Stillen ist ein natürlicher und wichtiger Prozess, der nicht nur die Ernährung des Säuglings sichert, sondern auch eine tiefe emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind fördert. Dieses komplexe Zusammenspiel wird durch das Hormon- und Nervensystem gesteuert, wobei Hormone wie Oxytocin und Prolaktin eine zentrale Rolle spielen. Trotz der positiven Assoziationen, die üblicherweise mit dem Stillen verbunden sind, erleben einige Frauen auch negative Gefühle wie Traurigkeit, Angst oder Wut. Dieses Phänomen, bekannt als Dysphorischer Milchspendereflex (D-MER), verdeutlicht die komplexe Interaktion zwischen Körper und Psyche während der Stillzeit.
Die Physiologie des Stillens
Hormonelle Steuerung
Das Stillen ist ein komplexer physiologischer Prozess, der durch das Zusammenspiel verschiedener Hormone gesteuert wird. Die wichtigsten Hormone sind Progesteron, Prolaktin und Oxytocin.
- Progesteron: Bereits während der Schwangerschaft bereitet Progesteron die Brust auf das Stillen vor. Etwa in der Mitte der Schwangerschaft beginnt die erste Phase der Milchbildung, die sekretorische Differenzierung. Ab diesem Zeitpunkt kann die Brust Kolostrum und Milchbestandteile bilden.
- Prolaktin: Nach der Geburt sinkt der Progesteronspiegel der Mutter ab, während Prolaktin ansteigt. Prolaktin sorgt dafür, dass Milch gebildet wird.
- Oxytocin: Oxytocin löst Kontraktionen der Muskeln rund um die Milchgänge aus und damit den Milchspendereflex. Es fördert Gefühle von Ruhe, Fürsorge und emotionaler Nähe und wirkt gleichzeitig anxiolytisch und stressreduzierend.
Der Milchspendereflex
Der Milchspendereflex wird durch die Stimulation der Brustwarze und des Warzenhofs beim Saugen des Babys ausgelöst. Ein Nerv sendet Signale an das Gehirn, wo Oxytocin freigesetzt wird. Oxytocin bewirkt, dass sich die Muskelzellen um die Milchdrüsen zusammenziehen und die Milch durch die Milchgänge zur Brustwarze transportiert wird.
Die Rolle der Acini
Entscheidend für die Milchproduktion sind kleine knospenähnliche Strukturen, die Acini. Die Brust ist aufgebaut wie ein blühender Holunderbaum - mit vielen Ästen, die sich immer weiter verzweigen in kleine Ästchen mit kleinen Blüten. Die kleinen Blüten - die Acini - sind in Wirklichkeit beerenförmige Endstücke von Drüsen, die verschiedene Sekrete bilden können.
Psychologische Aspekte des Stillens
Bonding und emotionale Bindung
Stillen fördert die enge Bindung zwischen Mutter und Kind. Körperkontakt, Blickkontakt und die Ausschüttung von Hormonen wie Oxytocin und Prolaktin unterstützen den Aufbau einer sicheren Mutter-Kind-Beziehung. Auch für die Mutter kann das Stillen psychologisch stabilisierend wirken.
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Stillprobleme und psychische Belastung
Stillprobleme wie Milchstau, Schmerzen, wunde Brustwarzen oder ein unruhiges Trinkverhalten des Kindes können die positiven psychologischen Effekte erheblich beeinträchtigen. Psychische Belastungen durch Stillprobleme sind auch ein Risikofaktor für die Entwicklung einer postpartalen Depression oder Angststörung.
Individuelle Erwartungen und alternative Ernährungsformen
Nicht jede Mutter möchte oder kann stillen. Wenn Stillen nicht gelingt oder nicht gewünscht ist, kann eine sichere Flaschenernährung die Mutter-Kind-Bindung ebenfalls unterstützen. Zur Prävention psychischer Belastungen ist es sinnvoll, bereits in der Schwangerschaft über realistische Stillziele und mögliche Schwierigkeiten aufzuklären.
Dysphorischer Milchspendereflex (D-MER)
Beschreibung des Phänomens
Etwa zehn Prozent der Frauen verbinden mit dem Stillen negative Gefühle wie Traurigkeit, Angst, Verzweiflung oder Wut. Dieses Phänomen wird als Dysphorischer Milchspendereflex (D-MER) bezeichnet. Dysphorie ist das Gegenteil von Euphorie und bezeichnet eine Störung des emotionalen Erlebens.
Symptome und Dauer
Stillende Mütter mit D-MER erleben eine plötzliche Welle von Gefühlen wie Angst, Trauer, Verzweiflung oder sogar Wut. Sie beginnt, kurz bevor die Brust Milch abgibt - also beim Stillen oder auch spontan, etwa wenn die Mutter das Baby weinen hört - und kann bis zu zwei Minuten andauern.
Unterscheidung von postnataler Depression
Anders als eine postnatale Depression ist D-MER keine psychische Erkrankung, sondern ein körperlich ausgelöstes Phänomen.
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Mögliche Ursachen und Theorien
Die genaue Ursache von D-MER ist noch unbekannt. Es gibt jedoch zwei zentrale Theorien:
- Fight-or-Flight-Reaktion: Das Hormon Oxytocin löst im Körper der Mutter eine Fight-or-Flight-Reaktion aus, also eine Verteidigungs- oder Abwehrreaktion - möglicherweise als Überreaktion auf Stress oder ein früher erfahrenes Trauma.
- Dopaminabfall: Ein überaus starker Abfall des Botenstoffs Dopamin könnte ein Gefühl der Dysphorie auslösen. Dopamin leitet Signale zwischen Nervenzellen weiter, steuert emotionale und motorische Reaktionen und wird häufig als Glücksbotenstoff bezeichnet, da wir dank ihm Glücksgefühle empfinden können.
Umgang mit D-MER
Viele Frauen finden online über D-MER heraus und sprechen online darüber. Und das hilft: zu wissen, was es ist. Ihm einen Namen zu geben. Zu wissen, es dauert eine Minute oder zwei und ist dann wieder vorbei. Einige Frauen entscheiden sich dafür, mit dem Stillen aufzuhören oder etwa Milch abzupumpen und dann im Fläschchen an ihr Baby zu füttern. Doch die meisten betroffenen Frauen schaffen es, weiterhin zu stillen.
Ernährung in der Stillzeit
Allgemeine Empfehlungen
Während der Stillzeit ist eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung wichtig, um die Gesundheit von Mutter und Kind zu unterstützen. Es lohnt sich aber einige Dinge zu beachten. Gemüse sollten auf dem Speiseplan stehen. Es wird empfohlen, ein- bis zweimal pro Woche fettreichen Fisch (z.B. Makrele, Hering oder Lachs) zu essen. Die darin enthaltenen Fettsäuren, wie Omega-3- oder Omega-6, sind wichtig für die Entwicklung des Gehirns, der Leber, der Augennetzhaut und des Immunsystems des Babys.
Zu vermeidende Lebensmittel
Rohes Fleisch, Sushi oder Rohmilchkäse sind jetzt wieder erlaubt. Die Liste der Dinge auf die Du verzichten solltest ist jetzt also deutlich kürzer, als noch in der Schwangerschaft.
Blähende Lebensmittel
Viele Mütter machen sich Sorgen, ob das was sie essen zu Blähungen beim Baby führen kann. Unsere Hebamme empfiehlt auszuprobieren was funktioniert. Jedes Kind ist anders. Knoblauch, Hülsenfrüchte, Zwiebeln und Kohl können durchaus von einigen Babys nicht so gut vertragen werden.
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Kaffee und Alkohol
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Stillenden, nicht mehr als drei Tassen Kaffee am Tag zu trinken. Das entspricht 300 Milligramm Koffein. Wenn Du stillst und Zigaretten rauchst, reichern sich die Schadstoffe der Zigaretten in der Muttermilch an. Experten und Expertinnen raten auch von dem Genuss von Alkohol während der Stillzeit ab.
Durstgefühl und Oxytocin
Während der Stillzeit mehr Durst als sonst zu haben, ist ganz normal. Verantwortlich dafür ist das Hormon Oxytocin. Immer wenn Du Dein Kind stillst oder auch nur daran denkst zu stillen, schüttet Dein Gehirn Oxytocin aus. Der erhöhte Oxytocinspiegel sorgt dann bei vielen Mamas für ein starkes Durstgefühl.
Diät während der Stillzeit
Viele Mütter wollen die überschüssigen Pfunde nach der Geburt so schnell wie möglich wieder loswerden. In der Stillzeit gilt das gleiche, wie in der Schwangerschaft: Höre auf Deinen Körper. Dein Körper hat einen erhöhten Energiebedarf.
Bonding: Die Bedeutung der Eltern-Kind-Bindung
Was ist Bonding?
Der Begriff „Bonding" kommt aus dem Englischen und bedeutet „Verbindung". Schutz, Wärme, Liebe und Zuwendung ist das, was jedes Baby nach der Geburt braucht. Bonding hilft uns dabei. Denn durch den ersten Hautkontakt nach der Geburt schaffen wir eine intensive Verbindung zwischen dem Baby und seinen Eltern.
Wie funktioniert Bonding?
Bonding prägt das Kind für zukünftige Beziehungen, denn es hilft dabei, Vertrauen zu schaffen. Es vermittelt zudem ein Gefühl der Sicherheit, indem Eltern lernen, angemessen auf die Körpersprache und Emotionen des Nachwuchses zu reagieren. Durch Bonding erzeugen Eltern eine Zone aus Geborgenheit, Sicherheit, Liebe und Zuwendung.
Möglichkeiten zur Förderung des Bondings
- Hautkontakt: Durch den direkten Kontakt von Haut auf Haut nimmt das Baby den Herzschlag von Mama oder Papa wahr und kann sich deren Körpergeruch einprägen.
- Wärme: Durch die Körperwärme von Mama oder Papa fühlt sich das Neugeborene besonders geborgen.
- Stillen: Beim Stillen schütten Mutter und Kind das „Kuschelhormon" Oxytocin aus, welches die Bindungsfähigkeit fördert. Zudem bekommt das Baby während des Stillens Nähe, Geborgenheit, Wärme und Nahrung.
- Tragen: Zu Beginn sollte das Baby viel auf den Arm genommen, gehalten und dabei sanft geschaukelt werden.
- Sprechen und Beruhigen: Ihr Herzschlag und vor allem auch Ihre Stimme sind dem Baby sehr vertraut.
Physiologische Anpassungen des mütterlichen Organismus in der Schwangerschaft
Veränderungen im kardiovaskulären System
Eine Schwangerschaft erfordert eine Reihe von physiologischen, anatomischen, psychischen und sozialen Adaptationsvorgängen, um dem Fetus optimale Voraussetzungen für sein Heranwachsen zu schaffen. Um die optimale Versorgung und damit Entwicklung und Wachstum des Kindes zu gewährleisten sowie um die Schwangere vor den Risiken der Geburt - wie z. B. starkem Blutverlust - zu schützen, kommt es zu deutlichen Veränderungen in kardiovaskulärem System und Hämodynamik der Schwangeren.
Blutvolumen und Hämodilution
Insgesamt kommt es in der Schwangerschaft durch Wasser- und Natriumretention zu einer Erhöhung des Flüssigkeitsvolumens im Körper um etwa 6-8 l. Die Änderung des Blutvolumens resultiert aus der Kombination der Erhöhung des Plasmavolumens und der Erythrozytenmasse. Da das Plasmavolumen früher und stärker zunimmt als die Erythrozytenmasse, kommt es zu einer physiologischen Anämie und einem Abfall des Hämoglobinwertes auf bis zu 11 g/dl.
Herzminutenvolumen und Gefäßwiderstand
In der Schwangerschaft kommt es zu einem Anstieg des Herzminutenvolumens um 30-50 %. Blutdruck und systemischer Gefäßwiderstand („totaler peripherer Widerstand“) fallen am Beginn der Schwangerschaft ab und erreichen ihren Tiefpunkt im 2. Trimenon, um dann im 3. Trimenon zur Geburt hin wieder auf nichtschwangerere Normwerte anzusteigen.
Uteroplazentare Perfusion
Eine adäquate uteroplazentare Perfusion während der gesamten Gestationsperiode ist eine Voraussetzung für regelrechtes plazentares und fetales Wachstum. Grundlage der adäquaten uteroplazentaren Perfusion ist ein stetiger physiologischer Anstieg der uterinen Durchblutung mit zunehmender Schwangerschaftsdauer.
Hämodynamische Veränderungen unter Wehen und Geburt
Unter Wehen und Geburt kommt es aufgrund körperliche Anstrengung, Schmerz, Angst, Uteruskontraktionen und Blutungen zu einer signifikanten Veränderung der Hämodynamik. Mit jeder Wehe wird bis zu 500 ml Blut aus dem Uterus in die Zirkulation abgegeben. Unmittelbar nach der Geburt findet durch die Kontraktion des Uterus eine signifikante Autotransfusion statt.
Die Rolle von Oxytocin in sozialen Interaktionen
Oxytocin und soziale Kognition
Oxytocin, oft als „Kuschelhormon“ bezeichnet, spielt eine wichtige Rolle bei der Förderung sozialer Bindungen und des Vertrauens. Studien haben gezeigt, dass Oxytocin die neuronale Aktivität in Hirnregionen beeinflusst, die für soziale Kognition und die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich sind.
Oxytocin und Angstreduktion
Einige Studien deuten darauf hin, dass Oxytocin Angst reduzieren kann. In Versuchen, in denen Probanden unangenehme Reize in Verbindung mit Gesichtern erlebten, führte die Verabreichung von Oxytocin dazu, dass diese Gesichter nicht mehr als unangenehm empfunden wurden. Dies könnte darauf hindeuten, dass Oxytocin die Verarbeitung von Bedrohungen im Gehirn modulieren kann.
Oxytocin und soziale Störungen
Es gibt Hinweise darauf, dass Oxytocin bei der Behandlung von sozialen Störungen wie Autismus-Spektrum-Störungen hilfreich sein könnte. Studien haben gezeigt, dass intranasal verabreichtes Oxytocin die Fähigkeit von Jugendlichen mit Autismus verbessern kann, Emotionen zu erkennen.
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