Das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich durch Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität auszeichnet. Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die sich durch wiederkehrende, starke Kopfschmerzen äußert, oft begleitet von Übelkeit, Erbrechen und Lichtempfindlichkeit. In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend den Zusammenhang zwischen ADHS und Migräne beleuchtet. Dieser Artikel fasst die aktuellen Erkenntnisse zusammen und beleuchtet mögliche Ursachen, Auswirkungen und Behandlungsansätze.
Erhöhte Schmerzempfindlichkeit bei ADHS
Eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit ist ein häufiges Merkmal bei ADHS-Betroffenen. Studien haben gezeigt, dass hohe ADHS-Scores mit erhöhten Schmerzen korrelieren. Eine Studie ergab, dass Kinder mit ADHS ein um 45 % erhöhtes Risiko für wöchentliche Schmerzen haben. Interessanterweise zeigte sich, dass Hyperaktivität/Impulsivität mit einem um 133 % erhöhten Risiko für häufige Schmerzen verbunden war, während Unaufmerksamkeit das Risiko um 17 % erhöhte. Mehrfachschmerzen traten bei Mädchen mit Hyperaktivität häufiger auf als bei Jungen mit Hyperaktivität (51,4 % gegenüber 27,9 %).
Es gibt Hinweise darauf, dass chronische Schmerzen eher kausal für ADHS sein könnten als umgekehrt. Schmerzen gehen mit einer verringerten tonischen Dopaminfeuerung einher, was zu einer erhöhten phasischen Dopaminfeuerung im Nucleus accumbens führt. Dies deckt sich mit dem Modell einer verringerten tonischen und erhöhten phasischen Dopaminfeuerung bei ADHS.
ADHS und Migräne: Eine häufige Begleiterkrankung
Studien haben gezeigt, dass ADHS mit einem erhöhten Migränerisiko einhergeht. Eine Studie ergab, dass ADHS mit einem um 32 % erhöhten Migränerisiko verbunden war, während das Risiko für Spannungskopfschmerzen unverändert blieb. Kinder mit Migräne hatten ein 2,6-faches Risiko für ADHS, während die Prävalenz für Migräne bei Kindern allgemein bei 3,76 % lag.
Mögliche Ursachen für den Zusammenhang
Die Ursachen für den Zusammenhang zwischen ADHS und Migräne sind komplex und noch nicht vollständig verstanden. Es gibt jedoch mehrere Theorien, die diesen Zusammenhang erklären könnten:
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- Dopaminmangel: Sowohl ADHS als auch Migräne werden mit einem Dopaminmangel im Gehirn in Verbindung gebracht. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der eine wichtige Rolle bei der Schmerzverarbeitung, der Aufmerksamkeit und der Impulskontrolle spielt. Ein Dopaminmangel könnte daher sowohl zu einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit als auch zu ADHS-Symptomen führen.
- Noradrenalin-Dysregulation: Noradrenalin ist ein weiterer Neurotransmitter, der bei ADHS und Migräne eine Rolle spielen könnte. Bei ADHS könnte eine übermäßige Noradrenalinsynthese in einem schmerzfreien Zustand eine Überexpression von NET und eine Herunterregulierung des α2A-Rezeptors bewirken. Eine Abnahme von Noradrenalin im Hinterhorn des Rückenmarks als Reaktion auf nozizeptive Reize könnte ebenfalls eine Rolle spielen.
- Genetische Faktoren: Genetische Studien haben gezeigt, dass es genetische Überschneidungen zwischen ADHS und Migräne gibt. Dies deutet darauf hin, dass bestimmte Gene das Risiko für beide Erkrankungen erhöhen könnten. Eine im Wissenschaftsjournal Science publizierte Studie beschreibt die Ergebnisse des bisher umfangreichsten Datensatzes für die genetischen Zusammenhänge von Erkrankungen des Gehirns. Die Befunde zeigen, dass psychische Erkrankungen bedeutsame Ähnlichkeiten auf der molekularen Ebene haben, welche die heutigen aktuellen diagnostischen Kategorien nicht widerspiegeln. Als Hauptbefund zeigte sich, dass es eine große Überlappung der molekularen Grundlagen von psychiatrischen Erkrankungen gibt. Besonders betrifft dies das Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), die manisch-depressiven Erkrankungen, die depressiven Episoden und die Schizophrenie. Im Gegensatz dazu zeigten sich die molekularen Grundlagen von neurologischen Erkrankungen wie z. B. Morbus Parkinson oder multipler Sklerose deutlicher unabhängig. Eine Ausnahme bildete jedoch die Migräne mit Aura und die Migräne ohne Aura.
- Erhöhte Muskelspannung: ADHS geht häufig mit einer erhöhten Muskelspannung einher. Axiale Muskeln regulieren und kontrollieren die Körperhaltung und sind für die Bewahrung der von Natur aus instabilen aufrechten Position ständig beansprucht. Diese erhöhte Muskelspannung könnte zu Kopfschmerzen und Migräne beitragen.
- Sensorische Verarbeitungsprobleme: Viele ADHS-Betroffene haben sensorische Verarbeitungsprobleme, was bedeutet, dass sie empfindlicher auf Reize wie Licht, Geräusche und Gerüche reagieren. Diese erhöhte Empfindlichkeit könnte Migräneattacken auslösen.
Auswirkungen des Zusammenhangs
Der Zusammenhang zwischen ADHS und Migräne kann erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen haben. Menschen mit beiden Erkrankungen haben möglicherweise mehr Schwierigkeiten in der Schule, bei der Arbeit und in sozialen Situationen. Sie können auch ein erhöhtes Risiko für andere psychische Gesundheitsprobleme wie Depressionen und Angstzustände haben.
Behandlungsansätze
Die Behandlung von ADHS und Migräne bei Menschen mit beiden Erkrankungen erfordert einen umfassenden Ansatz. Dazu können gehören:
- Medikamente: Medikamente, die zur Behandlung von ADHS eingesetzt werden, wie z.B. Stimulanzien (Methylphenidat, Lisdexamfetamin) und Nicht-Stimulanzien (Atomoxetin, Guanfacin), können auch bei der Behandlung von Migräne helfen. Atomoxetin und Guanfacin konnten ebenfalls chronische Schmerzen bei ADHS-Betroffenen verringern. Umgekehrt können Medikamente, die zur Behandlung von Migräne eingesetzt werden, wie z.B. Triptane und CGRP-Antikörper, auch bei der Behandlung von ADHS-Symptomen helfen.
- Verhaltenstherapie: Verhaltenstherapie kann Menschen mit ADHS helfen, ihre Symptome zu bewältigen und ihre Lebensqualität zu verbessern. Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) kann Menschen mit Migräne helfen, Stress abzubauen und ihre Schmerzwahrnehmung zu verändern.
- Ernährung und Lebensstil: Eine gesunde Ernährung und ein regelmäßiger Lebensstil können sowohl bei ADHS als auch bei Migräne helfen. Es ist wichtig, ausreichend zu schlafen, regelmäßig Sport zu treiben und Stress abzubauen. Bestimmte Nahrungsmittel und Getränke können Migräneattacken auslösen. Es ist daher wichtig, diese Auslöser zu identifizieren und zu vermeiden.
- Andere Therapien: Andere Therapien, die bei der Behandlung von ADHS und Migräne helfen können, sind z.B. Physiotherapie, Ergotherapie und Entspannungstechniken. In Bezug auf Fibromyalgie, die häufig mit einer stark erhöhten Muskelspannung verbunden ist, wird von einer hilfreichen Behandlung mit sehr niedrig dosiertem Naltrexon berichtet (0,5 bis 4,5 mg anstelle der üblichen 150 mg).
Bedeutung der Früherkennung und Behandlung
Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von ADHS und Migräne ist entscheidend, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Bei Kindern mit Migräne oder Spannungskopfschmerzen sollten ÄrztInnen daher immer auch eine AD(H)S-Diagnose und -Behandlung in Betracht ziehen. Eine effektive Behandlung einer ADHS kann dazu beitragen, dass Kinder seltener unter Stress und Druck geraten, was wiederum zu einer Verringerung von Kopfschmerzen und Migräneattacken führen kann.
Forschungsperspektiven
Die Forschung zum Zusammenhang zwischen ADHS und Migräne steht noch am Anfang. Zukünftige Studien sollten sich auf die Identifizierung der zugrunde liegenden Mechanismen und die Entwicklung gezielterer Behandlungsansätze konzentrieren. Es ist wichtig, die Rolle von Genetik, Neurotransmittern und Umweltfaktoren bei der Entstehung von ADHS und Migräne besser zu verstehen. Registerstudien haben gezeigt, dass viele somatische Störungen überdurchschnittlich oft gemeinsam auftreten. Es bedarf weiterer Forschung, um zu klären, ob diese Verbindungen kausal sind oder durch andere Faktoren bedingt werden.
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