Abszess nach Lumbalpunktion: Ursachen, Behandlung und Prävention

Die Lumbalpunktion (LP), auch bekannt als Spinalpunktion, ist ein diagnostisches Verfahren zur Entnahme von Liquor cerebrospinalis (Nervenwasser) aus dem Duralsack im Bereich der Lendenwirbel. Sie dient vor allem der Diagnostik von Erkrankungen des zentralen Nervensystems, kann aber auch therapeutisch eingesetzt werden, beispielsweise zur Reduktion des Liquorvolumens oder -drucks. Obwohl die Lumbalpunktion im Allgemeinen als sicheres Verfahren gilt, können in seltenen Fällen Komplikationen auftreten, darunter auch Abszesse. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und Präventionsstrategien von Abszessen nach Lumbalpunktionen.

Was ist ein Abszess?

Ein Abszess ist eine abgekapselte Eiteransammlung, die durch eine bakterielle Infektion entsteht. Nach einer Lumbalpunktion kann sich ein Abszess im Bereich der Punktionsstelle, im Epiduralraum (zwischen Dura mater und Wirbelknochen) oder seltener auch im Subduralraum (zwischen Dura mater und Arachnoidea) bilden. Spinale epidurale Abszesse sind zwar selten, stellen jedoch ein ernstes Krankheitsbild dar, das eine rasche Diagnose und adäquate Therapie erfordert.

Ursachen für Abszesse nach Lumbalpunktion

Die Hauptursache für einen Abszess nach einer Lumbalpunktion ist die Einschleppung von Bakterien in den Spinalkanal während des Eingriffs. Dies kann auf verschiedene Faktoren zurückzuführen sein:

  • Mangelnde Sterilität: Unzureichende Desinfektion der Punktionsstelle oder Verwendung unsteriler Instrumente können zur Kontamination führen.
  • Hautinfektionen: Vorbestehende Hautinfektionen im Bereich der Punktionsstelle erhöhen das Risiko einer bakteriellen Einschleppung.
  • Bakteriämie: Eine Bakteriämie (Bakterien im Blutkreislauf) kann dazu führen, dass Bakterien sich im Bereich der Punktionsstelle ansiedeln und einen Abszess bilden.
  • Immunsuppression: Patienten mit geschwächtem Immunsystem (z. B. aufgrund von Diabetes mellitus, Langzeittherapie mit entzündungshemmenden Medikamenten oder Immunsuppressiva) sind anfälliger für Infektionen und Abszessbildung.
  • Wiederholte Punktionen: Mehrfache Punktionsversuche können das Risiko einer bakteriellen Kontamination erhöhen.
  • Operationen-assoziierte Faktoren: Lange, komplizierte Eingriffe mit einem ausgedehnten Zugang, hoher intraoperativer Blutverlust und intraoperative Hypothermie (ungewolltes Absinken der Körpertemperatur während eines operativen Eingriffs) erhöhen das Risiko für eine Spondylodiszitis.

Häufige Erreger von Abszessen nach Lumbalpunktionen sind Staphylokokken (insbesondere Staphylococcus aureus) und Streptokokken. Seltener können auch andere Bakterien, Pilze oder Mykobakterien (z. B. Mycobacterium tuberculosis) die Ursache sein.

Symptome eines Abszesses nach Lumbalpunktion

Die Symptome eines Abszesses nach einer Lumbalpunktion können vielfältig sein und variieren je nach Lokalisation und Ausdehnung des Abszesses. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

Lesen Sie auch: Ursachen und Behandlung von Nervenabszessen der Wirbelsäule

  • Lokale Rückenschmerzen: Schmerzen im Bereich der Punktionsstelle, die sich bei Bewegung oder Druck verstärken.
  • Fieber: Erhöhte Körpertemperatur als Zeichen einer Infektion.
  • Neurologische Ausfälle: In schweren Fällen können neurologische Ausfälle wie Sensibilitätsstörungen, Muskelschwäche oder Lähmungen auftreten, insbesondere wenn der Abszess auf das Rückenmark oder die Nervenwurzeln drückt.
  • Kopfschmerzen: Kopfschmerzen, die sich im Liegen bessern und im Stehen oder Sitzen verschlimmern (postpunktionelles Syndrom), können ebenfalls auftreten, sind aber nicht spezifisch für einen Abszess.
  • Nackensteifigkeit: Nackensteifigkeit kann auf eine Meningitis (Hirnhautentzündung) hinweisen, die sich als Komplikation eines Abszesses entwickeln kann.
  • Radikuläre Schmerzen: Radikulär ausstrahlende Schmerzen sind nicht ungewöhnlich und können zu Fehldiagnosen sowie unnötigen Eingriffen führen.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Symptome eines Abszesses nach einer Lumbalpunktion unspezifisch sein können und auch andere Ursachen haben können. Bei Verdacht auf einen Abszess sollte daher umgehend ein Arzt konsultiert werden.

Diagnose eines Abszesses nach Lumbalpunktion

Die Diagnose eines Abszesses nach einer Lumbalpunktion basiert in der Regel auf einer Kombination aus Anamnese, klinischer Untersuchung und bildgebenden Verfahren.

  • Anamnese: Der Arzt wird nach der Krankengeschichte des Patienten fragen, insbesondere nach der Lumbalpunktion, den aufgetretenen Symptomen und eventuellen Risikofaktoren für Infektionen.
  • Klinische Untersuchung: Der Arzt wird den Patienten körperlich untersuchen, insbesondere den Rücken auf Anzeichen einer Entzündung oder Druckempfindlichkeit abtasten. Zudem wird er neurologische Tests durchführen, um eventuelle Ausfälle festzustellen.
  • Bildgebende Verfahren: Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist das bildgebende Verfahren der Wahl zur Diagnose eines Abszesses nach einer Lumbalpunktion. Die MRT kann den Abszess, seine Ausdehnung und eventuelle Kompression des Rückenmarks oder der Nervenwurzeln darstellen. In einigen Fällen kann auch eine Computertomographie (CT) durchgeführt werden, insbesondere wenn eine MRT nicht möglich ist oder zur Planung eines operativen Eingriffs.
  • Laboruntersuchungen: Laboruntersuchungen des Blutes können Entzündungszeichen (erhöhte Entzündungsparameter wie CRP und Leukozytenzahl) und Hinweise auf eine bakterielle Infektion liefern. Eine Blutkultur kann helfen, den Erreger zu identifizieren. Bei Verdacht auf einen Abszess kann auch eine Punktion des Abszesses unter CT-Kontrolle durchgeführt werden, um eine Probe für die mikrobiologische Untersuchung zu gewinnen.

Behandlung eines Abszesses nach Lumbalpunktion

Die Behandlung eines Abszesses nach einer Lumbalpunktion hängt von der Größe, Lokalisation und Ausdehnung des Abszesses sowie vom klinischen Zustand des Patienten ab. In der Regel umfasst die Behandlung eine Kombination aus antibiotischer Therapie und chirurgischer Intervention.

  • Antibiotische Therapie: Eine frühzeitige und aggressive antibiotische Therapie ist entscheidend, um die Infektion zu bekämpfen und die Ausbreitung des Abszesses zu verhindern. Die Antibiotika werden in der Regel intravenös verabreicht und sollten ein breites Spektrum an Bakterien abdecken, bis der Erreger identifiziert ist. Nach Identifizierung des Erregers kann die Antibiotikatherapie auf ein spezifisches Antibiotikum umgestellt werden. Die Therapiedauer richtet sich nach der Klinik des Patienten. Die aktuelle antibiotische Therapieempfehlung der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft (DWG) und der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie e. V. (DGOOC) bezieht sich auf die seit 2015 geltenden Empfehlungen zur Antibiotikatherapie der Infectious Diseases Society of America (IDSA). Sie ist über mindestens 6 Wochen aufrechtzuerhalten. Bei tuberkulöser Infektion wird hingegen eine Therapie als Vierfachtherapie über 2 Monate mit Isoniazid, Rifampicin, Pyrazinamid und Ethambutol empfohlen, gefolgt von einer 7‑monatigen Therapie mit Isoniazid und Rifampicin.
  • Chirurgische Intervention: In den meisten Fällen ist eine chirurgische Intervention erforderlich, um den Abszess zu drainieren und das infizierte Gewebe zu entfernen. Dies kann durch eine offene Operation oder minimal-invasive Techniken erfolgen. Ziel der Operation ist es, den Druck auf das Rückenmark und die Nervenwurzeln zu entlasten und die Infektion zu beseitigen. Epidurale Abszesse werden meist sofort einer chirurgischen Sanierung zugeführt. Zum Ausräumen eines epiduralen Abszesses gelangt der Wirbelsäulenchirurg von hinten an den Wirbelkörper (dorsaler Zugang). Bei ausgeprägter Spondylodiszitis muss der Operateur nach dem Ausräumen der infizierten Gewebeanteile aus dem Wirbelkörper die Wirbelsäule mithilfe einer Spondylodese ruhigstellen und stabilisieren. Dazu kommt eine ventrale oder dorsale Stabilisierung mit Implantaten aus Titan oder PEEK (Platten, Titan-Cages oder PEEK-Cages), eine sog. Spondylodese.
  • Weitere Maßnahmen: Neben der antibiotischen Therapie und der chirurgischen Intervention können weitere Maßnahmen erforderlich sein, um die Symptome zu lindern und die Genesung zu fördern. Dazu gehören Schmerzmittel, Physiotherapie und gegebenenfalls eine Ruhigstellung der Wirbelsäule mit einer Orthese.

Prävention von Abszessen nach Lumbalpunktion

Die Prävention von Abszessen nach Lumbalpunktion ist von entscheidender Bedeutung, um das Risiko dieser Komplikation zu minimieren. Zu den wichtigsten Präventionsmaßnahmen gehören:

  • Strikte Einhaltung der Sterilitätsrichtlinien: Vor der Lumbalpunktion sollte die Punktionsstelle gründlich desinfiziert und sterile Handschuhe und Instrumente verwendet werden.
  • Vermeidung von Punktionen bei Hautinfektionen: Bei Vorliegen von Hautinfektionen im Bereich der Punktionsstelle sollte die Lumbalpunktion verschoben werden, bis die Infektion abgeklungen ist.
  • Atraumatische Punktionstechnik: Die Verwendung atraumatischer Kanülen (z. B. mit abgerundeter Spitze) kann das Risiko von Gewebeschäden und bakterieller Kontamination reduzieren.
  • Vermeidung unnötiger Punktionen: Lumbalpunktionen sollten nur dann durchgeführt werden, wenn sie medizinisch indiziert sind.
  • Aufklärung des Patienten: Der Patient sollte über die Risiken und Komplikationen der Lumbalpunktion aufgeklärt werden und über Verhaltensmaßnahmen nach der Punktion (z. B. viel trinken, Bettruhe einhalten).
  • Beachtung von Risikofaktoren: Bei Patienten mit Risikofaktoren für Infektionen (z. B. Immunsuppression, Diabetes mellitus) sollten besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden.
  • Schnelle Diagnose und Behandlung von Infektionen: Frühzeitige Diagnose und Behandlung von Infektionen im Körper können das Risiko einer Bakteriämie und der Entstehung eines Abszesses nach einer Lumbalpunktion verringern.
  • "Hit hard and early": Bei Verdacht auf eine Infektion sollte frühzeitig und aggressiv behandelt werden.

Lesen Sie auch: Alles zur Hirnabszess-Behandlung

Lesen Sie auch: Hüft-TEP und Nervenschmerzen

tags: #abszess #nach #lumbalpunktion