktiv werden, um ihre Beschwerden zu lindern:
- Wärmetherapie: Bei Schmerzen in Gelenken und Muskeln hilft Wärme, z.B. durch eine Rotlichtlampe oder warme Umschläge. Wärme kann Schmerzen in Gelenken und Muskeln lindern. Zur Entspannung des ganzen Körpers kann ein warmes Vollbad beitragen.
- Selbstbeobachtung: Versuchen Sie, Muster in Ihren Symptomen zu erkennen und sich selbst zu beobachten. Wann kommen Schmerzen auf? Wann sind Sie besonders gestresst?
- Stressmanagement: Suchen Sie sich eine Ausgleichsbeschäftigung, die Ihnen hilft, mit dem Stress umzugehen und sie körperlich ausgleicht: Autogenes Training, progressive Entspannungstechniken, Sport und lange Spaziergänge.
- Entspannungsübungen: Das Problem bei der craniomandibulären Dysfunktion ist häufig eine verkrampfte Kiefermuskulatur. Welche Übungen helfen gegen Zähneknirschen?
- Gründliche Zahnpflege: Der beste Schutz gegen Zahnlücken und lockere Zähne, die CMD verursachen können, ist eine besonders gründliche Zahnpflege.
Lesen Sie auch: Zusammenhang: Bruxismus und Demenz
Lesen Sie auch: Zusammenhang zwischen Zähneknirschen und CMD
tags: #zahneknirschen #taubheitsgefuhl #kopf