Hirnabszess Behandlung: Ein umfassender Überblick

Ein Hirnabszess ist eine ernste und potenziell lebensbedrohliche Erkrankung, die eine schnelle Diagnose und Behandlung erfordert. Es handelt sich um eine abgekapselte Eiteransammlung im Gehirn, die durch eine Infektion verursacht wird. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten von Hirnabszessen.

Was ist ein Hirnabszess?

Ein Abszess im Gehirn ist eine lokale Entzündungsreaktion, bei der Krankheitserreger in das Hirngewebe eindringen. Zunächst kommt es zu einer fokalen Enzephalitis, einer Entzündung im Gewebe. Im weiteren Verlauf bildet sich eine Eiteransammlung, die von einer Kapsel aus Bindegewebe umschlossen wird. Diese neu entstandenen, eitergefüllten Hohlräume werden als Abszesse bezeichnet. Ein Hirnabszess ist selten, kann aber lebensgefährlich sein. Die Inzidenz wird mit 0,3 bis 1,3 Fällen pro 100.000 Personen angegeben.

Ursachen und Risikofaktoren

Ein Hirnabszess entsteht, wenn Krankheitserreger in das Gehirn eindringen. Dies geschieht meist über den Blutweg oder durch die Ausbreitung von Infektionen in der Nähe (Nachbarschaftsprozesse).

Häufige Ursachen

  • Bakterielle Infektionen: In den meisten Fällen werden Hirnabszesse durch Bakterien verursacht. Zu den häufigsten Erregern zählen Streptokokken, Bacteroides- und Pseudomonas-Arten. Streptokokken verursachen oft Infektionen der oberen Atemwege oder des Ohrs, wie Sinusitis oder Otitis media. Auch bakterielle Entzündungen im Bereich der Zahnwurzeln können eine Ursache sein.
  • Pilzinfektionen: Seltener können auch Pilze einen Hirnabszess auslösen. Dies betrifft insbesondere Menschen mit einem geschwächten Immunsystem.
  • Parasitäre Infektionen: In seltenen Fällen können auch Parasiten wie die Erreger der Toxoplasmose einen Hirnabszess verursachen, besonders bei immungeschwächten Personen.
  • Direkte Infektionen: Bakterien können auch direkt durch offene Kopfverletzungen (Schädel-Hirn-Trauma) oder Operationen ins Gehirn eindringen.

Risikofaktoren

  • Geschwächtes Immunsystem: Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, z. B. durch Medikamente (Immunsuppressiva), AIDS, Krebstherapie oder Organtransplantationen, haben ein höheres Risiko für Hirnabszesse.
  • Diabetes mellitus: Diabetiker haben ebenfalls ein erhöhtes Risiko.
  • Alkohol- oder Drogenabhängigkeit: Diese Zustände können das Immunsystem schwächen und das Risiko erhöhen.
  • Vorherige Infektionen: Infektionen im Kopfbereich, wie Otitis media, Sinusitis oder Zahnwurzelentzündungen, können sich auf das Gehirn ausbreiten.

Symptome

Die Symptome eines Hirnabszesses können vielfältig und unspezifisch sein. Sie hängen von der Lage, Größe und Ausdehnung des Abszesses sowie dem Ausmaß der Entzündung ab.

Häufige Symptome

  • Kopfschmerzen: Anhaltende, zunehmende Kopfschmerzen sind ein häufiges Symptom.
  • Fieber und Schüttelfrost: Diese Anzeichen deuten auf eine Entzündung hin. Bei Erwachsenen tritt Fieber jedoch nur in etwa 45-50 % der Fälle auf, während es bei Kindern mit 80 % deutlich häufiger vorkommt.
  • Neurologische Ausfälle: Je nach betroffenem Hirnareal können neurologische Ausfälle wie Lähmungen, Empfindungsstörungen, Sprachstörungen oder Sehstörungen auftreten.
  • Krampfanfälle: Epileptische Anfälle können ebenfalls auftreten.
  • Übelkeit und Erbrechen: Diese Symptome sind oft Anzeichen eines erhöhten Hirndrucks.
  • Benommenheit: Patienten können sich benommen und verwirrt fühlen.
  • Nackensteifigkeit: In einigen Fällen kann ein steifer Nacken auftreten, was auf eine Beteiligung der Hirnhäute hindeuten kann.
  • Psychische Veränderungen: Wesensveränderungen, Leistungs- und Konzentrationsschwäche können auftreten.

Symptomtrias

Die klassische Trias von Fieber, Kopfschmerzen und fokalen neurologischen Herdsymptomen tritt nur bei weniger als 25 % der Patienten auf.

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Diagnose

Die Diagnose eines Hirnabszesses erfordert eine umfassende Untersuchung und den Einsatz bildgebender Verfahren.

Anamnese und körperliche Untersuchung

Der Arzt wird zunächst eine ausführliche Anamnese erheben, um Informationen über Vorerkrankungen, Risikofaktoren und aktuelle Beschwerden zu sammeln. Anschließend erfolgt eine gründliche körperliche und neurologische Untersuchung, um mögliche neurologische Ausfälle festzustellen.

Bildgebende Verfahren

  • Computertomographie (CT): Die CT des Schädels ist oft die erste bildgebende Untersuchung. Sie kann einen Abszess als hypodenses Areal mit ringförmiger Kontrastmittelaufnahme darstellen. Die CT hat eine hohe Sensitivität (nahe 100 %) und Spezifität (über 90 %).
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Die MRT ist sensitiver als die CT, insbesondere in frühen Stadien der Infektion (Zerebritis). Sie kann den Abszess und das umliegende Ödem detaillierter darstellen. Diffusionsgewichtete Aufnahmen können helfen, einen Abszess von anderen zystischen Läsionen zu unterscheiden.

Laboruntersuchungen

  • Blutuntersuchungen: Entzündungsparameter wie das C-reaktive Protein (CRP) und die Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) sind oft erhöht. Eine Leukozytose (erhöhte Anzahl weißer Blutkörperchen) kann ebenfalls vorliegen.
  • Blutkulturen: Blutkulturen können helfen, den Erreger im Blut nachzuweisen.
  • Abszessaspiration: Die Entnahme von Abszessinhalt durch stereotaktische Aspiration oder offene Operation ist entscheidend für die Erregeridentifizierung und Resistenztestung.

Lumbalpunktion

Eine Lumbalpunktion (Entnahme von Hirnwasser) ist bei Hirnabszessen kontraindiziert, da sie das Risiko einer Einklemmung des Gehirns erhöhen kann. Sie ist nur in Ausnahmefällen indiziert, wenn eine Meningitis nicht ausgeschlossen werden kann.

Weitere Untersuchungen

Je nach vermuteter Ursache und Begleiterkrankungen können weitere Untersuchungen erforderlich sein, z. B. Thoraxröntgen, Echokardiografie oder Ultraschalluntersuchungen des Abdomens.

Behandlung

Die Behandlung eines Hirnabszesses umfasst in der Regel eine Kombination aus Antibiotika und chirurgischen Maßnahmen.

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Antibiotikatherapie

  • Empirische Therapie: Bis zur Identifizierung des Erregers wird eine empirische Antibiotikatherapie eingeleitet. Diese umfasst in der Regel eine Kombination aus einem Cephalosporin der 3. Generation, einem staphylokokkenwirksamen Antibiotikum (z. B. Oxacillin, Fosfomycin, Rifampicin) und einem anaerob wirksamen Antibiotikum (z. B. Metronidazol).
  • Gezielte Therapie: Nach Erregeridentifizierung und Resistenztestung wird die Antibiotikatherapie auf das wirksamste Antibiotikum umgestellt. Die Behandlungsdauer beträgt in der Regel vier bis acht Wochen.
  • Ambulante Parenterale Antiinfektiva-Therapie (APAT): Unter bestimmten Voraussetzungen kann die Antibiotikatherapie auch zu Hause als APAT durchgeführt werden. Dies erfordert jedoch die Unterstützung von speziell geschultem Pflegepersonal.

Chirurgische Maßnahmen

  • Aspiration: Bei kleinen Abszessen (< 2,5 cm Durchmesser) kann eine Aspiration (Absaugen des Eiters) ausreichend sein.
  • Exzision: Größere Abszesse oder Abszesse, die auf Antibiotika nicht ansprechen, müssen chirurgisch entfernt werden (Exzision). Dies kann durch eine offene Operation oder eine stereotaktische Aspiration erfolgen.
  • Drainage: Nach der Exzision oder Aspiration kann eine Drainage eingelegt werden, um restlichen Eiter abfließen zu lassen.

Weitere Maßnahmen

  • Kortikosteroide: Gegen Schwellungen und Entzündungen kann Kortison eingesetzt werden.
  • Antiepileptika: Bei Krampfanfällen werden Antiepileptika verabreicht.
  • Intensivmedizinische Maßnahmen: Bei erhöhtem Hirndruck können intensivmedizinische Maßnahmen wie künstliche Beatmung und Osmotherapie (z. B. Mannitol) erforderlich sein.

Wundpflege nach OP

Nach einem chirurgischen Eingriff wird die Wunde meist offengelassen, damit der Abszess von innen heraus heilen kann. Eine gründliche Wundpflege ist wichtig, damit kein Schmutz oder erneut Erreger in die offene Wunde gelangen. Ein offener Abszess sollte regelmäßig (mehrmals täglich) mit lauwarmem Wasser oder Kochsalzlösung ausgewaschen werden. Zum Wundschutz nach dem Waschen eignen sich Wundauflagen aus Hydrofaser, Kompressen und Tücher, die ebenfalls regelmäßig gewechselt werden müssen.

Frührehabilitation

Die Frührehabilitation beginnt bereits in der Akutphase der Erkrankung. Ein interdisziplinäres Team aus Ärzten, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Neuropsychologen erstellt einen individuellen Rehabilitationsplan, der die spezifischen Bedürfnisse und Ziele des Patienten berücksichtigt. Die Rehabilitation konzentriert sich auf die Wiederherstellung der Mobilität, Selbstständigkeit im Alltag, Sprach- und Schluckfunktionen sowie kognitiven Fähigkeiten. Auch die psychologische Unterstützung ist ein wichtiger Bestandteil der Rehabilitation.

Komplikationen

Ein Hirnabszess kann zu verschiedenen Komplikationen führen, insbesondere wenn er nicht rechtzeitig behandelt wird.

Mögliche Komplikationen

  • Erhöhter Hirndruck: Der Abszess kann den Druck im Schädelinneren erhöhen, was zu Bewusstseinsstörungen und Einklemmungserscheinungen führen kann.
  • Hirnhautentzündung (Meningitis): Wenn der Abszess aufbricht, können sich die Erreger auf die Hirnhäute ausbreiten und eine Meningitis verursachen.
  • Ventrikulitis: Eine Entzündung der Hirnventrikel kann ebenfalls auftreten.
  • Epileptische Anfälle: Krampfanfälle können als Folge der Hirnreizung auftreten.
  • Neurologische Defizite: Je nach Lage des Abszesses können bleibende neurologische Defizite wie Lähmungen, Sprachstörungen oder kognitive Beeinträchtigungen zurückbleiben.
  • Blutvergiftung (Sepsis): In schweren Fällen kann es zu einer Sepsis kommen, bei der sich die Erreger im gesamten Körper ausbreiten.
  • Tod: Unbehandelt kann ein Hirnabszess zum Tod führen.

Prognose

Die Prognose eines Hirnabszesses hat sich dank moderner Diagnostik und Therapie deutlich verbessert. Dennoch ist die Erkrankung weiterhin ernst und kann in einigen Fällen zu bleibenden Schäden führen.

Faktoren, die die Prognose beeinflussen

  • Schnelle Diagnose und Behandlung: Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind entscheidend für den Behandlungserfolg.
  • Lage und Größe des Abszesses: Abszesse in ungünstiger Lage oder von großer Größe sind schwieriger zu behandeln und haben eine schlechtere Prognose.
  • Art des Erregers: Einige Erreger sind aggressiver und schwerer zu behandeln als andere.
  • Allgemeinzustand des Patienten: Patienten mit einem geschwächten Immunsystem oder anderen schweren Erkrankungen haben eine schlechtere Prognose.
  • Komplikationen: Das Auftreten von Komplikationen wie Meningitis oder erhöhtem Hirndruck verschlechtert die Prognose.

Langzeitfolgen

Auch nach erfolgreicher Behandlung können bei einigen Patienten langfristige neurologische Folgen zurückbleiben, wie z. B. epileptische Anfälle, Lähmungen oder kognitive Beeinträchtigungen.

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Vorbeugung

Es gibt einige Maßnahmen, die dazu beitragen können, das Risiko eines Hirnabszesses zu verringern.

Präventive Maßnahmen

  • Behandlung von Infektionen: Infektionen im Kopfbereich, wie Otitis media, Sinusitis oder Zahnwurzelentzündungen, sollten frühzeitig und konsequent behandelt werden.
  • Gute Mundhygiene: Eine gute Mundhygiene kann dazu beitragen, Zahnwurzelentzündungen vorzubeugen.
  • Vermeidung von Kopfverletzungen: Maßnahmen zur Vermeidung von Kopfverletzungen, wie das Tragen eines Helms beim Fahrradfahren oder Motorradfahren, können das Risiko eines Hirnabszesses verringern.
  • Stärkung des Immunsystems: Eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung, ausreichend Schlaf und regelmäßiger Bewegung kann das Immunsystem stärken und das Risiko von Infektionen verringern.

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